Produkt: Sticks Digital 11-12/2019
Sticks Digital 11-12/2019
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Wir gratulieren!

Jubiläum einer einzigartigen Band: 50 Jahre Kraan!

Kraan 2021: Hellmut Hattler, Jan Fride-Wolbrandt und Peter Wolbrandt (Bild: Irma Bartsch)

Was wäre die Geschichte der deutschen Rockmusik ohne Kraan? Zweifelsohne nicht nur unvollständig, sondern vor allem um ein besonders buntes, höchst kreatives Kapitel ärmer. Die große Musikalität und Kreativität der noch heute gemeinsam spielenden Band-Gründungsmitglieder Gitarrist Peter und Drummer Jan Fride Wolbrandt sowie Bassist Hellmut Hattler sorgen dafür, dass der Kraan-Sound und die Musik dieser ganz besonderen Band so einzigartig wie zeitlos sind.

Kraan verschrieben sich von Beginn ihrer Karriere an einer spannenden Fusion aus Rock, Jazz und Ethno-Einflüssen und fügten ihrem Sound später US-Mainstream- und Soul-Elemente hinzu. Ihren Stil nannten sie kurz und ergreifend „Wintrup Musik“, benannt nach ihrem Domizil im Teutoburger Wald.
Eine kleine Erbschaft im Mai 1970 war quasi die Initialzündung der Band. Die vier „Ur-Kraaniche“ Peter Wolbrandt, Jan Fride, Hellmut Hattler und Alto Pappert warfen ihr Geld zusammen und kauften sich eine Anlage plus einen Band-Bus. Ihr Debütalbum nahmen sie in einer 2-tägigen (!) Studiosession auf und pflegten auch sonst den Hang zur Spontaneität. Die Galionsfiguren bei Kraan waren Bassist Hellmut Hattler und Gitarrist Peter Wolbrandt, gleichzeitig die beiden Hauptsongschreiber der Band. „Ich suchte nach einem Wort, das gut klingt“, erklärte Hellmut Hattler später die skurrile Namensgebung. „Wir wollten raus aus diesem Klischee und solch ein Wort wie Kraan taucht fast in jeder Sprache auf.“

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Kraan 1971 (Bild: Intercord)

Passend dazu auch der musikalische Rahmen der Band: Über einen groovy rockigen Drum-Beat von Jan Fride, perfekt ergänzt durch Hellmut Hattlers kraftvolle funky Basslines, zog Saxophonist Alto Pappert wunderschöne Melodien, während Gitarrist Peter Wolbrandt mit ganz eigenem Sound und swingenden Licks die Songs abrundete.

Kraan genossen das Leben einer musikalischen Kommune. Ein stillgelegtes Weidegut, ein anno 1871 erbautes Fachwerkgebäude mit etwa 4000 Quadratmeter Land, einsam am Rande des Teutoburger Waldes gelegen, war in den Siebzigern ihr Zuhause. Das ehemalige Pferdegestüt hatte Graf Metternich den Musikern zur Verfügung gestellt – kostenlos und ohne Bedingungen. Dort wohnten sie mit 13 Gleichgesinnten (vier Musiker, der Manager, zwei Roadies, drei Frauen, drei Kinder und etliche Katzen und Hunde). Hellmut Hattler charakterisierte die Philosophie des Zusammenlebens seinerzeit mit den Worten: „Es herrscht hier eine freundliche Anarchie. Wir haben absichtlich keine Pläne gemacht, wer wann wo putzen muss oder Spüldienst hat. Es ist natürlich ganz schön schwierig, weil wir auf unsere eigene Einsicht angewiesen sind.“ Denn: „Wenn in der Küche alles stimmt, geht auch die Musik in Ordnung.“

In den folgenden Jahren entwickelte sich die Band zu eine der außergewöhnlichsten deutschen Formationen. Ihre dritte Veröffentlichung „Andy Nogger“ verkaufte sich 120.000 Mal. Das Werk erschien in Österreich, der Schweiz, Holland, Kanada, Australien, England, Skandinavien und Südafrika und wurde vom deutschen „Musikexpress“ zur Platte des Jahres gekürt. Bereits vier Wochen nach Veröffentlichung in Amerika rangierte das Album in den Billboard Charts auf Platz 9 der meistgespielten LPs aller US-Sender. Nach drei Studiowerken wurde im Oktober 1974 im Berliner „Quartier Latin“ ihr Doppelalbum „Kraan Live“ mitgeschnitten, eines der herausragenden Jazzrock-Alben jener Tage, das vom legendären Produzenten Conny Plank aufgezeichnet und bearbeitet wurde.

Kraan: Weidegut Wintrup 1975, Johannes Alto Pappert, Jan Fride, Peter Wolbrandt und Hellmut Hattler

Nach einem umjubelten Auftritt beim Roskilde Festival in Dänemark im Juni 1975 ersetzten Kraan den ausgestiegenen Alto Pappert durch den Pianisten/Organisten Ingo Bischof. Mit dem folgenden, ebenfalls großartigen Album „Let It Out“, das mit einem mobilen Studio in Wintrup, quasi zwischen Pferdestall und Küchenherd von Conny Plank produziert wurde, avancierten Kraan im Magazin „Sounds“ zur Gruppe des Jahres. Auch der „Musikexpress“ fand weiterhin Gefallen an der Band: „Da zeigt sich echtes Können, und die Kraan-Leute verwirklichen ihre ausgefallenen musikalischen Ideen mit derart viel Einfühlungsvermögen und Präzision, als wollten sie augenzwinkernd an den Genius eines Frank Zappa erinnern.“

Nach „Let It Out“ begann für Kraan eine neue Zeitrechnung. Die beiden folgenden Alben „Wiederhören“ (197, noch mit Drummer Jan Fride) und „Flyday“ (1978, mit dem neuen Drummer Udo Dahmen), sowie das 1980er Live Album „Tournee“ (mit Drummer Udo Dahmen) speziell aber das 83er Opus „Nachtfahrt“ (mit den Drummern Gerry Brown und Jan Fride), reflektierten den geänderten Zeitgeist. Die Neue Deutsche Welle zog in die deutsche Musiklandschaft ein. Von ihr blieben auch Kraan nicht unbeeinflusst. Und umgekehrt, wie Hellmut  Hattler bemerkt: „Viele dieser Bands waren Kraan-Fans, und waren von dem, was wir auf ‚Flyday‘ machten, vor allem von Peters Arpeggio-Gitarrenstil, beeindruckt und ließen diese Elemente auch in ihre Musik einfließen. ‚Nachtfahrt‘ dagegen war unsererseits eine mehr oder weniger ironische Auseinandersetzung mit der damaligen Musikszene.“

Echte Kraan-Scheiben waren beide Veröffentlichungen indes nur teilweise, sondern eher – wie Hellmut Hattler es nennt – „jeweils zur Hälfte Solowerke von Peter und mir.“ Als Band wie zu Wintrups Zeiten existierten Kraan zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr; die Aktivitäten der Gruppe beschränkten sich auf Tourneen in wechselnden Besetzungen bis zum Jahr 1984. Danach sollte endgültig Schluss sein, aber schon 1988 erschien das dritte Bühnenwerk „Live ´88“ (mit dem wieder zurückgekehrten Drummer Jan Fride), gefolgt von den beiden letzten Studioalben „Dancing In The Shade“ und „Soul Of Stone“. Mit einem Auftritt 1992 auf der „Dokumenta“ in Kassel schloss die Kraan-Historie für das fast komplette Jahrzehnt der 90er-Jahre.

Hellmut Hattler setzte seine Karriere mit dem bereits auf den letzten Kraan-Veröffentlichungen zu hörenden Trompeter Joo Kraus in der Formation Tab Two fort, Peter Wolbrandt widmete sich seinem erlernten Beruf als Graphiker und Programmierer und erst anlässlich des dreißigjährigen Kraan-Jubiläums reformierte sich die Band im Frühjahr 2000 in der Besetzung Hattler, Wolbrandt, Bischof und Fride, veröffentlichte die beiden Jubiläumskonzerte („Live2001“), spielte eine überaus erfolgreiche Deutschlandtournee und veröffentlichte Ende Juni 2003 ihr Comeback-Album „Through“, das nahtlos an alte Tugenden anknüpft, und auch heute noch zeitlos wirkt wie auch die frühen Alben der Band. Auch auf dem Nachfolgewerk „Psychedelic Man“ zeigt sich große Kreativität und Musikalität dieser unverwechselbaren und einzigartigen Band.

Kraan 2005 im Rockpalast: Info Bischoff, Jan Fride-Wolbrandt, Peter Wolbrandt, Hellmut Hattler (Bild: Rockpalast/WDR)

Seit Anfang 2008 wurde der längst in der Luft liegende Wunsch verwirklicht, auch live wieder freier und den Fähigkeiten der Urmitglieder entsprechender aufzuspielen. Seither besteht Kraan „nur“ noch aus den drei Gründungsmitgliedern Peter Wolbrandt, Hellmut Hattler und Jan Fride Wolbrandt, absolvierte gefeierte Tourneen und veröffentlichte 2011 in dieser Besetzung ihr Album mit dem Titel „Diamonds“, das deutlich zeigt, dass diese Band offenbar keinerlei Zeitschema zu unterliegen scheint; immerhin wird kein Prädikat im Zusammenhang mit Kraan so oft gebraucht wie das Wort „zeitlos“.

Kraan 2021: Hellmut Hattler, Jan Fride-Wolbrandt und Peter Wolbrandt (Bild: Irma Bartsch)

Die drei Schulfreunde Peter und Jan Fride Wolbrandt sowie Hellmut Hattler wurden nicht zu Verwaltern des eigenen Erbes, sondern schrieben neue Stücke, produzierten frische Alben, interpretierten die eigenen Klassiker virtuos, funky und mit extrem viel Drive. Immer wieder bewiesen sie, dass sie auf ihrem ureigenen Terrain zwischen Rock und Jazz auch handwerklich einfach unschlagbar sind.

Mit den Alben „The Trio Years“ und „The Trio Years – Zugabe!“ ist das Beste und komplette Repertoire der vergangenen Live-Jahre zu haben.

Ende 2020 wurde wieder ein neues Studioalbum mit dem Titel „Sandglass“ veröffentlicht.

Und die Geschichte scheint auch nach 50 Jahren von 1971 − 2021 ungebremst weiterzugehen! Die STICKS-Redaktion gratuliert herzlichst zum Jubiläum dieser einzigartigen Band!

Produkt: Sticks Digital 11-12/2019
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