Interview aus dem STICKS-Archiv

Drumtech Brad Marsh über Phil Collins Schlagzeug

| Tom Schäfer

Foto: Tom Schäfer

Drumtech Brad Marsh hat in den vergangenen zwanzig Jahre hauptsächlich die Tourneen von Genesis und Phil Collins begleitet. Wir haben den Tech-Meister zum Equipment-Talk getroffen.

Interview


Ist Phil Collins sensibel, was das Tuning seines Drumkits angeht? Immerhin dreht es sich ja um den legendären PC-Sound auf den Gretsch Concert Toms.

Brad Marsh: Ich stieß 1990 zur Crew von Phil Collins während der laufenden „But Seriously“-Tour. Phil zeigte mir damals sehr genau, wie er sein Set stimmt. Er nahm sich lange Zeit und meinte dann: „Okay, genauso wie es jetzt klingt, will ich es immer haben.“ Er bevorzugt diesen perkussiven, trockenen und Attack-reichen Sound. Zudem haben die Concert Toms ein großes Intervall-Panorama von ganz hell und hart bis ganz tief und mächtig.

Nach all den Jahren kenne ich Phils Klangvorstellungen so gut wie kaum ein anderer und entsprechend richte ich ihm das Set ein. Er spielt auf seinen 8" und 10" Toms „Diplomat clear“-Felle. Auf den anderen Toms – 12", 15", 16" und 18" – hat er „Ambassador clear“ drauf. Sein Set zu pflegen und zu tunen – ich meine, er hat ja nur acht Trommeln – das ist nicht kompliziert, solange man Phils Eigenarten berücksichtigt. Damit sind auch Fellwechsel gemeint. Phil hasst es, neue Felle zu spielen, und manchmal muss ich die heimlich wechseln. Damit er es nicht sofort merkt, spiel ich die Felle ein, so dass sie gebraucht aussehen.

Phil Collins scheint zudem auf den akustischen Drumsound zu stehen. Trigger-Systeme kommen nicht oder nur selten zum Einsatz, oder?

Brad Marsh: Es gab immer mal wieder Versuche bei verschiedenen Tourneen. Aber im Grunde misstraut er diesen Dingern, da die seiner Ansicht nach häufige Fehl-Trigger verursachen. Und dann kann er echt wütend werden. Also lässt er die Finger davon. Der Drumsound wird ausschließlich über Mikrofone eingefangen. Und Special-Sounds werden über die Effektperipherie mit Gates und Rooms vom FOH-Techniker gesteuert. Phil hat in seinen Gretsch Concert Toms zwar Trigger-Pickups eingeklebt, aber die stammen noch von der damaligen Genesis-Tour 1993 und wurden seitdem nicht wieder verwendet.

Bei der letzten Genesis-Tour 2007 kamen an Phils Set überraschenderweise jedoch zwei Roland RT-10-Trigger zum Einsatz, einer an der Bassdrum, der zweite an der Snaredrum. Eine echte Ausnahme und nur der produktionstechnischen Seite geschuldet. Die Signale liefen ins TD-12- Modul, jedoch benutzten wir keine Roland-internen Sounds, sondern triggerten darüber via MIDI den Roland XR Fantom Sampler, der mit Simmons SDS5-Sounds gespeist war. Phil spielte diesen speziellen Sound zum Beispiel in „Home By The Sea“, weil Simmons Drums damals auch auf dem „Genesis“-Album verwendet wurden.

Hast du je eine kuriose Geschichte auf Tour mit ihm erlebt?

Brad Marsh: Nicht nur eine! Aber die beste war folgende: Es passierte auf der „Dance Into The Light“-Tour bei „In The Air Tonight“ – wobei auch sonst?(lacht) Die Bühne war mit Hydraulikaufzügen für die Drumriser von Ricky Lawson, Luis Con - te und Phil ausgestattet. Damit konnte man die kompletten Sets voneinander getrennt hoch- und runterfahren, also auch in der Bühne verschwinden lassen. Bei „In The Air Tonight“ gingen die Sets von Luis und Ricky nach unten in den Keller, gleichzeitig wurde das „In The Air“-Kit nach oben gefahren, exakt getimt für das berühmte Drumfill. Phil musste sich nur noch hinsetzen und das Ding abfeuern.

Alles funktionierte immer perfekt, es gab nie technische Pannen, und so erlaubte ich mir ausgerechnet bei dieser einen Show, nicht unter der Bühne zu sein, um den technischen Ablauf zu überwachen, sondern am Monitorplatz eine Tasse Tee zu trinken. Ich weiß noch genau, wie ich erstarrte und mir das Adrenalin durch den Körper fuhr, als das Drumkit nicht nach oben fuhr. Ich war fassungslos! Du stehst da und kannst nichts machen! Ricky Lawson war geistesgegenwärtig und spielte das Ding. Am liebsten wäre ich unter der Bühne versunken und nie wieder aufgetaucht! (lacht) Aber Phil ist ja ein echt humorvoller Mensch und erklärte dem Publikum auf seine amüsante Art, was vorgefallen war. Der Grund für diesen Fehler war ein blöder Stromausfall im System.

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