CLASSIC DRUMMERS

Antonio Sbarbaro aka Tony Spargo: Der erste Jazz-Drummer

Dieses Mal möchte ich einen Schlagzeuger vorstellen, der weniger durch sein innovatives Spiel Einzug in die Jazzgeschichte gefunden hat, sondern vielmehr dadurch, dass er der erste Drummer überhaupt war, der jemals auf einem Tonträger mit Jazzmusik zu hören war und mit seiner Original Dixieland Jazz Band, der wichtigsten weißen Combo des frühen Jazz, den Begriff „Jazz“ in der Welt populär machte.

spargo

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Tony Spargos Drumming wurde und wird immer noch sehr mit den Traditionen des frühen New Orleans- und Chicago-Jazz assoziiert. Sein Spiel unterschied sich aber deutlich von dem des Durchschnitts-New-Orleans-Drummer. Seine Ursprünge lagen mehr im Ragtime und in der Tradition von Zirkus-Bands. Dies äußerte sich dann darin, dass er viel mehr Wert auf eine gute Show legte und viel improvisierte, für damalige Verhältnisse durchaus unüblich.

Er war außerdem schon in jungen Jahren ein Meister des „Double Drumming“. Beim „Double Drumming“ wurde nicht nur die Snaredrum, sondern auch die Bassdrum mit den Sticks, also mit den Händen gespielt. Das resultierte daraus, dass bis ca. 1909 noch kein Fußpedal verwendet wurde. Erst im Jahre 1910 wurde die Fußmaschine richtig populär. Dem „double-drumming“ verdanken wir übrigens viele heute häufig verwendete Stickings. Tony Spargos Spiel ist im allgemeinen von einem unglaublichem Drive, schönen Synkopierungen und vielen Klangfarben, wie zum Beispiel den geschmackvollen Einsätzen von Woodblock, Cymbals und Cowbell geprägt. Außerdem ist er einer der Ersten gewesen, der die für das Jazz-Feel wichtigen, eigentlich schwachen Zählzeiten „2“ und „4“ betonte.

Antonio Sbarbaro, der hauptsächlich unter seinem Künstlernamen Tony Spargo bekannt wurde, wurde im Sommer 1897 in New Orleans, der „Wiege des Jazz“, geboren. Seine Familie ist aus Sizilien immigriert, was bedeutet, dass Spargos Hautfarbe weiß war. Wir erinnern uns: „Baby“ Dodds und „Zutty“ Singleton waren afro-amerikanischer Herkunft und zählten zur schwarzen Bevölkerung Amerikas. Spargo hatte also einen etwas anderen kulturellen wie auch musikalischen Background als seine damaligen Drummer-Kollegen.

Schon früh zog es ihn an die Drums, und bereits mit ca. 14 Jahren trommelte er in der Band der Gebrüder Frayle, 1914 bei Ernest Giardina und anschließend in der ausschließlich aus weißen Musikern bestehenden Papa Jack Laine’s Reliance Band, in welcher auch alle anderen Mitglieder der späteren Original Dixieland Jazz Band zeitweise tätig waren. Neben diesen Bands nahm er sich auch die Zeit in Nebenprojekten zu spielen, wie zum Beispiel 1915 zusammen mit Merritt Brunnies oder Pianist Carl Randall. 1916 verschlug es Tony Spargo wie die meisten Musiker aus New Orleans in die florierende und weltoffene Gangsterstadt Chicago, nachdem das Vergnügungsviertel „Storyville“ in New Orleans nach dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg geschlossen wurde. In Chicago wurde Tony Spargo Mitglied der von Posaunist Eddie Edwards und Kornettist Nick LaRocca gegründeten Original Dixieland Jazz Band, nachdem der eigentliche Drummer Johnny Stein gefeuert worden war. Weitere Mitglieder dieser ausschließlich aus Weißen bestehenden Band waren Klarinettist Larry Shields und der Pianist Harry Ragas. Dieses Ensemble schrieb Geschichte, denn es nahm die erste dokumentierte JazzAufnahme überhaupt auf.

Im Januar 1917 sollte die Band zwei Stücke für Columbia einspielen, jedoch war die Session nicht von Erfolg gekrönt, also mussten sie ein weiteres Mal ins Studio gehen, um die Songs nochmals aufzunehmen, was zur Folge hatte, dass im Februar 1917 die Victor Talking Machine Company Columbia zuvor kam und eine im gleichen Monat aufgenommene Platte der Original Dixieland Jazz Band am 26. Februar veröffentlichte. Die Platte war der Verkaufsrenner. Auf der Aufnahme sind die „Perle unter den Ragtime-Weisen“ zu hören, der rhythmisch unwiderstehliche „Darktown Strutters Ball“ von Shelton Brooks und der Blues „Livery Stable Blues“ von Alcide Nunez und Ray Lopez.

Die wenig später von Columbia veröffentliche Platte enthält das beliebte Jam-Session-Stück und später zur Staatshymne vom Bundesstaat Indiana ernannte gleichnamige „Indiana“ von James F. Hanley und die Nummer „Dixieland Jass Band One-Step“ von Bandmitglied Nick LaRocca, auf der Tony Spargo ein schönes Beispiel seines „Double Drumming“ ablieferte. Spargo benutzte auf diesen Sessions eine Vielzahl an den damals gängigen Perkussionsund Schlaginstrumenten: mehrere Woodblocks, Cowbells und Snaredrum. Außerdem verwendete er (außerhalb der Sessions) auch Bassdrum, chinesische Toms, Cymbals und häufig und gerne ein Kazoo, welches er vorzüglich beherrschte. Von sich selber behauptete er sogar, der einzige Kazoo-Spieler im Jazz zu sein. Tatsächlich spielten u. a. aber auch die Sänger Red McKenzie und Lonnie Johnson diese Kinderflöte aus Rohr meisterlich. Falls sich jemand fragt, warum ausgerechnet einer weiße Jazzband der historische Ruhm zuteil wurde, die erste Jazz-Aufnahme zu machen, wo doch der Jazz hauptsächlich afroamerikanischen Ursprungs ist: Den schwarzen Jazzmusikern wurde einfach keine Möglichkeit in der von Weißen dominierten Plattenindustrie gegeben, Aufnahmen zu machen. Erst Jahre später wurden auch die ersten schwarzen Combos aufgenommen.

Jedenfalls wurde mit den Aufnahmen eine neue Bewegung in Gang gesetzt und der Name der Original Dixieland Jazz Band kennzeichnend für die neue hippe Musikrichtung „Jazz“.

Nach großen Erfolgen nicht nur in den USA, sondern auch vor allem in England, wo 1919 in London ebenfalls Aufnahmen entstanden, und nach späteren auch schwierigen Zeiten, löste sich die Band dann 1925 offiziell auf. Tony Spargo führte dann eine eigene Combo unter dem gleichen Namen bis 1927 in New York, arbeitete danach in Lacey Young’s Orchestra bis 1928 und hielt sich danach mit mehr schlechten als rechten Jobs als Freelancer über Wasser. 1936 kam dann die Wende, denn die ursprüngliche Original Dixieland Jazz Band reformierte sich und niemand anderes als Tony Spargo wurde aus logischer Konsequenz wieder der Schlagzeuger der Band.

Tony Spargo war aber nicht nur Drummer, sondern schrieb auch viele Songs für das Ensemble. Aus seiner Feder stammen einige der bekanntesten Stücke der Band, wie zum Beispiel „Mourning Blues“. Außerdem übernahm er die letzten zwanzig Jahre auch die Leitung der Band.

Nach der Original Dixieland Jazz Band arbeitete Spargo in den 50er Jahren unter anderem mit der populären Sängerin Connee Boswell zusammen und machte mit ihr Aufnahmen für Victor Records, witzigerweise im selbem Studio wie 40 Jahre zuvor mit der Original Dixieland Jazz Band.

Als Freelancer in New York City sesshaft geworden hielt Tony Sprago immer Kontakt zu einer Gruppe von Musikern die sich ebenfalls dem New Orleansund Chicago-Jazz verschrieben hatten. Aus diesen Kontakten gingen immer wieder Projekte und Kooperationen hervor, darunter solche mit Künstlern wie den Posaunisten Miff Mole und Big Chief Russell Moore, den Trompetern Phil Napoleon und Pee Wee Erwin, dem Multinstrumentalisten Brad Gowans und niemand geringerem als der Legende Eddie Condon. Oft spielten diese Musiker im berühmten Jazzclub „Nick’s“ zusammen, in dem Spargo Haus-Drummer war. Zu hören sind diese Zusammenarbeiten heute noch auf Aufnahmen von mehreren kleineren Jazzlabels. Spargo nahm aber interessanterweise nie ein Album unter seinem Namen auf. Er spielte außerdem unzählige Sessions im „Central Plaza“ und bei „Ryan’s“ zusammen mit dem Saxophonisten und Klarinettisten Tony Parenti. Tony Spargos Spiel wurde im Alter leider immer weniger spektakulär, jedoch verzichtete er nie auf seine beliebten Showeinlagen und sein lieb gewonnenes und fast schon zum Markenzeichen gewordenen Kazoo.

In den 60er Jahren hängte er – mehr oder weniger verdrängt vom aufstrebenden Rock’n Roll – seinen Job an den Nagel. Antonio „Spargo“ Sbarbaro starb schließlich in Forrest Hills im Stadtteil von Queens in New York im Alter von 72 Jahren.

ANTONIO „SPARGO“ SBARBARO

* 27.06.1897, New Orleans

† 30.10.1969, New York

 

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