Produkt: Sticks 11-12/2019
Sticks 11-12/2019
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Interview

Aaron Thier: Superdrummer und Groove-Maschine

atFoto: Tom Schäfer

Aaron Thier – der einstige Geheimtipp aus Österreich schraubt sich in den Zenit der charismatischen Schlagzeuger unserer Zeit. So geschehen schon auf zahlreichen Drum-Festivals. Bereits der Anblick seines gewaltigen DW Double-Bassdrum-Kits lässt erahnen, dass hier Gewaltiges am Werk ist.

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Als Solo-Performer rockt Aaron wie ein symphonischer Meister. Es ist das Teufelswerk abgedrehter Oddtime-Ostinati und die Intelligenz des ihm eigenen Groove-Kosmos’. Doch diese Königsklasse ist nur der eine Aspekt seines schlagzeugerischen Charismas. Als studierter Jazz-Drummer hat er ebenfalls kommerzielle Pop-Sachen im Studio getrackt. Hört sich nach extremen Welten an? Nun, Flexibilität gehört halt zu den elementaren Grundsäulen eines freischaffenden Schlagzeugers. Da wundert es kaum, dass Aaron Thier aktuell mit der österreichischen Kultformation Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) unterwegs ist. Der gezähmte Werwolf nun als „kultivierter“ Pop-Trommler?

Aaron, deine Präsenz als Drummer scheint wie ein Phänomen. Zum einen spielst du Solo-Performances auf höchstem Niveau, du hast Jazzschlagzeug studiert und bist gleichzeitig mit unterschiedlichen Projekten zwischen Pop, Fusion und Progressive beschäftigt. Wie geht das alles zusammen?

Aaron Thier: Ich wollte mich nie auf eine Sparte festlegen und habe immer nach der Abwechslung gesucht. Unterschiedliche Styles sind mir nicht fremd. Schon in jungen Jahren habe ich alles Mögliche aufgesaugt, um mir einen Weg zu ebnen, in möglichst verschiedenen Bands zu spielen.

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Gab es die klare Entscheidung, Profi-Drummer zu werden?

Aaron Thier: Als Fünfzehnjähriger spielte ich in einer Cover-Band und konnte mein Leben damit finanzieren sowie auch das Jazzstudium. Beides waren recht konträre Welten, in denen ich mich bewegte. Auch entwickelten sich daraus weitere Projekte mit Bands. Es ist ja so, wenn du etwas machst, dann öffnet sich eine nächste Tür. So kam eins zum anderen. Zu der Zeit hatte ich auch eine eigene Band. Wir schrieben unsere Songs selbst. Das war wichtig für den kreativen Aspekt.

War der kreative Gedanke ein wichtiger Ausgangspunkt für dein Schaffen? Steckt also dort der Kern deiner Solo-Drummer-Fantasien?

Aaron Thier: Ich hatte immer Visionen und habe auch immer schon an eigenen Ideen gearbeitet, sei es an der Entwicklung spieltechnischer Fertigkeiten oder dem Aufspüren und Anlegen spannender Grooves. Das führte ganz intuitiv dazu, mich mit der Musikalität des Solodrummings zu befassen. Das alles faszinierte mich, ich war neugierig, den Dingen aufgeschlossen, und überall waren die Drummer, die ihre inspirativen Kometen auf mich abfeuerten.

Das müssen etliche gewesen sein?

Aaron Thier: Eine Menge Drummer! Darunter weniger bekannte, aber ebenso auch die berüchtigten Helden unserer Zeit, wie Ian Paice und Jeff Porcaro. Insbesondere Billy Cobham und Simon Phillips waren es, die mich stark in der „Open Handed“-Spieltechnik beeinflusst haben. Dann waren da noch Vinnie Colaiuta, Dave Weckl, Tony Williams, Elvin Jones und Jack DeJohnette. Die ganzen Alben, auf denen sie spielen, hab ich rauf und runter gehört.

Und wo wolltest du hin? Was war dein Ziel?

Aaron Thier: Als Junge träumte ich davon, einmal auf großen Bühnen spielen zu können …

… und Rockstar zu werden?

Aaron Thier: Ha, ha! (lacht) Die Messlatte hatte ich auf jeden Fall hoch angesetzt. Nein, es gab nie die Vision mit nur einer Band durchzustarten und einmal das große Ding zu landen. Dafür war meine Vorstellung von den Möglichkeiten, Musik in ihren facettenreichen Aspekten auszuloten, zu sehr ausgeprägt. Ich hatte immer den Traum, mich als Solomusiker voran zu bewegen, der dann von großen Künstlern engagiert wird. An Drum-Festivals und die ganze Workshop-Szene hatte ich damals noch gar nicht gedacht. Viel präsenter war der Gedanke, von tollen Bands gebucht zu werden, um auf die großen Bühnen zu kommen.

Gab es so etwas wie einen Wendepunkt, durch den die ganze Sache ins Rollen kam? Du bist ja vor rund zehn Jahren als die große Überraschung auf etlichen Drum-Festivals gefeiert worden?

Aaron Thier: Ein wichtiger Faktor waren meine Promotion-DVDs. Durch diese bin ich zu meinen Endorsement-Deals gekommen. Und das war schließlich die Tür zu den Drum-Festivals und Workshops. Scheinbar hatte ich mir einen Namen gemacht und wurde seit 2006 immer häufiger zu Drum-Festivals eingeladen.

Du hast alles auf eine Karte gesetzt und im Prinzip nichts anderes gemacht, als konsequent den Weg des Profi Schlagzeugers zu gehen?

Aaron Thier: Von Anfang an! Mit 15 konnte ich schon davon leben. Für mich gab’s kaum etwas neben der Trommelei.

In dem Alter gehen Jungs mit Mädchen aus. Du warst im Trommelkeller?

Aaron Thier: (lacht) Doch, Mädchen gab’s auch! Aber das Wichtigste war einfach das Schlagzeug, Grooves auschecken, an Sounds schrauben – das erfüllte mich total. Ich habe acht bis neun Stunden am Tag geübt.

Das Ergebnis daraus sind deine spektakulären Auftritte auf Drum-Festivals. Das hat dich in den Kreisen bekannt gemacht als den Superdrummer aus Österreich mit dem Riesen-Drumkit. Deine Solo-Performances leben von großer Virtuosität, Ideenreichtum und beeindruckender Spielkunst. Wie hast du das alles konzipiert? Wie groß ist die Spontaneität, und wie viel Kompositorisches steckt dahinter?

Aaron Thier: Um die 60 Prozent meiner Solo-Performances bestehen aus Improvisation. Der Rest beruht auf festgelegten Parts in Form von Ostinati, die ich eintrainiert habe. In welchem Moment ich ein bestimmtes Ostinato dann abrufe, unterliegt wiederum der improvisatorischen Freiheit. Ich gestatte mir also viel Freiraum, wobei zurechtgelegte Themen in die Dramaturgie einfließen. Der Ausdruck eines Drumsolos ist natürlich auch in der Frage des Sounds begründet. Ich arbeite zum Beispiel gerne mit einem offenen Tuning, um das Melodiespiel auf den Toms deutlicher, klangvoller und transparenter zu gestalten. Im Grunde also sind es drei Ebenen, die ich als Bogen über ein Drumsolo spanne: die Ostinati, die melodiösen Elemente und der freie Spielraum der Improvisation. Alles, was ich an Licks oder Fillins zusätzlich integriere, passiert ebenfalls spontan. Ich mag keine von A bis Z durchgestylten Drumsoli, sondern überrasche mich gerne auch mal selbst. Es ist die Kraft der Emotion, wenn es zum Showdown eines brachialen Fußostinatos kommt und plötzlich der Szenenwechsel hin zu einem luftigen Jazz-Approach für Überraschung sorgt.

Deinem Ostinato-Spiel scheint ein recht ausgefuchstes System zugrunde zu liegen. Du wechselst fließend von einem zum nächsten Pedal, es sieht ziemlich tricky aus, und die Maschinerie läuft wie geölt. Wie machst du das?

Aaron Thier: Das rein Mechanische ist gar nicht so aufregend. Es gibt zwei Bassdrum-Pedale, zwei Hi-Hats und ein fünftes Pedal, mit dem ich eine Fuß-Timbale auf der linken Seite anspiele. Mit diesen fünf Pedalen gestalte ich die rhythmische sowie auch klangliche Struktur eines Ostinatos. Und oben läuft dann mit den Händen der improvisatorische bzw. melodiöse Teil auf den Toms und Effekt-Becken drüber.

 Deine Pedal-Patterns sind ausgecheckt und letztlich in der Kombination und Abfolge ja auch konstruiert. Wie viel Mathematik steckt darin?

Aaron Thier: Ich würde eher sagen, dass die Physik ihren Anteil hat! (lacht) Eine mögliche Vorgehensweise, ein Ostinato zu entwickeln, kann so aussehen, dass ich mir zum Beispiel ein Paradiddle-Pattern vornehme – sagen wir mal in der Abfolge RRLRLRRL – dieses wiederholt sich und damit entsteht schon mal eine reine Pattern-Abfolge. Jetzt geht es darum dieses Pattern mit Sounds zu bestücken, es musikalisch interessant zu gestalten und über die Pedale aufzuteilen. Sinn der ganzen Sache ist ja, dass es nicht möglichst kompliziert ist, sondern dass es wirklich toll klingt. Nun stellt sich die Frage, wann ich mit welchem Fuß auf welches Pedal steige. Aber jetzt kommt die Physik ins Spiel, denn die Pedale sind ja ständig in Bewegung, Trittplatten und Federn haben eine eigene Schwingzeit, die ich beim OstinatoSpiel unbedingt einbeziehen muss. Denn das Schwingen eines Pedals kann durchaus gegen das Tempo eines Patterns arbeiten wenn nämlich der Schlägel blöderweise genau in dem Moment zum Fell geschwungen ist, wenn ich gerade das Pedal spielen möchte. Ergo trete ich ins Leere. In diesem Fall muss ich den Fußsatz ändern oder das Tempo variieren. Ein Pedal-Ostinato zu entwickeln, das in sich rollt, musikalisch rund und spannend ist, dahinter steckt viel Arbeit.

Deswegen hören sich deine Ostinato-Grooves auch so traumwandlerisch sicher an. Diese Spielkunst macht ein bisschen das Phänomen Aaron Thier aus, nicht wahr?

Aaron Thier: Oh, danke. Aber mit einem Ostinato hast du ja nur erst einen Teil der gesamten Rhythmik geschaffen. Denn jetzt kommt die Überlegung hinzu, was die Hände tun können. Sei es nun eine additive Figur, die sich rhythmisch mit dem Ostinato verzahnt, eine Melodie über die Toms oder vielleicht etwas Improvisatorisches. So baue ich mir dann Themen auf, die mich musikalisch fordern, aber natürlich auch schön klingen.

Das setzt eine hohe Gabe an Koordination voraus. Ist das ein leichtes Spiel oder auch harte Arbeit?

Aaron Thier: Das alles muss rein koordinativ richtig sitzen – keine Frage. Ein Ostinato darf nicht brüchig wirken. Ich habe da so meine Methode entwickelt, um das in den Griff zu kriegen, zu üben und zu checken, bis es rund läuft.

Welche denn?

Aaron Thier: Na ja, manchmal gibt’s Blockaden im Hirn, die das nicht wollen. Die – se Wege im Kopf muss man freischalten. Als Übung hierzu spiele ich das Pedal-Pattern in einem langsamen Tempo und addiere dazu auf der Snare alle Rudiments – Singles, Flams, alles, was dazu gehört. Wichtig dabei ist auch die Überkreuzung der Spielweise. Ein Ostinato beginnt mit dem rechten Fuß und das Rudiment oben startet mit der linken Hand. Diese Übungen zur Überkreuzungs-Unabhängigkeit schalten in der Regel die Blockaden im Kopf frei.

Macht das denn Spaß? Hört sich irgendwie nach Pflichterfüllung an.

Aaron Thier: Es ist eine trockene Angelegenheit, das stimmt. Aber wenn man diese speziellen Sachen wirklich spielen und sie als kreative Ausdrucksmittel musikalisch schön und rhythmisch elegant einsetzen möchte, dann kommt man um diese Art von Studien nicht herum. Diese Arbeit muss man sich wirklich reinsaugen. Eine andere Koordinationsübung, um Blockaden freizuschalten, ist auch jene, dass man einen simplen Backbeat-Groove mal open handed spielt. Sofort überkreuzt sich das System, denn jetzt führt man mit der linken Hand auf dem Hi-Hat, während die Bassdrum mit dem rechten Fuß gespielt wird. Beim Rechtshänder in der klassischen Spielweise wäre es ja so, dass er mit rechts die Bassdrum spielt und ebenso mit rechts die Hi-Hat führt. Aus dem angestammten Schema einmal auszubrechen und diese Open-handed-Überkreuz-Koordination zu checken bzw. auch mal Rudiments mit links zu beginnen – das sind wichtige Faktoren, die den gesamten Bewegungsapparat schulen und damit auch die koordinativen Fähigkeiten.

Du hast dich scheinbar mit voller Leidenschat in diese Studien reingehängt? Ein bisschen nerdy, oder?

Aaron Thier: Ein bisschen Verrücktheit gehört zum Glück dazu! (lacht) Es ist der Entdeckungsdrang in mir, die unendliche Suche nach spielerischen Möglichkeiten. Als Schlagzeuger ist man sowieso nie ausgelernt. Und den Spaß am Trommeln haben mir diese Übemethoden nie genommen. Ganz im Gegenteil. Ich fand es faszinierend festzustellen, wie man dank der eigenen Kraft und Disziplin seinen Körper formen kann. Hinzu kamen noch meine frühen Studioerfahrungen, die extrem wertvoll waren, um mich zu orientieren und spielerische Sicherheit aufzubauen.

Da ging es dann auch um Präzision und Timing. Waren deine ersten Studioerfahrungen erfüllende oder vielleicht anfänglich auch Momente der grausamen Wahrheit?

Aaron Thier: Ich hatte nie die Furcht vor dem Click. Normalerweise ist das ja der Angstgegner des Schlagzeugers. Aber zum Glück hatte ich schon sehr früh immer zum Metronom geübt, wodurch ich die Genauigkeit meines Spiels schärfen konnte. Zum Click zu spielen war für mich also nichts Ungewohntes. Es ist eine Frage, den Click auch als kommunikatives Werkzeug zu akzeptieren.

Inwieweit spielt Click-Sound eine Rolle, um den Angstgegner auszutricksen?

Aaron Thier: Das ist ein wichtiger Aspekt und keineswegs egal. Eine angenehme und dezente Cowbell mit stützendem Shaker im Hintergrund ist so ein Klassiker, der gut funktionieren kann. Manchmal wird dir im Studio aus der Regie auch irgendein perkussiver Sound angeboten. Ob das nun passt, das muss man je nach Song und Tempo einfach aufspüren. Auch die Lautstärke des Clicks ist ein wichtiger Faktor. Ich justiere das so, dass ich den Click gerade noch höre oder vielmehr spüre bzw. wahrnehme. Wenn ich ihn dann beim Spielen nicht höre, dann weiß ich, dass alles gut ist. Dann bin ich drauf. Ein Loop als Time-Referenz kann auch cool sein, weil sich manche Tracks dadurch runder anfühlen. Man wird vom Loop sozusagen mitgetragen.

Du bist Rechtshänder, Open-handed-Player und führst entsprechend mit links. Welche Vorteile in musikalischer Hinsicht verschafft dir die „Open Handed“-Technik?

Aaron Thier: Das Spielgefühl ist offener, weniger eingeschränkt, ich sitze aufrechter und die Hi-Hat klingt fetter, weil man sie anders anspielt. Denn sie ist vom Aufbau weiter unten, und man trifft die Becken automatisch mit dem Schaftteil des Sticks. Und weil ich die Hände nicht überkreuze, habe ich mit der rechten Hand einen größeren Freiraum, um die Toms anzuspielen. So sind die Wege auch kürzer. „Open Handed“-Spieler klingen etwas Hi-Hat-betonter, zumindest nach meinem Eindruck.

Bei allen Dingen hast du eine sehr präzise, feinklingende und ausgewogene Stick-Technik. Ist dies ein Resultat des Jazzstudiums?

Aaron Thier: Wohl auch, aber es kommt in erster Linie daher, dass ich in jungen Jahren irrsinnig viel Singles und Doubles und überhaupt Rudiments auf der Snare geübt habe. Gerade den Übergang von Singles zu Doubles hatte ich besonders im Fokus, denn da soll kein hörbarer Unterschied entstehen, oder zumindest darf da kein Wackler sein. Solche Dinge haben mich schlichtweg interessiert. Außerdem sind sie eine wichtige Grundsubstanz des Schlagzeugspiels. Rudimentäres Training habe ich immer schon sehr ernst genommen. Singles und Doubles – ich liebe sie – die spiele nach wie vor als Warmup-Training.

Rudiments lassen sich ja auch als musikalisch wirkungsvolle Elemente ins Spiel einbinden? Wie stehst du dazu?

Aaron Thier: Ich hatte mir schon in jungen Jahren sehr zu Herzen genommen, mit möglichst verschiedenen Stickings zu arbeiten. Und durch mein Faible für Rudiments hab ich angefangen, diese Dinge auch auf die Pedale zu übertragen. Ein Colaiuta-typisches Ding, ich bin ja auch ein großer Fan! Man kann Rudiments mit beiden Händen spielen und zwischendurch auch mal eine Note ans Pedal abgeben. Durch diese Wechsel entstehen recht filigrane Fillins, die in der Grundstruktur komplett anders klingen als ein brutal über die Toms genagelter Single Stroke.

Ein Single-Stroke-Fill klingt dafür fetter?

Aaron Thier: Mächtig und groß! Da steh ich auch drauf. Ein guter Single Stroke hat noch nie geschadet. Trotzdem zieht es mich mehr zum Filigranen.

Und dies ist weiteres Markenzeichen des Drummers Aaron Thier?

Aaron Thier: Ich wollte immer schon weg vom Standard, weg von dem, was als üblich gilt. Andersartige Schlagabfolgen musikalisch einzusetzen, die Faszination daran hat mich sehr geprägt. Durch die intelligente Nutzung von Rudiments entsteht eine oft außergewöhnliche Farbenspielerei. Hier und da kommen filigrane Hi-Hat-Fills hinzu, oder Paradiddles als Kombination aus Splash und Hat – alles wird abwechslungsreicher. Filigranität ist ein gewichtiger Teil meiner Spielweise. Man kann wohl hören, dass ich mich sehr mit rudimentärer Spieltechnik befasst habe. Ich bin ein Snare-betonter Trommler und jemand, der sehr von der Snare heraus agiert und Hi-Hat-betont spielt.

Und dafür hast du ein verdammt großes Set mit zigtausend Toms?

Aaron Thier: Viele Toms haben nichts zu tun mit Vielspielerei. Die Tom-Klänge versuche ich farbenreich in meine Licks einzubauen, wobei die rhythmischen Aktionen vorwiegend von der Snaredrum ausgehen. Aber zwischendurch auch mal das eine oder andere Monster-Fill abzuschießen kann ja nicht schaden. (lacht)

Eine Frage drängt sich ja nun regelrecht auf: Wie passt dein hohes Spielerniveau und dein Anspruch an die Schlagzeugspielerei nun zusammen mit EAV? Da kannst du doch alle Filigranität der Monster-Fills in die Tonne kloppen, oder?

Aaron Thier: (lacht) Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Als Schlagzeuger in einer Band stehe in der Verantwortung, einen guten Boden zu legen. Der Groove ist das allerwichtigste. Hier geht’s um das Transportieren von Songs. Aber auch das hat seine Herausforderung, schließlich kann ich einem Backbeat ein unterschiedliches Feel geben. Ich kann den Schwerpunkt auf die Snaredrum legen oder den Akzent mehr in die Bassdrum setzen. Bei der EAV geht es um songdienliches Spiel und Tightness im Groove, wobei auch verlangt wird, das eine oder andere witzige Fill mal rauszulassen. Weil parallel oft Sequencer- bzw. Backing-Tracks mitlaufen, werden die meisten Songs mit Click gespielt. Und hier gibt’s dann schon mal das Phänomen, dass man ein Fill spielt und dieses sich aber irgendwie langsamer anfühlt, obwohl man total auf dem Click drauf ist. In diesem Moment ist die Kunst gefragt, den Click regelrecht auszuspielen, oder besser gesagt, um ihn herum zu spielen. Gewisse Fill-ins in einem bestimmten Tempo muss man vielleicht doch etwas vorne spielen, andere wiederum eher laid-back, damit sie rund wirken. Diese Erkenntnis hatte ich aktuell bei einem EAV-Song, als verschiedene Komponenten wie Backing-Track, Click, mein Drum-Fill-in und eine bestimmte Gesangsphrasierung von Klaus Eberhartinger aufeinandertrafen. Ich war gezwungen, das Fill mit einem gewissen Timestretch um den Click herum zu spielen. Ansonsten hätte diese Stelle gehumpelt, auch wenn alles auf dem Click gewesen wäre. Solche Momente bewegen sich im Mikrotiming. Und das ist dann auch wieder eine eigene Art der Herausforderung. Mal abgesehen davon spiele ich zwischendurch gerne mal auch diese steady Pop-Nummern.

Das rhythmisch Komplexere ist aber schon eher dein Ding?

Aaron Thier: Es ist eine andere Art der Herausforderung. Aber der Reiz eines Fusion-Trios oder einer Progressive Band ist natürlich besonders groß. Von daher hab ich in dieser Richtung auch viel gemacht – sei es mit Circle Of Illusion oder dem Taucher/Wendt/Thier-Trio.

War es schwer für dich, das EAV Programm zu lernen?

Aaron Thier: Also, es war sehr kurzfristig. Die Jungs riefen mich im Dezember an wegen der „Werwolf Attacke“-Tour – ungefähr eine Woche vor Beginn der Tour-Proben. Ich hatte dann natürlich Stress, mir das ganze Zeug draufzuschaffen. Generell versuche ich dabei, Leadsheets zu vermeiden. Ohne Leadsheets kann ich freier spielen, denn wenn in der Nähe dann doch der Schummelzettel liegt, dann stört das irgendwie die Konzentration. Klassiker wie „Märchenprinz“, „Küß die Hand schöne Frau“ oder „Banküberfall“ kannte ich natürlich von früher schon. Was im Übrigen kein Zufall ist! Denn mein Vater hatte die komplette EAV Schallplattensammlung, und als kleiner Junge hab ich zu diesen Songs getrommelt. Ich kannte sie in- und auswendig. Die Geschichte ist schon witzig, dass ich jetzt am Schlagzeug bei denen sitze! (lacht)

Es war ja eins deiner Ziele, mit großen Bands zu spielen!

Aaron Thier: Ich nenne es einen „kleinen Kindheitstraum“. In gewisser Weise hat sich damit ein Kreis geschlossen.

Wie viel von deiner künstlerischen Klasse bleibt übrig in einer Band wie die EAV?

Aaron Thier: Viel! Es gibt Freiräume, und ich kann meine Sounds einsetzen.

Und du hast dein komplettes Riesen-Kit am Start?

Aaron Thier: Richtig, aber wie gesagt, ein großes Kit darf man nicht gleichsetzen mit Vielspielerei. Hier megageile Fusion-Licks anzubringen wäre ein stilistischer Fehlgriff. Es geht um steady Grooves – voll auf die Zwölf, wie man bei euch in Deutschland sagt. Es gibt Parts, in denen ich interessante Fill-ins einbringen kann oder eben verschiedene Sounds der Toms. Beim Song „Copacabana“ sind es die Mini-Timbales. Es ist eine Kunst, die sogenannten „einfachen Fills“ möglichst interessant zu gestalten oder spannend einzufärben. Und ob ich das höhere Tom mit einem Splash kombiniere oder ein tieferes Tom mit dem 16erCrash – das sind Klangfarben, die insgesamt doch eine Aussage haben. Oder auch, welches Becken ich nach einem Fill-in als Abschluss verwende – solche Detailaussagen im Sound darf man nicht unterschätzen. In vielerlei Hinsicht habe ich ein Bewusstsein für derartige Dinge schon zu meiner frühen Studiozeit entwickelt. Sparsam agieren und doch interessant bleiben, das ist mitunter ein Rezept für die Schlagzeugarbeit bei der EAV. Man darf auch nicht vergessen, dass live auf der Bühne viel drum herum passiert. Es gibt das Comic-Zeug von Thomas Spitzer, und in den Texten liegen kräftige soziale Aussagen.

Jeder Schlag ist also durchaus bewusst gemacht und auch ernst gemeint?

Aaron Thier: Auf jeden Fall! Auch vermeintlich einfache Grooves gilt es, hundertprozentig zu spielen. Man muss besonders darauf achten, dass die Spannung nie abfällt. Denn das Gefährliche bei solchen Gigs ist, dass einen die Konzentration verlässt, weil man in der Show doch recht viel tempogleiche Backbeats spielt.

Wie kannst du dagegen angehen?

Aaron Thier: Indem ich mich in die Songs einfühle und sie im Moment auch lebe. Ich will die Band tragen und sehe es als meine Aufgabe, den Musikern ein solides Fundament zu legen.

Du bist in allen Dingen sehr detailverliebt. Inwieweit trifft dies auch auf das Drum-Tuning und Drum-Sound zu?

Aaron Thier: In vollem Maße! Bei Drum-Sounds und Tuning kann ich richtig vernarrt sein. Ich hab auch eine Stimmgabel dabei im Ton A. Das ist mein Anhaltspunkt für das 14″ Tom, und von dort aus stimme ich in Intervallen die anderen Toms. Das nehme ich alles sehr genau.

Grundsätzlich stehst du auf einen offenen Sound und schwingende Kessel?

Aaron Thier: Snare und Toms sind komplett ungedämpft, und bei den Bassdrums benutze ich für das Schlagfell diese „Dave Weckl Wurst“ von Remo. Am Resonanzfell ist außen noch ein schmaler Dämpfstreifen mit Gaffer-Tape fixiert. Ganz ohne geht’s bei den Kicks nicht, zumindest nicht bei EAV.

Wenn du mal zehn Jahre zurückblickst, was hat sich an deinem Schlagzeugspiel, an deinem Touch und Approach geändert?

Aaron Thier: Veränderungen stehen im Zusammenhang mit bestimmten Projekten, und man muss das auch in einen Zeitkontext stellen. Es kommen Inspirationen hinzu, und die beeinflussen ganz intuitiv den eigenen Touch. Ich bin überzeugt davon, dass man sich aufgrund von Bands und Mitmusikern verändert.

Gab es eine wichtige Entscheidung in deiner Drummer-Karriere?

Aaron Thier: Ha! Dass ich im recht frühen Alter schon von doppellagigen Fellen zu einschichtigen gewechselt bin. (lacht) Sagen wir es mal so: Ich würde keine meiner Entscheidungen rückgängig machen!

Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ich finde Aaron sehr cool!Ich kenne ihn auch persönlich.

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