Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
Interview aus dem STICKS-Archiv

Armin Rühl: Grönemeyers Rhythmus-Kraftwerk

Armin-ruehlFoto: Tom Schäfer

Dreißig Jahre im Showgeschäft gehen allzu oft einher mit Autobiografien, Preisen für das Lebenswerk und anderen höflichen Gesten, um langsam das Rampenlicht zu verlassen. Oder man nimmt einen anderen Weg. Und macht richtig Dampf! Drummer Armin Rühl denkt gar nicht daran, es auf der Bühne ruhiger angehen zu lassen.

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Nach drei Jahrzehnten auf Tour und im Studio mit Herbert Grönemeyer hat der wahrscheinlich leidenschaftlichste Drummer Deutschlands immer noch ein Faible für große Drumsets, laute Musik und eine fette Bühnenshow, so als hätte er die Rockmusik grade erst entdeckt. Und eines ist im Gespräch mit STICKS auf der aktuellen „Dauernd jetzt!“-Tour ganz klar geworden: Lorbeeren zum Sich-drauf-ausruhen kennt Armin Rühl nicht. Bei ihm geht es ganz einfach ums Trommeln, Trommeln, Trommeln!

Guess who we just met on tour… #Drumset #drummer #drummagazine

Ein von STICKS (@sticks_magazin) gepostetes Foto am 25. Mai 2015 um 8:36 Uhr

Armin, wie hast du den Grundstein für deine Karriere gelegt? Warum hast dich entschieden, Drummer zu werden?

Armin Rühl: Wahrscheinlich liegt das in meinen Genen. In den 50er-Jahren war mein Vater Hobby-Schlagzeuger in einer Swing-Band. Allerdings hat er nie darüber mit mir geredet. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, und die einzige Musik, die es dort gab, kam von der kleinen lokalen Blaskapelle. Und besonders der Sound von den Trommeln hat mich irgendwie total angemacht. Als ich dann sieben war, bin ich einfach mal zu den Musikern gelaufen und hab gefragt, ob ich mitmachen kann.

Ich hatte Glück: Der Trommler war grade nicht da! Ich hab die Snaredrum in die Hand gedrückt bekommen und hab Marsch, Polka und Walzer gespielt. Die Jungs von der Kapelle waren total begeistert und sind direkt zu meinem Vater: „Das gibt mal einen Trommler!“ Das hat meinen Vater allerdings nicht so interessiert. Wer will schon einen Trommler im Haus haben?

(grinst)

Als ich sieben war, stand für mich also fest, dass ich ein Trommler bin und ein Trommler sein werde! Und denk dran: Wir reden hier von den 60er-Jahren. Da gab es keine Musikschulen, Schlagzeugunterricht oder Eltern, die so etwas unter-stützt hätten. Also musste ich mich selber durchschlagen. Mit vier-zehn habe ich das erste Mal einen richtigen Profi-Schlagzeuger getroffen und ihn gefragt, was ich für den Job machen muss. Er sagte, ich soll in so vielen Bands und so vielen Stilen wie nur möglich spielen. Immer wenn du glaubst, etwas zu beherrschen, such dir was Neues. Und wenn dir jemand sagt: „Bleib bei uns, bei uns kommst du groß raus!“, dann glaub es nicht! (lacht)

Die Strategie hat ja ganz gut funktioniert!

Armin Rühl: Stimmt! Außerdem war bei uns in der Nähe in Heidelberg das Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte. Deshalb gab es hier auch viel amerikanische Kultur. Und das Wichtigste: Man konnte auch in den amerikanischen Clubs spielen! Mit achtzehn habe ich zum Teil als einziger Deutscher und als einziger Weißer in einer Band mit lauter großen, gut aussehenden schwarzen Herren vor schwarzem Publikum gespielt. Glaub mir, wenn ich da nicht gecheckt hätte, wie Funk und Soul funktionieren, dann hätte ich auch den Job nicht behalten. Und damit habe ich mich nächtelang autodidaktisch durch Tanzmusik, Soul, Funk, Rockabilly, Country & Western gespielt. Ich hab da auch keine Berührungsängste! Drei Jahre später bin ich bei Edo Zanki als Studio-Drummer gelandet. Und da habe ich den Herbert Grönemeyer kennengelernt.

Du hast also als Studiodrummer bei Herbert angefangen?

Armin Rühl: Genau! 1981 habe ich das erste Mal für ihn eine Platte eingespielt. Er hatte halt seinen Plattenvertrag, und die Plattenfirma hat ihn bei Edo Zanki ins Studio geschickt. Und ich war nun mal der StudioDrummer vor Ort. Es hat aber noch bis 1985 gedauert, bis ich ein festes Mitglied in seiner Band geworden bin.

Warum denn erst vier Jahre später?

Armin Rühl: Herbert hatte ja eigentlich schon einen Schlagzeuger, der auch für die Studiojobs verantwortlich war. Nur der konnte an diesem Termin 1981 nicht. Mir war es im Übrigen ganz recht, dass der Herbert schon einen Drummer hatte – hey, wir reden von den 80ern! Da waren Punk und New Wave angesagt! Und Herbert hatte lange Haare und hat Klavier gespielt. Das nannte man damals Liedermacher. Ziemlich uncool! (lacht) Ich wollte damals richtig rocken, deshalb bin ich auch nach Berlin gegangen. Denn hier in der Provinz ist immer alles gleich. Die gleichen Clubs, die gleichen Leute. Ich kannte das alles schon!

Und in Berlin hast du dich dann der Punk und New Wave Szene verschrieben …

Armin Rühl: … oh, ich hab ganz verschiedene Sachen gemacht. Plattenaufnahmen, Studioarbeit – sogar Melodic Rock! Und da man in Berlin als Musiker nicht genügend Geld verdienen kann, hab ich auch als Stagehand gearbeitet. Ich hab das Rock’n’Roll-Business also auch von einer anderen Seite kennengelernt. Das war eine richtig gute Zeit! Einmal hab ich sogar das Schlagzeug von Stewart Copeland aufgebaut! Und während des Konzerts von The Police saß ich dann zwei Meter hinter ihm und hab mir das alles genau angeguckt. Einen besseren Workshop kann man doch gar nicht haben, oder?

Allerdings! Irgendwann hast du Berlin auch wieder verlassen …

Armin Rühl: … richtig. Denn in der Hauptstadt wird auch nur mit Wasser gekocht. Inzwischen war ich auch schon Freelancer und hab mit Eric Burdon, Herwig Mitteregger von Spliff und Wolf Maahn aus Köln, der damals schon ziemlich groß war, gespielt. Ich war also immer gut mit Tourneen und Studioarbeit beschäftigt. Und als ich 28 war, hat sich der Grönemeyer wieder an mich erinnert, weil er aus irgendwelchen Gründen einen Drummer brauchte. Seit dem bin ich – und das ist jetzt 30 Jahre her – festes Mitglied der Herbert Grönemeyer Band. Schöner kann’s überhaupt nicht mehr werden!

Kommt es nach 30 Jahren mal vor, dass man irgendwelche Songs einfach nicht mehr hören kann?

Armin Rühl: Nö, nicht wirklich. Dazu macht das einfach zu großen Spaß! Herbert ist ein klasse Chef und ein toller Bandleader. Er ist einfach immer gut drauf! Ich habe in 30 Jahren nicht erlebt, dass er mal rumgebrüllt hätte oder mal schlecht gelaunt ist. Herbert ist ein unglaublich positiver Mensch! Und so etwas strahlt auch auf die ganze Band. Dazu kommt noch sein großer Output an Songs – und super Arbeitsmodalitäten. Wir bekommen zum Beispiel immer die tollsten Studios! Und natürlich spielen wir jetzt auf der Tour wieder Songs, die schon 30 Jahre alt sind. Auch, weil die Fans das einfach wollen. Stücke wie „Bochum“ oder „Männer“ dürfen da natürlich nicht fehlen. Aber da wir auch nicht jeden Tag ein Konzert spielen, geht einem das auch nicht auf den Zeiger.

Ich finde, dass die älteren Songs bei euren großen Liveshows besonders kraftvoll rüberkommen. Das sind klasse Rocksongs!

Armin Rühl: Wir verändern hin und wieder ja auch mal Beats oder Arrangements, weil sich die Zeiten einfach geändert haben. So bleibt die Musik frisch und wir haben wiederum noch mehr Bock darauf, die Songs zu spielen.

Wenn ihr zusammen im Studio arbeitet, wie viel Freiheit in deiner Arbeit wird dir da gelassen?

Armin Rühl: Das kommt ganz darauf an. Auf einer Platte sind ja meist so zwölf Songs. Und bei manchen Stücken ist schon von vorne herein klar, wie es später klingen soll. Dann gibt es oft auch schon einen Drumbeat, Loop oder irgendwas in der Art, wodurch die Richtung schon klar vorgegeben wird. Da halte ich mich dann natürlich dran. Andererseits gibt es aber auch Songs, die noch ziemlich offen sind und wo es dann beispielsweise drauf ankommt, Energie in den Song zu bringen. Da kann ich dann auch mal das machen, was ich in dem Moment für richtig halte und wie ich den Song sehe. Das verteilt sich ganz gut.

Du hast ja auch ein eigenes Studio. Produzierst du da noch andere Bands?

Armin Rühl: Nicht mehr. In dem Business ist leider nicht mehr viel zu holen. Ich hab immer gedacht, dass ich, wenn ich über 50 bin, das Wissen über die Herstellung von Popmusik und speziell über die Produktion von Drumsounds irgendwie einsetzen kann. Und vielleicht sogar damit Geld verdienen könnte. Aber das interessiert überhaupt niemanden mehr. Die holen sich heute alle Sounds aus dem Netz und basteln sich das mit Cubase zusammen.

Über die Sound-Bibliotheken in diesen Programmen sind Musikproduktionen natürlich einfacher geworden …

Armin Rühl: … aber ein Studio mit einem Live-Raum, in dem das Schlagzeug richtig eingespielt wird, ist das noch etwas ganz anderes! Ich hab sogar noch eine 24-Spur Bandmaschine, die jetzt in meinem Studio verstaubt. Den fetten Sound mit ordentlich Band-Sättigung will anscheinend niemand mehr haben. Das ist vergangen. Und wenn doch mal jemand diesen Sound haben will, dann kann er sich so etwas in der Art auch aus dem Internet raussuchen.

Das ist schade. Dennoch wirst du darüber einiges an Erfahrung gesammelt haben, die dir in deinem Job zugutegekommen ist.

Armin Rühl: Na klar! Ich hab 30 Jahre Erfahrung in den besten Studios der Welt. Herbert hat in den 90er-Jahren ja in London gelebt. Und da haben wir die Platten halt in England aufgenommen. Ich sag dir – da triffst du vielleicht Leute! Einmal waren wir in einem Studio in Wales, im Rockfield Studio. Und der Studiobesitzer sagte zu mir: „Es ist interessant, wo du dein Schlagzeug hingestellt hast. Phil Collins war mehr da drüben, John Bonham war da in der Mitte, und Roger Taylor von Queen saß eigentlich genau an der Stelle, an der du jetzt sitzt!“ Ich mochte den Platz, weil man von dort aus in den Regieraum sehen konnte und Blickkontakt mit den Produzenten hatte. Das Beste war aber sein Spruch zu Cozy Powell, der immer mit einem riesigen Drumset auffuhr: „He was all over the place!“ (lacht) Überleg mal, all deine Idole und Vorbilder waren in demselben Studio! Und als ich gehört hab, dass ich genau an der Stelle saß, an der auch schon Roger Taylor gearbeitet hat, hab ich auch sofort gespielt wie Roger Taylor! Immer die Hi-Hat beim Snare-Schlag ein bisschen aufmachen. Achte bei den Songs von Queen mal darauf – dieser dicke Backbeat kommt daher, dass Roger immer so mit Snare und Hi-Hat zusammengearbeitet hat. Ungewöhnlich, aber es ergibt einen wirklich dicken Beat!

Es gab also unweigerlich einen gewissen Queen-Einfluss auf dieser Grönemeyer-Platte?

Armin Rühl: Na ja, ich sag immer, Schlagzeug spielen wird nicht neu erfunden. Ich bin jetzt 58 und beeinflusst von Leuten wie John Bonham, Ginger Baker, Ringo Starr und Stewart Copeland. Als ich The Police gehört habe, da ging für mich die Sonne auf! In den 80er-Jahren war Stewart noch ein Innovator. Er hat tatsächlich Sachen gespielt, die vorher noch niemand gemacht hat. Und natürlich hat man das dann auch selber probiert! Man ist von vielen Idolen beeinflusst und man könnte fast schon sagen, ich hätte Sachen geklaut. Aber letztendlich führt das zu deinem eigenen Stil!

Auch wenn Schlagzeug spielen nicht neu erfunden wird: Die Musik entwickelt sich trotzdem immer weiter, und das Schlagzeug muss das unterstützen. Man kann sich ja einer alten Werkzeugkiste bedienen, um etwas Neues zu schaffen.

Armin Rühl: Na klar! Da geb‘ ich dir Recht!

Spielst du denn lieber im Studio, oder fühlst du dich vor Zigtausend Menschen in der Arena wohler?

Armin Rühl: Ich liebe es, im Studio zu arbeiten und dabei zu sein, wenn Musik entsteht. Das mache ich leider viel zu wenig. Eigentlich nur noch bei Herbert Grönemeyer. Früher gab es noch mehr richtige Studio-Jobs, aber in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist das total eingeschlafen. Jeder Keyboarder denkt heute, er könnte „das bisschen Schlagzeug“ grade noch selber programmieren. Da muss man ja nicht gleich einen Schlagzeuger dazu buchen. Ich mag es aber natürlich nicht weniger, auf Tour zu sein und auf der Bühne zu stehen. Neben Herbert Grönemeyer hab ich noch fünf andere Bands, mit denen ich regelmäßig spiele. Wenn ich nicht bei Herbert spiele, dann bin ich freitags und samstags unterwegs und spiele auf Geburtstagen und Hochzeiten.

Du spielst auf Geburtstagen und Hochzeiten?

Armin Rühl: Ja! Ich muss einfach spielen! Die Leute sagen immer wieder: „Wir haben dich im Fußballstadion vor 50.000 Leuten gesehen! Und ’ne Woche später sehen wir dich in einer Kneipe vor hundert Leuten. Wie kriegst du das gebacken?“ (lacht) Ich bin Schlagzeuger! Man kann sich nicht aussuchen, wie viele Leute zugucken. Das ist zweitrangig. In erster Linie geht es mir darum, dass ich meine Stöcke in die Hand nehmen und mit meinen Kumpels Musik machen kann!

Wie verstehst du deine Rolle als Schlagzeuger?

Armin Rühl: Meine Rolle verstehe ich so, dass ich alle anderen gut aussehen lassen will. Ich will so spielen, dass alle anderen auf der Bühne in einem guten Licht stehen. Oder in einem guten Groove, wenn du so willst! Du darfst nicht zu viel spielen, nicht zu laut spielen, und du musst kapieren, was Dynamik ist. Du kannst auch mal das Heft in die Hand nehmen und den Gitarristen vor dir her treiben. Und wenn der einen guten Lauf hat, musst du ihn anfeuern und fühlen, wie die Dynamik seines Spiels ist. Wenn es wieder runter geht und man zum Beispiel in die Strophe übergeht, musst du das mit Gefühl und Dynamik machen.

Wie lange hast du dafür gebraucht, dieses Gefühl zu entwickeln?

Armin Rühl: Das dauert lange! Das kann dir keiner vermitteln, das kann man auch nicht im klassischen Sinne üben. Dieses Gefühl entwickelst du, indem du immer und immer wieder spielst! Mit verschiedenen Musikern und in verschiedenen Bands. Besonders mit verschiedenen Bassisten und Gitarristen. Ich bin übrigens großer Gitarren-Fan! Ich sag immer wieder, dass ich nur Schlagzeug spiele, weil ich so gerne Gitarre höre. Und der Schlagzeuger sitzt auf der Bühne immer schön nah am Gitarren-Amp! (lacht) Zum Glück spiele ich mit wunderbaren Gitarristen zusammen. Und mit den Jahren – vielleicht sogar Jahrzehnten – kommt so langsam das Gefühl, das dir sagt, wie du am besten begleitest. Du musst den Raum fühlen. Wie groß ist der Raum? Wie klingt der Raum? Ist dein Schlagzeug abgenommen? Was haben die anderen für Amps? Das sind alles Fragen, in die du dich hineinfühlen musst. Dein Ziel muss sein, dass die Leute etwas Harmonisches zu hören bekommen.

Dafür brauchst du auch gutes Equipment. Wie stellst du dir dein Set zusammen, damit du die Musiker am besten aussehen lassen kannst?

Armin Rühl: Obwohl ich Endorser bin, gehe ich am liebsten in Rudi’s Drumladen in St. LeonRot bei Weinheim. Einmal haben wir für eine amerikanische Fernsehshow einen Grönemeyer-Gig aufgenommen. Und der Produzent wollte einen warmen VintageSound haben. Normalerweise sucht man dann im Internet nach dem passenden Equipment. Aber ich geh’ zu Rudi in den Drumladen. Und für meinen VintageSound hatte er nicht irgendeinen Nachbau aus dem Internet, sondern ein originales Set, das er selbst renoviert hat. Das hatte vielleicht einen Sound! Genau, wie in den 70ern! Seitdem steht das Set bei mir im Studio, und das nehme ich auch mit zu Grönemeyer-Produktionen. Daneben habe ich natürlich meine wunderbare Ausrüstung von Wahan Drums, die ich wirklich vielseitig einsetzen kann. Früher hatte ich im Studio fünf Bassdrums und zwölf Snares. Einen ganzen Sprinter voll mit Trommeln! Heute nehme ich ein Schlagzeug mit einer Snare ins Studio.

Und spielst eine komplette Produktion mit nur einer Snare ein?

Armin Rühl: Ja! Auf dem Album „Mensch“ hörst du nur ein Schlagzeug und eine Snare! Wenn es ein bisschen funkig wurde, hab ich das Set hochgestimmt, und wenn’s mehr zur Rock-Ballade wurde, hab ich das Set runtergestimmt. Ich hab damit auch mal die Leute hinter der Scheibe im Regieraum verarscht. Einmal wollten sie, dass ich eine fett klingende Holz-Snare benutze. Darauf sagte ich nur: „Augenblick!“ und hab ein bisschen an meiner Snare geklappert und so getan, als würde ich grade die Snares tauschen. Tatsächlich hab ich meine Snare nur umgestimmt und mit einem Gaffer-Tape-Streifen ein bisschen gedämpft. Die Produzenten fanden den Sound perfekt! (lacht)

Obwohl das ja eigentlich untypisch ist. Die meisten, die so viel unterwegs sind wie du, gehen schon aus ganz pragmatischen Gründen zu globalen Firmen, weil sie da in jeder Stadt und in jedem Land ihr Schlagzeug bekommen …

Armin Rühl: … ja, damit habe ich aber auch schon so meine Erfahrungen gemacht. Wir haben damals bei MTV in London gespielt, und da ich damals Endorser einer großen Firma war, habe ich gedacht, ich bräuchte kein Schlagzeug mitzunehmen. Aber es wurde kein Set geliefert. Wenn mir da nicht ein paar englische Roadies geholfen und nicht ein Schlagzeug aufgetrieben hätten – wie auch immer die das hinbekommen haben –, dann hätte ich da eine No-Show gebracht. Wofür ist denn dann der Service gut? Und die Drums, die ich jetzt spiele, die werden von Hand gefertigt. Das ist wirklich etwas ganz anderes als eine Serienproduktion. Natürlich ist der Preis ein anderer. Aber wenn du professionell arbeitest, dann solltest du mal darüber nachdenken! Und du kannst dir in einem Fußballstadion vor 50.000 Leuten nicht leisten, dass irgendetwas zerbröselt.

Hast du vor dieser Tour auch wieder trainiert, um in Form zu kommen?

Armin Rühl: Na klar, das muss! Eigentlich jeden Tag, sonst würde ich nicht durch die Tour kommen. Neulich erst habe ich einen Bericht von einer Uni in England gelesen, die Clem Burke, den Drummer von Blondie, untersucht haben. Die wollten mal wissen, was bei einem Schlagzeuger beim Konzert so abgeht. Und dabei kam raus, dass die körperlichen Anstrengungen vergleichbar sind mit denen eines professionellen Fußballspielers in der Bundesliga. Der ist aber nach 90 Minuten fertig. Ein Grönemeyer-Konzert geht zwischen zweieinhalb und drei Stunden. Dazu kommt die volle Konzentration, und es gibt die Entscheidungen, die du in Millisekunden treffen musst. Das kann schon ziemlich anstrengend werden! Die Forscher hätten nie gedacht, dass ein Schlagzeuger auf einem gescheiten RockKonzert so viel leisten muss. Das darfst du nicht auf die leichte Schulter nehmen. Schon gar nicht, wenn du das 30 Jahre lang machst. Ich hab mit 28 die Latte ziemlich hoch gelegt, und drei Jahrzehnte später willst du ja nicht, dass die Leute glauben, dass dir so langsam die Puste ausgeht! (lacht) Also hole ich einige Monate vor Tourstart das Mountainbike raus, gehe ins Fitness-Studio und bereite mich halt vor.

Wie lange geht die aktuelle Tour?

Armin Rühl: Zwei Monate. Der ganze Mai und der ganze Juni. Herbert und ich haben übrigens mal herausgefunden, dass ca. 20 Konzerte in einer Tour okay sind. Ab dann tut’s weh. Und dieses Mal sind es wieder über 30 geworden! (lacht)

Ab 20 Konzerten wird der Tour-Alltag zu anstrengend?

Armin Rühl: Ja, das Reisen ist zum Beispiel ätzend! Du bist dauernd unterwegs. Dauernd musst du deinen Koffer packen und ein paar Stunden im Auto, Bus oder Flieger verbringen. Mich persönlich kostet das Reisen unglaublich viel Energie.

War das bei deinen ersten Touren auch schon so? Eigentlich ist das Reisen doch eine der genialsten Nebensachen, wenn man auf Tour ist.

Armin Rühl: Na klar, früher hat man sich schon gefreut! Besonders, als es das erste Mal mit so einem richtigen Tourbus losging. Mit Video und Kühlschrank an Bord! Aber es hat sich dann relativ schnell rausgestellt, dass, wenn du den ganzen Tag in diesem schaukelnden Bus unterwegs bist und dann irgendwann gegen vier Uhr nachmittags zum Soundcheck in die Halle kommst, du aus dem Bus fällst, als wärst du seekrank. Und deshalb habe ich vorgeschlagen, nicht tags- über mit dem Bus zu fahren, sondern nachts nach der Show in Autos. Dann ist die Autobahn leer und innerhalb von zwei Stunden bist du in der nächsten Stadt. Mit dem Bus würde man tagsüber fünf Stunden brauchen. Dann schläfst du schön im Hotel aus, gehst ein bisschen spazieren und anschließend vielleicht noch in die Sauna. Und wenn es dann Abend wird, kannst du ausgeruht und mit Energie zum Konzert gehen.

Von wegen Sex, Drugs & Rock’n’Roll …

Armin Rühl: … wenn du jung bist, macht es Spaß, die ganze Zeit in Partystimmung mit dem Bus auf Achse zu sein. Aber die Folgen merkst du ziemlich schnell. Das gleiche gilt für Drogen und Alkohol. Als wir jung waren, sind wir nach der Show bis morgens um fünf in die Disco und den Mädels hinterher, und wenn du jung bist, dann ist das kein Problem. Wenn du deinen Job liebst und wenn du gern Musiker bist, dann willst du das so lange wie nur möglich machen. Und dann sollte dir ganz klar sein, dass du es mit Drogen, Alkohol und Schlafentzug nicht besonders weit schaffen wirst. Du musst dich auf die Musik konzentrieren. Die Musik ist ja auch das Schöne an diesem Beruf!

Hast du nach 30 Jahren noch Ziele, die du noch nicht erreicht hast?

Armin Rühl: Na ja, ich sammele ja Gigs. Und mir kann’s da nicht exotisch genug sein. Aber zwei Sachen hab ich noch nicht gemacht. Ich hab noch nicht auf einem Schiff gespielt, und ich würde noch gerne im Zirkus spielen.

Was war der bisher exotischste Gig?

Armin Rühl: Ich habe mal einen Maler begleitet, der auch getextet hat und auf seinen Vernissagen seine Texte vorgelesen hat. Und ich hab ihn halt am Schlagzeug begleitet. Das Ganze wurde übrigens nie geprobt. Ich wusste erst auch gar nicht, was ich da eigentlich sollte. Aber der Künstler sagte nur: „Mach dich ganz locker und spiel, was du fühlst!“ Das war echt exotisch, und es hat vor allem funktioniert! Da war ich selber ganz überrascht: „Wow, guck mal. Du kannst sogar Kunst!“ (lacht)

EQUIPMENT TALK

Du bist ja, was deine Equipment-Wahl auf Konzerten angeht, ziemlich vielseitig. Du spielst beispielsweise mal mit einer 26er und mal mit einer 20er Bassdrum. Hast du ein Lieblings-Setup in Erinnerung, mit dem es am meisten Spaß auf Tour gemacht hat?

Armin Rühl: Nee, eigentlich nicht. Ziemlich cool fand ich allerdings das Drumset auf der „Schiffsverkehr“-Tour. Da hatte ich eine 24er Kick Drum, ein Rack-Tom in 12 Zoll und 14 und 16 Zoll Floor-Toms. Dazu das Standard-BeckenSetup: Hi-Hat-Zwei-Crash-und-Ride. Das Set hat wirklich toll geklungen, und nach der Tour hab ich es dem Willy Wahan auch wieder zurückgegeben. Sonst hätte ich ja nach jeder Tour ein neues Schlagzeug in der Garage stehen. Wer braucht das schon? Und für diese Tour ist mir eingefallen, dass ich noch so ein Gibraltar-Rack habe. Also hab ich dieses Mal gesagt: „Jetzt gibt‘s wieder viele Trommeln!“ Ich habe sogar zwei Octobans! Viele junge Bands spielen ja jetzt mit einem kleinen Set à la Ringo Starr. Es war für mich also mal wieder an der Zeit für ein richtig schönes Angeber-Schlagzeug! (lacht) Das heißt ja nicht gleich, dass ich mit einem größeren Schlagzeug automatisch mehr spiele …

… aber wenn’s gut aussieht, ist auch schon was gewonnen!

Armin Rühl: Genau! Außerdem hast du mit einem großen Set auch mehr Melodie im Schlagzeug. Mit mehr Trommeln hast du mehr Möglichkeiten – und das macht mich an! Wenn ich zwischen den hohen Octobans und dem fetten 18er Floor-Tom alle Intervalle hab, dann beeinflusst das auch mein Spiel! Ich bin kein Typ, der sich nur auf ein Set festlegt. Und da ich ein paar Schlagzeuge besitze, gehe ich manchmal, wenn’s auf einen Gig geht, in die Garage und frage: „Wer will mit?“ (lacht) Und manchmal nehme ich vorsätzlich das „falsche“ Schlagzeug mit.

Weil dann was passiert?

Armin Rühl: Weil ich dann damit klarkommen muss. Wenn ich eine 26er Bassdrum zu einem leisen Accoustic-Gig mitnehme, dann muss ich herausfinden, diese Bassdrum adäquat zu spielen. Und im Vorfeld regt sich ja auch jeder über dieses riesige Ding auf. Aber ich sage dann nur: „Abwarten!“ Das ist eine Sache von Stimmung, Abdämmung und so weiter. Genauso kannst du eine kleine 20er Jazz-Bassdrum zu einem Hardrock-Konzert mitnehmen. Da kannst du auch ordentlich reintreten! Zu denken, mit einem fetten Marshall-Turm im Rücken würdest du den besten Sound mit einer fetten Riesen-Bassdrum bekommen, ist amateurhaft! Das ist nur laut, aber geil kommt woanders her!


(aus STICKS 07/2015)

Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo Armin. Kennst Du mich noch Freddy Drummer von 6 Tornados in Heidelberg es ist klasse das Du so groß rausgekommen bist mit Grönemeier. Du hast auch mit meinem Freund Jimmy James gespielt.Du hast einmal bei Steinmann in Walldorf zu mir gesagt, das Du immer mir zugeschaut hast beim Trommeln viele Grüße von Freddy

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  2. Es gab da mal einen Drummer bei der (Profi)-Paradise Band – Raum Heideberg-Mannheim-Ludwigshafen – Super vielseitig und eine Super Gsangsstimme, was ja bei Schlagzeugern sehr rar ist….Ich kenne nur den Vornamen – Reinhard – wie kann man den erreichen…???? Kennst Du den….?????

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  3. Parabéns und alles alles gut armin

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  4. Hab das Interview gelesen…echt gut. Schön wenn talentierte Menschen mit viel Fleiß und Schweiß…auf ein Lebenswerk zurückblicken können. Finds Cool…toll. Uff dem Acker steht a Redisch…ferdisch 😉 Gruß vom Dorf.:)

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  5. Ich finde es sehr bewundernswert wenn man von seinen Vorbildern auch mal etwas ueber Vernunft lernen kann. Dieser ewige Rock’n’Roll Zirkus mit Sex und Drogen und so ist ja wirklich nichts Gutes und am Ende kommt man auch noch in die Hölle!
    Wer will das schon? Ich denke, ich wuerde eine 28×20 Bassdrum im masttschwarz mitnehmen…

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  6. Wir nahmen 1986/87 an einem work job von Armin in Frankenthal teil.
    Man , haben wir den mit Fragen gelöchert, z.B. wie spielt John Bonham dies und das, wie Jeff Porcaro usw. Er hat alles ausgepackt und uns mit so einer Leidenschaft gezeigt. Wir waren richtig beeindruckend und haben das nie vergessen! Wenn ich heute seine Konzerte sehe, muß ich mich immer daran erinnern. Danke Armin.

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  1. 4. Büdinger Drumday › STICKS

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