Marilyn Mansons Beat-Master: Gil Sharone

Als Schlagzeuger der Band von US-Schock- Superstar Marilyn Manson kommt Gil Sharone eine ganz besondere Aufgabe zu: Er muss den schwierigen Spagat zwischen per Clicktrack exakt durchgetakteter Show und größtmöglicher spielerischer Flexibilität meistern, um den spontanen Richtungs-, Stimmungs- und Show-Änderungen seines eigenwilligen Arbeitgebers jederzeit gerecht zu werden.

| Matthias Mineur


Bild: Matthias Mineur

Kein leichtes Unterfangen, wie wir uns beim Soundcheck und der anschließenden Show in der Düsseldorfer Mitsubishi Electric Halle überzeugen konnten. Doch Gil Sharone ist Vollprofi und erfüllt seinen Job mit gelassener Souveränität. Wie er das macht und was ihn dazu bewogen hat, beim Metal-Exzentriker Manson anzuheuern, erzählt er in einem ausführlichen Gespräch über seine bisherige Karriere.

Interview


Gil, wie bist du in die Band von Marilyn Manson gekommen?

Gil Sharone: Ich bekam einen Anruf von Tyler Bates, dem Gitarristen und Produzenten von Marilyn Manson. Tyler ist auch ein großartiger Komponist einiger Hollywood-Fime, ein fabelhafter Musiker und Songwriter, der unter anderem auch die beiden letzten Marilyn-Manson-Alben „The Pale Emperor“ und „Heaven Upside Down“ produziert hat. Er fragte, ob ich auf „The Pale Emperor“ als Session-Musiker trommeln könnte. Session-Jobs sind bekanntlich mein täglich Brot, ich springe quasi von einer Produktion zur nächsten. Tyler war der Meinung, dass ich die perfekte Besetzung für „The Pale Emperor“ sei. Natürlich war ich interessiert. Allerdings war eine feste Mitgliedschaft in der Band zu diesem Zeitpunkt noch kein Thema. Ich sollte einfach ins Studio kommen und trommeln. Zwei Tage vor dem Studiotermin bekam ich die Songs, um mich darauf vorzubereiten, und spielte das gesamte Album an nur einem Tag ein, mit Ausnahme eines einzigen Tracks, den wir nicht mehr ganz fertiggestellt bekamen. Deshalb fuhr ich am nächsten Tag noch einmal hin. Diesmal war auch Manson im Studio. Er sah mich trommeln, hörte das Ergebnis vom Vortag und sagte zu mir: „Ich möchte dich in meiner Band haben.“ Wir hatten uns nie zuvor getroffen, aber er sah mich spielen, ihm gefiel mein Vibe, mein Feeling, ohne dass ich an einer Audition teilgenommen hatte.

Hast du spontan zugesagt?

Gil Sharone: Ich antwortete: „Als Fan deiner Musik wäre es mir eine Ehre, Teil deiner Band zu sein. Aber ich möchte mit offenen Karten spielen und nicht verheimlichen, dass ich auch in anderen Bands und Projekten involviert bin.“ Mitunter ist so etwas ja ein Ausschlusskriterium, wenn man sich auf einen Job bewirbt. Ich sagte: „Natürlich könntest du dich darauf verlassen, dass ich deine Band zu meiner absoluten Priorität mache.“ Manson war einverstanden, und so bin ich jetzt bereits seit vier Jahren dabei. Daher fühlt es sich auch überhaupt nicht wie ein Session-Job an, sondern wie eine feste Mitgliedschaft. Ich komme sehr gut mit Manson klar, er vertraut mir und verlässt sich auf der Bühne auf mich, einfach toll! Es ist wirklich eine großartige Beziehung.

Du hast auch auf dem aktuellen Album „Heaven Upside Down“ getrommelt.

Gil Sharone: Das Coole daran war, dass ich diesmal früher in den Produktionsprozess eingebunden wurde. Auf „The Pale Emperor“ kam ich erst ganz am Schluss dazu, diesmal rief mich Tyler zwischendurch immer mal an und sagte: „Bitte komm ins Studio und trommle zu einer Demoversion. Wir wollen Live-Drums zu diesem oder jenem Song hören, wir brauchen etwas mehr Energie.“ Das machte natürlich sehr viel Spaß, weil man schon früh in alles involviert war. Ich liebe diese Kooperation, und ich liebe es, mit Tyler zu arbeiten. Wir haben schon viele gemeinsame Projekte realisiert, Filmmusiken, Fernseh-Soundtracks, ich habe auf einem Werk gespielt, das Tyler für Disneyland produziert hat. Alles coole Sachen! Tyler hat kürzlich sogar etwas mit David Hasselhoff produziert, und ich habe dazu getrommelt. Es handelt sich um eine Version des David-Bowie-Songs „Heroes“, die demnächst veröffentlicht wird. Wer die Nummer hört: Das Schlagzeug stammt von mir!

Wo bist du aufgewachsen?

Gil Sharone: In Los Angeles. Kurz vor meinem 13. Geburtstag fing ich mit dem Schlagzeug an. Ich habe einen Zwillingsbruder, der mit Zwölf eine Gitarre in die Hand nahm und sofort spielen konnte. So etwas habe ich nie wieder erlebt. Eine Woche später entdeckte ich ein Drum-Set und wollte unbedingt darauf spielen. Ich nahm ein paar Sticks in die Hand, setzte mich dahinter und fing an zu trommeln. Dann konsultierten wir unsere Eltern: „Rani und ich wollen ein Schlagzeug und eine Gitarre oder einen Bass!“ Meine Eltern reagierten sensationell: Zu unserem 13. Geburtstag bekam ich ein Schlagzeug und Rani eine E-Gitarre und einen Bass. Von diesem Tag an haben wir nichts anderes mehr als Musik gemacht. Uns interessierte alles, jeder Stil, jede Musik. Noch bevor ich überhaupt eine gute Technik entwickeln konnte, lobten alle mein Feeling, egal um welche Musikrichtung es sich handelte. Ich wollte so authentisch wie möglich sein, egal ob es Metal, Funk oder Bebop war. Wir spielten Jazz- Standards und Bebop und Fusion und Funk.


Bild: Matthias Mineur

Woher bekamt ihr eure Inspirationen?

Gil Sharone: Wir hörten alles, jede Musikrichtung. Ich schaute mir Videos an, von Buddy Rich, Vinnie Colauita, Dennis Chambers, Dave Weckl, sie alle waren meine Helden. Außerdem fragte ich anderen Schlagzeugern Löcher in den Bauch. Wie ein Schwamm saugte ich alles auf. Selbst wenn es nur ein unbekannter Jazz-Drummer in einer kleinen Hotelbar war: Ich sah etwas, das mich interessierte, also wartete ich die Pause ab und fragte nach. Mein gesamtes Leben war vom riesigen Interesse am Schlagzeugspielen bestimmt.

Hattest du einen Schlagzeuglehrer?

Gil Sharone: Nein, jedenfalls keinen, zu dem ich über Jahre regelmäßig ging. Ich hatte ein paar Mentoren, bei denen ich einige Privatstunden nahm und die mich auf den Weg brachten. Aber das meiste eignete ich mir selbst an. Ich spielte, so oft es ging, entdeckte dabei die unterschiedlichsten Dinge und wurde durch meine große Liebe zur Musik angetrieben. Ich kann mich an keine Zeit meines Lebens erinnern, in der ich nicht trommelte, so dass ich schnell immer besser wurde. Meine Eltern sagten: „Du möchtest fünf Stunden lang in Ruhe gelassen werden, um zu trommeln? Nur zu, wir haben nichts dagegen.“

Welchem Musikstil gilt deine größte Liebe?

Gil Sharone: Ich habe alles gespielt, Jazz, Hip-Hop, Pop, aber am liebsten mag ich jamaikanische Musik. Reggae hat mich schon immer begeistert, Ska, Steady, Dub und Dancehall. Ich bin von dieser Musik ebenso besessen wie vom Jazz. Ich wollte alles über die Geschichte des Jazz wissen, woher er stammt: Wer ist Charlie Parker, wer ist Max Roach, wer ist John Coltrane, wer ist Wayne Shorter? Ebenso: Wer ist Ken Boothe, wer ist Alton Ellis, wer ist Bunny Wailer, wer ist Barrington Levy, wer ist Capleton? Ich war permanent auf der Suche, lernte nicht nur die Musik selbst kennen, sondern auch woher sie kommt und wie sie entstanden ist. Meine Mentoren waren nicht nur Schlagzeuger, sondern auch Saxofonisten und Bassisten. Ich lebte in Los Angeles und saugte alles in mich auf. Eigentlich wollte ich nach der Highschool nach New York, um dort Jazz zu spielen, doch es kam anders: Ich erhielt die ersten bezahlten Gigs, und als mir dann der Job bei Fishbone angeboten wurde, eine meiner Lieblingsbands und wichtigsten Einflüsse, nahm mein Leben eine totale Wendung.


mit Marilyn Manson
Heaven Upside Down
The Pale Emperor

mit Stolen Babies
Naught
There Be Squabbles Ahead
Stolen Babies (EP)

mit Puscifer
V Is For Vagina
Conditions of My Parole

The Dillinger Escape Plan – Ire Works
Morgan Heritage – Strictly Roots
OTEP – Atavist
Team Sleep – Woodstock Sessions
The Syndicate – The Syndicate
Dirty Walt – To Put It Bluntly

Soundtracks/TV-Serien
Taken, John Wick, John Wick 2,
Guardians Of The Galaxy
(Vol. 2, Disneyland Adventure),
The Punisher, Kingdom, X-Factor

DVD/Lehrbuch
Wicked Beats (Hudson Music)


Wie bist du 2007 zu Dillinger Escape Plan gekommen?

Gil Sharone: Ähnlich wie zu +44: Ich bekam einen Anruf. Sie suchten einen Schlagzeuger und hatten von einem gemeinsamen Freund den Tipp bekommen, mich zu fragen. Ich sagte zu meinem Bruder: „He Rani, weißt du wer mich angerufen hat: Dillinger Escape Plan.“ Und er: „Das musst du machen!“ Rani wusste, dass er damit wieder eine Zeitlang auf mich verzichten musste. Aber er gönnte es mir, also trommelte ich auf ihrem Album „Ire Works“. Ähnlich wie bei Manson war von Konzerten anfangs noch keine Rede. Sie sagten: „Unser Drummer hat die Band verlassen, und wir stehen kurz vor der Entscheidung, die Drums zu programmieren, was wir aber auf keinen Fall wollen.“ Sie schickten mir den ihrer Meinung nach härtesten Song der Scheibe, eine Nummer namens „Lurch“. Sie sagten: „Wenn du dieses Stück trommeln kannst, kannst du den Rest der Scheibe auch spielen.“ Als ich das Stück das erste Mal hörte, wusste ich, dass es eine Herausforderung wird, denn es war der reine Wahnsinn, das absolute Chaos, schnell, komplex. Aber ich liebe solche Herausforderungen, es ist wie Sport, zumal ich diese Sprache verstehe. Ich ging in meine Garage, probte die Nummer, rief Ben (Weinman, Gitarre; Anm. d. Verf.) und Greg (Puciato, Gesang) an und sagte: „Jungs, ich kann die Nummer spielen.“ Sie darauf: „Okay, lass mal hören!“ Ich legte den Hörer beiseite und spielte den Song zweimal: einmal schnell und einmal langsam. Als ich den Hörer wieder in die Hand nahm, hörte ich nur: „Du bist engagiert!“

2014 kam dann das bis heute andauernde Engagement bei Marilyn Manson – bei dem du, wie ich vorhin während des Soundchecks beobachten konnte, mit Clicktrack spielst. Magst du das?

Gil Sharone: Mir ist es egal, ob ich frei oder nach Click spiele. Ich mag beides. Ich bin es eh gewohnt, weil Studiosessions immer mit Clicktrack ablaufen. Bei den allerwenigstens Produktionen heißt es: „Wir machen es ohne Click.“ Auch das ist mir egal. Gestern Abend beispielsweise unterbrach Manson „Dope Show“ mitten im Song, also musste ich sofort den Click unterbrechen. Dann zählte er uns wieder ein, und ich war sofort wieder im erforderlichen Groove. Tyler Bates kam anschließend zu mir und sagte: „Unglaublich, es war kein Unterschied zu vorher!“ Ich habe automatisch das richtige Gefühl zu einem Song ...

Letzte Frage: Was genau machst du zurzeit neben der Manson Band?

Gil Sharone: Ich spiele weiterhin mit meinem Bruder bei den Stolen Babies, aber die Sache wäre nicht abendfüllend, denn so viel springt dabei nicht heraus, auch wenn ich mit voller Leidenschaft bei der Sache bin. Deswegen habe ich auch noch ein Projekt namens Team Sleep mit Chino Moreno, dem Sänger der Deftones. Wir haben 2014, bevor ich bei Manson eingestiegen bin, ein Live-Album aufgenommen, „The Team Sleep Woodstock Session“. Außerdem hat Tyler Bates, unser Produzent, ständig neue Jobs für mich. Es ist toll, denn an diesem Punkt meiner Karriere rufen mich Leute an, weil sie mich für das, was ich musikalisch verkörpere, wollen. Sie fragen nicht: „Bist du gerade zufällig in der Nähe und kannst aushelfen?“, sondern: „Wir wollen dich, egal wo du dich gerade befindest.“ Für mich sind damit ein Traum und ein Lebensziel wahrgeworden. Und noch ist es nicht zu Ende, only the sky is the limit!


Bild: Matthias Mineur

Equipment

Drums: DW Collector’s Maple Satin Gun Metal Metallic Gray w/ Black Chrome Hardware


  • 24" x 16" Bassdrums (2)

  • 10" x 8" Tom

  • 12" x 8" Tom

  • 13" x 9" Tom

  • 16" x 16" Floor-Tom

  • 18" x 16" Floor-Tom

  • 20" Bassdrum als Floor-Tom

Snaredrum: DW


  • 14" x 6,5" Stainless Steel


Cymbals: Zildjian


  • 19" K Custom Hybrid Smash Trash

  • 19" A Ultra Hammered China

  • 15" K Light Hi-Hats

  • 19" A Custom Projection crash

  • w/10" Oriental China on top

  • 24" A Medium Ride

  • 15" A Custom Mastersound Hi-Hats

  • 20" A Custom Crash

  • 19" K Custom Hybrid China

  • 17" K Custom Hybrid China

Felle: Remo


  • Snaredrum: Emperor coated/Ambassador Snare

  • Toms: Emperor clear/Ambassador Ebony

  • Bassdrums: Powerstroke 3 clear

Sticks: Vater West Side Model

Hardware: DW 9000 Series


  • Stands, Throne und Pedals

Electronics: Roland SPD-SX


Bild: Matthias Mineur


Website: gilondrums.com

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