Produkt: Sticks 09-10/2019
Sticks 09-10/2019
FREDERIC MICHEL – Modern Pop Drummer +++ YOUTUBE-STARS: Sina Drums; COOP3RDRUMM3R +++ Rockin‘ 1000 +++ Studium an der POPAKADEMIE +++ ZULTAN Heritage Cymbals +++ PEARL Masters Maple/Gum Drums +++ ROGERS Dyna-Sonic Wood Snaredrums
Der Goldgreber

Benny Greb im Interview

Wie ein Goldgräber hat er Stein für Stein umgedreht. Denn nur wer schlürft, wird irgendwann wissen, ob da was ist. Benny Greb hat in den Tiefen seiner Suche nicht nur das Kapital des Weltklasse-Drummers entdeckt, sondern auch die Sinnesschärfung für das Wesentliche. Er ist ein Musiker, der dem Schlagzeugspiel gerne kontrapunktisch begegnet. Nämlich mit klarem Konzept, mit Integrität und mit Humor. Benny Greb scheint im Soziotop der Drummerworld wie der heilige Gral.

(Bild: Gerhard Kühne)

Dabei ist sein Schlagzeugspiel kein Mysterium, und doch ein Meisterwerk der Cleverness – ein dynamisches Kraftwerk an Sounds, mit der trickreichen Unvorhersehbarkeit eines raffinierten Spiels. Benny hat sich nie gescheut, unkonventionelle Wege zu gehen, und immer alles auf eine Karte gesetzt – ganz oder gar nicht! Auch sein aktuelles Album „Grebfruit 2“ folgt dem künstlerischen Drang eines Künstlers, dessen treibende Authentizität im besonderen Greb- Faktor begründet ist. Und aus aller Komplexität seines Schaffens strahlt die Leichtigkeit des Seins.

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Interview

Benny, dein Name ist weltweit zu einem Begriff geworden. Alle Sympathien sind ganz auf deiner Seite, und mit deinem heutigen Standing hast du so etwas wie eine Thronbesetzung in der Welt des Schlagzeugs vollzogen. Wie siehst du das aus deiner Wahrnehmung?

Benny Greb: Lange Zeit war ich es sehr gewohnt, dass mich kein Schwein kennt. Dann macht man halt sein Ding so gut, wie es geht. Und plötzlich habe ich mich gewundert, dass mein Name in Deutschland doch ein Begriff ist. Dann gab es noch mal einen Schub, als ich in Länder reiste, die ich zuvor nie bereist hatte – und die Shows waren ausverkauft. Ich spüre auch dieses superfreudige Feedback. Das sind dann Dinge, wo man denkt: Oh wow! Das alles ist fantastisch, und ich hätte mir das nie erträumt. Im letzten Jahr war ich viermal in China. Wenn die Leute meine teils komisch-komplizierten Songs mitsingen, dann verwundert mich das schon. Einen Anteil an der ganzen Sache hat sicherlich auch das Phänomen Internet, was so einen Prozess beschleunigen kann. Für mich aber war es eine lehrreiche Erkenntnis zu merken, dass es nicht das erstrebte Ziel ist, überall auf der Welt der berühmte Drummer zu sein. Wonach ich eigentlich strebe. ist die Zufriedenheit mit mir selbst. Und das scheint mir die wahre Kunst zu sein, an der ich immer noch arbeite.

Dein Erfolg als Schlagzeuger sowie deiner DVDs und Bücher und deine gefeierten Drumcamps müssten dir doch eine innere Zufriedenheit bescheren?

Benny Greb: Alles, was passiert, nehme ich nicht selbstverständlich. Es freut mich natürlich extrem, dass meine Drumcamps gut besucht sind und dass den Leuten die Musik etwas bedeutet. Meine DVD „The Art And Science Of Groove“ habe ich mir sieben harte Jahre lang aus den Rippen geschnitten. Es ist ein Teil meines Lebenswerks. Umso mehr freut es mich, wenn Leute sagen, dass die DVD ihnen geholfen hat. Dann schließt sich der Kreis!

Ist es nicht auch so, dass du konsequent an deiner „Benny Greb Signatur“ gearbeitet hast, um dir einen Marktwert zu erschließen, der das alles überhaupt ermöglicht?

Benny Greb: Ja, aber ich bin Realist und demütig genug zu wissen, dass ich viele Kollegen habe, die ich für mindestens genauso gut halte wie mich, denen das aber aus irgendeinem Grund nicht so gelingt. Dennoch kann man nicht behaupten, dass ich es mir leicht gemacht habe. Begriffe wie Workaholic oder Perfektionist wurden in Bezug auf mich schon mehrmals verwendet. Aber im Grunde ist es recht einfach – mir geht es darum, einen ordentlichen Backbeat zu spielen und dazu hoffentlich ein paar Drummern zu helfen.

Workaholic zu sein macht allein ja noch keinen Erfolg aus. Was könnte das Geheimnis sein?

Benny Greb: Ich nehme mir immer zweierlei vor, Menschen zu respektieren und die Kunstform zu respektieren. Das deckt einiges ab. Wer die Kunstform respektiert, der wird üben, wird Musik lieben, alles geben. Wer andere Menschen respektiert, wird zuhören, Verständnis haben, zusammen arbeiten wollen, sich vorbereiten. Alles ist eine Frage von Respekt.

Benny Greb
(Bild: Gerhard Kühne)

Du machst DVDs, schreibst Bücher, bist mit Bands unterwegs und spielst weltweit Drumclinics und organisierst Drumcamps. Geht das alles Hand in Hand, oder gibt es Aspekte, die einen gewichtigeren Schwerpunkt haben?

Benny Greb: Das Wichtigste ist mir, meine Musik zu machen und Drummern zu helfen. Das sind die beiden Sachen, die ich gerne machen mag.

Musikmachen, klar, doch was ist der Reiz oder die Magie eines Drumcamps?

Benny Greb: Beim letzten Camp waren 25 Leute aus 14 verschiedenen Ländern dabei – von Neuseeland über Norwegen bis Kanada, Spanien und Russland. Alle lieben Drums und Drumming, und alle wollen lernen, wollen sich austauschen. Es ist ein tolles Gefühl, dabei eine Rolle spielen zu dürfen und meine Erfahrung weiterzugeben. Am Ende jedes Camps fällt der Abschied immer schwer, da sich trotz recht knapper Zeit echte Freundschaften bilden. Meine Drumcamps sind in mehrerer Hinsicht sehr intensive Erlebnisse. Ich liebe es.

Hast du dabei klare Konzepte entwickelt, die der Wissensvermehrung dienen?

Benny Greb: Mit dem Lehrmaterial, was ich mir für meine Seminare ausdenke, versuche ich, möglichst einfache Wege einzuschlagen, um auch komplexere Sachverhalte veranschaulichen zu können. Oder wie Einstein sagte: „Man soll’s so einfach machen wie möglich, aber nicht einfacher“. Es soll nichts wegnehmen von dem, was es ist, und auch nicht von der Magie bzw. Mannigfaltigkeit. Aber man soll Dinge auch nicht mystifizieren und zu kompliziert machen, denn dann entsteht leider so eine Türstehermentalität … so nach dem Motto: Das ist nur was für die ganz Tollen. Ich liebe es, komplex scheinende Themen Teilnehmern schnell und einfach zugänglich zu machen, und es kickt mich einfach jedes Mal, wenn ich erlebe, wie der Groschen fällt! (lacht)

Dinge sind manchmal erstaunlich leicht zu lösen. Man muss nur drauf kommen. Da hast du bemerkenswerte Rezepte entwickelt.

Benny Greb: Es gibt viele Übungen, die – ähnlich wie Rudiments – für spezifische Themen des Schlagzeugspiels funktionieren, wie eine Medizin für dieses und jenes.

Benny Greb
(Bild: Gerhard Kühne)

Zum Beispiel?

Benny Greb: Zu wissen, dass Tempohalten nicht immer mit einem Viertelnoten- Click geheilt werden kann. Es ist in diesem Falle hilfreicher, einen Gap-Click zu nehmen. Oder die rechte Hand bei Rudiments mal auf dem Schenkel zu spielen, um die linke isoliert hören zu können. Das sind einfache Dinge, die aber jedes Mal zu tollen Erkenntnissen führen. Für mich ist es äußerst befriedigend, wenn ich einen Schlagzeuger bei seinem individuellen Problem abholen kann und es dann bei ihm „Ping“ macht. Ich fahre da kein vorgefertigtes Programm runter, sondern interessiere mich für die Teilnehmer, höre ihnen zu und will mich so nützlich wie möglich machen.

Und was bedeutet für dich Musikmachen?

Benny Greb: Beim Musikmachen genieße ich den Moment, wenn die Musik fließt, wenn sie einfach passiert und alles in Einklang stattfindet – so als wäre es die Musik selber, die mich spielen lässt. Wenn ich dieses Feel auch nur einen Moment lang am Abend erreiche, ist es das ganze Drumherum wert. Und dann will ich so schnell wie möglich wieder da ran und will herausfinden, warum das manchmal so ist und manchmal nicht. Es ist ein Glücksgefühl und eine Kongruenz, mit anderen Menschen auf einer Kommunikationsebene zu sein, wo diese ganze Arbeit nur noch Ausdruck ist, nur noch Sein. Nicht „machen“ – nur „sein“!

Ist es nicht manchmal ein einsamer Job des Benny Greb, der sich alleine auf den Weg macht und irgendwo auf der Welt sein Schlagzeug aufbaut?

Benny Greb: Ich empfinde es anders. Es gibt einen Unterschied zwischen alleine und einsam. Manchmal bin ich zum Glück alleine, aber einsam bin ich lang nicht mehr gewesen. Ich habe eigentlich ein ziemlich schwarzweißiges Doppelleben. Zu Hause bin ich ein Single-Dad, komm von der China- Tour nach Hause, wasch mir das Gesicht und hol meinen Sohn von der Kita ab. Dann ist Action angesagt, da bin ich dann Daddy, koche Nudeln, bin für meinen Sohn da, tauche in seine Welt ein, und wir haben die verrücktesten Gespräche. Und dann trete ich barfuß in einen Legostein und schrei vor Schmerz! (lacht) Und nach ein paar Tagen druck ich wieder mein Flugticket aus und freu mich, dass ich im Flieger sitze und mir endlich Gedanken machen kann, wie es so weitergehen soll. Langweilig wird’s mir nicht, und einsam bin ich auch nicht, denn wenn ich lande, dann treffe ich ja auch alte und neue Freunde.

Wir müssen unbedingt über dein neues Album „Grebfruit 2“ reden. Der Fokus liegt weitgehend auf orchestrierten Vocal-Arrangements. Beeindruckend ist aber auch der großartig gelungene Drumsound! Diese Dichte, Homogenität und fast schon visuelle Räumlichkeit des Schlagzeugs hat eine gewisse Magie. Hört sich nach einer aufwendigen Produktion an.

Benny Greb: Vielen Dank! Die Lorbeeren gebe ich auch gerne weiter an Sven Peks, der das Album mitproduziert und engineert hat. Wir kennen uns seit 25 Jahren. Und immer, wenn ich was mitzureden habe als Produzent, als Band-Mitglied oder was auch immer, muss Sven den Sound machen. Daher kam es, dass er das Meinl Drumfestival mischt, er hat meine DVDs gemacht und war auch früher schon bei 3erGezimmer und der Brassband dabei. Alles, was man von mir kennt, das ist immer Sven Peks am Sound. Wenn wir beide zusammen arbeiten, dann gilt die Regel: ganz oder gar nicht. Bei „Grebfruit 2“ haben wir einen immensen Zeitaufwand betrieben. Teilweise wurden pro Song 70 Stimmen übereinandergeschichtet. Wir haben uns mit orchestralen Arrangements regelrecht ausgetobt. Das ist eine Wahnsinnsarbeit, die man nur mit Liebhaberei stemmen kann. Rein wirtschaftlich gesehen wird man das mit den Platten nicht mehr reinbekommen. Sven und ich haben all die Jahre immer wieder an Sounds getüftelt und sind jetzt so nah am Nonplusultra, wie wir es uns wünschen. Und wir haben uns sowohl soundmäßig als auch, was die Arrangements betrifft, richtig ausgetobt.

Wie viel Technik ist nun wirklich im Spiel? Gute Mikros, gute Effektperipherien? Schon der erste Song des Albums „Strings“ lebt von einer außergewöhnlichen Dramaturgie des Drumsounds.

Benny Greb: Es gab nicht dieses „Geheimmikrofon“- Ding. Wir haben in Sven Peks’ Studio aufgenommen und dort auch den Aufnahmeraum als Klangraum genutzt. Natürlich gab es etliche Sound-Fuchsereien, wobei auch spezifische Stimmungen des Schlagzeugs eine Rolle spielten. Sven hat sehr gute Ohren, er macht nichts nach Schema F. Zudem ist Schlagzeugsound auch eine Frage der Spielart. Also habe ich versucht, bestimmte Klangphänomene auch auf meiner Seite zu regeln. Wenn beispielsweise das Ride-Becken oder der Backbeat anders klingen soll, dann frag ich nicht Sven, ob er was ändern kann, sondern ich versuche, es dann anders zu spielen oder anders zu stimmen.

Das ist doch sicher auch eine Herausforderung an die Spieldynamik?

Benny Greb: Ja, das mit den Becken allgemein bedarf eben, dass die interne Dynamik stimmt. Sven flippt immer aus, wenn ein Drummer die Becken zu laut spielt, denn dann kann er mit den Raumsounds, mit den Overheads und mit Kompression eigentlich nichts mehr ausrichten. Aber genau an dem Punkt wird’s eigentlich richtig interessant!

Benny Greb sw
(Bild: Gerhard Kühne)

Dabei liegt der Schwerpunkt von „Grebfruit 2“ gar nicht mal auf dem Schlagzeug, sondern auf der Inszenierung der zu Chören geschichteten und orchestrierten Stimmen. Wie hast du die Songs entwickelt?

Benny Greb: Es ist nicht so, dass ich die coolsten Drumgrooves entwerfe und Song-Arrangements dann drum herum schreibe. Das macht mich überhaupt nicht an. Viel interessanter finde ich den Prozess, die eigenen Song-Kompositionen als Grundlage zu nehmen und aus ihnen Inspirationen zu ziehen, um Drum-mäßig dazu neue Ideen zu entwickeln. Das erste „Grebfruit“-Album, was ich vor 13 Jahren gemacht habe, war im Prinzip ein geglücktes Experiment. Jetzt wollte ich das Thema noch mal aufgreifen, weil mir viele Ideen gestalterischer Möglichkeiten von Stimmen und Drums lange Zeit im Kopf rumgeschwirrt sind. Außerdem weiß ich inzwischen, dass ich besser Schlagzeug spiele, besser produziere und wie man durch Arrangements bestimmte Sounds erzeugen kann.

Du hast also die Drumtracks erst später zu den Songs konzipiert? Das klingt im Falle Benny Greb ein wenig abgefahren, so als wärst du dein eigener Studiodrummer gewesen?

Benny Greb: Ja, es gab durchaus die komische Situation, dass ich wie ein Studiomusiker versuchte, mir zu den kuriosen Vocal-Songs etwas einfallen zu lassen. Aber ich bin Drummer genug, um einen ordentlichen Drum-Part zu entwickeln. Wenn ich mit dem Song anfange und zunächst auf der melodischen Grundlage anfange zu schreiben, entsteht dadurch der positive Effekt, dass die Songs nicht so klingen, als wären sie auf Drum- Beats geschrieben.

Wie entstehen deine Song- Ideen grundsätzlich? Beim Autofahren? In der Küche beim Broccoli schneiden?

Benny Greb: Ich krieg Ideen immer und überall zu den unpassendsten Momenten. Die muss ich mir dann schnell aufs Handy singen. Ich hab viele Ideen – ich hab auch viele schlechte Ideen! (lacht) Anschließend gibt es Phasen, in denen ich das Material dann sichte – und natürlich den größten Teil wegschmeiße – aber es bleiben genug gute Ideen übrig, die ich dann katalogisiere und ablege. Und wenn es ans Songwriting geht, dann unterziehen sich Ideenschnipsel, Fragmente einer ziemlichen Sortierarbeit, was einer Steuererklärung nicht unähnlich ist. (lacht) Ideen zu haben ist immer mit Spaß und Enthusiasmus verknüpft. Aber diese dann auszuarbeiten, damit es schlüssig ist, damit es nicht gekünstelt kommt und man nicht versucht, was draus zu machen, was es nicht ist, das ist wirklich Arbeit! Und dieser Prozess geht auch nicht schnell von der Hand.

Was steckt grundsätzlich hinter der Idee, deine Stimme als Instrument einzusetzen?

Benny Greb: Da jegliche Art von Writing für mich immer schon mit der Stimme begonnen hat, lag der Gedanke nahe, die Ideen mit Stimme einfach auch bei der Stimme zu belassen. Zumal mich auch die Homogenität stimmenbasierter Sounds immer fasziniert hat. Nur war es eine Herausforderung, die große Lücke zu schließen zwischen Stimme und lautem Schlagzeug. Zwischen Rock-Beat-Drums und A-Capella-Voices braucht es die Fülle, weswegen ich mit Bass-Sounds experimentiert habe. Auf diese Weise konnte ich das Konzept eines geschlossenen Gesamt-Sounds umsetzen. Es war gesangsmäßig für mich extrem herausfordernd.

Hut ab! Du hast mit deiner Stimme sehr ausgecheckte Arrangements kreiert. Wie hast du all diese Schichtungen denn so lupenrein gesungen? Naturtalent oder auch mal Autotune?

Benny Greb: Weniger als bei normalen Pop-Produktionen! (lacht) Wir haben wahnsinnig viele Stimmen geschichtet und nahezu jede davon habe ich gedoppelt, also nicht bloß kopiert, sondern individuell gesungen. Dadurch entsteht diese unglaublich schöne Breite und Fülle im Sound, die man von großen Chören oder Orchestern kennt. Aber ich wollte auch teilweise in den elektronisch/poppigen Sound rein, um mit der Stimme Keyboard-artige Flächen zu erzeugen. Dafür mussten manche Passagen extrem clean gesungen sein, was dann manchmal nur mithilfe von Autotune zu realisieren war.

Auf „Grebfruit 2“ gibt es u. a. zwei bekannte Songs anderer Künstler. Zum Beispiel „Jesus He Knows Me“ und „Blackbird“. Was verbindet dich mit Genesis bzw. den Beatles?

Benny Greb: Ich liebe es! Außerdem wollte ich ein paar Cover-Versionen machen, bei denen ich auch mal Text singen kann. Texte selber schreiben ist nicht meine Stärke. Diese Songs sollten aber keine Kopien sein, also reine Cover, sondern Interpretationen, um sie ein bisschen aktueller oder moderner zu gestalten, ihnen einen anderen Touch zu geben. Ich würde auch klassische Musik nicht als Cover-Musik bezeichnen. Bei Mozart und Beethoven ist sehr viel Interpretation dabei. Gerade der Song „Jesus He Knows Me“ – im Original eine Doubletime-Power- Nummer – hat jetzt einen Halftime-R&B/HipHop-Charakter bekommen.

Benny Greb
(Bild: Gerhard Kühne)

Sehr außergewöhnlich auf „Grebfruit 2“ ist der Song „Grebchestra“. Ein aufwendig arrangiertes Stück, das man nicht mal eben aus dem Hut zaubert.

Benny Greb: Es ist eine Nummer, die fast schon Djent-Metal-Anleihen hat und eher in diesem Bereich von Bands wie Animals As Leaders einzusortieren ist. Ursprünglich war das gar nicht so mein Fokus, aber ich fand den Writing-Prozess besonders deshalb interessant, weil die Kernidee des Songs auf Unisono-Hits fußt. Eine derartig rhythmisch orientierte Anfangsidee war für mich Neuland. Genauso auch die eher methodische Vorgehensweise, die letztlich aber richtig war und zum Ziel führte. „Grebchestra“ ist ein ausgefuchster Song, und es war auch schlagzeugmäßig spannend, hier eine musikalische Lösung zu finden.

Ein großes Mysterium in der Schlagzeugerwelt ist das Phänomen Groove. Jedoch hat dieser Begriff in seiner allgegenwärtigen Verwendung nahezu schon inflationäre Züge angenommen. Ist Groove nicht in Wirklichkeit das Feel für Timing? Also das wahrhafte Erfassen von Zeit und das magische Spiel mit ihr?

Benny Greb: Das ist mit Sicherheit ein Teilaspekt. Es entsteht viel Verwirrung in der falschen Verwendung des Begriffs und der Vermischung von Bedeutungen. Groove umfasst eigentlich drei Bereiche: Rhythmus, Qualität und Feel. Erstens: Schlagzeugrhythmen sind Grooves. Man hört das ja häufig, wie „… spiel doch mal einen Shuffle-Groove …“ oder „… spiel doch mal einen anderen Groove“. Da meinen die jetzt nicht: Spiel mal ein anderes Feel. Sondern die meinen ein anderes Pattern. Groove und Pattern – da geht’s schon mal los. Groove-Drummer ist auch so ein geiles Wort. Häufig wird angenommen, dass ein Groove-Drummer jemand ist, der keine Fills spielt – weil dann groovt er ja. (lacht) Zweitens: Jetzt kommen wir in den Bereich der Qualität. Ein Fill kann grooven, ein Drumsolo kann grooven, ein Pattern kann grooven. Also deutet Groove auf die Qualität von gespielten Noten und Pausen hin. Egal ob es ein sich wiederholendes Pattern ist, etwas improvisiertes oder eine Keyboard-Line. Die kann nämlich auch grooven – genauso wie Gesang. Also: Ein Groove-Drummer ist niemand, der Grooves spielt und keine Fills macht. Es gibt Drummer, die keine Fills spielen, sich auf der sicheren Seite wiegen und trotzdem nicht grooven. Es gibt andere, die spielen ganz busy, komisch vertrackt und grooven ohne Ende. Für mich ist ein Groove-Drummer jemand, der immer groovt – egal was er spielt! Da möchte ich Keith Carlock nennen, der sehr unvorhersehbar abwechslungsreich spielt und dabei immer groovt. Oder auch Mike Clark von den Headhunters, der spielt nicht Grooves im Sinne von Patterns, aber er groovt – beim Solo, beim Fill, immer! Und der dritte Bereich ist die mentale Ebene, die das Feel aufgreift. Das darf man nicht nur auf sich selbst bezogen sehen, sondern muss es auf die Kommunikation z. B. innerhalb der Band ausdehnen, um die gemeinsame Wellenlänge zu finden. Wenn man diese drei Themenbereiche in einen Topf wirft, dann gibt es halt viel Verwirrung, zumal jeder der drei Bereiche sich wiederum in Unterbereiche verästelt. Alleine zum Thema Groove-Qualität gibt es einen Baum von verschiedensten Aspekten. Konkreteres dazu gibt es auf meiner DVD „The Art & Science of Groove“ zu erfahren.


Equipment

Drums: Sonor Vintage Serie

  • (Vintage White Pearl Finish)
  • 20″ x 14″ Bassdrum
  • 10″ x 8″ Tom
  • 16″ x 14″ Floor-Tom

Snaredrums: Sonor

  • 13″ x 5,75″ Benny Greb Signature Snaredrum (2¥)

Cymbals: Meinl

  • Hi-Hat aus 2x 16″ Byzance Vintage Trash Crash
  • 14″ Byzance Vintage Sand Hats
  • 8″ Artist Concept Model Benny Greb Crasher Hat
  • 18″ Byzance Vintage Sand Thin Crash (Stack mit 14″ Trash Hat)
  • 20″ Byzance Vintage Sand Ride
  • 22″ Byzance Vintage Sand Crash Ride

Hardware: Sonor 600er Serie

  • Giant Step Doppel-Bassdrum-Pedal

Felle: Remo

  • Snaredrums: Ambassador coated/Ambassador Snare
  • Toms: Emperor coated top, Ambassador coated bottom
  • Bassdrum: Powerstroke3 Schlagfell, Fiberskyn P3 Front-Fell

Drumsticks: VicFirth

  • Benny Greb Signature (SBG)

Cases: Hardcase


Also hat Groove auch akademische Aspekte und ist nicht nur eine Frage von Feel und Intuition?

Benny Greb: Es gibt verschiedene Türen, durch die man eintreten kann. Ich persönlich finde es wertvoll, in allen Dingen spezifisch und genau zu sein. Groove ist genauso ein Teil der eigenen Persönlichkeit und des Empfindens. Jeder Mensch hat ja auch seine eigene Definition vom Gefühl des Verliebtseins. In diesem Zusammenhang finde ich, dass jeder auch die Frechheit besitzen darf, das eigene Groove-Empfinden als etwas Persönliches zu beanspruchen.

Wer war Benny Greb damals ,und wer ist Benny Greb heute?

Benny Greb: Uhh … das klingt philosophisch! Es gab natürlich eine Zeit, bevor ich der Business-Man Benny Greb war oder der Vater Benny Greb wurde. Im Rückblick hat sich sehr viel verändert. Als Schlagzeuger habe ich damals jeden Stein umgedreht. Ich war neugierig und wollte alles wissen. Es war auch eine ganz andere Art, durchs Leben zu gehen, wenn man merkt, dass hinter jeder Türe etwas Neues steckt. Früher, als es noch kein Internet gab, hatte man begrenzte Ressourcen, und es sind diejenigen erfolgreich geworden, die härter gearbeitet haben und beständiger darin waren, sich Informationen und Wissen zu besorgen. Damals konnte ich alles auf mich einprasseln lassen und musste das nur noch verarbeiten. Aber eins ist sicher: Heute würde ich mit dieser Einstellung untergehen. Denn es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Jetzt haben diejenigen Erfolg, die eine bewusste Ignoranz üben und sich selektiv Dinge herausfiltern, um in die Tiefe zu gehen und dabei die Flut an täglich neuen Informationen bewusst ausblenden. Nur so kann man sich konzentriert einer Sache widmen. Das ist eine Fähigkeit, die heute den Unterschied macht – nämlich auszuwählen und keine Angst zu haben, permanent irgendwas zu verpassen. Das ist eine Herausforderung des Älterwerdens und auch des Besserwerdens. Im Prinzip ist es die Antithese zur Haltung der westlichen, kapitalistischen Welt. (lacht)

Benny Greb
(Bild: Gerhard Kühne)

Mir geht es total auf den Senkel, dass man jedes Jahr eine Automobilmesse hat und ich andauernd nur etwas über den neuesten Kram höre. Aber ich merke in meinem Leben, ich will gar nicht das Neueste. Ich hätte gerne das Beste! Es scheint die Frage der Qualität in den Hintergrund zu treten gegenüber dem Neuen. Inzwischen habe ich eine Art Bullshit-Detektor entwickelt. Ich habe gemerkt, dass es weniger gibt, was für mich neu ist. Aber es gibt viel mehr Sachen, bei denen ich in die Tiefe gehen will. So kann ich mich auf Wesentliches konzentrieren. Und heute weiß ich auch, auf welche Weise ich tiefer gehen kann. Dabei steck ich meinen Kopf immer mal wieder nach oben, um mir einen Überblick zu verschaffen. Aber dann tauch ich wieder ab und gehe in die Tiefe. Ich arbeite heute extrem daran, mich nicht ablenken zu lassen und nicht oberflächlich zu werden.

Vielen Dank Benny, für das gute Gespräch und für die weisen Worte!


Website

bennygreb.com

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Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
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