Interview aus dem STICKS-Archiv

Chad Smith: geile Grooves, scharf wie Chilli

| Tom Schäfer

 

Mit Spaß am Drumset: Chad Smith

Das Schlagzeugspiel von Chad Smith zeugt von Stil. Frech und offensiv treibt er den Power-Puls der Red Hot Chili Peppers an: Ohne Zweifel ist Chad Smith einer der angesagtesten Rock-Drummer unserer Zeit.

Auch wenn sein Drumming manchmal derbe und krass daherkommt, so ist der Mensch Chad Smith ein humorvoller Zeitgenosse, der eigentlich auf das Rockstar-Gehabe pfeift und sich gerne mal die spaßigen Anekdoten des Lebens gönnt. Kurzum: „He is eating drums for breakfast!“ – eine wunderbar treffende Etikette, die den Humor nicht besser deutlich machen kann. Sticks traf 2011 den Drummer der Red Hot Chili Peppers in einem Kölner Nobel-Hotel – diesmal allerdings beim Wiener Schnitzel zum Frühstück.

Mit deinem explosiven Drumstyle prägst du in großem Maße den Sound der Red Hot Chili Peppers. Deine Grooves gehen weit über „2 & 4“-Backbeat-Formate hinaus und überraschen mit geschmackvollen Extras, rasanten Fills oder Hi-Hat-Offs, die sich zu einem komplexen Chad-Smith-Power-Style vernetzten.

Chad Smith: Wow, vielen Dank für diese Einschätzung! Als ich vor 42 Jahren mit dem Schlagzeugspielen anfing, da war ich der wilde Typ hinterm Drumkit. Anscheinend ist davon noch was übrig geblieben! (lacht) Damals war ich von der britischen Hardrock-Szene total beeindruckt: Black Sabbath, Led Zeppelin, Humble Pie, Deep Purple.

Typen

Lass uns mal über den Chili-Peppers-Drumsound plaudern. Hast du eine bestimmte Vorgehensweise, das Schlagzeug zu tunen?

Chad Smith: Ehrlich gesagt bin ich nicht so Equipment-orientiert. Es sei denn, es handelt sich um Snaredrums. Und davon besitze ich einige. Die Snaredrum ist für mich das Herzstück des Drumkits. Gerade in der Rockmusik kommt es drauf an, wie die Snarebeats im Drumtrack sitzen und wie sich der Sound in das gesamte Kit einfügt. Eine Snaredrum kann den Sound-Eindruck des gesamten Drumkits beeinflussen.

Mein neues Tourset ist eher klassisch aufgebaut. Außergewöhnlich sind wohl die drei Octobans, die ich einsetze, um mit unserem Percussionisten Marrow ein bisschen musikalische Kommunikation zu betreiben. Außerdem sieht das fuckin’ gut aus. (lacht) Als Drummer möchte man doch cool aussehen hinter dem shiny Stuff. Deshalb dieses Mal auch das Acryl-Kit und die Pauke.

Was das Tuning angeht, so stimme ich die Toms ungefähr in Terzen zueinander, in harmonischen Intervallen – es muss melodisch klingen.

(Chad singt eine Melodie à la „In The Mood“) Ja, so ähnlich klingen die Intervalle der Toms. Ich spiele jetzt auch wesentlich kleinere Toms als auf der letzten Tour – ein 12er Tom, 14er und 16er Floor-Toms. Das Medium-Tuning der CS-Felle in Verbindung mit den Acrylkesseln entwickelt eine gute Transparenz und Projektion, die sich in dieser Urgewalt der Chili Peppers gut durchsetzt. Und die 24er Kick bringt dazu eine gute Power untenrum. Ich bin in Sachen Sounds nicht so detailbesessen: Loud is good!

Okay, Toms kann man tunen, Cymbals aber nicht. Insofern ist die Wahl der Cymbals eine sehr persönliche Sache, oder?

Chad Smith: Yes! Auf der letzten Tour hatte ich fette Crash Cymbals, auch ein 21“-Modell. (Chad imitiert den Sound eines Heavy Crash Cymbals, während sich erste Gäste im Hotelrestaurant umdrehen) Das war irgendwie ein bisschen zu viel des Guten. Jetzt hab ich ein 19“ Medium, und dieses klingt für mich einfach musikalischer. Es hat immer noch Power genug, und außerdem ist das unproblematischer für den Toningenieur. Ein Cymbal muss sich durchsetzten, es muss im Sound ausgewogen sein und darf nicht zu laut schreien, sonst zerstört es die Balance. Aber du hast Recht, Cymbals sind eine sehr persönliche Angele - genheit, und man wählt das aus, was ganz persönlich zu einem am besten passt. Mit Sabian bin ich jetzt 25 Jahre zusammen, ebenso mit Pearl. Und Vater Sticks spiel ich auch schon seit 22 Jahren. Ich hab meine Signature Snaredrum, meinen eigenen Drumstick und meine eigenen Cymbals – unbelievable!

Du hast aktuell zusammen mit Sabian die „Holy Chinas“ entwickelt. Welche Idee steckt denn dahinter?

Chad Smith: Mir schwebte ein China vor, das akzentuiert kommt, blitzschnell reagiert, volle Power hat und dabei nicht übersteuert. Ich meine, die Sabian Paragon Chinas klingen schon echt super, aber für mich und meine Vorstellung sind sie etwas zu leise. Daher hatte ich die Idee eines speziellen, lauten und gleichsam kontrolliert klingenden Chinas. Die ersten Prototypen kamen, und mit jedem Modell waren wir näher am Ziel. Der Entwicklungsprozess dauerte gar nicht lange, und schließlich war das Modell mit den Löchern geboren. Das war es – ein flexibles China mit blitzartigem Power-Sound und rasend schneller Reaktionszeit.

Die Lautstärke der Holy Chinas ist eine musikalische Lautstärke und kein Schreifaktor. Dann ging es darum, einen Namen zu finden, und ich kam sehr schnell auf die Idee der Holy Chinas. Ich meine, da sind Löcher drin, warum also nicht Holy China? (lacht) Tatsächlich bekomme ich auch meinen Anteil vom Verkauf der Chinas, aber ehrlich gesagt hätte ich nie damit gerechnet, dass da großartig was passiert. Eines Tages aber lag ein Scheck in der Post. Und das war eine Menge Geld. Ich dachte nur: „Shit! Really???“ – und meine Frau sagte sofort: „Oh Darling, lass uns eine neue Handtasche kaufen gehen!“

Ich glaube mal schwer, dass man als Rockmusiker deines Standings mit einer Menge Humor gesegnet sein muss, um das schrille Music-Biz-Karussell unbeschadet zu überstehen. Deine humoreske Seite ist ja vortrefflich auch im Promo-Video der Holy Chinas zu sehen, wenn du als Priester verkleidet am Venice Beach lang läufst, das China wie ein Kreuz vor dir hersträgst und damit Leute erschreckst.

Chad Smith: Yes! Ha, diese Guerilla-Aktion war nicht ganz ungefährlich. Das Ganze haben wir spontan auf dem Venice Beach in Californien durchgezogen. Da laufen scharenweise Touristen rum, und der Trubel gleicht einer High-Society/Zirkus-Freak-Mixtur. Und ich dann mitten drin als Priester. Ich hab die Leute angesprochen und sie zum Teil von hinten mit China-Hits erschreckt. Oh Mann, einige fanden das cool, andere waren völlig verstört. und ein Typ schrie mich sogar an: „Get away from me! GET AWAY!“ (lacht) Ein anderer schrie mich an: „Where is my money, priest?!“ Die Reaktionen waren schon echt krass. Aber ich bin wirklich ein Freund von derartigen Spaßdingen. Es gibt doch zu viele ernste Typen unter den Musikern. Und gerade viele Drummer sind da so verstockt und zu besessen bei der Sache. Mann, es geht um Rock’n’Roll. Das ist der reinste Spaß: fun is good!

Gibt es für dich eigentlich ein Leben außerhalb der Red Hot Chili Peppers?

Chad Smith: Klar! Ich hab eine wundervolle Familie. Die Balance zwischen Musik und Familie ist mir sehr wichtig. Früher war ich mehr auf dem Rockstar-Trip. Aber wenn man Kinder hat, dann hilft es, als Mensch zu wachsen. Dann ist man mit der Wirklichkeit konfrontiert.

Auf Tour mit den Chili Peppers lebt man in dieser Illusion, etwas Besonderes zu sein – es ist dieser ass kicking Rockstar-Shit. Jeder kümmert sich um dich, alle sorgen sich um dein Wohlbefinden, du wirst hofiert – aber das ich nicht das echte Leben! Zimmerservice und täglich Lachshäppchen zum Frühstück haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Ich meine, ich erlebe eine großartige Zeit, keine Frage. Und die möchte ich auch nicht missen.

Aber wenn das hier mit den Chili Peppers zu Ende ist, dann fahr ich nach Hause und bring ganz normal den Müll nach unten. Meine Frau hat es gut unter Kontrolle, dass ich am Boden bleibe: „Okay, mein Rockstar, wenn du von der Tour zurück kommst, dann bleibst du erst mal noch ein paar Tage im Hotel, um wieder runterzukommen!“ (lacht)

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