Interview aus dem STICKS-Archiv

Roger Taylor über John Bonham, seine Schlagzeug-Sammlung & Queen

| Marcel Anders

Queen-Drummer Roger Taylor plauderte beim STICKS-Interview in London mit Marcel anders über seine musikalischen Einflüsse, seine Drumkit-Sammlung und wildes Experimentieren im Studio …

Als du mit dem Trommeln anfingst, warst du stark von John Bonham beeinflusst – genau wie Tausende von Schlagzeugern in den Mittsiebzigern ...

Roger Taylor: ... und wie heute auch noch! Diese ganzen jungen Drummer versuchen doch immer noch, seinen Sound hinzukriegen, schaffen es aber einfach nicht. (lacht) Er war ein phänomenales Talent, ein regelrechtes Tier. Ich fand ihn großartig, und tue es immer noch. Dabei war er damals in England gar nicht so angesagt. Aber für mich war er der beste Rock-Drummer aller Zeiten. Und er hat ja auch einen ganz bestimmten Stil erfunden.

Eben, weil er einen großartigen Drum-Sound hatte, und einer der schnellsten Spieler war. Also ganz einfach der Beste. Mit seiner Bassdrum hat er Sachen gemacht, die andere nicht einmal mit drei hinbekommen hätten. Er war richtig heavy. Und ich habe allein dadurch unglaublich viel gelernt, indem ich die ersten Led Zep-Alben immer wieder gehört habe.

Wobei du später alles getan hast, um von diesem offenkundigen Einfluss runterzukommen und deinen eigenen Sound zu entwickeln. Angefangen mit „A Night At The Opera“, wo du plötzlich viel eigenständiger geklungen hast.

Roger Taylor: Eigentlich hatte ich den Sound, den ich immer haben wollte, schon auf dem Album davor gefunden, nämlich auf „Sheer Heart Attack“. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich etwas Eigenständiges mache. Und das war toll.

Wonach hast du denn gesucht? Wolltest du nur von den üblichen Einflüssen runter? Also dich aus dem Schatten übermächtiger Vorbilder befreien?

Roger Taylor: Ich wollte einfach nur originell, frisch und anders klingen. Auf unserem ersten Album herrschte dieser fürchterlich trockene 70s Sound, und der wurde in genau dem Studio erfunden, in dem wir damals arbeiteten, nämlich dem Trident. Du musst dir nur „Goodbye Yellow Brick Road“, „Hunky Dory“ oder „Ziggy Stardust“ anhören.

All diese Platten, die dort entstanden sind, verwenden diesen wahnsinnig trockenen Drumsound, mit dem auch ich bei unserem allerersten Album endete. Und seitdem habe ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, und versucht, davon wegzukommen. Was gar nicht so einfach war, denn eigentlich war das genau der Sound, der damals angesagt war. Aber eben nicht der, den ich wollte.

Wie viel wildes Experimentieren fand denn damals im Studio statt?

Roger Taylor: Eine Menge! Es war sogar ein einziges großes Experimentieren! Aber keine Rumtrickserei, sondern es ging wirklich nur darum, das Instrument richtig zu tunen, es in die beste Position zu bringen und vor allem die Mikrofone richtig aufzustellen. Aber auch nicht zu viele davon. Eben, um genau die magische Balance zwischen all diesen Faktoren zu erzielen, die ja letztlich ganz simpel waren: Die richtigen Mikros, der richtige Standort und die Akustik des Raumes, den man vielleicht noch entsprechend umgestalten musste.

Obwohl: Man konnte natürlich auch andere Tricks einsetzen. Etwa indem man Sachen über einen Amp und einen Lautsprecher in einem anderen Raum wiedergab und dort aufnahm und somit dessen Akustik einsetzte, um den Aufnahmen auf dem Tape noch eine zusätzliche Dimension zu verleihen.

Wie spannend war das damals, eigenes Equipment zu entwickeln und Aufnahmetechniken auszuprobieren, die heute längst Standard sind?

Roger Taylor: Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass sie heute wirklich gängig sind. Das waren nämlich sehr interessante Zeiten, und wir haben endlos lange irgendwelche Dinge ausprobiert. Heute dagegen ist die Technologie so gut, eben mit diesem ganzen Pro-Tools-Kram, dass du beim Spielen noch nicht mal im Takt bleiben musst – selbst das bügelt die Technik aus!

Außerdem ist ja fast alles als Sample verfügbar. Und deswegen müssen die Leute auch gar nicht mehr experimentieren – schon gar nicht mit Mikrofonen und anderen organischen Dingen. Soll heißen: Obwohl man mehr Möglichkeiten zur Verfügung hat, wird nur noch ganz wenig experimentiert. Und das ist auch der Grund, warum eine Menge alter Alben viel besser klingen als die neuen. Traurig, aber wahr.

Wobei da aber auch der Zeitfaktor reinspielt. Bei „A Night At The Opera“ habt ihr ewig mit Multitracking rumgespielt, um die verschiedenen Gesangsebenen hinzubekommen. Das ließe sich heute ganz einfach hintricksen.

Roger Taylor: Ja, das war wirklich ein unheimlich kompliziertes, unheimlich nervenaufreibendes Stück Arbeit. Wir haben da eine Schicht über die andere gelegt, und zwar so lange, bis es opulent und bombastisch klang. Aber weißt du was: Es ist unmöglich, das allein mit Hilfe der Technik hinzukriegen. Das funktioniert nicht. Du brauchst all diese kleinen, feinen Nuancen, die du nur durch Tüfteln hinkriegst. So ist jeder Take allein deshalb anders, weil es eben ein anderer Take ist. Und das kannst du nicht faken. Unmöglich. Es war eine Höllenarbeit, die sehr viel Zeit kostete, sich aber letztendlich auch rentiert hat.

Wie war es dann, als ihr mit Mack im Münchner „Musicland“ gearbeitet und programmierte Sounds benutzt habt? Wie fortschrittlich ward ihr da?

Roger Taylor: Eigentlich gar nicht so sehr. Ich meine, wenn du heute darauf zurückblickst, war das gar nicht so viel Technik. Nämlich einfach nur Synthesizer, oder besser gesagt: ein Synthesizer. Und das ist wirklich nicht viel, und schon gar nichts Besonderes. Wir haben damals sehr viel mit Tape-Loops gearbeitet, was ja auch eine sehr simple Technik ist.

Wir hatten einen Fairlight, der nichts anderes ist, als der teuerste Kaffeetisch der Welt. Eben, weil er völlig nutzlos war – jedenfalls aus musikalischer Sicht. (lacht) Wir wussten einfach nichts damit anzufangen. Dabei war es ein einmaliges Teil, weil es hervorragend sampelte und man die Samples klasse bearbeiten konnte. Aber wirklich gebracht hat uns das nichts.

Wenn du dir die 80er-Jahre-Platten anhörst, die mit dem späteren Fairlight, dem Fairlight 3, entstanden, dann klingen sie unglaublich dünn, fast schon antiquiert. Demnach sind die Platten der 70er aus heutiger Sicht besser produziert, als die der 80er?

Roger Taylor: Eine Menge davon auf jeden Fall! Damals haben wir einfach eine bessere Balance gehabt, aber danach haben wir uns öfter mal zu sehr aus dem Fenster gelehnt. Das ist zumindest meine Meinung. Auf der Live-DVD findet sich auch Bonus-Material mit einer Show von der A Kind Of Magic-Tour von 1986.

Da hast du ein Yamaha-Kit mit einem Roland Octapad gespielt ...

Roger Taylor:... oh ja, stimmt! Aber da war kein Programming im Spiel. Ich habe einfach nur ein paar elektronische Drums benutzt, eben so Sachen wie dieses Octapad und ein paar Sounds angetriggert. Also reine Effects, aber auch nicht mehr. Allerdings hatte ich so eine Phase, in der ich wirklich alle neuen elektronischen Spielzeuge ausprobiert habe, die auf den Markt kamen.

Ich stand wirklich total auf diese Gadgets. Dabei fand ich elektronische Drums wie die Syndrums am Anfang, also als sie zuerst auftauchten, gar nicht so überzeugend. Vor allem den Sound der Bassdrums. Schrecklich! Aber dann hatte ich die Linn-Drum für mich entdeckt, die um Klassen besser war. Und ich habe nie begriffen, warum die Leute immer meinten, man könne da keinen menschlichen Sound rausholen. Das war völlig überzogen.

Ein Statement, das von Ignoranz und Ablehnung, aber auch von Angst zeugte. Eben, weil sie unfähig waren, sich etwas Neuem zu öffnen, und sogar meinten, es könnte sie in Zukunft sogar völlig ablösen. Was Quatsch war. Denn eigentlich war das nicht mehr als ein nettes Hilfsmittel, um den Beat zu pushen, oder ihn zu verlangsamen, oder Timing-Probleme zu korrigieren, die beim konventionellen Schlagzeug auftauchten. Da standen dir alle Möglichkeiten offen.

Und ich fand das eine tolle Sache, mit der ich gerne herumexperimentiert habe. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, das einfach zu ignorieren. Mehr noch: Ich habe es ja hinterher sogar ein bisschen übertrieben ... (lacht) ... etwa auf meinen Solo-Alben oder auf „The Works“. Hör dir nur das Stück „Machines“ an – da war wirklich alles elektronisch. Alles!

Welches Kit spielst du heute?

Roger Taylor: Eine Mischung. Wobei das Herzstück die Sleishman-Bassdrum ist. Und ich lasse mir gerade eine neue bauen, eben nach meinen Plänen – die erste und einzige Sleishman 26" Bassdrum überhaupt, die Don Sleishman freundlicherweise eigens für mich anfertigt. Ansonsten benutze ich Ludwig. Ich mische die beiden, und fühle mich damit sehr wohl. Dabei habe ich früher im Studio ausschließlich Ludwig gespielt, bis ich eines dieser australischen Sleishman-Kits entdeckte, die einen unglaublich reinen Ton besitzen. Dazu kommt ein Ludwig Speed King Pedal, und ich habe 12" und 14" Ludwig Toms sowie 16" und 18" Ludwig Floor-Toms.

Was Snaredrums betrifft, verwende ich immer noch meistens meine alte 14" x 5" Ludwig Supraphonic Snaredrum, die von 1962 stammt. Dann sind da noch die Cymbals: ein paar alte Zildjian Ks, 15" Avedis New Beat Hit-Hats, 17" und 20" K Zildjian Crash Cymbals und ein 22" K Zildjian Ride sowie ein 60" Paiste Gong. Dazu Premier CC-Sticks.

Verfügt Roger Taylor über eine große Drumkit-Sammlung?

Roger Taylor: Ich schätze, ich habe so ungefähr zehn – also nicht wahnsinnig viele. Ich habe mich über die Jahre von etlichen getrennt, weil ich sie ja nicht wirklich brauche. Schließlich spiele ich kaum noch live.

Hast du dein allererstes Kit noch bzw. kannst du dich noch erinnern?

Roger Taylor: Also, das allererste habe ich leider nicht mehr. Und das ist auch gut so. (lacht) Es war ein ganz billiges, altes Ajax-Kit, das mir mein Vater besorgt hatte. Es bestand aus einer Bassdrum, einer Snaredrum, einem Tom und einem Zildjian Cymbal. Die Hi-Hat habe ich erst zwei Jahre später bekommen, was damals völlig normal war. Es hatte ja niemand ein komplettes Drum-Kit. Dafür war nämlich kein Geld da.

Aber ich fühlte mich allein deshalb zu den Drums hingezogen, weil es mir leicht fiel, sie zu spielen. Viel leichter, als etwa die Gitarre. Bei den Drums ging es nämlich nur darum, das richtige Timing zu haben. Und das hat man – oder nicht. Hast du es nicht, wird sich das auch niemals ändern. Denn Timing ist das einzige, was man einem nicht beibringen kann.

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