Groove des Monats!

Roland Roy Knauf: Marteria – Aliens (live)

 

Roland „Roy“ KnaufFoto: Tom Schäfer / tom.percussion@t-online.de

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Keine Frage: In Anlehnung an unsere Titelstory kommt der Groove des Monats der STICKS-Ausgabe 05/06:2018 selbstverständlich von Schlagzeuger Roy Knauf, der seit 2013 als Live-Drummer die rhythmische Sound-Architektur des deutschen Hip-Hop- Acts Marteria prägt.

„Aliens“ ist ein Track des aktuellen „Roswell“- Albums von Marteria, wobei das Gerüst auf programmierten Drums sattelt (was ja auch den schon lange anhaltenden Trend moderner Produktionen in Hip-Hop, Rap und modern urban R&B widerspiegelt). Der Fokus unseres Groove des Monats aber richtet sich auf die live gespielte Version, die vom Schlagzeug nicht nur ziemlich ausgecheckt daherkommt, sondern auch mit unfassbarer Energie getrommelt ist. Dabei reicht das Groove- Arrangement von sehr reduzierten Bassdrum-Beats bis hin zu voll gekacheltem Power- Drumming, was den Song in ein äußerst wirkungsvolles Dynamikspektrum kleidet.

Hinzu kommen in der Live-Version einige Zuspieler von der Albumproduktion – wie jene Trap- Sound-typischen flirrenden Hi-Hats, die den gesamten Drumtrack in Richtung ausgefuchstes Groove-Design lenken. Diese kleinen Sound-Adds sind ganz bewusst auch als Zuspieler eingesetzt. Warum das so gemacht wird, erklärt Roy in seinen Statements.

Marteria Album Cover

Notation

Notiert sind drei spannende Drumtrack- Passagen aus der Live-Version vom Berliner „Lollapalooza“-Festival 2017. Roy hat uns für die Transkriptionen einen Mitschnitt aus dem Mischpult zur Verfügung gestellt. Identisch gespielte Live-Versionen von „Aliens“ findet man zahlreich auf YouTube.

Beispiel 1 zeigt den Einstieg der Drums mit kurzem auftaktigem Akzent sowie den Intro- Groove, der sich auf Bassdrum und Snare beschränkt.

Beispiel 2: Besonders delikat wird der Groove in den Strophenteilen (Notation bei Textzeile „Der Typ auf der Straße hat für Schuhe keine Kohle“). Hier und da tauchen jetzt flirrende Zweiunddreßigstel- bzw. teils auch Vierundsechzeigstel-Hat-Sounds auf. Das bringt Adrenalin in den Sound, und der Groove öffnet sich.

↑ „Aliens“ ab Minute 0:41 ↑

Statement

Roy Knauf: Diese flirrenden Hi-Hats sollen den Beat nach vorne treiben. Die Hat-Figuren stammen 1:1 aus der Produktion und werden als Zuspieler hinzugefahren.

Warum spielst du die Figuren nicht live?

Roy Knauf: Würde ich die schnellen Hats aus der Produktion kopieren, dann hätte der Groove nicht diese Intensität. Also spiele ich eine Achtel-Hat-Figur mit ultraleisen Sechzehntel- Hat-Ghostings. Die Achtel sind zudem deutlich akzentuiert. Würde ich die Hi-Hat Sechzehntel-mäßig durchspielen, dann wäre es zu sehr Neo-Rock. Sie hätte zu viel Fleisch und würde den Beat bremsen. Also setz ich mich mit Achtel-Akzenten drauf plus den eher gefühlten als hörbaren Ghostings und mach quasi das Rauschen dazu, ohne dass es verfrickelt klingt. So kann das Schlagzeug sich auf den wahren Groove und den Druck konzentrieren.

Für die Live-Umsetzung musst du also die Grooves aus der Album-Produktion sehr genau analysieren und entsprechend umarbeiten?

Roy Knauf: Man kann nicht alles aus der Album-Produktion 1:1 reproduzieren und das dann live genauso spielen, wie es programmiert wurde. Gerade bei diesen schnellen Hi-Hats im Trap-Style gibt’s sehr filigran programmiertes Zeugs, was man gar nicht spielen könnte. Oder man landet ganz schnell im falschen Feel, weil man sich zu sehr um die Umsetzung der programmierten Ästhetik kümmert und dabei das Rückgrat des wirklichen Grooves nicht mehr im Blick hat. Deswegen haben wir uns im Fall von „Aliens“ dazu entschieden, die kleinen Hat-Sounds aus der Kiste kommen zu lassen, während ich mich auf das Wesentliche konzentriere: Groove und druckvolles Spiel.

Notenbeispiele

Notation

Beispiel 3 zeigt einen sehr coolen Groove- Part, in dem das von Roy zitierte ausgedünnte Bassdrum-Spiel zur Geltung kommt und regelrecht inszeniert erscheint. Zu hören bei Spielzeit 1:42 Min. Hinzu kommt ein ausgechecktes Fill, das mit Unisono-Hits auf der Snare plus rollenden Toms den nachfolgenden Strophenteil mit Energie versorgt.

Statement

Roy Knauf: Das Schlagzeug bei „Aliens“ lebt in einem weiten Spektrum zwischen ganz wenig und voller Power. Es gibt Stellen, da spiele ich nur Bassdrum, und es gibt ebenso ausgedünnte Grooves ohne Hats. Man muss Drum-Rhythmen auch ohne Hi-Hat zum Grooven bringen und das spielen, was wichtig ist. Kick und Snare müssen schieben und der Backbeat muss sitzen.

Worum geht es eigentlich im Song „Aliens“?

„Aliens“ ist ein hochaktueller Song. Wenn man die visuelle Live-Umsetzung und die Bildersprache der Texte auf sich wirken lässt, dann stecken darin kritische Auseinandersetzungen, die mit der der überfüllten Welt und auch der Flüchtlingsproblematik zu tun haben. Aber das findet auf einer zweiten metaphorischen Ebene statt. In diesem Spiel mit Bildsprache und Ebenen ist Marten richtig stark. „Aliens“ ist einer meiner liebsten Songs. Das ist live jedes Mal ein richtiges Brett und macht Riesenspaß! In diesem Sinne: Viel Spaß mit der riesigen Groove-Power von Roy Knauf, Marteria und „Aliens“!


Tom SchäferTom Schäfer ist professioneller Percussion- Player und Drummer und hat in seiner Laufbahn über 1.000 Konzerte gespielt. Er ist Autor des Fachbuchs „Hand- & Effect-Percussion“ und Produzent der DVD „Die Welt der Small Percussion“. Weiterhin ist er verantwortlich für die Percussion- Sounds der „Real Mega Drums“ Sample-Library. Zudem gastiert er regelmäßig als Workshop- Dozent bei zahlreichen Drum- und Percussion-Events. Seit der ersten Ausgabe 1988 ist Tom Schäfer für STICKS tätig.

tom.percussion@t-online.de

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