Interview aus dem STICKS-Archiv

Benny Greb: Schlagzeugerisches Können und musikalische Kreativität

 

 

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(Bild: Axel Mikolajczak)

Bei Benny Greb weiß man, dass er sein Publikum nicht nur durch seine zauberhaften Trommelkünste zu fesseln vermag, sondern darüber hinaus auch mit Charme und Witz hervorragend zu unterhalten versteht.

Hier in Deutschland ist Benny nach wie vor in vielen musikalischen Projekten involviert, hat in den letzten Jahren eine sehr erfolgreiche Lehr-DVD unter dem Titel „The Language Of Drumming – A System For Musical Expression“ veröffentlicht, ist mit seiner Brass Band und dem Power Fusion Trio 3erGezimmeR auf zwei neuen, wundervollen CDs zu hören und wurde sogar als Instrumenten- und iPhone-App-Designer aktiv: Gemeinsam mit Meinl Cymbals entwickelte Benny seine Signature Cymbals – das Sand Ride und die Sand Hats in der neuen Meinl Byzance Vintage Cymbal-Linie, und mit dem Benny-Greb-Drumtrainer präsentiert er ein tolles Tool für alle musikalischen iPhone-Besitzer. Über all diese Aktivitäten sprachen wir mit Benny beim Meinl Drum Festival 2010, wo er gemeinsam mit Bassist Frank Itt eine ausverkaufte mehrstündige Masterclass zum Thema Groove gab.

 

Benny, es sind schon wieder fast vier Jahre vergangen seit deinem letzten STICKS-Interview. In der Zwischenzeit ist ja immens viel passiert bei dir. Lass uns doch mal über all deine musikalischen Projekte reden, die du in der Zwischenzeit verfolgt hast, und auch über das, was demnächst noch von dir zu erwarten sein wird. Vor fast zwei Jahren hast du eine großartige Drum-DVD „The Language Of Drumming“ rausgebracht, die auch international ein großer Erfolg wurde. Hattest du das erwartet?

Benny Greb: Ich habe es zumindest gehofft, denn ich habe in diese DVD sehr viel Zeit und Energie investiert – auch Geld. Klar wäre es traumhaft, in so Phasen, in denen man mal zweifelt, in die Zukunft gucken zu können und zu sehen, wie erfolgreich es wird, und die ganzen Preise, die es gewinnt, vorher zu bekommen – als kreative Wegzehrung quasi. (lacht) Aber die einzige Chance, die dir bleibt, ist eben einen hohen Qualitätsanspruch zu haben und den auch in harten Zeiten nicht zu senken. Ich habe mir sehr viele Gedanken über das Konzept gemacht und mich also gefragt, was würde ich von solch einer DVD erwarten, die raussticht? Und da gab es ein paar offensichtliche Punkte, und die mussten dann in Angriff genommen werden.

Das hat dann schon erst mal ne Weile in mir gearbeitet, doch als ich die Grundideen hatte, konnte ich – wie bei einem Baum – sinnvoll verzweigen und in die Breite gehen. Der Inhalt basiert auf meinem eigenen Übesystem, das ich seit 10 Jahren verfolge. Für mich war dann die entscheidende Frage: Wie kann ich das am besten rüberbringen? Schließlich geht es ja nicht darum zu zeigen, was für ein toller Hecht ich bin, sondern darum, dass der DVD-Käufer dadurch reicher wird an Erfahrung – durch Information, durch Inspiration – und dabei auch Spaß hat, ein gutes Gefühl bekommt und motiviert ist.

Dann nämlich verliert auch die vielbeschworene Disziplin beim Lernen ihren Schrecken. Denn sobald man weiß, warum man etwas will, wofür man das dann gebrauchen kann und das auch noch mit einem guten Gefühl verbindet – dann läuft die Kiste. Maßgeblich für den Erfolg war bestimmt auch, dass die DVD inhaltlich recht zeitlos und stilistisch übergreifend ist. Und die Inhalte haben Tiefe und werden dennoch auch mal albern präsentiert. (lacht)

Das ist für viele ja ein großes Problem. Tiefgang muss anscheinend immer mit viel Ernst rübergebracht werden.

Benny Greb: Es gibt für alles seine Zeit. Natürlich gibt es auch Themen, die ernst sind, aber es ist doch nicht alles ernst. Information vermittelt sich nicht ohne Motivation. Wer hat schon Bock, einfach mal abends den Brockhaus durchzulesen? Interessanterweise hat übrigens der systematische erste Teil der DVD, mit all den mathematisch möglichen Kombinationen der Patterns und dem Einbeziehen der indischen Rhythmik, der Rudiments und der Independence-Übungen, sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Was mich allerdings etwas wundert, denn für mich ist der doch etwas spaßigere Part bzw. der, um den es mir persönlich etwas mehr geht, die zweite DVD mit den Kapiteln über „Zuhören“, „Timing“, „Time- und Click-Training“. Da gibt es z. B. auch tolle Improvisationsübungen für Drums.

In Kürze könnte man sagen: Der erste Teil der DVD geht also um das „Was“, der zweite um das „Wie“. Einen Überblick und eine Herangehensweise an das „Was“ zu haben ist sehr wichtig und eben grundlegend, doch das „Wie“, das find ich viel interessanter, dort fängt Musik an. Und das ist auch das, womit ich mich heute hauptsächlich beschäftige. Das sind Übungen, die einem jedes Mal wieder tolle Sachen bescheren. Also, Leute, guckt euch bitte auch die zweite DVD an, das ist mir sehr wichtig.

Ganz neu von dir gibt es jetzt auch ein App für das iPhone.

Benny Greb: Stimmt. Der „Drumtrainer – Benny Greb Signature Edition“, ist eine Übe- und Transkriptions-Hilfe mit allen möglichen Backbeat Grooves in 1/16-Subdivision das sind, glaub ich, ein paar Millionen Kombinationsmöglichkeiten.

Die kannst du dir selbst intuitiv durch Anfassen der einzelnen Noten verändern, vorspielen lassen und kommst auf abgefahrene Grooves, die du dir dann auch mal langsam anhören und ausnotiert ansehen kannst. Es ist auch ein cooles Tool für Songwriter und Arrangeure, die dann dem Drummer das vorspielen oder eben auf dem iPhone zeigen und sagen können, hier ist ein toller Groove, los spiel! (lacht)

Für dich gab es musikalisch ja ein sehr schönes Erlebnis letztes Jahr, denn du hast für eines deiner ganz großen Vorbilder Musik machen dürfen. Wie kam es zu deiner Zusammenarbeit mit Stewart Copeland?

Benny Greb: Also, erst mal muss ich sagen, dass ich mit meinen großen Vorbildern Elbtonal Percussion Musik machen durfte. (lacht) Die Jungs von Elbtonal und ich hatten früher mal in einem abrissgefährdeten Gebäude in Hamburg unsere Proberäume, von einem echt kriminellen Vermieter. Da habe ich unter unglaublichsten Bedingungen geübt. Mein Raum war jedenfalls so ein Bretterverschlag – mit ein paar Drums und ein bisschen Aufnahme-Equipment drin. Eines Tages hörte ich dann mal ein Vibrafon, bin dahin, hab zaghaft die Tür aufgemacht – und gleißendes Licht kam mir entgegen, und ich blickte in einen wunderschönen Raum mit Teppichboden und so.

Das war jedenfalls der Proberaum von Elbtonal Percussion, und die habe ich da kennengelernt. Im Lauf der Zeit ist man sich immer wieder mal in Hamburg über den Weg gelaufen, und so kamen wir dann natürlich auch ins Gespräch. Elbtonal Percussiuon hatten bei ihren traditionellen Konzerten in der Hamburger Fabrik immer Gastmusiker dabei, zum Beispiel Trilok Gurtu. Und einmal fragten sie dann mich, ob ich nicht mal mitspielen wollte. Da haben wir dann unsere Köpfe zusammengesteckt, um mal ein paar Ideen zusammenzuwerfen und Probetermine zu finden, und da hieß es auf einmal: „Nee, an dem Termin können wir nicht, da arbeiten wir für Stewart Copeland.“

Da wäre ich zum Huldigen fast auf die Knie gefallen, denn schließlich bin ich ein Riesen-StewartCopeland-Fan. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Balladen ich als Teenie versaut habe, bei dem Versuch, alles so wie er zu spielen. (lacht) Eine Zeit lang war sein Style alles für mich, diese Energie, diese Kreativität. Er und seine wunderbare Band The Police waren eigentlich dafür verantwortlich, mich vom Punk zu anderen musikalisch interessanten Sachen hinzuzuziehen. Aufgrund dieses „Outings“ jedenfalls haben Elbtonal mich gefragt, bei dieser Produktion der Musik zu der „Ben Hur“-Stadion-Show mitzumachen. Das sollte die größte Show-Produktion aller Zeiten werden. Und dazu haben die sich Stewart Copeland als Komponisten geholt, der das Ganze dann wie eine große Oper geschrieben und arrangiert hat. Und Stewart wollte dafür Elbtonal Percussion. Doch zum Produktionstermin konnten zwei Leute nicht, und so kam ich ins Spiel.

Wir sind dann ins Studio nach Dortmund gefahren, und ich hab dann auf so einem merkwürdigen Set gespielt, mit Orchester-Toms, einer liegenden Bassdrum und klassischer Snaredrum. Ich war hauptsächlich für diese orchestralen Snaredrum-Wirbel verantwortlich, was Stewart dann auch immer sehr fein fand. Der Typ war wirklich locker drauf, obgleich er ja eben noch auf einer Police Reunion World Tour war. Der hat sogar geholfen, Drum-Equipment die Treppen raufzuschleppen – wirklich cool. Und das rauszufinden war sehr schön – ich hatte aufs richtige Pferd gesetzt! (lacht) Und wenn du im Studio nach einem Take die Stimme von Stewart Copeland im Kopfhörer hast – „Great drumming, man!“ – dann ist einfach die Welt in Ordnung! (lacht) Das war wirklich ein einmaliges Erlebnis. Ich bin Elbtonal Percussion auch sehr dankbar, dass sie da an mich gedacht haben. Und letztendlich haben wir dann ein paar Monate später auch unser „Fabrik“-Konzert gespielt, was auch sehr schön war. Es wird wohl auch nicht das letzte Mal gewesen sein, denn neue Konzerte mit diesem halsbrecherischen Programm sind bereits in Planung.

Ein weiteres interessantes musikalisches Projekt von dir ist deine Brass Band.

Benny Greb: Ja, und da bin ich der Chef! (lacht) Zunächst mal stand allerdings nicht die Band, sondern die CD und das Songwriting für mich im Vordergrund. Denn nachdem ich ein bisschen verdutzt war, wie gut das mit der „Grebfruit“-Scheibe gelaufen war, hab ich mich natürlich gefragt: Was mache ich denn jetzt? Ich wollte auf jeden Fall eine weitere Platte mit einem homogenen Band-Sound machen, und ich hatte da noch eine Rechnung offen aus meiner Blasmusik-Vergangenheit, denn ich hab ja Trompete gespielt, bevor ich überhaupt mit dem Schlagzeugspielen angefangen habe. Also, warum nicht Brass-Band-Musik?

Das war für mich sowieso die perfekte Mischung aus dem traditionellen Jazz und dem frühen Funk, und mit dieser gewissen Spannung im Groove. Denn da spielt keiner Akkorde, alle spielen ihre Lines, und der Groove entwickelt sich aus diesem seltsamen Demokratieverständnis. Das ist eine ganz eigene wunderbare Sache. Und allein mit einer Tuba als Bass zu spielen … Mann, das sind sieben Meter, die die Luft da reisen muss, bis die da als Ton rauskommt. Das Ding schwingt also schon mal ganz anders ein als ein normaler Bass, das groovt ganz anders. Also hab ich erst mal die Songs geschrieben, mit meinen Lieblingsmusikern als Traumbesetzung schon im Kopf, die wundersamer Weise dann auch alle auf der Platte gespielt haben. Das passiert ja nun wirklich nicht oft. Reiner Winterschladen an der Trompete, Sebastian Hoffmann Posaune und Reverend Uli Krug am Sousafon. Da haben wir uns im Sommer einfach eine schöne Woche mit viel Grillen und viel fränkischem Wein in Volkach gemacht und haben dann diese schöne Platte eingespielt. Das ist jetzt allerdings keine Band, die jeden Monat Clubgigs macht.

Wir sind alle sehr beschäftigt, und ich kann momentan nicht auch der Booker sein. Zum CD-Release war leider terminlich nicht die Luft für Gigs da. Gerade zu der Zeit war sehr viel los. Fast parallel zur „Brass Band“-Scheibe kam die „3er – GezimmeR“-Platte raus, Stoppok hat damals viel live gespielt, und die DVD musste auch fertig werden. Überall muss das Eisen geschmiedet werden, solange es heiß ist. Da kommt es bei so vielen Eisen im Feuer schon mal zu Überschneidungen. Ich bin aber absolut dankbar dafür, denn das sind nun wirklich Luxusprobleme. Ich bemüh mich immer wieder mal, die Band zusammenzubringen. Vielleicht klappt es demnächst mit einem Gig in London, doch das ist momentan keine Band, die jeden Monat mal in irgendeinem Club spielt. Ich habe mir jedenfalls damit einen Traum erfüllt, mal solche Musik zu schreiben und mit meiner Jazz-Seite mehr in Berührung zu kommen. Das hat Spaß gemacht.

Zu hören sind ja auch viele unterschiedliche stilistische Einflüsse, z. B. aus dem New Orleans Funk, dem traditionellen Jazz.

Benny Greb: Ja. Ich bin sehr stolz auf dieses Album. Eine Liebeserklärung an diesen Stil mit modernen Einflüssen wie HipHop und Electro, aber eben mit dem traditionellen Sound, der auch vor Polka nicht halt macht. Aufnahmetechnik, Sound und Besetzung waren für mich das, was unbedingt traditionell bleiben musste. Ich finde es aber seltsam, wenn eine neue Platte so „authentsich wie vor 30 Jahren“ zum Beispiel klingen muss, also auch mit dem Hintergrundwissen von vor 30 Jahren. Das hat zwar einen gewissen Charme, so als ob man zum Kostümball geht, aber es hat nach einer gewissen Zeit dann auch genau dieses Gefühl und ist eben doch nicht so echt. Viele verwenden den Begriff „Authentizität“ immer in dem Zusammenhang, wenn es genau so ist, wie es früher einmal war. Ich dagegen verbinde mit „Authentizität“, wenn ich bin, wie ich nun mal wirklich bin. Wenn man hier dann überhaupt noch von Jazz reden kann, dann eben so, wie ich Jazz verstehe. Das Ganze hat viele Aspekte – die ich vielleicht selber nicht ganz verstehe. (lacht) Ich wollte einfach eine schöne Platte machen.

Und dann hast du noch eine schöne Platte gemacht, nämlich mit deinem Power-Fusion-Trio 3erGezimmeR. Wieder eine ganz andere Baustelle.

Benny Greb: Genau. Das ist das Fusion-Projekt mit dem Gitarristen Peter Wölpl und Bassist Frank Itt. Das Songwriting teilen sich hauptsächlich Peter und ich. Ich denke, das tut der Band auch ganz gut, denn Peter hat seine Art zu schreiben und ich habe meine Art, und so wechselt sich das schön ab und gibt dem Programm eine ganz eigene Form. Das ist eine Band, mit der es sehr viel Spaß macht, live zu spielen. Und so haben wir regelmäßig einmal im Monat in Hamburg in so einem kleinen Club gespielt, um so was Ähnliches zu etablieren, was ja auch in New York üblich ist, nämlich, dass die Leute, die in der Stadt wohnen, auch was zu ihrer Kultur beitragen. Obwohl wir viel unterwegs sind, versuchen wir also, zumindest einmal im Monat einen Termin zu finden, an dem wir live spielen, improvisieren, Neues ausprobieren. Die Besucherzahlen liegen zwar eben so im Jazz-Bereich …

… das sind sie in New York in den Clubs ja meistens auch …

Benny Greb: … genau, doch jeder, der kommt, erlebt jeden Monat eine neue Band. Das ist so unsere Spielwiese, was Improvisation angeht, und mit den Jungs geht das hervorragend, denn die zögern keinen Augenblick und gehen sofort mit, wenn man was Neues wagt. Ich bin jedenfalls gespannt, was da noch alles kommt. Wir schreiben jedenfalls fleißig weiter an neuem Material.

Wie genau machst du denn das mit dem Komponieren für Bands wie 3erGezimmeR? Spielst du Klavier oder Gitarre? Bläst du die Melodien auf dem Kamm?

Benny Greb: (lacht) Es ist tatsächlich eine Mischung aus dem, was du gerade gesagt hast. So wie schon die Sachen von „Grebfruit“ entstanden sind, singe ich die meisten Melodien und Ideen erst mal ein, bevor ich Gefahr laufe, diese aufgrund meiner mangelnden Keyboard-Technik vielleicht zu vergessen, während ich versuche, sie umzusetzen. Deswegen habe ich für mich eben dieses „Voice Memo“-Ding kultiviert. Meistens sind es zuerst Bass-Linien oder einfache Melodien, die ich dann früher auf meinen Anrufbeantworter gesungen habe. Heute mach ich das mit meinem iPhone und hab schon eine richtige Library von Ideen. Manchmal nehmen die Bezug aufeinander, und ich ordne die ein bisschen und höre sie mir an, wenn ich zum Beispiel im Flieger mal etwas Zeit habe, und sing dann da was Neues drauf, was für die Mitreisenden mitunter etwas befremdlich sein kann. Aber ein wichtiges Motto von mir ist ja: „Blamiere dich täglich!“ (lacht)

Ich habe also diese Library an Ideen, und mit der Zeit merk ich dann, die sind jetzt reif, oder die sind eben noch nicht reif. Die mir reif erscheinen, die spiele ich dann mit Keyboard ein, um dann wirklich genau festzustellen, welche Harmonien und Akkorde das nun sind. Denn was ich mache ist ja, eine Linie über die andere einzusingen, und da kann ich mich schon mal vergreifen und fantasiere Melodielinien, die dann überhaupt nicht passen und – dann nenn ich es einfach Jazz! (lacht) Und dann weiß ich, das ist ein 3er-GezimmeR-Song. „Nee, im Ernst?“ musst du jetzt aber auch mit abdrucken. (lacht) Jedenfalls wird das dann alles sortiert, und das ist der Teil, der weniger flutscht, das ist eher wie Büroarbeit. Ideen haben macht super Spaß, die kommen auch immer und oft zu den unmöglichsten Zeiten. Songs auszuarbeiten aber, zu arrangieren, die Dramaturgie festzulegen, Teile zu kürzen, das Ganze dann wieder reifen zu lassen, wieder anzuhören, das ist Arbeit. Aber es macht natürlich auch schon Spaß.

Und diese Ideen präsentierst du dann den anderen Musikern, also zum Beispiel Peter und Frank?

Benny Greb: Ja. Ich habe für alle meine Projekte verschiedene Ordner, in denen ich diese Ideen sammele. Manchmal weiß ich schon vor oder beim Schreiben, für welche Band das nun ist, manchmal weiß ich das allerdings auch erst danach. Jedenfalls bekommen die anderen dann die Ideen, die ich für reif erachte, als Demo per Mail, oft als MIDI-File oder ich trommel noch was darauf. Bei Peter und Frank dauert das dann meistens nur eine Probe oder Soundcheck, bis wir das dann live spielen können, und dadurch wächst das Ganze dann auch zu einem richtigen Song.

Und wie erarbeitest du dir neue Ideen für Drum-Grooves oder Fills oder Soli? Arbeitest du überhaupt konkret daran, oder lässt du das einfach auf dich zukommen?

Benny Greb: Das richtige Üben, das habe ich mir regelrecht zurückerobert. Ich habe eine Zeit gehabt, in der ich nur ganz wenig geübt habe, bis fast gar nicht. Und in der Zeit wurde ich ganz quengelig und war nicht sehr glücklich. Also, ich habe zwar viel getrommelt, viel gespielt, aber ich habe nicht geübt. Und das Fehlen dieser Balance zwischen üben und spielen, das ist so, als wenn du sagst, ich bin so beschäftigt mit dem Autofahren, ich habe gar keine Zeit zu tanken. Man kann sich zwar eine Zeit lang vorlügen, dass alles okay ist, aber das funktioniert so nicht. Irgendwann bleibt die Karre trotzdem stehen. Und das Schieben ist ja wohl anstrengender, als weiterfahren zu können, wenn man rechtzeitig getankt hätte. Jedenfalls habe ich das Üben für mich vor einiger Zeit wieder angeschoben und übe wieder regelmäßig. Fühlt sich toll an – wie früher! (lacht)

Übst du dann an konkreten Sachen? Oder lässt du in dem Moment einfach Ideen auf dich zukommen? Oder wagst du dich ganz bewusst auf neues Terrain vor, das du bisher noch nicht betreten hast, um mal zu sehen, wie du neue Sachen umsetzen kannst?

Benny Greb: Das ist für mich Üben per Definition. Wenn ich mich nicht dahin rauswage, wo ich noch nicht war, dann spiele ich zwar, aber ich übe nicht. Oder ich daddel, wie der Hamburger sagen würde. (lacht)

Das ist ja das Dilemma für viele Drummer. Sie verlassen ihr gewohntes Terrain nicht, sondern werden darin dann einfach immer schneller oder immer lauter.

Benny Greb: Das ist eine Frage davon, welche Parameter man zulässt, um sein Repertoire zu erweitern. Klar, Geschwindigkeit ist ein ganz einfacher Parameter, und da kann man auch ganz einfach Lernerfolge absehen. Dynamik ist schon etwas vielschichtiger, denn wenn man da alle Permutationsmöglichkeiten in einem Groove durchzieht, also ein Instrument bzw. jede seiner Noten im Groove mal laut akzentuiert und mal leise spielt, und zwar so, dass es immer groovt, da tun sich mitunter schon technische Schwierigkeiten auf, dass es einem die Schuhe auszieht. Dynamik ist ein unglaublicher Kreativitätshammer.

Für mich ist Dynamik übrigens das Hauptcharaktermerkmal eines Drummers. Klar, Groove und Time offensichtlich auch, aber die Dynamik bestimmt letztendlich, wie all die Grooves und Licks klingen. Oder wie der Set-Sound überhaupt wirkt. Diese interne Dynamik zwischen den Instrumenten, das ist ein starkes Charaktermerkmal eines jeden Schlagzeugers. Darüber allein könnte man mal eine DVD machen. Aber an dem Thema bin ich selbst schwer dran.

Für mich ist das eine wahre Fundgrube an neuen Ideen. Üben ist für mich eine Zeit, die ich mit dem verbringe, was mir mit am wichtigsten ist, nämlich mein Instrument. Und das macht mich einfach glücklich. Und es ist eine gute Übung in Demut, denn Üben heißt ja auch, sich zwangsläufig mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten zu konfrontieren. Denn wenn man an seine Grenzen geht oder darüber hinaus, dann fühlt man sich wie ein Anfänger. Eben weil man in dem Feld, das man noch nicht beherrscht, ja auch ein Anfänger ist!

Und das ist ein Test, den ganz viele missverstehen. Und nicht bestehen: Boah, das ist aber nix für mich! Boah, das kann ich aber nicht! Anstatt in Selbstmitleid zu verfallen, sollte man dies als Chance sehen, schon einen Tag später oder evtl. ein paar Minuten schon als Gewinner dastehen zu können. Und wenn man das auch noch dokumentiert, welche Fortschritte man gemacht hat, dann ist das einfach fantastisch. Obwohl das jetzt eher sportlich klingen mag, ist es doch so, dass das, was man da erreicht hat, einen gerade als Künstler und Mensch reicher macht.

Es geht eben nicht um den prähistorischen Aspekt nach dem Motto: So, das Viech habe ich jetzt auch erlegt! Sondern es geht um das, was sich niemand kaufen kann, um das, wohin es eben doch keine Abkürzung gibt. Um das, was eben Zeit und Hingabe erfordert. Deshalb zahlen wir für Erfahrung in unserer Gesellschaft ja auch gutes Geld, denn dahin kommst du nur über Trial and Error. Da ist viel Zeit involviert, viele Emotionen in unterschiedlichsten Situationen, aus denen man viel gelernt hat. Emotionen helfen beim Lernen, denn wenn es einem so richtig zu Herzen geht und man dann mit Köpfchen und Herz ne Lösung findet, dann verändert, verbessert man sich für immer. Erfahrung ist schließlich das, was man bekommt, wenn man das, was man ursprünglich wollte, nicht bekommen hat.

Wie war es für dich, zum Modern Drummer Festival in New York eingeladen zu werden?

Benny Greb: Eine große Ehre natürlich. Dieser Ritterschlag der Drummer-Welt hat doch einiges an Gewicht. Weißt du, jeder hat gute und schlechte Tage, und beim Modern Drummer Festival willst du auf jeden Fall einen guten haben! (lacht) Es lief wirklich gut, und ich bin schon etwas stolz drauf. Meine Zusammenarbeit mit Hudson Music ist ja auch sehr gut, und die werden das wieder als DVD rausbringen. Ich habe schon die Audiotracks auf dem Rechner und werde das nächste Woche mit Sven Peks mischen und mastern. Da freu ich mich schon drauf.

Danke, Benny, dass du dir für dieses Gespräch die Zeit genommen hast, und viel Spaß bei all deinen zukünftigen Projekten!


(aus STICKS 08/2010)

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Der Drum-trainer ist scheinbar leider nicht in Österreich erhältlich:-( Kommt das noch?

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