Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
STEWART COPELAND - Orchester-Rausch! +++ LUIS RIBEIRO (The World of Hans Zimmer) +++ YAMAHA Live Custom Hybrid Oak Drums +++ LP PRO Tambourines +++ K ZILDJIAN Cluster Crash Cymbals
Aus dem STICKS-Archiv!

Alex Acuña, Billy Cobham & Chester Thompson im Interview

Alex Acuña Billy Cobham Chester Thompson(Bild: Tom Schäfer)

Ihre Namen sind Referenzpunkte in Sachen High-End-Schlagzeugspiel: Die Herren Cobham, Thompson und Acuña sind Meister am Instrument, haben mit den Besten der Besten gespielt und unzählige Schlagzeuger beeinflusst. Zudem gelten sie als Legenden der amerikanischen Fusion-Jazz-Szene, eines der spannendsten musikalischen Genres mit magischen Konzerten, spektakulären Line-ups und Tonträgern mit Kultstatus.

Interview

Wenn ihr an die Zeit des Fusion-Jazz zurück denkt, dürfte es aus eurer Sicht bei einigen Produktionen bestimmt magische Momente gegeben haben, oder?

Anzeige

Chester Thompson: Oh ja! Allein die Aufnahmen zu „Black Market“ mit Weather Report bargen fast täglich solche Momente. Die werde ich nicht vergessen. Billy Cobham: Eine Geschichte, die wirklich magisch war, geschah während der Proben mit Miles Davis in der 77th Street in New York, zum Album „A Tribute To Jack Johnson“. Ich schleppte mein Zeug eine enge Treppe hoch, schnaufte durch, guckte in die Runde und sah all diese Götter: John McLaughlin! Steve Grossman! Michael Henderson! Ich dachte: Ist das wahr? Dann kam Miles und verteilte Noten, während ich mein Set aufbaute. Aber das waren keine Notenblätter! Darauf standen nur gekritzelte Folgen von Noten, keine Skalen, keine Takte, nichts! Einfach nur Noten, die wir ‚mal im Auge‘ behalten sollten, damit alle wüssten, wo’s ungefähr langgeht. Es war nichts ausnotiert! Ich dachte, ich träume!

Dann ging Miles raus und meinte, wir sollten uns bereitmachen und auf ihn warten. Michael Henderson flüsterte zu mir: „Übrigens, Billy, pass auf: Miles kann es nicht ausstehen, wenn zwischen den Aufnahmen herumgedudelt wird! Da flippt er total aus! Also sei einfach ruhig.“ Miles kam, wir jammten ein Stück, dann war Pause, Miles ging wieder raus. Wir saßen da und warteten. Irgendwann fing McLaughlin an, ganz leise eine kleine Melodie zu spielen. Nach einiger Zeit stieg Henderson ein, eine Minute später alle anderen und wir hatten einen heißen Jam am Start. Miles riss die Tür auf – schlagartig waren alle ruhig und schauten unschuldig in die Luft. (lacht) Er raunte: „Was zum Teufel macht ihr da?“ Tür zu. Schweigen.

Drei Minuten später fing McLaughlin wieder ganz leise an – ba-dum, badum, ba-dum –, und es dauerte nicht lange und Henderson stieg dazu ein. Kurz darauf waren wir alle erneut in einem heißen Jam. Der einzige, der stocksteif und still blieb, war Steve Grossman. Und wieder rauschte Miles rein, mit seiner riesigen Fliegensonnenbrille und fluchte, wir sollten gefälligst ruhig sein! Wir fühlten uns ein wenig wie ungezogene Kinder. Trotzdem: Eine Viertelstunde später fingen wir wieder an und diesmal rockten wir echt heavy! (lacht) Im nächsten Moment stürzte Miles herein, rief „Rotlicht!“, und wir waren mitten in einer Aufnahme! (lacht) So etwas hatte ich noch nie erlebt! Alles, was zuvor geübt wurde, war belanglos. Miles wollte etwas ganz Spontanes einfangen. Und er hatte uns rangekriegt! (lacht) Was ursprünglich auf zwei Tage angesetzt war, passierte alles in zwei mal 25 Minuten. Album fertig!

Chester Thompson: Wow, Mann! Er hat euch echt rangekriegt!

Billy Cobham: Kommt noch besser: Vor der Session kam Herbie Hancock vorbei mit seinem neuen Album „Fat Albert Rotunda“, das er gerade für Warner Brothers eingespielt hatte, und wollte die Scheibe stolz Miles schenken. Aber der sagte nur in seiner typischen wortkargen Art zu Herbie: „Spiel!“ (lacht) Herbie war völlig überrascht, aber Miles wusste genau, was er wollte: einen Piano-Player! Also holten sie ein völlig eingestaubtes Piano aus der Ecke, das offensichtlich seit Jahren nicht mehr gespielt und gestimmt worden war. Selbst einige Tasten gingen nicht. Und Herbie meinte völlig verzweifelt: „Hey, Miles, ich hab noch nie so ein Ding gespielt! Kann ich wenigstens kurz mal …“ – doch Miles schaute nur kurz zu ihm rüber und rief unmissverständlich: „Play!“ (lacht) Wenn du „A Tribute To Jack Johnson“ hörst, bemerkst du diese Piano-Einsprengsel, diese kryptischen kleinen Patterns. Das ist ein total eingeschüchterter Herbie Hancock! (lacht)

Alex Acuña: Als ich bei Weather Report gespielt habe, war ich ebenso schockiert, und zwar durch die Musikalität von Joe Zawinul und Wayne Shorter. Wayne war und ist mein Held, wegen seiner Kompositionen und seiner Melodien. Hör dir nur Stücke wie „Footprints“ oder „Pinocchio“ an! Ich kam zur Band, als Chester dort Drums spielte und spielte Percussion. Chester war auch derjenige, der Jaco Pastorius empfahl, als sie damals einen Bassisten suchten, da Alphonso Johnson die Band verließ. Jaco kam, aber leider ging auch Chester, und ich spielte auf einmal Schlagzeug auf „Heavy Weather“. Ich war damals noch sehr jung und lernte viel über Rhythmen und Harmonien und die Melodien des Jazz. Das war für mich eine wichtige und intensive Zeit.

Wie muss man sich die kreative Atmosphäre jener Zeit zwischen 1969 und 1979 vorstellen?

Billy Cobham: Es war eine Zeit des Übergangs. Es herrschte ein musikalisches Vakuum. Wir in New York trafen uns zum Proben in Soho, im „Baggy’s“, in der Broome Street, Ecke Greene. In dem Haus war eine Menge los – auf jeder der fünf Etagen, in jedem Loft wurde Musik gemacht! Dort hingen die angesagtesten Musiker ab, wie Wayne Shorter, Larry Coryell, die Jungs von Janis Joplins ehemaliger Band Big Brother And The Holding Company. Ich war meist mit meinem Kumpel, dem Bassisten Harvey Brooks, unterwegs und war wie alle auf der Suche nach dem heißen Scheiß von morgen. Alle experimentierten herum, New York war ein Schmelztiegel! Eine Gedankenschule! Alle versuchten, sich selbst und einen heißen Sound zu finden. Jeder wollte eine heiße Band zusammenstellen, neue Dinge ausprobieren. Dave Holland kam nach New York, Alphonse Johnson, Jack DeJohnette, Miroslav Vitous, Joe Zawinul – alle spielten unzählige Gigs.

Billy Cobham
Alle experimentierten … alle versuchten, sich selbst und einen heißen Sound zu finden. Jeder wollte eine heiße Band zusammenstellen, neue Dinge ausprobieren. (Billy Cobham) (Bild: Tom Schäfer)

Alex Acuña: Es war die Ära großartiger Künstler und Bands – alle machten spannende Musik, es gab so viele Stile und Sounds! Hör dir allein die Alben von Weather Report an: Sie klingen alle unterschiedlich! Es war eine sehr kreative Zeit. Du hast viele unterschiedliche Musiker kennengelernt, und trotz großer Virtuosität herrschte keinerlei Konkurrenz. Jeder hat jedem zugehört. Denn jeder hatte seinen eigenen Stil, seine eigene Stimme. Die Siebzigerjahre waren eine tolle Zeit.

Diese Ära hat auch Maßstäbe gesetzt, stilistisch, spieltechnisch, auch was Sounds betrifft.

Billy Cobham: Wir haben ja auch viel gemacht! Ich war andauernd unterwegs, ständig auf Achse. Ich bin damals für 15 Cent ständig mit meinem Set im Bus durch die Stadt zur nächsten Probe gefahren. Ich hatte ein Set, das ich ineinander stapeln konnte und hatte dann nur noch einen kleinen Koffer mit Ständern und Cymbals. Das war praktisch. Allerdings habe ich immer im Bus immer alle Leute angerempelt: „Ooops! Tschuldigung! Oh, tut mir leid! Autsch! Tschuldigung!“ Es war nervig, aber auch großartig! (alle lachen)

Chester Thompson: In L.A. war es nicht ganz so verrückt. Alphonso Johnson und ich waren viel gemeinsam unterwegs. Wir spielten viele Gigs zusammen, die wir von irgendeinem Management kriegten und jammten nebenbei in allen möglichen Formationen. Einige Zeit später landete ich bei Frank Zappa. Wenig später rief mich Alphonso an und meinte, ich solle mal rüberkommen, um mit Weather Report zu spielen, die suchten gerade einen Schlagzeuger. Da ich einen Gig hatte, war ich nicht so scharf da drauf und hatte erst Recht keine Lust auf eine Audition. Doch Alphonso meinte: „Quatsch, komm einfach mal vorbei und Jam mit uns.“ Ich war gerade mal ein Jahr in L.A., hatte noch nicht so viel zu tun, war nicht in der Session-Szene. Also fuhr ich hin und – verdammt – es war natürlich eine Audition! (alle lachen)

Ich setzte mich also ans Set, und sie spielten das, was ich eine Weather-Report-Ballade nennen würde. Keine Ballade immer herkömmlichen Sinn, hier ging es eher um Klanglandschaften und Atmosphären. Der andere Drummer, der vor mir dran war, konnte wirklich spielen. Aber bei dieser Ballade hatte er keinen Schimmer, was er machen sollte. Für mich war das ganz easy. Also fragten sie am Ende, ob wir uns eine Tour mit zwei Schlagzeugern vorstellen konnten. Aber das Thema hatte ich schon bei Frank Zappa durch und war echt nicht heiß drauf. Ich lehnte freundlich ab, verabschiedete mich und bedankte mich, dass ich mit den Jungs spielen durfte. Am nächsten Tag riefen sie mich an und gaben mir den Job! Ich sagte also Frank ab, denn insgeheim freute ich mich, einfach mal ein bisschen grooven zu dürfen, ganz ohne plötzliche Breaks und verrückte Tempiwechsel. Wenigstens ein paar Takte lang! (lacht)

Für mich war diese Zeit eine gute Schule. Wir haben oft intuitiv gejammt, nur mit Blickkontakt. Es passierte einfach! Wenn du für Aufnahmen im Studio warst, gab dir niemand Noten oder ein Arrangement. Es war vergleichbar mit einem Film-Soundtrack: Man beschrieb dir, was in der Szene läuft, und die sollst du dann vertonen. Frank Zappa & The Mothers Of Invention und Weather Report haben mein Leben beeinflusst, weil dort Bandleader waren, die nie etwas wiederholen wollten.

Alex Acuña: Wir übten damals für „Heavy Weather“ eine Woche lang, bevor wir ins Studio gingen. In den Proberäumen damals gab es keine Kopfhörer. Wir übten also einfach so. Als wir ins Studio gingen, probierten wir die Stücke noch mal in anderen Rhythmen und Tempi. Aber da hatte ich dann Kopfhörer auf und hörte plötzlich selbst die kleinsten Piano-Lick und die feinen Bass-Licks, die ich vorher nie mitbekommen hatte. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst: Live zu spielen ist eine Sache, im Studio dagegen eine ganz andere. Und Joe Zawinul sagte dann zu mir: „So haben wir das doch gar nicht geprobt, Alex! Aber ich mag es!“ (lacht) Und Wayne fügte hinzu: „So ist Jazz! Alles verändert sich immer – zu!“

Hattet ihr damals Zeit, um euren eigenen Stil zu finden und zu entwickeln?

Billy Cobham: Ja, denn ich hab Chester nicht zugehört! (lacht)

Chester Thompson: Nein, nein. Billy hat für uns alle den Standard gesetzt. Ich habe anfangs viel Soul und Funk gespielt bzw. „Fatback“, wie wir das damals nannten. Ich wuchs in Baltimore auf und hatte mindestens drei Jam-Sessions die Woche. Mit 15 spielte ich bereits echt harten Bebop! Ich wollte damals meinen Stil perfektionieren, etwas entwickeln. Und die meisten Gigs, die ich anfangs gespielt habe, waren mit Cover-Bands. Wir haben James Brown gespielt, Otis Redding, das ganze Motown-Zeug. Damit aufzuwachsen war eine gute Schule. Und nach Soul, R&B und Funk war der nächste Schritt, Jazz zu spielen – so frei es ging. Es geschah Schritt für Schritt.

Billy Cobham: Es ist jedoch heute noch so: Eastcoast und Westcoast haben unterschiedliche Stile entwickelt. Die Jungs von der Ostküste hatten einen aggressiveren Stil. Die Jungs von der Westküste dagegen waren eher smooth drauf. Aber egal, ob New York oder L.A.: Diese ganze Fusion-Szene war grundsätzlich sehr intellektuell. Dazu kamen die Cats aus Texas und die Jungs aus North Carolina. In St. Louis machten sie auch ihr eigenes Ding, in New Orleans ebenfalls. Und Chicago! Detroit! Nashville! Memphis! (lacht) Mann, all diese Städte waren Hot-Spots und haben tolle Musiker hervorgebracht. Ich denke, diese unterschiedlichen Umfelder haben dazu geführt, dass wir unsere Stile entwickeln konnten, je nachdem, wo wir gelebt, wen wir getroffen und mit wem wir gespielt und abgehangen haben.

Alex Acuña: Joe Zawinul war für mich ein Pionier. Die Sounds, die er an den Keyboards geschaffen hat, das sind Sounds, die heute von DJs benutzt werden. Die Dance-Szene hat viele seiner Sounds gesampelt. Nur leider wissen die meisten jungen Leute gar nicht, wo das alles herkommt. Sie kennen die Quellen nicht. Ich habe einen 15-jährigen Enkel, der Schlagzeug lernt. Als er zum ersten Mal eine DVD von Weather Report sah, sagte er: „Wow! Was ist das denn?“ Und: „Opa, haben die damals mit einem Clicktrack gespielt?“ Ich sagte: „Nein. Wie – so?“ Und er: „Das Timing ist so gut!“ Na klar: Wayne, Joe, Jaco – sie alle hatten ein tolles Timing!

Alex Acuña
Wir sind damals sehr offen und ehrlich miteinander umgegangen. Wir haben von Herzen gespielt und alles, was wir konnten, in den Moment gepackt. (Alex Acuña) (Bild: Tom Schäfer)

War euch damals klar, dass ihr Maßstäbe setzt, was Spiel und Sounds angeht?

Chester Thompson: Nein. Mir war das nicht bewusst.

Billy Cobham: Mir auch nicht. Ich hab einfach gespielt! Das kommt dir als Musiker auch gar nicht in den Sinn – es sei denn, du legst es genau darauf an. Aber dann ist es Sport und keine Musik mehr! (lacht)

Chester Thompson: Ich habe bei Weather Report gelernt, dass ich mich allein beim Zuhören völlig verlieren konnte. Ich habe zu Hause stundenlang unter Kopfhörern unsere Sessions angehört. Oh Mann, das war abgefahrenes Zeug! Ich erinnere mich daran, dass ich einmal eine regelrechte Panikattacke hatte. Ich hörte so intensiv zu, dass mir fast der Kopf explodierte, was der Schlagzeuger da spielte. Dabei war das ja ich! (lacht) Wirklich seltsam! Ich hab mich dann wieder in die Rolle des normalen Zuhörers zurückgeholt und mir geschworen, nie auf mich selbst zu achten. Denn es geht um die Musik. Als ich das verinnerlicht hatte, habe ich fortan mit einer viel größeren Gelassenheit gespielt.

Alex Acuña: Wir sind damals sehr offen und ehrlich miteinander umgegangen. Wir haben von Herzen gespielt und alles, was wir konnten, in den Moment gepackt, alles in den Song gesteckt: unsere Erfahrung, Musikalität, Technik, einfach alles. Das Wichtigste war, dass jeder die selbstlose Einstellung hatte, um die Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Der Song war der Star! Nicht wir! Es gab keine Egoprobleme, niemand spielte sich in den Vordergrund.

Bei mir war es so: Ich spürte, wie sich mein Stil langsam entwickelte. Ich mochte damals Elvin Jones, Tony Williams und Airto Moreira sehr. Wir begannen, Jazz, Latin und Samba zu mixen, da flossen meine Wurzeln mit ein. Das hat mir geholfen, meinen eigenen Stil zu finden. Außerdem hat mir mein Percussion-Spiel geholfen, denn so konnte ich mit anderen Schlagzeugern spielen und von ihnen lernen: von Billy und Chester, von Steve Gadd, Dennis Chambers und Jeff Porcaro. Percussionist zu sein ist eine tolle Übung für Drumset-Spieler, weil du die Beats anderer Schlagzeuger analysierst und gleichzeitig nach eigenen Alternativen suchst.

Angesichts so vieler hochkarätiger Besetzungen ist es bewundernswert, dass es da keine Befindlichkeiten gab.

Alex Acuña: Tja, nimm allein uns drei – wir sind noch immer Freunde. Das sagt wohl alles. Es macht uns auch heute noch Spaß, zusammen zu spielen. Ich habe vor zwei Jahren auf dem Album von Billy mitgespielt. Im Sommer will ich nach Europa kommen und zusammen mit Chester an neuen Songs arbeiten. Diese beiden spielen von Herzen und ehren die Musik. Darum geht es.

Wenn ihr zurück blickt: Hattet oder habt ihr Lieblingsbassisten?

Chester Thompson: Für mich sind das Alphonso Johnson und Abraham Laboriel. Bei den beiden passiert’s einfach. Da muss ich nicht denken.

Alex Acuña: Es sind zu viele! (lacht) Jaco Pastorius, später Abraham Laboriel und Ron Carter. Auch John Pattitucci sollte ich nicht vergessen, ebenso Brian Bromberg und John Benitez. Mit Letzterem habe ich gerade ein Album namens „Miles Espaniol“ aufgenommen, eine Verbeugung vor Miles Davis mit einem Latin-Groove.

Billy Cobham: Ich bin gesegnet, mit so vielen guten Bassisten gespielt zu haben. Sie alle haben einen Platz in meinem Herzen. Mit so guten Musikern zu arbeiten ist ein Geschenk!

Worin liegt aus eurer Sicht das Geheimnis eines guten Grooves?

Billy Cobham: In der Geduld.

Chester Thompson: Genau. Das ist etwas, was ich auch meinen Studenten sage: When the groove happens – just ride it! Versuche, nichts obendrauf zu packen! Steh ihm nicht im Weg. Spiel einfach.

Alex Acuña: Mein Geheimnis lautet, alle möglichen Stile zu hören und damit auch alle möglichen Grooves, die darin enthalten sind. Das erweitert deinen Horizont. Höre afrikanische Musik, indische, brasilianische, karibische, spanische, kubanische, argentinische, türkische und griechische – und die damit verbundenen Instrumente.

Also die Welt in sich aufnehmen, um dann den Groove herauszulassen?

Alex Acuña: Genau. Wenn du dich mit vielen Stilen auseinandersetzt, werden sie eines Tages durch dich wieder herauskommen, werden dir einen besseren Zugang zu den verschiedenen Tempi, Rhythmen und Eigenheiten ermöglichen. Ich würde jedem jungen Musiker empfehlen, früh anzufangen, sich mit den Grooves dieser Welt auseinanderzusetzen, um Musik besser zu verstehen.

Billy, du hast zahllose Clinics gespielt. Chester, du arbeitest als Dozent für Schlagzeug der Belmont University in Nashville/Tennessee. Und du Alex, an der University of California und dem Berklee College of Music. Was wollt ihr euren Studenten vermitteln, worauf legt ihr Wert?

Chester Thompson: Zunächst geht es darum, das Fundament, die Rudiments zu lernen. Dann geht es darum, all das wieder zu vergessen. (lacht) Denn danach geht es darum zuzuhören! Denn wenn du aufmerksam zuhörst, hast du keine Zeit, irgendwelchen unnötigen Unsinn zu spielen. Erinnere dich mal an deine Kindheit, wenn deine Mutter oder dein Vater bestimmt irgendwann mal zu dir sagten: „Du hörst mir gar nicht zu!“ Natürlich warst du mit deinen Gedanken gerade ganz woanders, und sie haben in dem Moment gefühlt, dass du nicht bei der Sache warst. Genau das fühlen andere Musiker auch! Deshalb vergiss nie: Musik ist eine intime Konversation! Das versuche ich meinen Studenten klarzumachen.

Chester Thompson
Wir haben oft intuitiv gejammt, nur mit Blickkontakt. Es passierte einfach! (Chester Thompson) (Bild: Tom Schäfer)

Billy Cobham: Sehr richtig, sehr richtig! Natürlich geben wir den Kids auch verrücktes Zeug zu spielen, klar. Aber der Grund warum sie dieses Zeug lernen, ist, in der Interaktion problemlos alle Techniken zur Verfügung zu haben. Ich möchte noch etwas ergänzen: Auch Persönlichkeit ist wichtig. Versuche, deine Seele zu erforschen. Versuche, dorthin zu kommen, was du mit deinem Spiel ausdrücken willst und wer du wirklich bist! Jedes Pattern, das du spielst, solltest du eine Nanosekunde lang durchdenken, bevor du es spielst. Deswegen sind manche Musiker erfolgreicher als andere: Sie wissen genau, was sie in jeder Situation spielen wollen.

Um das besser zu verstehen, sage ich meinen Studenten, ihr könnt dieses Pattern so oder so spielen, dies sind die Möglichkeiten. Und danach spiele ich es, so wie ich es tun würde. Und dann erkennen sie den Unterschied. Am Ende bitte ich sie, das Pattern auf ihre Art zu spielen. Sie sollen mir durch ihr Spiel sagen, wer sie sind. Und da sind die meisten ratlos. (lacht) Ich sage einem Schüler auch: Mach dir keine Sorgen wegen Fehlern, sie sind ist nur ein Blick in die Zukunft! Aber dafür brauchst du erst mal eine Vergangenheit. Also: Wer bist du? (lacht)

Alex Acuña: Ich bitte meine Studenten gerne mal, ein kurzes Solo aus Patterns zu spielen, die sie sicher beherrschen. Dann bitte ich sie ihr Solo ganz exakt noch einmal zu spielen. Und danach bitte ich sie, es noch einmal mit 50 Prozent weniger Lautstärke zu spielen. Mehr brauche ich oft nicht. (lacht)

Was macht ihr aktuell, welche Projekte habt ihr in der Pipeline?

Billy Cobham: Ich arbeite für zwei Internet-TV-Sender namens www.benowtv.com und www.showgo.tv, bei denen es hauptsächlich darum geht, Musiker und Künstler weltweit zu unterstützen, Netzwerke zu erstellen und dem Publikum interessante Konzerte und Shows zu bieten.

Chester Thompson: Ich habe ein kleines Trio in Nashville mit zwei jungen Typen, die eine Menge Energie haben und es anscheinend mögen, mit einem alten Kerl wie mir zu spielen. Früher am College habe ich Querflöte gespielt, das mache ich auch seit ein paar Jahren wieder verstärkt. Ich kann halt nicht singen, bin vermutlich der schlechteste Sänger auf diesem Planeten. Aber die Querflöte ist der menschlichen Stimme sehr nahe, schon allein was die Atemtechnik angeht. Das finde ich faszinierend. Da spiele ich klassische Stücke, nur für mich, zum Spaß. Und ich habe tolle Enkelkinder! Damit bin ich voll ausgelastet.

Alex Acuña: Ich mache wie immer viel Musik mit netten Menschen. Außerdem entwickele ich mit der Firma Gon Bops Percussion-Instrumente wie z. B. Congas und Cajons. Und auch ich versuche, so oft es geht bei meiner Familie zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch.


 

Equipment

Billy Cobham: Yamaha Drums, Sabian Cymbals, Evans Drumheads, Pro-Mark Sticks

Chester Thompson: DW Drums & Hardware, Sabian Cymbals, Gibraltar Hardware, Meinl Percussion, Roland Electronic Drums, Remo Drumheads, Regal Tip Sticks

Alex Acuña: DW Drums, Gon Bops Percussion, Zildjian Cymbals & Sticks


 

Essentielle Discografien

Chester ThompsonWeather Report Black Market

  • Frank Zappa & The Mothers: Roxy & Elswhere (1975)
  • Weather Report: Black Market (1976)
  • Genesis: Seconds Out (1977)
  • Genesis: Three Sides Live (1980)
  • V.A.: That’s The Way I Feel Know: A Tribute To Thelonious Monk (1986)
  • Phil Collins: Serious Hits … Live (1989)
  • Chester Thompson: A Joyful Noise (1989)
  • Weather Report: Forecast – Tomorrow (2006)
  • Chester Thompson: On The Fly (DVD, 2003)
  • Chester Thompson: Drum Talk, El Habla Tabor (DVD, mit Luis Conte, 2005)

Alex AcuñaWeather Report Heavy

  • Wheater Report: Black Market (1976)
  • Weather Report: Heavy Weather (1977)
  • Lalo Schifrin: No One Home (1979)
  • Koinonia: Frontline (1986)
  • Kazumi Watanabe: Kilowatt (1989)
  • Lindsey Buckingham: Out Of The Cradle (1992)
  • Alex Acuña And The Unknowns: Thinking Of You (1992)
  • Alex Acuña Acuarela De Tambores (2000)
  • Alex Acuña: Los Hijos del Sol: To My Country (2002)
  • Alex Acuña And The Unknowns: No Accent (2005)
  • Opeth: Heritage (2011)

Billy CobhamSpectrum 1986 Billy Cobham

  • Miles Davis: Bitches Brew (1970)
  • Miles Davis: A Tribute To Jack Johnson (1970)
  • Dreams: Dreams (1970)
  • John McLaughlin: My Goals Beyond (1971)
  • Mahavishnu Orchestra: The Inner Mounting Flame (1971)
  • George Benson: White Rabbit (1972)
  • Mahavishnu Orchestra: Birds Of Fire (1973)
  • Billy Cobham: Spectrum (1973)
  • Billy Cobham & George Duke Band: Live On Tour In Europe (1976)
  • Stanley Clarke: School Days (1976)
  • Gil Evans: Live At The Public Theater (1981)
  • Bobby And The Midnites (1981)
  • Stanley Clarke, Larry Carlton, Billy Cobham, Najee: Live At The Greek (1994)
  • James Brown: Make It Funky: The Big Payback 1971 – 1975 (1996)
  • Jazz Is Dead: Blue Light Rain (1998)
  • Billy Cobham, Ron Carter, Kenny Baron: The Art Of Three (2001)
  • Billy Cobham: Drum’n’Voice – All That Groove (2001)
  • Billy Cobham: Palindrome (2010)

Websites

www.billycobham.com
www.myspace.com/alexacunamusic
www.facebook.com/alexacunamusic
www.chesterthomspon.com


(aus STICKS 07/2012)

Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren