Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
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Classic Drummers

Kenny Clarke: Beyond Swing

 

Kenny Clarke
* 09. 01. 1914, Pittsburgh, Pennsylvania † 26. 01. 1985, Montreuil-sous-Bois, Frankreich (Bild: Timo Ickenroth)

1939 wurde die Jazzwelt vom Tod von Chick Webb, einem Verehrer von Kenny Clarkes Spiel, tragisch überrascht. Für Kenny Clarke sollte es aber eine Chance darstellen, denn die Band von Chick Webb machte unter der Leitung der jungen Sängerin Ella Fitzgerald bis 1942 weiter, und zwar mit Kenny als Ersatz für den großartigen Chick Webb.

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Danach arbeitete Kenny Clarke als Freelancer in und um New York herum und half ab und an bei Count Basie als Ersatz für Jo Jones aus. Kenny bekam dann den Tipp von „Big Sid“ Catlett, dass Jones bei Louis Armstrong aussteige, um bei Benny Goodman einzusteigen.

Clarke erkannte sofort, dass dies eine neue Herausforderung für ihn ist und bewarb sich um den Job bei Armstrong. Um nichts dem Zufall zu überlassen, ließ er sich von Catlett in die Eigenheiten Armstrongs und dessen Spiel einweisen. Armstrong war bei der Audition nicht nur von dem modernen Klang von Clarke beeindruckt, sondern auch davon, wie gut er die Musik bereits kannte. Kenny bekam den Job.

Armstrong hatte schnell einen Narren an Clarke gefressen und gab ihm den Spitznamen „Little Gizzard“. Allerdings passte Armstrongs Manager Kenny Clarkes Nase nicht, und er engagierte während einer Tour in Georgia einfach einen anderen Drummer. Louis Armstrong vergoss wohl beim letzten Auftritt mit Kenny Clarke die eine oder andere Träne.

1940 wurde Kennys Weggefährte Hill Manager in einem der angesagtesten After Hours Clubs in New York, im „Minton’s Playhouse“ im ersten Stock des Cecil Hotel in Harlem, gegründet 1938 vom Saxophonisten Henry Minton. Hierher kamen die Musiker nach ihren Gigs, um gemeinsam zu jammen und sich auszutauschen. Hill schlug Clarke vor, eine eigene Band zu gründen, mit der er dann regelmäßig im Club spielen solle. Er forderte Kenny ausdrücklich auf, mit dieser Band dann genau seinen Stil zu verwirklichen. „You play all the rebopping, boom bombs you wanna play – you can do it here“, so die Worte Hills an Kenny Clarke. Kenny formierte also eine Band mit durchaus namhaften Mitglieder: The lonious Monk am Klavier, Dizzy Gillespie und Joe Guy an der Trompete, Nick Frenton am Bass und Charlie Christian an der Gitarre.

Kenny Clarkes Combo experimentierte viel und schuf die Grundlagen für den neuen Stil im Jazz, den Bebop, ein Ausdruck, der nach dem Zweiten Weltkrieg aber erst geläufig wurde. Die Musiker selber mochten den Begriff Bebop nicht wirklich, sie wollten es allgemeiner halten und umschrieben ihre Musik schlichtweg als modern. Mit der Zeit kamen alle Drummer New Yorks wie beispielsweise Art Blakey, Max Roach, Don Lamond und Dave Tough, Musiker und wichtige Bandleader wie Benny Goodman, Duke Ellington oder Artie Shaw ins „Minton’s Playhouse“ und hörten erstaunt der Band um Kenny Clarke zu.

Der Stil der Band war zwar noch deutlich hörbar von den tanzbaren Swingrhythmen beeinflusst, aber alles war schon hektischer und schneller. Vom „Minton’s“ ging es für die Band dann in die 52nd Street mit all ihren Jazzclubs, dem Zentrum des Jazz der 30er-, 40erund 50er-Jahre, mitten in Manhattan südlich am Central Park gelegen und oft auch nur „The Street“, „Swing Street“, „The Street that never sleeps“ oder „Street of Jazz“ genannt. Ein weiterer Karrieresprung für Clarke und seine Mitstreiter.

Kenny Clarke(Bild: Timo Ickenroth)

1943 musste „Klook“ dann für einige Zeit in der US-Army dienen. Bedingt durch diesen Umstand war es ihm nicht möglich, an den ersten Aufnahmen des Bebop teilzunehmen, die von Hawkins, Parker und Gillespie eingespielt wurden. 1944 heiratete er die Sängerin Carmen McRae auf seinem Armeestützpunkt in Alabama. Die Ehe hielt bis 1956. Wie viele andere seiner Musikerkollegen hasste Kenny Clarke das Armeeleben, weshalb er sich ohne Erlaubnis für über drei Monate von seiner Einheit entfernte, um währenddessen mit Dinah Washington und Cootie Williams zu touren. 1946 wurde er dann offiziell aus der Armee entlassen, konnte sich aber mit der vorhandenen Musikerszene nicht direkt anfreunden und suchte anderweitig nach dem Sinn des Lebens. Diesen fand er im Islam, konvertierte dorthin und gab sich den Namen „Liaquat Ali Salaam“.

Allerdings behielt er dies zum größten Teil für sich und hängte es nicht an die große Glocke. Dizzy Gillespie konnte Kenny Clarke dann doch überreden, in seine neu gegründete Big Band einzusteigen – eine Big Band, die sich dem Bebop verschrieben hatte. Kenny hielt es aber nicht lange dort, er stieg aus und arbeitete wieder als Freelancer. Im Dezember 1947 kehrte er dennoch zu Gillespie zurück. 1948 ging Kenny Clarke mit Dizzy Gillespie für eine Tournee nach Europa und blieb prompt für einige Monate dort hängen. Er unterrichtete unter anderem in Paris und machte einige Aufnahmen für das Barclay-Label. Im Sommer 1948 zog es ihn wieder zurück nach New York, wo er einer der gefragtesten Drummer überhaupt wurde und mehr als genug zu tun hatte. Er spielte unzählige Aufnahmen ein, unter anderem mit Charlie Parker und mit Miles Davis das legendäre Album „Birth Of The Cool“. 1949 spielte er unter anderem in Montreal auf dem „Festival International 1949 de Jazz“.

Kenny gefiel es dort so gut, dass er direkt für mehrere Monate blieb. Ein Grund dafür könnte die aufstrebende junge Sängerin Annabelle Macaluay Allan Short gewesen sein, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Annie Ross. Kenny begann ein Verhältnis mit ihr, aus dem 1950 ihr gemeinsamer Sohn Kenny Clarke Jr. hervorging. Kenny Jr., genannt „Toby“, wuchs weit weg von Papa in Pittsburgh bei Clarkes’ Verwandtschaft auf. 1951 stieß „Klook“ zu der Band von Vibrafonist Milt Jackson, in der auch Pianist John Lewis und Bassist Ray Brown spielten, allesamt ehemalige Musiker aus der Gillespie Big Band.

Aus dem Milt Jackson Quartett wurde später dann das Modern Jazz Quartett (MJQ). Kenny blieb bis 1955, nahm zwischenzeitlich aber unter anderem auch wieder Kontakt mit Miles Davis auf. Zudem arbeitet er als Talentscout für Savoy Records (sein Jahresgehalt soll 7.000 US-Dollar betragen haben, was heute ungefähr 14.000,– Euro entsprechen würde) und nahm für das Label etliche Alben als inoffizieller Haus- und Hof-Drummer auf. Er fühlte sich im Laufe der Zeit aber immer mehr ausgebrannt. Die vielen Sessions stressten ihn, und er wurde immer unzufriedener. Da kam 1956 das Angebot von Pianist Michael LeGrand wie gerufen, einen Gig in Paris zu spielen.

Kenny Clarke(Bild: Timo Ickenroth)

Was wie ein kurzer Trip nach Europa aussah, endete als Love Affair zwischen Kenny und Paris. Eine Liebe, die bis zum Ende seines Lebens andauern sollte. Frankreich wurde seine neue Heimat, Montreuilsous-Bois, ein Vorort von Paris, sein neu er Wohnort. Sein Herkunftsland sah er nur noch als Gast. In dieser Workshop-Folge beschäftigen wir uns nun also mit etwas ganz Neuem. Wir haben New Orleans, Chicago und den Swing hinter uns gelassen, und Kenny Clarke bringt uns in eine neue Ära, den Bebop.

In dieser Zeit ist unglaublich viel frischer Wind in den Jazz gekommen. Es wurde viel experimentiert, ergründet und erprobt. Herausgekommen dabei sind einige Innovationen, die heutzutage als Standard gelten. Und Kenny Clarke war einer dieser Innovatoren für uns Drummer. Also schauen wir uns sein Spiel mal etwas genauer an.

Kenny Clarke(Bild: Timo Ickenroth)

In Beispiel 1 seht ihr einen kleinen Auszug aus dem Jazz-Standard „Epistrophy“, geschrieben von Thelonious Monk and Kenny Clarke im Jahr 1942. Dargestellt sind die ersten acht Takte des Themas. Die Bassdrum läuft im Prinzip auf den Zählzeiten „1“ und „3“ leise durch, da der Bassist „in two“ spielt, also in Halben Noten. Kenny Clarke unterstützt damit Al Hall, den Bassisten dieser Aufnahme von 1946. Das Swing-Pattern liegt in der Hi-Hat, und die linke Hand setzt leichte Akzente. Dadurch wirkt alles schon etwas unruhiger als zu Zeiten der reinen Swing-Musik.

Kenny Clarke(Bild: Timo Ickenroth)

Das Beispiel 2 zeigt acht Takte Begleitung von Kenny Clarke aus einem Trompetensolo von Fats Navarro während des Stücks „52nd Street Theme“, ebenfalls aufgenommen 1946. In Kenny Clarkes Drumming gibt es hier direkt zwei Neuerungen. Das Swing-Pattern wird, nicht wie bis dahin im Swing üblich, auf der Hi-Hat, sondern auf dem Ride-Cymbal gespielt, und die Bassdrum wird ebenso wie die Snaredrum für Comping-Figuren genutzt. Sofern die Bassdrum keine Akzente spielt, wird sie ganz leicht, kaum hörbar, in Viertelnoten durchgetreten.

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In Beispiel 3 ist ein kleines Intro von Kenny Clarke aus dem Jahr 1948 dargestellt, bevor die Band mit dem Song „Jumpin’ There (Listen Here)“ aus der Feder von Kenny Clarke selbst loslegt. Auffällig dabei ist, dass der Auftakt Kennys nicht im Tempo des eigentlichen Songs ist und auch die Taktart nicht eindeutig festgelegt wird.

In Beispiel 4 geht es auch sehr rasant zur Sache. Der Song „Doria“ von Gitarrist Charles Montaggioni, aufgenommen im Mai 1948, hat immerhin 280 bpm. Kenny Clarke begleitet das Tenorsaxofonsolo von Jean-Claude Fohrenbach auf dem Ride-Cymbal und setzt Bassdrum- und Snaredrum-Akzente an markanten Stellen als rhythmische Gegenparts zu Jean-Claudes Solo.

Beispiel 5 ist fast schon eine Rarität, da es einen kleinen Auszug aus einem Solo von Kenny Clarke darstellt. Rar deshalb, weil es nicht oft vorkam, dass Kenny solierte. Wenn er es doch tat, so meist relativ knapp und mit wenig instrumentalen Aufwand: Snaredrum, Bassdrum und vielleicht noch ein Cymbal. Mehr brauchte Kenny Clarke nicht, um ein musikalisches und mitreißendes Solo zu spielen. 
noten-2

Hier gibt’s noch mehr zu Kenny Clarke:

Kenny Clarke: Die frühe Phase

Der Drum-Stil von Kenny Clarke

Kenny Clarke in Europa

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ihr habt die unglaubliche Clarke-Boland Big Band ausgelassen, eine Band in der u.a. der junge Jiggs Wigham, später Leiter der Jazzabteilung “meiner” Hochschule in Köln, spielte.oder der wunderbare Ack van Rooyen, Albert Mangelsdorff, um nur wenige zu nennen. Besonders spektakulär Kenny’s Doppeldrumming, oft total synchron, mit seinem quasi Namensdoppelgänger, dem Briten Kenny Clare.

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