Interview aus 2009

James Last: Plaudereien über Trommler

James-Last-Stage

James Last war der bekannteste Bandleader aller Zeiten – der Gentleman mit dem lässigen Fingersnip – voller Sympathie und Lebensfreude. Von James Last sagt man, dass ihn 93 Prozent aller Deutschen kennen. Und auch wird es kaum ein Wohnzimmer geben, in dem nicht eine der vielen James-Last-Platten zu finden ist. Mit seinem Orchester schuf er den berühmten „Happy Sound“, der als beschwingte Party- und Tanz-Musik um die Welt ging und die Herzen ganzer Generationen eroberte.

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James Last, der legendäre Band-Leader, Komponist, Arrangeur und Produzent starb nach Angaben seines Konzertveranstalters Semmel Concerts nach kurzer schwerer Krankheit im Beisein seiner Familie in Florida. Er wurde 86 Jahre alt.

In einem ersten kurzen Nachruf von Semmel Concerts heißt es: “Der herausragende und bedeutende Künstler hat für die Musik gelebt und Musikgeschichte geschrieben. James Last war der erfolgreichste deutsche Bandleader aller Zeiten”, heißt es in einem ersten kurzen Nachruf von Semmel Concerts. Die Welt verliere mit dem gebürtigen Bremer “einen einzigartigen Botschafter, dessen starke und verbindende Sprache die Musik war. Wir nehmen Abschied von dem Menschen, Freund und Visionär, der durch seine beeindruckende Kraft und Offenheit, Professionalität, Bescheidenheit und Lebenslust Vorbild sowie Inspiration weltweit für viele Generationen war”, heißt es weiter in der Würdigung des Konzertveranstalters. Eine öffentliche Trauerfeier in Hamburg sei geplant, Details dazu will Semmel Concerts in Kürze bekanntgeben.

Am 26. April hatte James Last noch in der Kölner Lanxess-Arena den Abschluss seiner “Non Stop Music  James Last In Concert” Abschieds-Welttournee gefeiert.

STICKS hat zuletzt 2009 ein Interview mit dem Großmeister geführt – zwischen Soundcheck und Konzert in der Berliner O2 Arena fand er Zeit für ein kleines Plauderstündchen und war lustig genug drauf, um seine Sichtweise zu Schlagzeugern und Percussionisten unverblümt mitzuteilen.

Sind Schlagzeuger eine besondere Spezies von Musikern?

James Last: Wir haben bei den Konzerten immer viel Spaß gehabt! (schmunzelt) Gerade bei Schlagzeugern und Percussionisten vereint sich Wachheit, Gefühl und körperlicher Ausdruck. Wer sich körperlich zurückhält, der kann nur trommeln wie ein Spielzeug aber nicht in einer richtigen Band.

Welche Bedeutung haben für Sie der Schlagzeuger und der Percussio-nist im James Last Orchester?

James Last: Rhythmus ist der Mittelpunkt! Ich hab früher ja selbst Bass gespielt, und vielleicht rührt auch mein ganzer Erfolg daher, dass ich immer rhythmisch orientiert war. Viele meiner Arrangements leben von rhythmischen Aspekten. Schlagzeug und Percussion – insbesondere die Zusammenarbeit von Stoppel und Pablo –das ist der Mittelpunkt im Orchester. Da kann sich jeder dran festhalten oder zumindest sollte … (lacht) … vorsichtig ausgedrückt. (schmunzelt)

Man sagt, wenn der Drummer gut ist, dann ist auch die ganze Band gut. Stimmen Sie dem zu?

James Last: Na klar! Wenn der Rhythmus gut läuft, kann die Band am besten spielen. Und wenn der Schlagzeuger das richtige Timing hat, dann ist es ein leichtes Arbeiten für alle.

James-Last-Crew

Wann finden Sie einen Schlagzeuger gut?

James Last: Für mich ist es das Timing. Meine ganzen Orchester-Arrangements arbeite ich hauptsächlich am Computer aus. Und der Rechner produziert ja ein hundert-prozentig präzises Timing. Eigentlich bin ich ein ganz ruhiger Kerl und hab eine ruhige Hand, wenn ich ein Orchester führe. Aber bei den Proben muss man hin und wieder auch mal strenger sein, weil ich von allen Musikern verlange, dass meine Entwürfe auch exakt umgesetzt werden. Nicht umsonst mach ich mir die Arbeit am Computer und strukturiere neben den musikalischen Arrangements auch die genauen zeitlichen Abläufe. Gerade bei einem so großen Orchester muss eine gewisse Disziplin da sein, damit es live auf der Bühne funktioniert.

Ich möchte die Musik auf der Bühne genauso hören, wie ich sie mir erdacht und vorbereitet habe. Wenn da eine deutliche „Eins“ vorgegeben ist, dann muss die auch vom Schlagzeuger genau auf den Punkt gespielt sein. Und da kann sich das Orchester dran orientieren. Wer das nicht macht, der passt nicht in unser Orchester. Diese Präzision bin ich durch meine langjährigen Erfahrungen als Bandleader und auch durch die Arrangement-Arbeit am Computer einfach gewohnt. Jeder einzelne bekommt von mir zur Vorbereitung eines Live-Programms Kassetten geschickt. Dadurch kann sich jeder auch ein Bild vom Klangkonzept machen.

Zwischen Ende der 60er und heute liegen mehr als 40 Jahre James Last Musikgeschichte. Wie haben die Schlagzeuger damals gespielt und was unterscheidet sie von den heutigen Drummern?

James Last: Wir haben immer schon verschiedene Arten von Musik gemacht. Von Klassik bis Pop hab ich alles ausprobiert, was mit einem Orchester machbar ist. Dabei haben wir immer eine Stilvielfalt gezeigt, und mein Bestreben war es immer, mich am modernen Zeitgeist zu orientieren, um auch den nicht mehr ganz so jungen Leuten klarzumachen, dass es auch interessante moderne Musikarten wie Pop gibt. Denn nur so kann ein Orchester über diese lange Zeitspanne existieren, wenn man eben auch Aktuelles ins Programm einbaut und up to date bleibt. Von daher haben sich die Anforderungen an die Rhythmusgruppe total geändert. Schlagzeuger und Percussionisten müssen eben auch die modernen Spielweisen drauf haben. Wie gesagt – früher hab ich Bass gespielt, und ich wünsche mir, ich würde heute noch Bass in einer Band spielen. Denn die heutigen Anforderungen sind ganz andere als früher. Das finde ich hochinteressant. Die Zeit hat sich geändert, und man muss mit ihr gehen.

Deswegen haben Sie gerne auch mit jungen Künstlern kooperiert, z. B. mit Fettes Brot, Jan Delay, Xavier Naidoo uva.?

James Last: Man kann von allem lernen, an jedem Tag. Wenn ich mit jungen Leuten arbeite, dann spreche ich mit höchstem Respekt davon. Oft werden sie von älteren Musikern verkannt, denn die ältere Generation ist ja leider so, dass sie gerne Recht haben will. Aber die liegen total daneben, wenn sie das Junge ablehnen. Die jungen Leute wissen, was sie wollen, und sie setzen ihre Ideen mit Konsequenz durch. Und das macht die Persönlichkeit aus. Genau das ist ein wichtiger Faktor in meinem Orchester, dass die Musiker ihre eigene Persönlichkeit zum Ausdruck bringen können.

Noch mal zurück zu den Schlagzeugern. Aus ihrem Blickwinkel müssen die sich doch verändert haben. In den 60er-Jahren haben die Trommler anders gespielt als im Jahre 2009.

James Last: Es ist ein großer Unterschied, ob man Swingmusik macht wie früher oder eher rockigere, popigere und modernere Arrangements spielt. Unser Erfolg war es auch immer schon, Arrangements anders zu machen, gefälliger, moderner, eingängiger. Und das hat den James Last Sound unterschieden von anderen Bands, die immer Swing gemacht haben. Aber ich hab immer den Drive in der Musik gebraucht, diesen rockigen Touch. Da ist mehr Druck dahinter. Und wenn ich heute Swing-Bands höre, dann klingt das immer noch wie früher. Man sagt zwar, Swing sei nicht tot – mag schon sein, aber neu erfunden hat sich der Swing auch nicht. Ich könnte heute meinen Bass auspacken und bei jeder Jazz-Formation dieser Art mitspielen – die Zeit ist bei denen nämlich stehen geblieben. Und die spielen immer noch dieselben Titel wie früher. Seit hundert Jahren!

Welcher Schlagzeuger passt ins James Last Orchester besser? Jemand der die Qualität hat, auch mal auszubrechen oder jemand, der vom Typus eher ruhig ist?

James Last: Die Musik heute ist anspruchsvoller geworden. In unserem Programm haben wir auch Titel von Christina Aguilera oder Coldplay, und da spielt der Trommler sehr markante Fill-ins, die es früher einfach so nicht gab. So was hat man damals gar nicht gekannt. Das Schlagzeug ist für manche Songs zum elementaren Bestandteil geworden.

Wie wählen sie den richtigen Drummer fürs James Last Orchester aus? Ich nehme an, es bewerben sich hunderte, um bei Ihnen mitzuspielen?

 James Last: Aber es bewerben sich nicht hundert Stoppel! Es gibt ja nur einen Stoppel!

Wann haben sie angefangen, im Orchester mit Percussion zu arbeiten? In den Siebzigern war ein Percussionist noch eher der Exot, oder?

James Last: Früher war Percussion nur eine Art Geräuscheinstrument. Aber da hat sich viel getan und auch hier sind die Anforderungen gewachsen. Einen Pablo im Orchester zu haben – das kann nicht besser sein. Er und Stoppel kennen sich ewig, und wenn die zwei spielen, da stimmt alles. Das sind Spitzenleute, da kann man sich relaxed vorne hinstellen. Das macht die Arbeit leicht, also, ich hab auch gerne viel Spaß. Die Rhythmusgruppe ist mit das Wichtigste. Der Mittelpunkt.

Arrangieren Sie auch im Hinblick auf den Percussionisten?

James Last: Ja klar! Ich hör die Percussion-Sounds beim Arrangieren, und da ich Pablo nun auch schon ewig kenne, weiß ich genau, welches Instrument in welchem Song gut funktioniert. Es gibt einen Titel im aktuellen Programm, der beginnt alleine nur mit Congas – kein Bass, kein Schlagzeug. Pablo macht den Beat und stellt die rhythmische Grundlage, auf der sich andere Instrumente dann bewegen. Und das funktioniert wunderbar und klingt richtig gut. Pablo ist ja auch kein Typ, der irgendeinen Käse spielt. (lacht)

Mich wundert, dass sie die Orchester-Arrangements am Computer bearbeiten. Früher hat man ja mit dem gesamten Orchester noch live in einem Studio geprobt, oder?

James Last: Es gibt ja keine so großen Studios mehr. Und früher haben wir noch live mit dem ganzen Orchester im Studio aufgenommen – das ist richtig. Heute arbeiten wir gruppenweise. Alles hat sich geändert. Natürlich – der Sound ist immer toll, wenn alle Musiker gemeinsam spielen, aber es ist heutzutage zweckmäßiger, mit Overdubs zu arbeiten – zuerst die Rhythmusgruppe, dann die Streicher, danach die Bläser bis alles langsam vollendet ist. Viele Nuancen entstehen dann in der Nachbearbeitung beim Mischen.

Haben Sie bei der Arbeit am Rechner quasi schon die Vision, wie das Orchester letztendlich klingen wird?

James Last: Natürlich! Ich höre den gesamten Klangkosmos schon, wenn ich Noten zu Papier bringe. Viele Kollegen meinen, Computerarbeit wäre gefühllos. Das ist Quatsch! Es kostet zwar Zeit und Kraft, aber man kann es musikalisch so dar-bieten, dass am Ende wirklich Musik rauskommt und kein Gestottere.

Wie haben Sie sich in die Computertechnik reingearbeitet?

James Last: Tja, beim ersten Mal war es ein Reinfall. Der Rechner hatte sich ständig verschluckt. Also hab ich mir Hilfe geholt, und der Computerexperte fragte dann nach, wie ich denn bei den Aufnahmen vorgegangen sei. Ich antwortete ihm, dass ich die 9. Symphonie von Beethoven versucht hätte aufzunehmen. (lacht) Die Systeme damals in den Anfängen waren für solch aufwändige Strukturen einfach noch nicht reif genug. Aber heute macht mir das richtigen Spaß. Die Computerarbeit ist effektiv, und ich kann im Vorfeld bereits die Arrangements und alle Sounds genau festlegen. Die rhythmischen Strukturen für Schlagzeug und Percussion sind dann schon entsprechend fertiggestellt, und vom Timing ist das Ganze auf den Punkt gebracht.

Arbeiten sie mit einer bestimmten Drum-Software?

James Last: Leider nicht, ich versuch mich noch dran. Zurzeit arbeite ich mit den kleinen Korg Sound-Geräten und das reicht, um Ideen zu transportieren.

 Um ein Orchester harmonisch in Gang zu halten, ist neben aller Disziplin aber auch die musikalische Freiheit des Einzelnen wichtig, oder?

James Last: Jeder, der begabt ist und damit umzugehen weiß, der bekommt sie. Pablo hat viele Freiheiten weil er einfach ein guter Musiker ist. Da wäre es doch blöd von mir, ihm erklären zu wollen, wie ich mir seine Arbeit und seine Percussion-Rhythmen im Orchester vorstelle. Pablo ist Pablo. Jeder soll die Freiheit haben um seine Persönlichkeit zu offenbaren. Nur kommt es mir darauf an, dass ich die Musiker auch verstehe.

Der Erfolg des James Last Orchesters liegt sicherlich auch an ihrem Organisationstalent als Bandleader?

James Last: Organisieren ist nicht der richtige Ausdruck. Ich lass sie einfach! Wenn einer meint, er müsse tanzen, dann soll er das tun. Und als Bandleader sehe ich mich auch nicht. Ich bin kein echter Bandleader, sondern Schreiber für die Band und ich versuche jedem Freiheiten zu geben, so dass jeder seine eigene Identität behält. Wir sind wie Freunde auf der Bühne. So ein großes Orchester gibt es nicht ein zweites Mal, bei dem jeder vor dem anderen so viel Respekt hat wie bei uns. Das ist wirklich wahr! Bei uns kommt es nicht vor, dass einer da rumsitzt und träumt oder zur Seite wegschaut, wenn er mal ne Pause hat. Jeder hört immer der Musik zu. Und jeder hört auf den anderen. Darum lebt die Bühne, den ganzen Abend. Auch wenn ich das schon lange Jahre mache, so ist ein Auftritt in einer Arena immer wieder eine Sensation für mich. Ich hab immer für die Musik gelebt.

Herzlichen Dank für Ihre Zeit!

 

 

Ein Kommentar zu “James Last: Plaudereien über Trommler”
  1. Jan Gleitsmann

    Leider habe ich nie ein Konzert von Hansi besucht. Schade eigentlich…

    Antworten
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