Produkt: Sticks 09-10/2019
Sticks 09-10/2019
FREDERIC MICHEL – Modern Pop Drummer +++ YOUTUBE-STARS: Sina Drums; COOP3RDRUMM3R +++ Rockin‘ 1000 +++ Studium an der POPAKADEMIE +++ ZULTAN Heritage Cymbals +++ PEARL Masters Maple/Gum Drums +++ ROGERS Dyna-Sonic Wood Snaredrums
Interview mit Anika Nilles

Anika Nilles über die Kunst des modernen Schlagzeugspiels

Anika Nilles gehört zu den weltweit gefeierten Top-Drummern dieser Zeit, die sich mit den million-clicks Drum-Videos ihrer ausgecheckten Kompositionen in die Herzen der Drummer-World getrommelt hat.

Anika Nilles mit Schlagzeug
(Bild: Tom Schäfer)

Ihre Grooves sind von höchstem Niveau, und die intelligenten Architekturen ihrer rhythmischen Konzepte beweisen ihr tiefgehendes Verständnis einer modernen und jungen Schlagzeugspielkunst. Ihr musikalischer Fingerabdruck zeigt sich unter anderem in einer brillanten Spieltechnik, die sie mit der Präzision einer Atomuhr aus dem Ärmel schüttelt. Und auch die kontrapunktische Dynamik eines trocken-rauen Drumsounds sorgt mit für die eigene Handschrift. Wir trafen Anika Nilles zum Gespräch über Songwriting und das Phänomen der Quintole, über die Affinität zu dunklen Becken-Sounds und ihr aktuelles Tama Star Bubinga Drumkit.

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Anika, du bist nicht nur Schlagzeugerin, sondern vielmehr auch eine profilierte Komponistin und Songwriterin. Ich habe den Eindruck, als würden all die Songs und Videos aus deiner Kreativquelle unentwegt hervorsprudeln.

Anika Nilles: Im vergangenen Herbst hatte ich eine kleine Schlagzeugspiel-Auszeit. Die freien Kapazitäten habe ich da genutzt, um mit meinem Produzenten an bereits gedrehten Videos weiter zu arbeiten. Und ich habe jede Menge Zeit ins Songwriting investiert.

Songs für deine Drum-Performances? Oder Songs für deine Band Nevell?

Anika Nilles: Grundsätzlich sind die Songs erst mal für das Schlagzeug geschrieben und rund ums Schlagzeug arrangiert. Die neuen Songs sind zunächst für die nächsten Videos geplant. Und ein neues Album könnte Ende 2018 passieren. Allerdings möchte ich auf der nächsten Platte nur Songs haben, die vorher noch nicht als Video veröffentlicht wurden. Also muss ich sehr viel komponieren – zuerst Songs für neue Videos und dann Songs fürs Album. Das heißt, es kommen jetzt viele Singles und später dann ein Album.

Wie gehst du vor, wenn du Songs schreibst?

Anika Nilles: Kompositorische Arbeiten mach ich alleine daheim. Die Grundbausteine sind dabei sehr rhythmisch orientiert, weil elementare Song- Teile immer wieder auf rhythmischen Themen aufbauen. Bei den Kompositionen für die anderen Instrumente lege ich eine grobe Richtung an. Es gibt keine ausnotierten Sheets von mir, wo alles schon fix ist. Lediglich das rhythmische Korsett ist eng geschnürt, wobei das harmonische Grundgerüst insoweit steht, dass klar ist, was im Song passieren soll. Zusammen mit meinem Gitarristen Joachim Schneiss entwickeln wir die Ideen dann weiter. Und irgendwann kommen die Jungs von der Band ins Spiel, um die Songs aufzunehmen. In Sachen Phrasierungen etc. gebe ich den Musikern genügend Freiraum, damit sie auch ihre Persönlichkeit einbringen können. Allerdings bin ich im Studio grundsätzlich dabei, wenn Dinge ausprobiert werden.

Gibt es Pläne, mit der Band Nevell auch mal vermehrt live zu spielen?

Anika Nilles: Das ist auf jeden Fall geplant. Wir wollen 2018 definitiv mehr live spielen. Da gibt’s jetzt auch schon für China eine Tourplanung, und überhaupt sind im Ausland schon einige Sachen in den Startlöchern. Das Ganze braucht ein bisschen Anlaufzeit, weil es nicht so easy ist, diese Songs, die ja vor allen Dingen in meinem Proberaum entstanden sind, dann 1:1 live zu spielen. Aber wir arbeiten durchaus zielstrebig am Feinschliff. Und das ist gerade eine gute Zeit, weil die Band auch teils umbesetzt wurde. Bass spielt jetzt Jonathan Ihlenfeld, der auch mit Trilok Gurtu arbeitet, und neu mit dabei ist auch Patrick Rugebregt aus Holland, ein fantastischer Keyboarder, der sehr fit ist im Sound-Schrauben – und im quintolischen Solieren. (lacht) Die neue Formation ist auch teils schon in die neuen Videos involviert. Für die Live-Umsetzung müssen wir allerdings einige Parts neu arrangieren, damit auch genügend Spots für die anderen Musiker da sind. Live mit Nevell halte ich mich dann auch ein bisschen zurück – jedenfalls zum Teil! (lacht)

Du bist als Schlagzeugsolo-Performerin und Masterclass Clinician in den letzten drei Jahren weltweit sehr erfolgreich geworden. Könntest du dir vorstellen, solche Drum-Performances und Workshops auch im Band-Kontext mit Nevell auf die Bühne zu bringen?

Anika Nilles: Eine Clinic ist ja ein komplett anderes Thema als ein Konzert. Das Unterrichten ist immer schon ein großer Teil von mir gewesen. Ich mach das sehr gern, und deswegen werde ich diesen Bereich auch weiterhin vorantreiben. Was ich mit der Band allerdings vermehrt machen möchte, das ist, richtige Konzerte zu spielen, auf Festivals aufzutreten etc. Das sehe ich nicht in Verbindung mit einer Drum- oder Band-Clinic. Allerdings spielen wir mit der Band auch Songs, die man von meinen Solo-Performances und aus den Drum-Clinics kennt. Hier gibt es also immer mal wieder eine Schnittmenge, und es ist nicht ganz einfach, beides völlig getrennt zu sehen oder beides geschickt miteinander zu verbinden. Ich möchte aber unbedingt, dass die Band als eigenständige Band akzeptiert wird.

Welche Art Musik beeinflusst dich als Komponistin und auch als Schlagzeugerin?

Anika Nilles: Ich bin mit dem Sound der 80er-Jahre aufgewachsen. Da war sehr viel rockiges und popiges Zeug dabei. Toto, Nick Kershaw oder auch die frühen Sachen von Michael Jackson spielen bei mir immer wieder mit rein. Dann habe ich auch die klassischen Pop-Sachen gehört wie Justin Timberlake – vor allem das erste Album. Und heute kommt dann auch die andere Ecke der instrumentalen progressiven Musik hinzu, wie z. B. der progressive Pianist Tigran Hamasyan. Auch Kneebody habe ich viel gehört, eine Band aus NY mit jazzig-instrumentalem Zeug. Überhaupt lass ich mich gerne von den Sounds instrumentaler Musik inspirieren. Das können auch ganz reduzierte Arrangements sein. Alles, was eine rhythmische Komponente hat, beeinflusst mich gerne mal in meinem eigenen Schreiben. Und das muss nicht immer mit Schlagzeug sein.

Aber es gibt doch sicherlich Drummer, die dich inspiriert und geprägt haben? Wer sind deine Favoriten?

Anika Nilles: Früher ganz klar Jeff Porcaro und JR Robinson. Auch Benny Greb hat mich mit seiner Art, Grooves zu spielen, lange Zeit sehr beindruckt. JoJo Mayer ebenso. Aber seit fünf Jahren ist für mich Chris Coleman der absolute King. Der kann einfach alles spielen! Er ist für mich jemand, der stilistisch, timingmäßig, vom Sound her und auch in der Präzision seines Spiels unfassbar gut ist. Sein Spiel und auch, wie er mit Permutations umgeht, ist genau das, was mich persönlich interessiert. Allerdings bin ich niemand, der sich Sachen 1:1 raushört und Parts dann nachspielt. Und weil ich nie versucht habe, jemanden oder etwas zu kopieren, konnte ich wahrscheinlich selber zu meinem eigenen Stil finden und meine eigenen Ideen entwickeln.

Und was ist mit Produzenten und Komponisten wie z. B. J. Dilla? Taucht er mit seinen Ideen als Einfluss in deiner Welt auf? Denn da passieren ja auch viele Sound- Elemente und Groove-Sachen wie Quintolen, Time-Stretching etc., was man auch in deinem Spiel findet?

Anika Nilles: Stimmt, aber das mit J. Dilla ging erst mal voll an mir vorbei. Den Zusammenhang habe ich erst später erkannt, als man mich drauf aufmerksam machte. Die Quintole hab ich für mich entdeckt über eine Jam mit Bassist Frank Itt. Daraufhin habe ich gezielt nach Quintolen- Sachen geforscht. Das Thema „In Between Drumming“ war für mich kein Fremdwort, aber im Hinblick auf Quintolen gab’s damals noch gar kein Material. Also hab ich das Thema selber erforscht und meinen Style darin entwickelt. Erst viel später traf ich auf J. Dilla, der sich mit ähnlichen Sounds und rhythmischen Phänomenen befasst hatte. Bei ihm war es vor allem das Stilmittel des Time-Stretchings, was beim Programming und Bearbeiten von Samples entsteht. Das nähert sich dann irgendwie einer Quintole – oder auch einer Septole – an, hat aber eigentlich nichts damit zu tun. Für mich ist eine Quintole sehr straight eine Quintole – und sehr akkurat!

Wie beschreibst du den Unterschied zwischen der Interpretation von Quintolen im Vergleich zu Fünfergruppierungen?

Anika Nilles: Beides hängt eng miteinander zusammen. Ein Sticking in fünf kannst du als Quintolen spielen oder als Fünfergruppe. Nehmen wir als Beispiel mal das Sticking RLLRR/LRRLL. Dies ist ein Fünfer-Sticking, das man als Fünfergruppe definieren kann. Spielt man solche Fünfergruppen, so verschiebt sich das pro Zählzeit bzw. pro Takt z. B. um ein Viertel oder zwei Achtel, und es wiederholt sich erst nach einigen Takten ab einer nächsten „Eins“ wieder. Und als Sechzehntel-Quintole aufgefasst wiederholt sich das immer nach einer Viertelnote. Da verschiebt sich nichts, sondern es bleibt immer im Puls. Dasselbe wäre bei einer Dreiergruppe mit einem Sticking wie RLL, RLL, RLL usw. Spielst du diese Figur triolisch, dann verschiebt sich nichts und der Schwerpunkt bleibt immer auf rechts. Wenn du diese Dreiergruppe jedoch über zum Beispiel eine Sechzehntel-Quintole stülpst, dann ergibt sich eine Verschiebung im Verhältnis zum Puls. Betonst du dann jeden dritten Schlag, dann wird eine Gruppierung erkennbar – in diesem Fall eine Dreiergruppe, die sich in Relation zur quintolischen Basis immer weiter verschiebt, bis sich nach drei Takten die Dreiergruppe und die Quintole wieder auf der gemeinsamen „Eins“ treffen. Wenn man das System einmal verstanden hat, dann ist es total logisch und – wie so immer im Leben – total easy! (lacht)

Anika Nilles mit Schlagzeug
(Bild: Tom Schäfer)

Hat es dich eigentlich mal interessiert, Schlagzeug für einen großen Popstar zu spielen?

Anika Nilles: Klar! Ich würde lügen, wenn es nicht so wäre. Ich bin ja an die Popakademie gegangen, weil ich dachte, es ist die richtige Adresse, um irgendwann mal an einen coolen Gig zu kommen oder tourmäßig für jemanden zu spielen. Nur hat sich das bei mir durch die Videos und YouTube direkt in eine ganz andere Richtung entwickelt. Das war etwas Ungeplantes, was einfach passiert ist. Ich stellte fest, dass dieser kreative Bereich mit Clinics und Drum-Performances sehr gut zu mir passt, weil ich einfach auch gerne unterrichte. So bin ich immer mehr weggekommen von dem Gedanken, dass ich für einen größeren Artist Schlagzeug spielen könnte. Was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe, das hat sehr viel Zeit gekostet und viel Energie. Und es wär schade, das jetzt auf Eis zu legen. Da hängt zu viel Herzblut drin, und ich kümmere mich lieber um mein eigenes Zeug. Das soll aber nicht ausschließen, dass ich trotzdem mal eine Tour für jemanden spiele.

Und wer würde dich interessieren … wenn?

Anika Nilles: John Mayer finde ich sehr, sehr cool. Das wäre jemand, da würde ich sofort ja sagen. Das ist sehr reduziert gespielt, da gibt’s kein Geschnörksel, das ist sehr Groove-lastig, und das wär genau meins.

Du hast eine unvergleichliche Karriere als Schlagzeugerin hingelegt mit weltweiten Auftritten und somit das erreicht, wovon viele nur träumen. Worin bestehen jetzt noch die großen Herausforderungen?

Anika Nilles: Für mich ist jedes Konzert und jede Drum-Clinic eine große Herausforderung. Jeder Tag ist anders. Gerade im Clinic-Business-Alltag ist es ja nicht so, als wärst du mit einer Band auf Tour, wo dein Set schön eingecased ist und der Ablauf jeden Tag gleich ist. Bei Clinics hast du ständig ein anderes Set und ständig andere Leute, die das für dich an dem Tag organisieren. Und auch spielerisch ist jeder Tag eine Herausforderung, denn ich bin niemand, der jeden Tag auf demselben Level spielt. Manchmal muss ich mich entspannen, weil ich nervös bin, manchmal hochputschen, um die Energie aufzubauen. Wenn man ein Spieler ist, der diese Ups und Downs hat, dann hat man auch die Chance, dass es wirklich mal zu was richtig Großem auf der Bühne kommen kann, was man nicht planen kann, was man nicht geübt hat, was einfach an diesem Tag passiert und du dann plötzlich Megagig spielst. Dazu aber muss man auch Tiefs in Kauf nehmen. Und auch die Welt der Drum-Videos ist für mich eine große Herausforderung, weil ich mir etwas aufgebaut habe, das ich weiterentwickeln möchte. Ich muss mich entscheiden, welche Türe ich öffne, um neue Dinge zu erschließen.

Hast du schon mal die falsche Tür aufgemacht?

Anika Nilles: Ich habe nie bereut, eine Tür geöffnet zu haben. Im Gegenteil: Je mehr Türen man aufmacht, umso mehr erkennt man, wie viele tausend Türen es dahinter noch gibt!


Equipment

Drums: Tama Star Bubinga

  • (Orange Sparkle Finish)
  • 20″ x 15″ Bassdrum
  • 12″ x 9″ Tom
  • 10″ x 8″ Tom
  • 16″ x 15″ Floor-Tom

Snaredrum: Tama

  • 14″ x 8″ SLP Big Black Steel Snare

Cymbals: Meinl

  • 16″ Byzance Extra Dry Medium Thin Hi-Hat (Main)
  • 18″ Artist Concept Model Anika Nilles Deep Hat (2nd)
  • 20″ Byzance Extra Dry Thin Crash
  • 24″ Byzance Extra Dry R&D Ride (Prototyp)
  • 22″ Byzance Vintage Crash Ride (rechts)

Felle: Evans

  • Snaredrum: Onyx (black)
  • Toms: G2 coated
  • Bassdrum: EMAD Heavyweight

Drumsticks: Vic Firth

  • American Sound AS7A

Percussion Effects:

  • Glockenrassel
  • Holzschalenrassel

Anika, du hast ein flammneues Tama Star Bubinga Kit am Start. Worin besteht der persönliche „Anika Nilles Touch“?

Anika Nilles: Die besondere Note ist das „Orange Sparkle“-Finish – eine Farbe, die es offiziell nicht gibt. Ich hatte jahrelang ein weißes Set, davor ein schwarzes Schlagzeug, und ich wollte einfach mal eine Farbe haben. (lacht) Orange passt eigentlich gut zu mir! Eine weitere persönliche Spezifikation ist die Kick mit einer Sondergröße von 20″ x 15″ statt 20″ x 14″. Mir fehlte bei der 14 Zoll tiefen Bassdrum immer etwas an Tiefe im Sound. Das eine Zoll zusätzlich mach echt was an Mehrvolumen aus.

Anika Nilles mit Schlagzeug
(Bild: Tom Schäfer)

Zusammen mit Meinl hast du eine sehr eigen klingende Signature Hi-Hat entwickelt – die 18″ Artist Concept Deep Hat mit hörenswertem Trash-Faktor. Welche Intention steckt dahinter?

Anika Nilles: Die Deep Hat war von vorne herein als 2nd Hat und klangliche Alternative zu meiner Regular Hat geplant. Ich habe vor allem an der Konstellation der Becken und dem Sound des „Deep Hat“-Konzepts lange getüftelt. Mein Ziel war es, eine 2nd Hat zu kreieren, die total anders klingt als meine Main-Hat. Sie sollte voluminöser sein und trashiger klingen, aber gleichzeitig noch die Funktion einer herkömmlichen Hi-Hat besitzen. Da ich ja schon große 16″ Cymbals als Main Hi-Hats spiele, war klar, dass es kleiner als 16″ nicht geht. Daher habe ich mit 18″ Größen angefangen und verschiedene „Dry“-Modelle sowie auch brillante Becken probiert. Bei den 20″-Größen stellte ich fest, dass sie einfach zu mächtig und schwer zu kontrollieren waren. Auch Stacks tauchten in der Probierphase auf, aber letztlich bin ich zu den 18ern gekommen, mit einer Kombination aus Trash und Thin Crash, weil mir der dunkle und dreckige Sound zusagte. Die „Deep Hat“ besteht also aus einem 18er Thin Crash Bottom und einem 18er Trash Crash als Top-Cymbal.

Die „Deep Hat“ ist allerdings keine Remotebzw. Pedal-Hat, sondern auf einem X-Arm montiert. Du musst dich also auf einen bestimmten Andruck der Becken und entsprechend auf einen Sound festlegen. Oder kannst du das „unterwegs“ mal eben variieren und ändern?

Anika Nilles: Ich muss mir vorher überlegen, welchen Hat-Sound ich im Song haben möchte – ob offen und laut oder leiser und geschlossen. Aber mit ein, zwei Drehungen unten am Halter kann ich das schnell regulieren. Wenn ich die beiden Becken fest aneinander schraube, entsteht ein trockener und klarer Sound, der sehr viel mehr Tiefe, Volumen und Größe besitzt als meine reguläre Hi-Hat links – ein schöner Kontrast! Je weiter ich die Becken öffne, desto mehr tendiert der Sound in Richtung China-Charakter.

Wann und wie setzt du die „Deep Hat“ ein?

Anika Nilles: Sie ist ziemlich vielfältig in ihrer Soundrange und reizvoll für Akzente, kontrastreiche Phrasierungen oder Klangexperimente. Bei Balladen spiel ich sie zum Beispiel komplett offen und man meint „… hä? Geht das überhaupt?“ (lacht) Aber dadurch, dass es zwei aufeinander liegende Crashes sind, ist der Sound eher weich und lang klingend. Bei langsamen, tragenden Songs klingt die „Deep Hat“ sehr raumfüllend.

Zusätzlich hast du noch diverse Percussion-Effekte auf beiden Hi-Hats liegen – Glockenrasseln, Holzschalenrasseln?

Anika Nilles: Bei diesen Dingen geht’s mir explizit um reine Sound-Effekte, und da gibt es verschiedene Percussion-Instrumente, mit denen ich experimentiere. Für einen komplett toten Hat- Sound lege ich auch schon mal ein Tambourine drauf. Das sind wechselnde Spielereien.

Schlagzeug
(Bild: Tom Schäfer)

Du scheinst im Allgemeinen auf trockene Becken-Sounds zu stehen?

Anika Nilles: Ich würde sogar sagen, dass mein gesamter Drumsound recht trocken ist …

… also weg von Glanz und Brillanz. Gibt es dafür einen Grund?

Anika Nilles: Ich stehe deshalb auf trocken klingende Becken, weil sie sehr klar sind vom Anschlag her und vom Ton. Obertongeschichten und brillante Becken sind einfach nicht mein Ding. Aber das ist alles eine krasse Geschmacksfrage. Je nach Situation brauche ich ab und zu natürlich auch mal etwas brillantere Cymbal-Sounds, deswegen mische ich hin und wieder ein paar hellere Sounds drunter. Aber meine Hauptbecken, die ich ständig in Betrieb habe – wie Ride und Hat –, sind dunkle Becken. Sie sind vom Charakter nicht nur dunkler und trockener angelegt, sondern klingen in meinen Ohren auch präziser im Anschlag. Selbst bei schnellen Tempi höre ich jeden Schlag. Das ist mir sehr wichtig. Man könnte jetzt sagen, dass brillante und dicke Becken einen ähnlichen Effekt des Anschlags und genauen Tons haben. Aber ich stehe auch nicht auf dicke Becken. (lacht) Ich mag es, wenn ein Becken lebt, wenn es arbeitet und schwingt wie ein Fell. Bei dickeren Becken habe ich immer das Gefühl, gegen einen toten Gegenstand zu hauen. Daher fühle ich mich mit diesen Byzance Dark Cymbals sehr daheim. Und sie passen einfach gut zu meinem gesamten Drumsound: fett, dunkel, wuchtig – sicherlich eins meiner Markenzeichen …

… und eine deutliche „Anika Nilles Handschrift“. Es sind Sounds, die an programmierten Kram, aber auch an modern R&B/Pop angelehnt sind. Auch deine 8″ tiefe Tama SLP Snare klingt wie eine runtergepitchte modern R&B Snare.

Anika Nilles: Das ist ein Snare-Sound, den ich sehr mag und der mich schon lange begleitet hat – noch bevor das losging mit meiner YouTube-Karriere. Damals habe ich viele Danceund Disco-Sachen gespielt. Ich wollte eine Snare, die vom Sound elektrisch angehaucht ist, aber ich wollte diesen Sound ohne Trigger und ohne elektrische Zufuhr hinbekommen. Also habe ich in dieser Richtung viel geschraubt und ausprobiert. Allerdings kommen bei mir auch gerne mal höher gepitchte Snares vor. Unterschiedliche Snare-Sounds sorgen für Inspiration.

Schlagzeug
(Bild: Tom Schäfer)

Lass uns mal über deinen Set-Aufbau reden. Auffällig ist die Anordnung der Toms vom 12er über das 10er hin zum 16″ Floor-Tom. Warum diese verdrehte Reihenfolge?

Anika Nilles: Das kommt daher, dass ich lange Zeit ein ganz kleines Set mit 12″ Tom und 16″ Floor-Tom gespielt habe. Ich hatte kein zweites Rack-Tom und auch kein zweites Floor-Tom. Irgendwann wurde das Set jedoch größer, und es kam auch ein 10″ Tom hinzu. Nur fand ich es komisch, ein 10er Tom direkt vor mir zu haben. Also habe ich 12″ und 10″ in der Reihe einfach getauscht. Das hat sich für mich direkt besser angefühlt! (lacht) Und es klingt ja auch anders, wenn man zum Beispiel Fills spielt – so klassisch von links nach rechts. Dadurch entwickelt sich eine andere Melodie, und es hört sich manchmal nach einem echt krassen Fill an. Das ist sicherlich ein schöner Effekt, aber nicht der Grund für diesen Aufbau. Begleitend kommt hinzu, dass ich das 10″ Tom näher an mich heranziehen kann, so dass auch das Ride-Cymbal näher kommen kann. Ich mag es, alles ganz eng stehen zu haben.

Ein besonderes Merkmal deines Set-Aufbaus sind die geneigten Cymbals, die von dir weggewinkelt sind. Warum ist das so?

Anika Nilles: Jahrelang waren meine Becken fast waagerecht positioniert, und ich hab mich auch jahrelang ständig verletzt, weil ich irgendwo hängen geblieben bin. Also musste ich etwas ändern. Die Becken höher hängen wollte ich nicht, weil ich dann mit größeren und ausholenderen Armbewegungen spielen müsste. Inspiriert durch ein Foto des Drumsets von Chris Coleman kam ich auf die Idee, die Becken von mir weg zu winkeln. Dadurch kann ich die Becken anders anschlagen und bin mit meinen Händen weit weg von allen Gefahrenstellen, bei denen ich mich vorher verletzt hatte. Ein weiter Vorteil ist, dass ich die Becken besser kontrollieren kann. Beim Anspielen drück ich sie ja quasi runter, während der Stick und meine Hand in der Bewegung parallel laufen. Früher hatten sich die Becken gegen meine Bewegung aufgeschaukelt und gedreht. Aber mit der gewinkelten Position kann ich die Becken super kontrollieren.

Produkt: Sticks 09-10/2019
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