Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
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Interview aus 2010

Wolfgang Haffner: Innenansichten eines Groovemeisters

 

Drummer in Action(Bild: Norbert Saemann)

Für Curt Cress ist Wolfgang Haffner „der herausragende deutsche Jazztrommler.“ Abgehoben ist der fränkische Musiker aber dennoch nicht. Im Sticks-Interview plaudert Wolfgang Haffner erfreulich allürenfrei über sein neues Projekt, Composing, seine Leidenschaft für Spanien und über die Kraft des positiven Denkens.

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Ein Interview aus 2010:

Neben deinem eigenen Projekt, Till Brönner und Metro arbeitest du jetzt auch mit dem DJProjekt Nightmares On Wax. Wie kam es dazu? Immerhin ist das eine Richtung, mit der man dich nicht automatisch in Verbindung bringt.

Wolfgang Haffner: Das stimmt wohl. Letztendlich war es Kollege Zufall, dass es dazu kam. George Evelyn aka DJ Ease steht hinter Nightmares On Wax. Er hat dieses Projekt vor 20 Jahren gegründet und ist damit megaerfolgreich. Ich habe ihn im Sommer letzten Jahres auf einer Party in Formentera kennengelernt. Ich saß den ganzen Abend neben diesem Typ und wusste gar nicht, wer er eigentlich ist. Dann irgendwann steckte mir jemand seinen Namen.

Ich sagte: „Aha. Du bist das also.“ Dann haben wir so ein bisschen geredet und ich meinte: „Deine Musik finde ich seit Jahren klasse, aber ich fände es eigentlich noch besser, wenn du mal einen Schlagzeuger dabei hättest. Das fehlt noch.“ Daraufhin sagte er: „Bist du nächste Woche zufällig auf Ibiza?“ Sag ich: „Ja. Wenn ich zufällig da sein soll, bin ich zufällig da.“ Ich bin daraufhin nach Ibiza geflogen und habe den ersten Gig mit Nightmares gespielt. Eine Woche darauf waren wir bereits bei ihm im Studio – nur er und ich. Wir haben angefangen, zusammen Songs zu schreiben – ich spiele ja auch Keyboards – und es war einfach fantastisch! Den Sommer über haben wird dann etliche Shows auf Ibiza gespielt, später kamen Shows in ganz Europa dazu.

Und er hatte vorher noch nie mit einem LiveSchlagzeuger gearbeitet?

Wolfgang Haffner: Doch, vor circa zehn Jahren ging er mal mit einer Live-Band auf Tour – das war eine richtig große Produktion mit 15 Musikern. Seitdem aber hat er live meist nur mit Sängern gearbeitet.

Warum warst du der Meinung, dass ihm ein Live-Schlagzeuger gut tun würde?

Wolfgang Haffner: Die Grooves waren schon gut. Aber ich fand, er brauchte dieses Live-Element dabei. Und es ist jetzt natürlich schon etwas anderes, es lebt! Ich spiele zwar zu den fertigen Tracks, aber er loopt teilweise großartige Sachen, so entstehen im Moment neue Dinge. George ist ein extrem musikalischer DJ. Wir verstehen uns mittlerweile blind.

Wie viel Freiräume hast du bei diesem Projekt?

Wolfgang Haffner: Alle. Ich kann eigentlich machen, was ich will. Wir haben noch keine Sekunde darüber gesprochen, ob wir bei dem einen oder anderen Stück dieses oder jenes machen wollen. Wir spielen uns vielmehr die Bälle gegenseitig zu. Die Arrangements passieren einfach im Moment – und das vor Tausenden von Leuten. Das ist schon gigantisch.

Das kann allerdings nur funktionieren, wenn man eine ähnliche musikalische Auffassung hat …

Wolfgang Haffner: … allerdings, doch die haben wir tatsächlich. Ein Beispiel: Sein größter musikalischer Hero ist als Produzent Quincy Jones. Dito – er ist auch für mich der Größte. Und wir stehen auf viele gleiche Bands und Musiker. Die Wellenlänge passt perfekt. Da haben sich wirklich zwei gefunden.

Bei Nightmares On Wax spielst du offenbar ja nicht nur Drums, du bist auch als Komponist beteiligt, richtig?

Wolfgang Haffner: Ja, das ist fantastisch. Ich komponiere mit, und wir haben auch einige Tracks zusammen produziert. Das ist für mich sehr erfrischend, weil DJ Ease eine ganz andere Herangehensweise hat als ich. Wenn ich beispielsweise einen Song schreibe, setze ich mich meist ans Klavier, nehme erst mal Ideen auf, Harmoniefolgen und Melodien. George macht das ganz anders: Er geht ins Studio und beginnt mit irgendwelchen Samples. Er zieht sich aber nicht bloß irgendwo ein, zwei Takte raus, sondern schnipselt da auch noch dran rum und baut so sein eigenes Ding, bis es eine bestimmte Atmo hat. Am Ende hört man überhaupt nicht mehr, wo es herkam. Wenn er damit fertig ist, komme ich dann dazu und spiele zu den ein- bis zweitaktigen Loops die Drums und Keyboards ein.

Aus welcher Ecke bedient er sich?

Unterschiedlich. Viele R’n’B Songs, aber auch jazzige Aufnahmen. Wenn du diese Samples hörst, dann kannst du am Schluss nicht mehr sagen, das ist dies oder jenes. Diese Samples verwendet er letztendlich nicht auf der Platte, sondern das ist nur ein Vibe. Wir jammen dann mit dem Beat, und sammeln die ganzen Ideen. Das geht oft über mehrere Stunden und irgendwann ist dann eine zündende Idee da. Diese Art zu arbeiten kannte ich so bisher noch nicht.

Das ist also eine ganz andere Form des Komponierens. Eine Komposition, die völlig ohne Harmonielehre und Grundwissen auskommen kann. Dafür braucht’s Geschmack und Kreativität …

Wolfgang Haffner: … genau! George kommt ja eigentlich vom HipHop und kennt das gar nicht anders. Wenn ich ihm mal sag „Pass mal auf, an der Stelle würde ich einen C Major7-Akkord spielen“, dann schaut er mich mit großen Augen an und sagt: „Bitte was? Kannst du das mal buchstabieren?“ Genau das fand ich aber irgendwie klasse: Das ist schon sehr erfrischend.

Ist er musikalisch gesehen ein Gegenpol für dich?

Wolfgang Haffner:  Ja schon, weil es mich sonst nicht mehr so kicken würde, glaube ich. Ich habe ja mit meiner eigenen Band das Standbein. Musikalisch ist sie das Zentrum für mich. Ansonsten spiele ich seit vielen Jahren mit Till Brönner, und auch immer wieder mit der NDR Big Band. Dazu war ich in den letzten acht Jahren mit Nils Landgren in der ganzen Welt unterwegs, was auch extrem viel Spaß macht. Alles sehr unterschiedliche Bands, und das hält frisch.

Mit Nightmares On Wax bist du gut beschäftigt – könntest du dir mittelfristig vorstellen, einen zweiten Lebensmittelpunkt in Spanien zu etablieren?

Wolfgang Haffner: Schon alleine wegen dem Wetter ist das eine schöne Vorstellung, dazu kommt die Mentalität dieser Menschen. Ich habe keine Lust auf griesgrämige Menschen – und die gibt es in Deutschland reichlich. In den südlichen Ländern sind die Leute einfach besser drauf. In Spanien spiele ich sowieso jedes Jahr regelmäßig des Öfteren, mal sehen ob ich da mal lande.

Wie sieht die Musikszene in Spanien aus, vor allem im Jazz?

Wolfgang Haffner: Es gibt sehr gute spanische Musiker, mit einigen spiele ich auch immer wieder. Im Sommer sind dort viele Festivals, wobei da allerdings auch überwiegend Bands aus den USA spielen. Ich spiele sehr gerne mit spanischen Musikern, da einige auch dieses Flamenco-Ding am Start haben. Die Kreuzung von Jazz mit Flamenco-Rhythmen finde ich spannend. Wie gefällt dir Cafe del Mar? Das war ja ein echter Spanien-Export-Hit. Fand ich anfangs ganz okay, interessiert mich aber nicht mehr. Ich glaube bei Ausgabe Nr. 7 hatte ich dann genug davon.

Wie sehr beeinflussen dich bei deinem Spiel die Lebensumstände ? Oder anders gefragt: Spielst du in südlicher Umgebung anders als in kälteren Regionen?

Wolfgang Haffner:  Das Spielen ist natürlich unabhängig von einer Region, aber die Atmosphäre ist im Süden meist viel entspannter. Beim Komponieren ziehe ich mich auch manchmal nach Spanien zurück, die Inspiration ist dort schon anders. Blick aufs Meer – und los geht’s!

Deine neue CD, „Round Silence“ (ACT 9605-2), klingt für mich aber deutlich eher nach Skandinavien als nach Spanien.

Wolfgang Haffner: Vielleicht wegen des Cellos von Lars Danielsson?

Nein, mehr noch. Bei dieser Musik höre ich Geysire blubbern, sehe ich kalte Seen und Wälder. Und eine melancholische Note schwingt auch mit.

Wolfgang Haffner: Interessant. Also die Hälfte von „Round Silence“ ist definitiv in Spanien geschrieben. Ich habe mich Anfang Januar 2009 eine Woche auf die Kanaren verzogen und dort die restlichen Songs der neuen CD geschrieben. Gut die Hälfte des Albums ist im Dezember 2008 teils auf Tour, teils zu Hause entstanden. Dass das Album melancholisch ist, würde ich unterschreiben. Da kann man auch eine Brücke zu Skandinavien schlagen. Aber ansonsten hat das Album für mich nichts weiter mit Skandinavien zu tun, außer dass natürlich zwei starke Skandinavier dabei sind – Lars Danielsson und Nils Landgren. Aber okay, ich habe in den letzten Jahren sehr viel in Skandinavien gespielt. Das hat vielleicht Spuren hinterlassen.

Wie gehst du ans Komponieren ran?

Wolfgang Haffner: Oft gehe ich vom Klavier aus. Harmoniefolgen, Basslines, Melodien. Aber es kann auch sein, dass zuerst ein Schlagzeug-Groove da ist, und ich dann etwas herum bastele. Ich habe keinen festgelegten Plan, es kommt wie es kommt.

Täuscht es, oder versuchst du mit relativ wenig Harmonien auszukommen?

Wolfgang Haffner: Früher, bei meinen ersten Platten, habe ich immer ziemlich viele Harmonien verwendet. Ich komme aus einem harmonischen Umfeld. Harmonisch bin ich stark von Bach beeinflusst, mein Vater war Kirchenmusikdirektor. Johann Sebastian Bach und auch die ganzen US-Platten, die ich früher immer gehört habe, waren immer sehr harmonisch und schön klingend – Musik von beispielsweise George Duke, Earth Wind And Fire, aber auch Jazz Standards. Das ist in etwa die Harmonik, von der ich eigentlich herkomme, auch von den Arrangements und Songstrukturen her. Ich versuche nicht zwanghaft einen 15/8 einzubauen, um zu zeigen: Hey Leute, ich kann bis 15 zählen. Das hat mich auch noch nie interessiert. Es geht mir einfach nur um das Gefühl, um Stimmungen. Musik, sonst nichts.

Das hört man. Für ein Album von einem Schlagzeuger hältst du dich sehr zurück. Bei dem Titel „Nightsong“ zum Beispiel setzt du erst nach zweieinhalb Minuten mit einem dezenten Ride-Cymbal-Groove ein. Pures Understatement?

Wolfgang Haffner: Bei diesem Song fand ich es spannend, am Anfang nichts zu spielen. Umso mehr fällt es dann auf, wenn das Ride kommt. Solche Momente, also die Frage des Songaufbaus und der Instrumentierung interessiert mich extrem. Damit verbringe ich viel Zeit. Dieses Stück beginnt mit einer schwebenden Gitarre, ein Ostinato mit einer Log Drum. Ich fand dass das genug trägt und danach der Überraschungseffekt umso größer ist, wenn das Ride einsetzt.

Es entsteht dadurch eine geradezu hypnotische Spannung, sehr emotional. Entstehen solche Momente aus dem Kopf oder eher aus einem Bauchgefühl heraus?

Wolfgang Haffner: Allzu theoretisch gehe ich dabei auf jeden Fall nicht vor. Ich höre da in mich hinein. Ich mache vorher immer Demos für mich. Danach haben wir im Studio zu einigen Spuren dieser Demos gespielt. Ich wusste von fast allen Songs die Songlänge, weil ich sie vorher festgelegt hatte: Okay, da spielt Klavier, und nach 32 Takten kommt das und das. Bei manchen Stücken haben wir das noch geringfügig geändert, weil wir beim Jammen gemerkt haben – okay, sollte vielleicht doch ein bisschen länger sein. Nehmen wir halt noch acht Takte dazu. Ich habe teilweise Loops, Harmoniefolgen und Flächen angelegt, zu denen wir dazuspielen konnten – wie ein Klangteppich, richtig zum Reinlegen. Das finde ich immer inspirierender als nur zum Click zu spielen. Beispielsweise hatte ich ein Thema wie vom allerersten Stück „Round Silence“, von dem man dann ausgeht. Ich wusste, das Thema würde der Bass spielen. Die Harmonien waren klar und ich wusste, das Piano wird diese übernehmen. Und dann habe ich gedacht, eigentlich könnte da noch eine Akustik-Gitarre dazu, und im nächsten Moment rief ich den Dominic Miller an und sagte: „Dominic, ich brauche dich.“ So kam die Gitarre. Ich geh also wirklich nach dem Herzen. Meine Songs haben eine gewisse Einfachheit im Sinne von Nachvollziehbarkeit.

Warum? Ist Einfachheit für dich auch Schönheit?

Wolfgang Haffner: Ich brauche nicht immer sämtliche Alterationen im Akkord. Manchmal ist ein alterierter Akkord auch gut. Es gibt ein paar Stellen auf der Platte – vielleicht zwei, drei Stellen – wo ich genau solche Akkorde eingesetzt habe. Wenn sie nur einmal kommen, denkt man sich: „Boah!“ Wenn sie aber die ganze Zeit kommen, ist es für mich meist langweilig. So versuche ich die Kunst der Reduktion.

Ist das „Einfach-klingen“ auch für dich das Schwere, das Erstrebenswerte?Wer genauer hinhört, weiß, dass es alles andere als einfache Musik ist.

Wolfgang Haffner: Stimmt, es ist eine vermeintlich einfache Musik. Es gibt mit Sicherheit viel komplexere Sachen, bei denen auch vieles passiert, mit ganz vielen Noten. Doch: Genau das will ich nicht. Im Lauf der Jahre habe ich mich konsequent von den vielen Noten verabschiedet, mit dem Ziel: mit einer Note alles zu sagen. Und so spiele ich auch Schlagzeug. Das Wichtige ist doch – genau wie bei einem Gespräch – mit wenigen Worten die Essenz herauszubekommen. Ich will keinen, der mich voll labert, sondern ich will jemanden, der mir sagt: „Das und das und das!“ – oder eben Klappe halten. Bei einer Melodie oder einem Solo verhält es sich für mich genauso. Die Kunst ist es, mit wenig möglichst viel auszudrücken. Wenn man 16 Takte zur Verfügung hat, muss man nicht jeden Takt mit 16 Sechzehntel füllen. Man baut besser eine Spannung auf, indem man vielleicht eine Pause macht oder man spielt im Takt acht eine Note und lässt diese zwei Takte stehen. Das kann genial sein – muss nicht. Auf dieser Suche bin ich. Deshalb habe ich auch genau diese Musiker auf meinem Album dabei, das ist für mich die halbe Miete, damit mein Album gut klingt.

Und die zweite Hälfte der Miete, die Technik, das Equipment?

Nein, das hat nichts mit Technik zu tun. Welches Mischpult, welche Mikrofone etc. – das interessiert erstmal niemanden. Du kannst das beste Equipment haben – wenn die Band in sich nicht stimmig ist, nützt es alles nichts. Das bewahrheitet sich immer wieder. Von daher habe ich mir Leute ausgesucht, die alle keinerlei Ansagen brauchen, wie „Leute, spielt weniger.“ Sie wissen von vornherein, was sie zu tun haben. Sie hören alle super zu, wie beispielsweise der Pianist Hubert Nuss. Sie wissen von vornherein, auf was es eigentlich ankommt – nämlich auf das Musikmachen. Mit Sebastian Studnitzky, einem hervorragenden Pianisten und Trompeter, spiele ich seit Jahren zusammen. Er spielt nur eine Note auf der Trompete, lässt die stehen, schickt die durch Delay durch und das gibt eine ganz große Atmosphäre. Und du denkst „Warte mal, es passiert ja eigentlich nichts.“ Aber es passiert alles gleichzeitig und das ist das Wichtige – die Essenz.

Das sind also keine Zirkuskünstler.

Genau! Es gibt auf der Szene leider einige Musikinstrumentenbesitzer, die sollten besser im Zirkus auftreten, dafür aber den Rest der Menschheit mit ihren sinnlosen Noten verschonen.

Es bleibt nichts hängen, es berührt einen nicht.

Eben! Ich beurteile Musik nicht nach der Menge der gespielten Noten oder auch nach Genres, sondern ob sie mich berührt oder nicht. Alles andere ist unwichtig und hält nur auf.

Wie verläuft die Zusammenarbeit mit Dominic Miller? Kommt er ins Studio oder schickst du ihm die Files?

In diesem Fall schickte ich ihm die Soundfiles zu „Round Silence“, weil es nicht anders ging. Wir wollten uns eigentlich in London treffen, es hat dann aber zeitlich nicht hingehauen. Manchmal ist das eben so. Ich habe ihm also die Files geschickt und saß einige Tage später abends in einem Hotel in Gran Canaria, als die Tracks von Dominic per Mail kamen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich nur noch geschmunzelt habe, als ich es gehört habe. Er hat fantastisch gespielt! Wir kennen uns ja seit Jahren flüchtig, haben aber nie zusammen gespielt. Das war also der erste Berührungspunkt – und es hat super geklappt. 2009 sollte ich mit ihm in Asien auf Tour gehen kann, was sich dann leider aufgrund meines Terminplans nicht machen ließ. Ich persönlich bin jedenfalls ein großer DominicMiller-Fan. Er ist einer dieser Musiker, der nur eine Note spielen muss und du weißt, wer er ist und was er dir sagen möchte. Wow!

Die eigene Handschrift entwickeln – ist das für dich das Schwierigste?

Das kann nicht am Reißbrett entstehen. Die eigene Handschrift erhält man durch das Leben selbst. Wenn du kein Leben hast, dann hast du auch nichts zu erzählen. Das merkt man, wenn jemand mit 18, 19 Jahren von der Hochschule kommt und zwölf Stunden am Tag geübt hat. Man hört es, da hat jemand unheimlich intensiv sein Instrument kennen gelernt und wahnsinnige technische Fähigkeiten. Aber die Aussage kommt erst später – oder auch nicht. Denn die kommt durchs Leben.

Andererseits kann das Leben auch die Inspiration eines talentierten Musikers kaputt machen – da kommt es auf den Lebenswandel an oder?

Ja, auf jeden Fall. Man muss lernen, gut zu sich selber sein. Man sollte auch versuchen, negative Einflüsse von sich fernzuhalten. Das gelingt vielleicht nicht immer, aber ich finde es wichtig, dass eine gewisse Reinheit im Körper herrscht. Natürlich ist das schwer, aber wenn man es nicht versucht, wird es nicht besser. Man ist ja ständig irgendwelchen negativen Tendenzen ausgesetzt. Manche Menschen versuchen, einen negativ drauf zubringen. Das geht schon in dem Moment los, in dem man aus der Haustür rausgeht. Ich habe mir beispielsweise angewöhnt, morgens aufzustehen und erstmal „Danke“ zu sagen. Es gibt genügend Gründe, dankbar zu sein: Dass ich gesund bin, dass die Sonne scheint, dass ich von der Musik leben kann, etc. Das mag alles banal klingen aber für mich ist das wichtig. So gehe ich positiver einen neuen Tag an. Und die Leute, die mich negativ drauf bringen, grenze ich soweit möglich aus meinem Leben aus. Think positiv!

Dann spielst du vermutlich auch nur mit Leuten zusammen, die du auch persönlich magst.

Allerdings! In meiner eigenen Band sowieso, aber auch in anderen Bands achte ich da drauf. Wenn also ein neues Bandmitglied einsteigen soll, dann werde ich schon um meine Meinung gefragt. Schwieriger ist es oftmals im normalen Leben. Man kann sich ja nicht aussuchen, wer z. B. im Supermarkt an der Kasse sitzt und vielleicht einfach völlig frustriert vom Leben ist. Aber auch da kann man mit einem Lachen oft was erreichen. Natürlich ärgere ich mich auch mal über Sachen. Aber ich versuche die Dinge erst mal positiv zu sehen. Man muss einfach bei sich selber anfangen, dann kann man auch sein Umfeld positiv beeinflussen.

Gab es da ein Schlüsselerlebnis für dich oder warst du schon immer so positiv eingestellt?

Ich bin ein positiv denkender Mensch, das kommt von meinem Elternhaus, das immer sehr harmonisch war. Was mich einfach schon seit Jahren in der Szene genervt hat, war dieses negative Gerede über Musiker, über andere Kollegen. Aber das geht mittlerweile komplett an mir vorüber, ich kümmere mich einfach nicht drum und das ist gut so.

Du hast deinen Mittelpunkt gefunden?

Zumindest weiß ich, was ich will. Entspannung ist generell eine wichtige Sache für mich. Das hört man glaube ich auch auf der neuen Platte, „Round Silence“. Wenn jemand das Album hört und sagt „Die gibt mir eine gute Stimmung, reißt mich aus dem Alltag raus“, dann habe ich viel erreicht.

Kann ich nur bestätigen: Deine Musik hilft einem, sich zu entspannen. Sie würde sich aber auch als Filmmusik gut machen.

Es gibt Songs, da habe ich beim Komponieren konkret Bilder oder Landschaften vor Augen gehabt. „Azul“ ist durch ein Photo inspiriert, dass über meinem Klavier im Studio hängt. Blick von einer Bar auf Formentera aufs Meer, dann habe ich den Song dazu geschrieben.

Du hast auch bei „Deutschland sucht den Superstar“ in der Bigband gespielt. Da ist man schon aufgeregt, wenn man vor 10 Millionen Menschen spielt, oder?

Ja, schon etwas mehr als sonst, weil es eben wirklich live ist. Als Schlagzeuger hat man dann noch die Aufgabe vorzuzählen, und du musst auf das Signal warten. Wenn es aus dem Applaus raus geht, hebt ein Typ die Hand und sagt „Achtung, los“. Da darf dir kein Fehler passieren, das ist 150%ige Konzentration, Adrenalin pur. Weniger das eigentliche Spielen, aber das Drumherum. Den ganzen Laden da sicher durchzuziehen hat viel Spaß gemacht. Leider haben sie bei DSDS seit zwei Jahren kein Bigband-Motto mehr. Doch ich schaue mir manchmal DSDS im TV an und freue mich, wenn der Flo Dauner so unfassbar musikalisch trommelt.

 

Produkt: Sticks 05-06/2019
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