Ellen Mayer im Interview

Ellen Mayer: Am Anfang war der Rhythmus

| Tom Schäfer

... dann schlug die Conga wie ein Komet in das Leben von Ellen Mayer ein. Konsequent ihrem Instinkt folgend, hat Ellen Mayer die schillernde Welt der Percussion bereist. Kuba, Mannheim, Salvador sind nur einige Stationen in ihrer überaus vielseitigen musikalischen Laufbahn.

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Wir trafen die Percussionistin 2011 zum Interview und sprachen mit ihr über ihre musikalischen Wurzeln, Pop-Percussion und ihre Lehrbücher über °[/caption]

Ehrlich gesagt hatte ich zu der Zeit überhaupt nicht realisiert, was da eigentlich abging. Wir gingen dann 14 Tage auf Tour und spielten in Locations wie Liederhalle Stuttgart oder Tempodrom in Berlin.

Wie hast du deine Sounds auf den großen Bühnen in Griff bekommen? Habt ihr viel getüftelt mit Mikrofonierungen und Monitoring?

Ellen Mayer: Ich habe ganz und gar dem Tonmenschen vertraut, allerdings darauf geachtet, die Congas relativ hoch zu stimmen, so dass sie vom Klangbild her knackiger waren und sich besser durchsetzten. Im Latin würde ich sie tiefer stimmen, damit sie satter klingen, aber im Pop-Kontext muss man die Felle schon gut anziehen. Vom Sound her hab ich mich auf dieser Tour immer wohlgefühlt. Und die dabei entstandene Live-DVD beweist ja auch, dass der Sound gut war. Zumindest war die Percussion in diesem großen Orchester gut hörbar – und das ist ja schon was.

Du bist nach wie vor hauptsächlich im Live-Geschäft unterwegs?

Ellen Mayer: Richtig. Zurzeit habe ich auch zwei feste Theaterproduktionen – eine in Frankfurt und die andere in Mannheim. Hinzu kommen Einzelgigs oder auch mal eine Tour, wie zum Beispiel Anfang 2011 mit der Singer/Songwriterin Ina Boo. Diese Konzerte waren deshalb besonders interessant, weil ich neben Percussion auch meine ureigenen klassischen Wurzeln wie Bratsche und Klavier einsetzen konnte. Da war ich dann Multitasking-mäßig unterwegs. Neben all diesen Live-Geschichten gebe ich noch Unterricht, und aktuell arbeite ich an Percussion-Büchern für den Schott Verlag.

Lehrbücher für welche Instrumente?

„World of Percussion“ wird die Reihe heißen – Band 1 ist ein Bongo-Buch und Band 2 ein Conga-Buch. Beide befassen sich ganz bodenständig mit Basiswissen und sind daher für Anfänger konzipiert.

Darin habe ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Unterrichten verarbeitet. Es gibt ja viele Publikationen zum Thema Congas und Bongos. Werden sich deine Bücher konzeptionell von anderen unterscheiden? Beim Buch über Bongos war es mir wichtig, die Campana mit einzubeziehen; ihre Rolle wird oft verkannt.

Viele denken, Bongo ist das eine und Campana das andere.

Ellen Mayer: Im Prinzip richtig, aber in einer klassischen Salsa-Band erfüllt der Bongosero beide Funktionen. Und es war mir sehr wichtig, gezielt darauf einzugehen. Dieser Aspekt unterscheidet mein Buch wahrscheinlich von anderen Publikationen.

Darüber hinaus gehe ich auch auf die Arrangement-Strukturen in der Salsa-Musik ein. Hier muss der Bongosero eine sehr souveräne Rolle spielen, gerade was die Wechsel von Bongos zur Campana angeht und umgekehrt. Da muss man einen Plan haben über das Wann und das Warum. Die Rolle des Bongosero ist sehr entscheidend, was den Groove angeht.

Und das Conga-Buch?

Ellen Mayer: Hier geht’s um den Step-by-Step Aufbau. So wie ein Schüler in meinem Unterricht begleitet wird, bietet das Buch eine chronologische Entwicklung in Schlagtechniken und Rhythmen. Außerdem gibt es in beiden Büchern zusätzlich ein Kapitel, wo alle Rhythmen nochmals für Percussion-Ensemble arrangiert sind, mit den entsprechenden Playalongs.

Ellen Mayer wird oft als Pop-Percussionistin bezeichnet. Was heißt das eigentlich?

Ellen Mayer: Sich Song-dienlich und klanglich exklusiv in Pop-Songs zusammen mit einem Schlagzeuger einzufügen. Diese Spielweisen finde ich großartig, und außerdem gefällt mir die Musik. Ich kenne viele andere, die davon träumen, mit Jazz, Latin oder Fusion ihr Geld zu verdienen. Aber das bin ich nicht. Pop-Percussion ist mein Ding. Einen Shaker oder Schellenkranz richtig einzusetzen, das ist eine faszinierende Arbeit.

Geht es dabei um den Groove unterstützende und andererseits auch dekorative Elemente?

Ellen Mayer: Nun, ein Schellenkranz ist mehr als dekorativ. Der kann einen Song noch mal richtig nach vorne bringen. Es kommt natürlich darauf an, wo genau ich die Akzente platziere, ob reduziert auf dem Backbeat – also der Snaredrum – , oder ob ich eine eigenständige losgelöste Figur entwerfe. Übrigens hör ich mir in Sachen Pop-Percussion gerne die Live-CD von Maná mit Luis Conte an. Da sind Superideen zu entdecken.

Der Einsatz von Shakern ist ähnlich zu bewerten?

Ellen Mayer: Ich benutze ganz verschiedene Shaker – Holz, Metall, Kunststoff –, um die Grooves auch mit unterschiedlichen Sounds und Klangfarben zu kombinieren.

Was aber hat das Ganze wieder mit Kuba und Brasilien zu tun? Gibt es da rhythmische, musikalische Verknüpfungen zur Popmusik?

Ellen Mayer: Gerade wenn man Pop macht, ist es mir immer wichtig, die Wurzeln der Percussion nicht zu verlieren. Zu wissen wie ein Mosambique funktioniert oder ein Songo – das sind Grundbausteine! Sie inspirieren und schenken einem Fantasie, um auch im Pop-Kontext kreativ zu sein.

Meine Reflexionen auf traditionelle Muster passieren aber eher unbewusst. Ich denke wenig analytisch darüber nach, wie ich nun was spiele, sondern vieles kommt automatisch – aus dem Gefühl und aus dem Bauch heraus. Und trotzdem kommt das alles nicht von ungefähr, sondern alles beruht auf dem Background der alten Traditionen. Allerdings halte ich mich im Pop-Kontext wenig an Originale und versuche auch nicht, ein authentisches Bild der traditionellen Rhythmen abzuliefern.

Ich bin überhaupt keine Puristin. Der Trick liegt darin, die Tradition weiterzuentwickeln, um daraus etwas Eigenes zu kreieren. Ich mach das so, wie ich möchte, und nehme meine Freiheiten, ohne allerdings den Respekt vor der Tradition zu verlieren.

Du machst zurzeit auch einige Theaterjobs.

Ellen Mayer: Genau. Am Schauspiel Frankfurt spiel ich bei „Ronja Räubertochter“. Ich bin auch ein bisschen ein Theatermensch, und außerdem werde ich dort als Multiinstrumentalistin gefordert. Und in Mannheim am Nationaltheater spiele ich den Ballettabend „Bang On It!“ und bin Repetitorin für das Kevin O’Day Ballett.

Repetieren bedeutet, dass ich jede Woche das moderne Ballett-Training begleite. Mein Setup besteht aus Djembe, Congas, Klangblöcken, Surdo und Small Percussion. Viele Rhythmen sind ungerade, also in 13, in 7 oder in 10, und meine Aufgabe besteht darin, den dynamisch choreografischen Bogen der Übungen mitzugestalten. Ich muss sehr schnell auf den Einzähler der Ballettmeisterin und die Körperbewegungen reagieren. Nichts wiederholt sich, und das hält mich total fit.

Und neben all diesen Live-Jobs hast du auch noch eine Percussion-Schule?

Ellen Mayer: Sagen wir so: Ich unterrichte privat in meinen Räumen in Mannheim. Hinzu kommt noch eine zwölfköpfige Salsa-Band, die ich coache. Ich arrangiere die Stücke und schreibe die kompletten Notensätze – auch für die Bläser, das hält das Gehirn fit. Und alles in allem ist meine Zeit ziemlich mit Terminen zugepackt.

Du bist also überaus zufrieden mit deinem Leben als Percussionistin?

Ellen Mayer: Mehr als das! Aber man muss sich im Klaren sein, dass man als selbständige Percussionistin in der Gesellschaft nicht das große Standing wie beispielsweise ein Arzt oder ein Lehrer genießt. Trotzdem würde ich alles immer wieder so machen. Ich hatte mir das alles nicht vorgestellt und mir das auch nicht erhofft. Das Schöne dabei ist, dass jederzeit etwas Neues und Überraschendes im positiven Sinne passieren kann. Ich bin glücklich mit allem.

Das Interview stammt aus STICKS 3/2011. Ellen Mayer hat in der Zwischenzeit bereits ein 3. Percussion-Lehrbuch über das Cajon-Spiel geschrieben. Bei Interesse kannst du ihre Büche versandkostenfrei in unserem Book-Store bestellen.

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