Test aus dem STICKS-Archiv

LP RAW: Percussive Dynamite!

RAW ist die mit Abstand spektakulärste Percussion-News des Jahres 2016. Alles was man bisher über Percussion wusste oder zu wissen glaubte, wurde augenblicklich über den Haufen geworfen. Zumindest drängt sich ein solcher Eindruck auf bei dieser frechen, von LP entwickelten Trash Percussion Line, in der die reinste Urgewalt zu stecken scheint.

PERCUSSIV DYNAMITE
(Bild: Dieter Sorkt)

Die vom rebellischen Sound der Straße inspirierten Percussion-Instrumente verkörpern regelrecht die ungezügelte Trommel-Power, die über den rohen Asphalt donnert. RAW definiert somit eine ganz eigene Ästhetik, die sich jenseits eines gepflegten Ambientes die rohe Straße zur Bühne macht. Mit den gewaltigen, wäschetonnengleichen Street Cans, den knallenden Potz (ja, mit „z“!) und einer vom New Yorker Mülleimerdeckel zur Trash Snare mutierten Explosivtrommel vereint sich perkussives Dynamit in einem aufregenden RAW-Set.

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STREET CANS

Dies sind metallene Fässer, die sich optisch als Hybrid irgendwo zwischen Surdo, Wäschebottich und Floor-Tom ansiedeln. Auf jeden Fall verfügen sie über eine Concert-Tom-ähnliche Bauweise, da die Resonanzseiten offen sind und einen gewissen „Tonnencharakter“ offenbaren. Das ist so gewollt, schließlich soll es an die ungezügelte Rock’n’RollPower der Straße erinnern und nicht wie das heilige Wohnzimmer-Dekostück anmuten. Denn die Street Cans sind zum Draufhauen gemacht und schreien förmlich nach lautstarken Beats. Egal ob mit Drumsticks oder fetten Surdo-Schlägeln gespielt, sie lieben den mächtigen Puls massiver Grooves, die unter dem Wummern der Metallkessel in den Gehörgang jagen. Mit 14″, 16″ und 18″ Durchmesser stehen drei Street Cans zur Verfügung, die man einzeln spielen oder zu Sets kombinieren kann. Die Kessel bestehen aus Stahlblechen und verfügen über umgebördelte Kesselränder (Fellauflage) sowie über drei Kesselsicken, die zur Versteifung und damit zur Stabilität der wuchtigen Metalbodies beitragen. Drei höhenverstellbare Beine machen die Street Cans zu alternativen Floor-Toms bzw. Stand Alone Surdos. Doch im Grunde sind sie weder das eine noch das andere. Vielmehr folgen die Street Cans einer ganz eigenen Performance, nämlich der Wucht großvolumiger Kessel, einer klaren Projektion lebendiger Resonanzen und dem satten Schub kräftiger Bassbeats.

Trotz Metallkessel klingen die Street Cans erstaunlich warm. Und dank der doppellagigen Felle sind die Attacks auch noch relativ mild. Selbstverständlich lassen sich die Felle stimmen. Hierzu setzt man auf die klassische Umsetzung mit Spannring, Böckchen und Vierkantkopf-Stimmschrauben. Spielt man die Cans mit einem Surdo Beater, so spürt man regelrecht die Vibration der Kessel, während ein warmer Powersound sich raumfüllend ausbreitet. Mit Drumsticks kommt etwas mehr Attack ins Spiel, jedoch bleiben die Cans ihrem voluminös wuchtigen Druck-Sound treu und lassen keine Aggression aufkommen. Diese wird dann eher mit der Massivität der Grooves wach. Und was ein Street-Can-Trio anstellen kann, das ist wirklich körperlich spürbar und lässt in Sachen Lautstärke die Alarmglocken läuten.

Teil eines Percussive Instruments
(Bild: Dieter Stork)

POTZ

Na ja, gut, diese Teile erinnern unweigerlich an Stahlkochtöpfe. Und damit liegt man auch nicht so ganz falsch. Nur dass hier keine Kartoffeln, sondern Melodie-Grooves gekocht werden. Und zwar was das Zeug hält! Mit 4″, 6″ und 8″ Größe (Durchmesser) kommen die frechen Potz sozusagen pretuned daher und bieten nicht nur Solid Steel Bodies, sondern auch heftige Spitzmetallsounds, die wie Blitze in die Ohren fahren. Das ist unverschämt frech – genau richtig also für offensive Jams und Stage Performances, mit denen die „Kochtopfwurzeln“ so mancher Drummer durchaus humorvoll aufgegriffen werden.

Angeschweißte Halterungen ermöglichen die Befestigung an schlanken Tom-Haltern oder üblichen Haltestangen zwischen 3/8″ und 1/2″ Durchmessern. So lässt sich eine freie Anordnung wählen – ähnlich wie beim Drumset – um hier das melodiöse, solistische und sicherlich auch virtuose Spiel in den Fokus zu setzen. Angeschweißt – bzw. dem RAW-Attribut entsprechend eher angebraten –, sind auch die Böden der Potz, die nun als brettharte … nein; metallharte Spielflächen dienen. Diese meißeln sich regelrecht mit gleißender Tonalität ihren Weg durch den Raum, wobei die Intervalle zwischen den Dreien melodiös abgestimmt sind und durchaus zu virtuosen Soli oder massiven Key-Grooves einladen. Der 8″ „Pott“ bietet zudem einen kleinen Metallsteg, an dem einer der von LP entwickelten Sound Enhancer angedockt werden kann.

Sound Enhancer sind Add-ons in Form von kleinen Shaker-, Snare- und Jingle-Einheiten, die über einen MagnetClip am Spannreifen haften (siehe auch: Trash Snare). Die Sound Enhancer liegen auf der Spielflä- che auf und reagieren als passiv arbeitende Soundeffects auf die Beats. Bei der Halterung sei zu erwähnen, dass hier eine klassische „Eyebolt“ Ösenklemm-Verschraubung vorliegt. Diese jedoch hat mit dem „Spring loaded“-Feature ein Update erhalten und wurde dahingehend optimiert, dass sich die Ösenschraube nicht mehr verdrehen bzw. verkanten kann, da sie über einen seitlichen Führungsbolzen plus Druckfeder immer in der richtigen Position bleibt und damit das schnelle Andocken von Haltestangen erleichtert. Gut gedacht! Pluspunkt!

 

Ein Teil von einem Percussive
(Bild: Dieter Stork)

TRASH SNARE

Das Ding ist im wahrsten Sinne des Wortes trashy. Ein amerikanischer Mülleimerdeckel (mit Griff!) dient hier als Snaredrum Body im 14″ Flat-Kessel-Format. Die Resonanzfellseite ist durch den stylisch verbeulten Tonnendeckel verschlossen. Oben spannt sich ein klares, einschichtiges Fell über die Snare. Und beim Blick ins Innere des Trash-Bodys sieht man eine Schar Plastikperlen umherjagen, die als rauschende Sound- Adds dem Ganzen noch die Krone aufsetzen. Ob diese Trommel den Namen Snare verdient hat, sei mal dahingestellt. Auf jeden Fall ist es eine der unmöglichsten und gleichzeitig optisch spektakulärsten Trommeln, die der Szene wohl je untergekommen sind.

Gespannt wird klassisch über einen Spannring und Stimmschrauben mit Vierkantkopf. Die Konterung erfolgt mittels Konter-Rim, an dem Miniatur-Böckchen angeschweißt sind. Insofern zeigt der Trash-Kessel auch noch „Free Floating“-Eigenschaften, was aber eher konstruktionsbedingt denn klangoptimierend begründet ist. Was diese Trash Snare soundmäßig zu bieten hat, ist definitiv nicht mit einem gepflegten Backbeat einer Snaredrum zu vergleichen. Unverblümt gesagt: Das Ding macht regelecht Krach! Schließlich steht hier der Trash-Charakter im Fokus. Mit Drumsticks gespielt und bei harter Fellspannung entwickeln sich knallende und an Timbales erinnernde Akzentsounds. Hinzu kommt das dreckige Rascheln der aufspringenden Plastikkugeln, die bei jedem Beat wie kleine Springteufel über den wannenförmigen Blechboden tanzen. Um mehr den „echten“ Snare-Effekt in Szene zu setzen, ist jede Trash Snare mit dem Snare Sound Enhancer ausgestattet. Kurzerhand am Rim angedockt, drücken sich die Snare-Krallen aufs Fell und sorgen für entsprechenden Effektanteil, der allerdings recht zurückhaltend in Erscheinung tritt.

Für völlig ausgeflippte Spielweisen bzw. Performances nimmt man die Trash Snare einfach am Tonnengriff in die Hand und schwenkt oder schleudert sie umher. Jetzt läuft die innere Kugelbefüllung zur Hochform auf und je nach Bewegung des Trashbodys entstehen klatschende SchreckSounds. Zudem kann die Snare als rauschende Ocean Drum eingesetzt werden. Für die Nutzung im Drum- oder PercussionSetup bedarf es natürlich eines separaten Snare-Stativs. Die Trash Snare macht ihrem Namen alle Ehre und beweist MultisoundEigenschaften mit dreckigen bis effektvollen Charakteren zwischen timbalesker Härte, Trash Beats und spektakulärer StreetPerformance-Sounds.

Die Trash Snare
(Bild: Dieter Stork)

FAZIT

LPs RAW Instrumente sind reinster perkussiver Dynamit. Der rebellische Sound der Straße erobert die Bühne und etabliert eine Ästhetik, die den gepflegten Zustand der Schlagzeugerwelt mal eben aus den Angeln hebt. Donnernde Street Cans, mei- ßelnde Potz und eine vom Mülltonnendeckel zur Trash Snare mutierte Multisound-Trommel schreien förmlich nach der spektakulä- ren Performance. Dabei verlangt die rohe Groove-Ästhetik keine ausgefuchsten Spieltechniken. RAW ist universell und für jeden gedacht, ob Drummer, DJ, Sänger, Percussionist oder Street Performer. RAW setzt mit avantgardistischer Haltung spielerische Gesetzmäßigkeiten außer Kraft und verkörpert den Spaßfaktor einer ungezügelten Groove Power: Welcome to the RAW Universe! //

 

FACTS

Hersteller

LP

Herstellungsland

USA

Serie

RAW

 

Street Cans

Kessel

Steel Shells, 1 mm Wandstärke

Größen

14″ x 16″,

16″ x 16″,

18″ x 16″

Felle

Remo mit LP-Logo, doppellagig (Emperor clear Style)

Preise (UvP)

14″: € 282,–

16″: € 307,–

18″: ca. € 333,–

 

Potz

Kessel

mini handmade Steel Shells

Größen

4″, 6″ und 8″ Durchmesser Halterung: spring loaded Eyebolt (3/8“ – 1/2“) Special 8″ Pot mit Steg für Sound Enhancer

Preise (UvP)

4″: € 48,60

6″: € 55,20

8″: € 68,30

 

Trash Snare

Kessel

14″ Durchmesser, in Form gedrücktes Blech, Mülldeckelform mit Griff

Spannsystem

schwarzer Spannreifen mit Konter-Rim

Füllung

Plastikkugeln

Add-On

Snare Sound Enhancer inclusive

 Fell

Remo Ambassador clear Type (Made in Taiwan)

Preis (UvP)

€ 120,–

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