Produkt: Sticks Digital 11-12/2019
Sticks Digital 11-12/2019
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Die blaue Drumshow

Blue Man Group im Interview

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Seit Jahren erfreut sich die Drumshow der Blue Man Group weltweit wachsender Beliebtheit. Doch wie so oft steckt hinter viel Vergnügen auch viel Arbeit. Aber, wie im Falle des Berliner Drum-Ensembles, auch eine Menge Spaß und eine bemerkenswerte Kollegialität.
Die Blue Man Group ist ein Publikumsmagnet. Was vor vielen Jahren in New York begann und dann in allen amerikanischen Metro – polen zündete, wurde auch international schnell ein Kassenschlager. Heute gibt es Shows in Basel, Stockholm, Wien, Tokio – die Blaumänner sind scheinbar überall, gilt ihre Show doch als bestes Entertainment für die ganze Familie – inklusive für Schlagzeuger. Mit einer Show voll spektakulärer Farbeffekte und einer cleveren Lightshow mit viel Schwarzlicht ist diese Produktion zunächst ein opulentes visuelles Spektakel. Doch vor allem ist die Blue Man Group eine bemerkenswerte Drum-Show. Da trommeln jeweils drei Blaumänner unterstützt von einem Schlagzeuger und einem Perkussionisten (dazu ein Chapman-Stick-Spieler und ein Zither-Spieler) auf speziell angefertigten Sets, auf Röhren, Pipes und abenteuerlichen Konstrukten wie den „Paint-Drums“, auf deren beleuchtete Felle sich Farbe ergießt, die bei jedem Trommelschlag bis in die ersten (beschirmten) Publikumsreihen spritzt – wo besonders Spaß aufkommt. Doch dahinter stecken, wie so oft, viel Arbeit und Disziplin, eine ausgeklügelte Choreographie und ein funktionierendes Team wie beim Berliner Ensemble, das sich Backstage im Blue-Man-Theater am Postdamer Platz im Herzen Berlins zum Gespräch eingefunden hat. Gestatten: der Musikalische Leiter Jens Fischer, Drum-Captain Dave Anania, Artistic Director Pete Starrett und die Schlagzeuger und Perkussionisten Nadim Helow, Jan Burkamp und Marco Vonder Gret.
Wie wird man ein Blue-Man-Trommler?
Jens: Die Castings in Europa machen Pete, Dave und ich. Wir wählen potenzielle Kandidaten vorab aus, dann gibt es ein Feedback aus New York, wo die „Blauen“ ihre Entscheidungen für die Endauswahl treffen. Dave ist bei den Schlagzeug-Auditions dabei, Pete bei allen Blue-Man-Auditions. Am Ende sind es manchmal nur zwei von hundert Kandidaten. Unsere Anforderungen sind wirklich sehr speziell. Die Mischung aus schauspielerischer Intensität und der Fähigkeit, so merkwürdig zu trommeln, wie man das bei uns tut, ist sehr rar. Was bedeutet das konkret? Pete: Wenn wir Schauspieler beziehungsweise Schlagzeuger suchen, dann melden sich meist Band-Schlagzeuger. Aber die haben bei uns gar keine Chance, ihr Feuerwerk abzubrennen. Die müssen zunächst auf einem Übungs-Set spielen, mit Sticks wie Paukenschlegeln und einem dicken Tipp am Ende. So müssen sie dann Sechzehntelnoten spielen, ganz stur und die dann langsam akzentuieren. Eigentlich ganz einfach. Doch genau das macht es für viele Schlagzeuger kompliziert. Denn bei uns geht es vielmehr um ein inneres Gefühl für Rhythmus als um das, was man auf einem Schlagzeug zu spielen imstande ist.
Jens: Man kann hier nicht seine Zaubertricks zeigen, indem man an seinem Set sitzt und mal geil abdrückt. Diejenigen, die meinen, sie zeigen mal, wie gut sie spielen können, sind meist nicht die richtigen Kandidaten. Hier muss man sich auf die Blue-Man-Welt einlassen.
Und die Schauspieler, die bestenfalls auch Schlagzeuger sind, werden von euch ausgebildet?
Dave: Ja. Ich bin die erste Instanz, bevor ich sie zu Pete und Jens weiterschicke. Ich muss beurteilen, ob jemand einen Rhythmus spielen kann und wie er mir folgt mit Tempo und Dynamik. Jens: Es gab mal eine Zeit, da haben wir auch virtuose Schlagzeuger gesucht, die obendrein Entertainment-Qualitäten haben und zwar für unsere „Complex Rock Tour“. Das hat sich jetzt wieder geändert Heute suchen wir eher Schauspieler, die auch Trommeln können, die Rhythmus im Gefühl haben und angelernt werden.
Jens: Dass die Leute einfach mal alles über Bord werfen, von dem sie glauben, dass es für diesem Job wichtig ist, und sich lieber auf das einlassen, was ihnen der Schlagzeug-Captain oder der Musical Director präsentiert. Das bedeutet, möglichst akkurat das nachzuspielen, was gefordert wird. Als Nächstes dann, wie schnell sie mit anderen Schlagzeugern einloggen – einer der wichtigsten Aspekte, weil die meisten Schlagzeuger vorher allein in einer Band gespielt haben. Hier dagegen müssen sie bei der Show mit vier anderen Schlagzeugern zusammen spielen. Dann: Hören die Kandidaten zu? Oder sind sie auf Autopilot und nageln ihren Part durch? Das sind wichtige Aspekte. Mit dem Ergebnis, dass wir mitunter Schlagzeuger engagiert haben, die vielleicht technisch nicht perfekt, aber dafür musikalisch richtig gut sind.
Dave: Das hier ist keine normale Drumset-Music. Die Grooves, die wir in der Show haben, sind sehr unkonventionell – und deshalb nicht einfach. Es gibt Parts, in denen du trommeln musst, wie nie ein Trommler denken würde.
Zum Beispiel werden große, ausladende und visuell wirksame Bewegungsabläufe gefordert. Musstet ihr selbst erst lernen, so zu spielen?
Jan: Ich denke, das kommt darauf an, woher man kommt. Es gibt Trommler, die sind so erfahren, dass sie diesen ShowAspekt schon verinnerlicht haben, manche sind auch damit geboren. Für andere war das etwas Neues. Für mich selbst auch. Ich muss aber sagen, dass es sich für mich inzwischen normal anfühlt und mir ein gutes Spielgefühl gibt, wenn es zur Musik passt. Das verändert die körperliche Haltung, die man zum Instrument hat.
Jens: Es geht dabei um den Aspekt der Arbeit beim Spielen, weniger um Show. Das muss etwas „Männlich-Archaisches“ haben, so vom Gefühl her „man at work“.
An welchem Punkt trifft man sich trotz ganz unterschiedlicher Erfahrungshorizonte und Lebensläufe? Was bringt den eleganten Jazz-Schlagzeuger und den kraftvollen Rock-Drummer bei der Blue Man Group zusammen?
Jan: Die Hintergründe aller Schlagzeuger sind tatsächlich sehr verschieden. Dennoch gibt es in den Musikgeschmäckern Überschneidungen. Jeder hat schon mal was mit Jazz zu tun gehabt, ebenso mit Rock. Insofern geht da schon das Repertoire eines jeden über das hinaus, was hier gefordert ist.
Hat das Auswirkungen auf euer Spiel bei anderen Projekten? Färbt das „Blau“ ab, um es mal so zu formulieren?
Jan: Es ist eine Bereicherung der Erfahrung, es erweitert den Horizont, bedeutet aber nicht, dass man nicht mehr anders spielen kann.
Wie viel eigener Style ist denn beim Spielen erwünscht und möglich? Wie streng sind die Vorgaben?
Nadim: Es ist eine Balance. Der eine tendiert mehr zu seiner Art und Weise und reibt sich dadurch vielleicht öfter am allgemeingültigen und etablierten Blue-Man-Style. Auf der anderen Seite würde es nichts bringen, wenn es diesen individuellen Ansatz nicht geben würde. Ich muss nur berücksichtigen: Was kann ich dazu beitragen, dass es die Show bereichert? Das ist ein täglicher Kampf, für den einen mehr, für den anderen weniger. Ich kann nur sagen, ich weiß, was ich zu tun habe. Aber wenn ich etwas darüber hinaus spiele und die Sterne richtig stehen, passiert etwas. Es wird nur schwierig, wenn man versucht, dies zu forcieren. Wir spielen mitunter sieben Shows pro Woche, und einige von uns schon seit mehr als zehn Jahren! Da kann und wird niemand sagen: Ich werde die Show heute Abend neu erfinden! Aber ich finde es wichtig, sich ein individuelles Element zu erhalten. Das kann der Show noch mal einen echten Kick geben.
Jan: Man muss dazu wissen: Es gibt keine ausnotierte Fassung der Blue-Man-Show, sondern nur eine so genannte „Template“-Version, einen Leitfaden, der oral tradiert wird. Du hast einen Lehrer, der dir die Parts beibringt, und die lernst du auswendig. Und wie das Wort „Leitfaden“ schon andeutet, gibt es einen gewissen Freiraum, auf Dinge, die in der Luft liegen, zu reagieren, darauf einzugehen und wieder zurückzukommen. Da es passieren kann, dass man sich auch mal zu weit aus dem Fenster lehnt, haben wir nach jeder Show unsere „note sessions“, unsere selbst auferlegte Kontrollinstanz, in denen darüber gesprochen wird, ob wir zu weit draußen waren und uns vielleicht von der geforderten Ästhetik entfernt haben. Die Frage nach dem Freiraum wird hier immer wieder gestellt. Du triffst also mit deiner Frage genau ins Schwarze.
Wer macht denn eigentlich nach den Shows die ganze Farbsauerei von den Kesseln sauber?
Jens: Wir haben eine Crew, die dafür zuständig ist und sich darum kümmert. Wobei ich sagen muss, dass die Kessel wirklich lange halten, da die genau auf die Erfordernisse, also das Zusammenspiel von Farbflüssigkeit und Licht, hin gebaut wurden. Denn da darf einfach keine Flüssigkeit reinkommen! Der Sound entsteht übrigens tatsächlich durch das Zusammenspiel von der Spannung des Fells im Zusammenspiel mit der Farbflüssigkeit.
Vielen Dank für das Gespräch!
 
Produkt: Sticks Digital 07-08/2019
Sticks Digital 07-08/2019
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