Produkt: Sticks Digital 05-06/2019
Sticks Digital 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
Interview

Bela B.: Schlagzeuger und Entertainer

 

(Bild: Nela Koenig)

Bela B. schreibt Kurzgeschichten und hält Lesungen, singt mit schönen Frauen und leiht Aliens seine Stimme. Er liebt Bösewichter und Untote und steht gerne auch gerne mal vor der Kamera. Und er sitzt – Verzeihung – er steht für die „Beste Band der Welt“ hinter dem Schlagzeug.

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Nett ist Bela B: eigentlich immer. Als Beweis dafür haben wir ein Interview von 2012 herausgekramt, bei dem wir mit ihm reichlich übers Drummen quatschen konnten. Am Tag des Treffens schaute er auch noch lustig aus, im feinen Zwirn mit Weste und giftgrünem Einstecktuch, dazu ein Sticker am Revers: „Undead“. Klar. Fragte man Herrn Felsenheimer nach seiner Lieblingsrolle als Schauspieler, erhielte man einen abendfüllenden Vortrag über Bela Lugosi. Im Gegensatz zum gespenstischen Grafen wurde der sympathische Berliner jedoch in der TV-Kultsendung „Zimmer Frei!“ als WG-tauglich getestet.

Gitarristen haben es da bei Bela B schon schwerer: Auf Belas Soloalbum „Bingo“ gibt’s schon mal Tracks mit der unmissverständlichen Überschrift „Gitarre runter“, mit dazugehöriger Begründung im Refrain: „Wir wollen Deinen Sack nicht sehen!“ Ganz so genau nimmt es Herr Felsenheimer am Ende bekanntlich nicht, schließlich hat er als Drittel der bekanntlich „Besten Band der Welt“ gerade ein neues Album eingespielt. Mit richtig gehaltener Gitarre. Der Titel: „Auch“. Reden mag er darüber auch.

Bela, was macht einen guten Schlagzuger in einer Trio-Formation aus?

Bela B: Du hast theoretisch mehr Freiheiten, wie jeder Musiker in so einer Formation, weil alle mehr Raum haben. Dennoch muss ein Trioschlagzeuger genauso Band-dienlich spielen wie ein Bigband-Schlagzeuger. Ich persönlich hatte bei den Ärzten schon immer mehr Aufmerksamkeit und mehr Möglichkeiten, und die nutze ich auch. Das begann schon, als ich damals mit Farin bei Soilent Grün gespielt habe. Da habe ich schon viele Lieder gesungen, allerdings damals noch im Sitzen gespielt. Daraus entstand die Idee bei den Ärzten im Stehen zu spielen – übrigens nach einem Stray-Cats-Konzert durch deren Drummer Slim Jim Phantom. Seitdem spiele auch ich im Stehen. Ich bin ja auch ein ganz wichtiger Show-Faktor in unserer Band! (grinst)

 

Kommen wir zum Album: In „Cpt. Metal“ hast du einen satten Eighties-Sound, in „TCR“ gleich mehrere Klangfarben. In „Miststück“ wiederum hast du einen sehr eigentümlichen Snaredrum-Sound. Was hattest du für Sets am Start?

Bela B: Ich will nicht zu technisch werden, aber Yamaha ist mein Endorser. Die haben mir ein schönes Eichen-Set gegeben, ein mattschwarzes Oak-Set. Davon haben wir einige Teile benutzt und die dann mit fünf, sechs Teilen aus anderen Sets kombiniert, die sich bei mir Zuhause angesammelt hatten. Der Danny Young von meiner Band Los Helmstedts hat sein Schlagzeug bei mir stehen, von seinem Set habe ich mir auch was geliehen. Und dann spiele ich natürlich mein unvergleichliches, gelbes HipGig Set! Das spiele ich schon seit 2001. Das ist so ein Mini-Schlagzeug, bei dem du im Hocker die eine Hälfte des Sets packen kannst und in die Bassdrum die andere. Damit hast du in zwei Koffern ein ganzes Schlagzeug verstaut und das passt in jeden Kofferraum oder mindestens auf jede Rückbank.

Okay, bei einem Smart wäre das eine Aufgabe! (lacht) Mit dem Set habe ich schon Freunden ausgeholfen die mich anriefen, dass sie schnell ein Schlagzeug brauchten. Das klingt wirklich super. Ich hatte sogar noch ein zweites, aber das hat mir Rod abgekauft. Er hat das sogar auf dem Demo unserer Single-Auskopplung „Quadrophenia“ auf ein paar Spuren gespielt.

Interessierst du dich für Abnahmemöglichkeiten, Raum-Sounds, etc.?

Bela B: Klar. Nur: Das HipGig nehmen wir eigentlich immer nur mit zwei Mikros ab, mit einem für die Bassdrum und einem als Overhead. Im Berliner Flughafen Tempelhof, im „Candy Bomber“-Studio, in dem wir waren, haben wir auch ein anderes Schlagzeug gedoppelt. Einmal haben wir auch den Flur aufgenommen, als die Tür zum Drum-Raum offen stand. Das, was da raus kam –überwiegend Snaredrum – hatte einen interessanten Sound, den wir dazu gemischt haben. Diese Idee kam allerdings von unseren Tontechnikern, muss ich fairerweise gestehen. Aber so was zu probieren, solche Gegebenheiten zu annektieren und daraus was zu basteln, macht mir total viel Spaß.

Schon für dein Soloalbum „Bingo“ hast du viel experimentiert.

Bela B: Für das Album hatte ich eine komplette Vorproduktion gemacht! Da haben wir zum Beispiel mal ein Schrottschlagzeug aufgestellt, statt Besen habe ich Abwaschbürsten genommen, wir haben Mikrofone in ein Ofenrohr gesteckt und so aufgenommen. Solche Experimente mag ich gerne.

Zurück zu „Cpt. Metal“. Ich könnte mir vorstellen, dass du Probleme kriegst, das Tempo im Stehen zu spielen.

Der ist im Stehen nicht zu realisieren. Es ist zwar noch nicht entschieden, aber wenn wir den live bringen, werde ich den wohl im Sitzen spielen müssen.

Im Song „TCR“ jagt ihr im Outro karikierend durch verschiedene Musikstile. Ist es schwer „lustig“ zu trommeln?

Nö, das geht. Der Song ist zunächst mal auch eine Parodie auf Die Ärzte. Wir haben in unseren frühen Tagen einen Song auf der akustischen Gitarre geschrieben, danach wurde diskutiert, in welchem Stil wir den spielen. Wir konnten entweder Schrammel-Punk – was eigentlich eher Beat-Gitarre war, weil Farin damals keine Verzerrer benutzt hat – oder halt Ska, oder Rockabilly. Das haben wir in „TCR“ aufgegriffen. Plus einen kleinen Metal-Part am Ende.

Ketzerische Frage: Muss ein Song im Refrain anziehen?

Bela B: Aber, sicher! Bei den Ärzten zieht er jedenfalls immer an! (lacht) Eigentlich schon beim Einzählen! Ich arbeite gerade an einem Projekt, bei dem ich Bandleader bin und einen Schlagzeuger habe. Da arbeiten wir ohne Tacker. Da machen wir es so, dass wir im Refrain vor dem Beat spielen und in der Strophe nach dem Beat – da muss die Band schon mitziehen. Das ist total interessant. Die Achtzigerjahre haben es eingeläutet, Curt Cress hat’s vorgemacht, wie man das als Schlagzeuger spielen kann. In den Neunzigern haben dann selbst die Metal-Drummer angefangen, Samples einzusetzen. Und jetzt haben wir das wieder satt und wollen wieder Leben in der Band, wollen diese Lebendigkeit wieder spüren.

Was macht aus deiner Sicht einen unwiderstehlichen Groove aus?

Bela B: Wenn Bass und Schlagzeug zusammen sind. (sprich süffisant:) Wobei ich ja feststellen muss, dass Bassisten durch Bands wie die Black Kleys langsam obsolet werden! (lacht) Bei einigen Black-Music-Sachen hört man das schon.

Oh, Black Music darf man ja eigentlich nicht mehr sagen, dass heißt ja jetzt R&B! Dabei sind R&B für mich eigentlich The Who! Egal. Gerade in den letzten Jahren hört man zunehmend brachiale Beats. Und: Je weniger ein Schlagzeuger spielt, desto lauter kannst du ihn machen, umso mehr kann er dich in seiner Reduktion überraschen. Und wenn ein Bassist da mitgeht, klingt das unwiderstehlich. Vor allem aber sollte dich ein unwiderstehlicher Groove zum Tanzen bringen! Ich will noch hinterherschicken: Wenn du einen guten Groove spielst, stellt sich so eine Leichtigkeit ein, da bekommst du ein inneres, warmes Gefühl. Das klingt jetzt vielleicht esoterisch, ist aber wirklich geil.

Wie würdest du dein Spiel heute beschreiben: Wie viel ist Technik, wie viel physische Kraft?

Bela B: Live ist es sehr viel physische Kraft. Live möchte ich auch, dass es kraftvoll aussieht. Bei dem erwähnten Projekt über das ich noch nicht reden darf, hat mich der Bassist übrigens das erste Mal Schlagzeug spielen sehen und staunte: Bei dir ist ja jeder Schlag auch so gemeint! Das heißt, dass ich auch im Studio augenscheinlich so spiele. Ich meine, ich sehe mich ja selbst nicht, ich hab da keinen Spiegel. Okay, es soll Musiker geben, die spielen im Studio mit einem Spiegel! (lacht) Ich glaube, dass ich deutlich physischer spiele, als manch anderer Schlagzeuger. Ich glaube auch, dass es meine Technik beeinträchtigt, und ich manche Dinge dadurch weniger gut spielen kann. Aber das ist ja nicht mein Ziel.

Immerhin musst du fit genug sein, wenn Rod und Farin mal wieder „Schlagzeugsolo“ ins Publikum rufen und blitzschnell von der Bühne verschwinden …

Bela B: (verdreht die Augen) … ja, das ist inzwischen ein Running Gag dieser Band. Ich muss gestehen: Früher, so mit 14, 15, als ich anfing Schlagzeug zu spielen und als ich tatsächlich noch geübt habe, da habe ich Soli geübt und mir ein paar Tricks raufgeschafft. Dann, in der Punk-Zeit waren Soli ein totales „no go“.

Ich erinnere mich noch gut wie wir uns in den Achtzigern über George Kranz‘ „Trommeltanz“ lustig gemacht haben, sehr zum Missfallen von Herrn Kranz, der uns gehasst hat. Vermutlich hat der immer noch ‘ne Darts-Scheibe mit einem Foto von uns! Eine Zeit lang habe ich das persifliert, habe irgendwelche Beats extra schlecht gespielt. Aber inzwischen fällt mir dazu kaum noch etwas ein, weil das schon so alt ist.

Es gibt DÄ-Tabulatur für Gitarre. Stellen wir uns vor, es gäbe eine Bela-B-Lehr-DVD. Worauf legtest du Wert, was wolltest du vermitteln?

Bela B: Nee, so eine DVD wird es nie geben! Ich werde nie irgendjemandem Ratschläge geben. Ich fühle mich einfach nicht als jemand, der etwas besser weiß. Es gibt manchmal junge Musiker, die mich um Rat fragen, aber das ist doch Blödsinn. Hätte ich damals auf Andere gehört, wäre ich heute nicht da wo ich jetzt bin! Das wird es also nie geben. Keinen erhobenen Zeigefinger, auch keinen Rohrstock! (lacht)

Da du es gerade erwähnst: Gab es mal eine interessante Frage eines Fans, etwas, das dich beschäftigt oder inspiriert hat?

Bela B: Es gibt tatsächlich viele Leute, die mir schreiben. Eine schöne Geschichte war, dass ich aus der ehemaligen DDR einen Brief bekam, in dem mir ein 12-jähriger Junge namens Thomas schrieb, dass er Schlagzeug spielen wolle und auch ein altes Set habe, er hätte nur keine vernünftigen Sticks. Es gäbe nur russische, die seien aus Sperrholz und ganz schlecht – ob ich ihm nicht welche schicken könnte, wenn es ginge signiert. Ich hab ihm also Sticks geschickt, aber nie eine Antwort erhalten. Dann fiel die Mauer und 1993 tauchte dann ein junger Mann auf, der zwar nicht mehr Schlagzeug spielte, mir aber erzählte, dass die Sticks damals angekommen seien und er sie immer noch aufbewahrt.

Du hast in der Vergangenheit für Diane getrommelt, für Heike Makatsch und sogar für Blümchen. Wegen welcher Qualitäten, glaubst du, hat man dich verpflichtet?

Bela B: Ach, die haben mich ja nicht zwingend als Schlagzeuger verpflichtet. Das Schöne daran, wenn du ein berühmter Musiker bist, ist doch, dass du schöne Frauen relativ leicht überreden kannst, wenigstens mit dir zu singen. (grinst) Das ist doch auch schon eine erotische Verbindung.

Mit Heike habe ich nicht nur gesungen, sondern auch das Playback eingespielt. Bei Diane war das Playback leider schon fertig, aber ich habe sie später gefragt, ob sie mit mir einen Soundtrack zu einem Film machen will. Ich muss dazu sagen, dass ich in allen Projekten nicht nur Schlagzeuger, sondern auch Songwriter, Frontmann und Entertainer bin. Bei den Ärzten sind wir das alle Drei. Aber ich gestehe: Ich finde diese Anonymität hinter dem Schlagzeug auch mal ganz gut. Das gibt dir diese Leichtigkeit, dich nur auf dein Instrument zu konzentrieren und Spaß zu haben.

Für wen würdest du gerne mal am Schlagzeug sitzen? Was wäre dein Traum-Gig?

Bela B: Rod und ich sollten mal geködert werden, bei einer Preisverleihung zu spielen. Farin Urlaub war mal wieder im selbigen, nur Rod und ich waren da. Uns wurde angeboten, mit Iggy Pop aufzutreten. Wir haben das jedoch abgelehnt, weil wir als Ärzte eine konsequente Linie fahren, nicht zu Preisverleihungen zu gehen oder dort spielen. Okay, bis auf ein einziges Mal, als wir Kiss einen VIVA-Komet für ihr Lebenswerk überreicht haben – da konnten wir als KISS-Armisten nun wirklich nicht nein sagen. Aber sonst gehen wir da nie hin. Also haben wir Iggy schweren Herzens abgesagt. Aber das wäre schon geil gewesen mal mit ihm zu spielen.

Das letzte Mal habe ich ihn mit den Stooges gesehen, da hat Gitarrist Ron Asheton (1948 – 2009) noch meine Hand geschüttelt. Das war schon geil.

Gibt es eine Schlagzeugerfrage, die du schon immer mal gestellt haben wolltest?

Bela B: (überlegt) Slim Jim Phantom wollte ich mal fragen, wieso er nach anderthalb Stunden Schlagzeug spielen immer noch so gut aussieht! Seitdem hoffe ich, dass man mich das auch mal fragt. Nach einem zweistündigen Konzert sehe ich allerdings eher fertig aus, aber auch gut, so nass geschwitzt. Das kommt bei manchen Mädchen ganz gut an! (lacht)

(Bild: Jörg Schmitt)

 Auf dem Album „13“ heißt es in „Goldenes Handwerk“: „… für das bisschen Bumm Bumm kommt ’ne Menge bei rum …“ Stimmt wirklich, oder?

Bela B: Na, aber Hallo! Meine Botschaft ist aber vornehmlich die, die ich hiermit an alle Schlagzeuger weitergebe: Nehmt euch bitte selber nicht zu ernst!

Vielen Dank fürs Gespräch!

Produkt: Sticks Digital 07-08/2019
Sticks Digital 07-08/2019
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