Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
STEWART COPELAND - Orchester-Rausch! +++ LUIS RIBEIRO (The World of Hans Zimmer) +++ YAMAHA Live Custom Hybrid Oak Drums +++ LP PRO Tambourines +++ K ZILDJIAN Cluster Crash Cymbals
Interview

Chad Smith: Scharf wie geil

 

Mit Spaß am Drusmet: Chad Smith
Mit Spaß am Drumset: Chad Smith (Bild: Tom Schäfer)

Das Schlagzeugspiel von Chad Smith zeugt von Stil. Frech und offensiv treibt er den Power-Puls der Red Hot Chili Peppers an: Ohne Zweifel ist Chad Smith einer der angesagtesten Rock-Drummer unserer Zeit.

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Auch wenn sein Drumming manchmal derbe und krass daherkommt, so ist der Mensch Chad Smith ein humorvoller Zeitgenosse, der eigentlich auf das Rockstar-Gehabe pfeift und sich gerne mal die spaßigen Anekdoten des Lebens gönnt. Kurzum: „He is eating drums for breakfast!“ – eine wunderbar treffende Etikette, die den Humor nicht besser deutlich machen kann. Sticks traf 2011 den Drummer der Red Hot Chili Peppers in einem Kölner Nobel-Hotel – diesmal allerdings beim Wiener Schnitzel zum Frühstück.

Mit deinem explosiven Drumstyle prägst du in großem Maße den Sound der Red Hot Chili Peppers. Deine Grooves gehen weit über „2 & 4“-Backbeat-Formate hinaus und überraschen mit geschmackvollen Extras, rasanten Fills oder Hi-Hat-Offs, die sich zu einem komplexen Chad-Smith-Power-Style vernetzten.

Chad Smith: Wow, vielen Dank für diese Einschätzung! Als ich vor 42 Jahren mit dem Schlagzeugspielen anfing, da war ich der wilde Typ hinterm Drumkit. Anscheinend ist davon noch was übrig geblieben! (lacht) Damals war ich von der britischen Hardrock-Szene total beeindruckt: Black Sabbath, Led Zeppelin, Humble Pie, Deep Purple.

Typen wie John Bonham, Ginger Baker, Ian Paice, Keith Moon – das waren Front-Typen, die einen aggressiven Hardrock-Approach drauf hatten, der mich total flashte. (spielt Luftgitarre und grölt mit verzerrter Stimme das Gitarren-Lick von „Paranoid“) Die verspielten Tricks, Grace-Notes und all das Zeug hab ich wie ein Schwamm aufgesaugt. Mein Drumstyle hat sich unter diesen Einflüssen ganz intuitiv geformt. Ich wollte nie bloß der Time keeper sein und habe immer versucht, so zu spielen, dass meine Drums den Charakter eines Songs mitprägen.

Natürlich braucht man ein Vokabular, Farben und gewisse Tools, um ein eigenes Profil zu entwickeln und Ideen zum Ausdruck zu bringen. Es gibt bestimmte Dinge, die mir gegeben sind und die ich musikalisch beherrsche. Ich bin selten frustriert, weil mir nicht das gelingt, was ich eigentlich als Idee im Kopf hab. Ich hatte aber nie die Vision vom Drummer-Star. Viel wichtiger erscheint es mir, als Musiker aufrichtig und ehrlich zu sein. Das ist was zählt! Die Authentizität. Dann schaffst du wahre Momente, die von Herzen kommen. Und oft passieren diese wahren Momente intuitiv. Immer wenn ich zu lange über etwas nachdenke, dann sind es meistens die schlechteren Ideen.

Mit Spaß am Drusmet: Chad Smith

Was macht diesen unverkennbaren Chad-Smith-Style aus?

Chad Smith: Huuh, schwierige Frage. Meine Art ist es, mit viel Power zu spielen und mit Intensität. Groove, Power, Feel und Vibe verschmelzen miteinander. Ich möchte, dass alle Musiker, mit denen ich spiele, sich richtig wohl fühlen – das ist mein Job! Ich weiß nicht, ob das ein Style ist – also, ich nenne es einfach mal Power-Funk. Aber mal ehrlich: Ich hab Ideen schon immer und überall geklaut. (lacht)

Typisch für deine Spielweise sind diese explosiven Extras, die immer wieder zwischen den Backbeats wie kleine Feuer aufflammen.

Chad Smith: Da komme ich weder auf die britischen Kollegen zurück. Diese Kraft zwischen den Noten ist eine Stärke der englischen Drummer. Dieses spezielle Feel hat mich immer schon gekickt. Darüber hinaus ist es eine große Kunst, dem Raum zwischen den Beats auch mal Luft zu geben. Ein Drummer wie Simon Kirke von Free, der hat mit wahnsinniger Power getrommelt und trotzdem Raum gelassen. Grooves brauchen Luft zum Atmen.

Früher hab ich natürlich einfach drauflos gespielt und wollte allen zeigen, was ich draufhatte. Mit der Zeit und der Erfahrung aber – besonders durch Recordings – habe ich mich von dieser Art wildem Drauflosspielen entfernt, und mir ist bewusst geworden, dass die Stärke eines Drum-Grooves auch in der Einfachheit liegt – solange die Beats an der richtigen Stelle sitzen und Energie haben. Es kommt eben nicht nur auf die Fertigkeiten der Hände und Füße an. Zu hören, was um dich herum in der Band passiert, das ist wesentlich wichtiger.

Das Zusammenbringen der Sound-Ebenen und das Vernetzen von Gitarre, Bass, Drums und Vocals – darin liegt die Magie des Musikmachens. Man muss sich als Drummer auch mal zurücknehmen und sollte erst dann nach vorne jagen, wenn der musikalische Spot es erlaubt. Die Qualitäten eines Charlie Watts und Ringo Starrs habe ich erst später erkannt. Beide sind hervorragende Band-Drummer. Es geht immer um Musik. Schlagzeuger haben leider nicht immer den besten Ruf als Musiker und werden gerne mal als die stumpfen „Umpfämumpfäm“-Typen dahinten diskriminiert. (lacht)

Neben Flea und Anthony Kiedis prägt vor allem dein Drumstyle den Charakter der Red Hot Chili Peppers. Das Erfolgsgeheimnis der Band findet sich wahrscheinlich in genau dieser Band-Konstellation begründet?

Chad Smith: Eine Band ist ein undefinierbares Universum. Die Chili Peppers bestehen aus vier extrem unterschiedlichen Typen. Trotzdem scheint die Chemie zu stimmen, denn egal was wir auch tun – am Ende kommt immer Red Hot Chili Peppers raus. Und es gibt bei uns keinen, der irgendwie der Hauptdarsteller wäre oder der maßgebliche Songwriter. Jeder hier ist wichtig für den kreativen Prozess.

Wie arbeiten die Chili Peppers? Wie entwickelt ihr neue Songs?

Chad Smith: Ein kreativer Prozess ist eigentlich kaum zu erklären. Aber wann immer wir uns zusammensetzten, hat niemand das Gefühl, an etwas arbeiten zu müssen, vielmehr scheint es so, als würden wir eine gemeinsame Party feiern. Das mag auch ein Grund dafür sein, warum die Chili Peppers so eigen klingen. Ich glaube auch nicht, dass es viele Drummer gibt, die einen solch großen Einfluss auf die Musik der Band haben wie ich. Drummer sind oft nur die Drummer, Timekeeper und Mittel zum Zweck. Aber bei den Chili Peppers ist es ganz anders. Wir alle sind neugierig auf die Ideen des anderen. Es gibt kein Gesetz und keine Doktrin. Alle Ideen werden gecheckt und gejammt. Und am Ende ist es die beste Idee, die überlebt. Keiner schreibt mir vor, wie ich meine Drums zu spielen habe. Jeder hat natürlich mal Ideen im Kopf, aber da geht’s um grobe Richtungen. Die Umsetzung liegt dann an mir.

Diese Band ist eine echte Herausforderung, gerade weil die Chili Peppers sich in diesem Kosmos der extremen Typen bewegen. Aber es ist uns immer gelungen, zu tollen Ergebnissen zu kommen, so dass jeder damit glücklich ist. Und überhaupt: Spaß ist bei uns ein extrem wichtiger Faktor! Ohne den Spaß an der Musik gäbe es diesen Chili-Peppers-Sound nicht. Es geht ums Musikmachen – um nichts anderes. Wir alle haben genug Kohle und Erfolg, aber in der Musik liegt die wirkliche Bedeutung. Schau, ich bin jetzt fucking 50 years old, und heute Abend werden 18.000 beautiful Colonians in die Arena kommem, um uns zu sehen. Das ist doch der Hammer!

Euer letztes Album „Stadium Arcadium“ erschien vor fünf Jahren. Danach hat man von den Chili Peppers lange nichts gehört. Auch Gerüchte von einer Trennung kursierten zeitweise. Warum habt ihr euch so lange nicht blicken lassen?

Chad Smith: Die Pause war einfach dringend notwenig. Wir hatten in den letzten zehn Jahren immer hart gearbeitet. Und das ging unaufhaltsam im Wechsel Album/Tour-Album/Tour. Es war unser gemeinsamer Beschluss, eine Auszeit von zwei Jahren zu nehmen. Am Ende war es so, dass unser Gitarrist John Frusciante alle anrief und seine Entscheidung kundtat, bei den Chili Peppers auszusteigen. Private Gründe, aber auch musikalische standen dahinter, er wollte wohl was Eigenes machen und hatte andere Pläne im Kopf. John ist einer der begnadetsten Musiker und Songwriter, mit denen ich je gespielt habe. Aber ich respektierte seine Entscheidung. Dinge ändern sich halt.

Plötzlich standen wir also vor dem Problem, einen neuen Gitarristen zu finden, und die Planungen für ein neues Album und eine Welttour waren bereits festgelegt. So war unser erster Gedanke, Josh Klinghoffer, der auf der „Stadium Arcadium“-Tour als Gast-Gitarrist dabei war und Erfahrungen mit den Chili Peppers hatte, zu fragen. Er passt vom Typ zu uns, und insofern war Josh schon mal die richtige Wahl, aber wir hatten keine Erfahrung mit ihm, was den kreativen Prozess des Songwritings angeht. Wir wagten einfach den Sprung ins kalte Wasser.

Ein Wechsel innerhalb der Band verändert ja auch die Chemie.

Chad Smith: In gewisser Weise ja. Aber wir haben uns davon nicht beirren lassen. Unsere Vorgehensweise des Writing-Prozess haben wir nicht geändert. Wir sitzen im Proberaum, jammen und probieren Ideen aus. So haben wir immer schon gearbeitet. Es war nie so, dass einer von uns einen fertigen Song mitbrachte. Einzig neu für uns war, dass wir zum ersten Mal Ideen auf dem Piano probierten, weil Josh neben der Gitarre auch noch verdammt gut Piano spielt. Wir haben ungefähr ein Jahr an den neuen Songs gearbeitet, immer wieder Tracks festgehalten, variiert, verändert, verworfen und auf diese Weise irrsinnig viel Material gesammelt. Am Ende waren es unsere „Best of“-Ideen, die wir arrangiert, verfeinert und schließlich aufs Album gebracht haben.

Lass uns mal über einige Songs des Albums „I’m With You“ reden, z. B. über den Titel „Ethiopia“. Hier gibt’s ein 7/8-Metrum, was doch sehr ungewöhnlich für eine Power-Rockband ist und noch ungewöhnlicher für die Chili Peppers …

Chad Smith: … und für den Chili-Peppers-Drummer! (lacht) Flea hatte diese Basslinie und meinte: „Check this out!“ Wir beide jammten also dazu. Aber irgendwie kam ich da nicht richtig rein, weil das Ding sich so komisch anfühlte. (Chad gestikuliert und singt die Basslinie) Flea meinte dann: „Hey, so geht das nicht, das ist ein 7er!“ Oh shit! (lacht) I’m not Mr. Odd-Time! Du wirst mich nie in einer ProgRock-Band erleben, mit Dream-Theater-Zeugs und so – auf keinen Fall! Einen Siebener zu spielen … also da musste ich erst mal nach einer tragbaren Lösung suchen.

Ich kam schließlich dahinter, dass es besser wäre, nicht in Vierteln, sondern in Achteln zu denken. So knackte ich allmählich den Groove, und nun war es das nächste Ziel, einen tricky Flow zu finden, um den Groove nicht proggy klingen zu lassen. Ich meine, Vinnie Colaiuta schafft es ja auch, krumme Takte so zu spielen, dass sie sich gerade anhören. Diese Achtelnoten-Denkweise half mir schließlich, die nötige Coolness in die Sache reinzubringen. Ich hab ja auch keinen Bock, da mitzählen zu müssen, das wäre mir zu blöd. Und jetzt ist die Nummer richtig cool für mich.

Wie steht es um den Song „Did I Let You Know“? Er klingt ebenfalls afrikanisch beeinflusst.

Chad Smith: Da spiel ich eine Art Calypso-Beat. Eine neue Klangfacette bei den Chili Peppers ist ja auch mal gut. Flea und Josh waren in Nigeria und haben dort mit Musikern gejammt. Sie kamen dann mit diesem Groove zurück, und ich hab versucht, meine eigene Fassung daraus zu entwickeln.

„The Adventures Of Rain Dance Maggie“ hat derzeit sehr viel Airplay. Der Song ist auch deshalb interessant, weil der Drumgroove von einer signifikanten Cowbell-Hookline gefeatured wird. Das scheint recht tricky in der Live-Umsetzung. Wie spielst du das?

Chad Smith: Haaa! Eine Knaller-Cowbell, yeah. Die Idee stammt leider nicht von mir, sondern von unserem Percussion-Player Mauro Refosco. Er hat einige Tracks auf dem Album gespielt und ist auch live mit uns auf Tour. Insofern ist diese Cowbell sein Part, und ich brauch mir nicht den Kopf zu zerbrechen, wie man das Ding in den Drum-Groove einbauen könnte. Diese Cowbell ist ein wichtiger Teil des Songs, und bei den Album-Recordings hat Mauro die Figur spontan erfunden – es war absolut der erste Take! Und du hast Recht, es ist ein wirklicher Signature-Sound für diesen Song, eine Art instrumentale Hookline. Marrow hat etliche kuriose Instrumente auf der Bühne, brasilianisches Zeug und so. Was immer er in seine Finger bekommt, es schiebt und groovt wie Sau.

Neben den Chili Peppers hast du noch diverse Side-Projects wie z. B. deine eigene Band Chad Smiths Bombastic Meatbats?

Chad Smith: Das ist nicht meine Band, die haben bloß meinen Namen aufs Cover geschrieben. Nach der „Stadium Arcadium“-Tour und in der Chili-Peppers-Auszeit war ich in Japan, und dort ist mit Gitarrist Jeff Kollman, Bassist Kevin Chown und Keyboarder Ed Roth dieses Meatbats-Projekt entstanden. Wir haben jede Menge Fusion-Kram gejammt und das Ganze mit ein bisschen Jazz und oldschool 70s-Sounds gemischt. Wir wollten einfach nur aus Spaß ein paar Songs machen. Doch als es darum ging, das Album anzuschieben, war es die Idee des Promoters, meinen Namen vorne aufs Cover zu drucken wegen der angeblichen Werbewirksamkeit. Dieser ganze Marketing-Kram war mir immer schon völlig egal.

Du klingst mit den Meatbats doch ziemlich anders als mit den Chili Peppers, wüster und ungezähmter, oder?

Chad Smith: Klar, da spiel ich mehr, denn die Musik erlaubt es auszubrechen. Natürlich gibt’s auch so was wie Songstrukturen – Melodie, Bridge, Chorus usw. –, aber dazwischen bietet die Musik viel Platz für Experimente und wildes Zeug. Die Leute vom „Modern Drummer“-Magazin meinten zu diesem Album, ich tendiere ein bisschen zum Overplay … (lacht) … und weißt du was? Sie haben Recht! (lacht)

Eine weitere Band mit Starbesetzung ist Chickenfoot

Chad Smith: Das ist ein ähnliches Fun-Projekt. Ich bin gut befreundet mit Joe Satriani und Sammy Hagar, und wir wollten einfach mal ein Projekt zusammen machen.

Oft bleibt es ja bei den berühmten Sprüchen: „Hey, wir müssen unbedingt mal was zusammen machen!“ Und in der Realität wird aber nie was aus solchen Ideen. Doch im Fall von Chickenfoot haben wir das einfach mal ernster genommen. In Vegas sind dann bei etlichen Jams diese Songs entstanden.

Anscheinend ist die Sache aber doch etwas ernster, denn aktuell ist das zweite Chickenfoot Studio-Album in die Charts eingestiegen. Wieso heißt das Album eigentlich „Chickenfoot III“, obschon es doch das zweite ist?

Chad Smith: Keine Ahnung wo Nummer II geblieben ist! (lacht) Wir nehmen das alles nicht zu ernst. Mit Chickenfoot ist es so, dass wir alle zu unseren Wurzeln zurückkehren – Humble Pie, Deep Purple, Led Zeppelin –, eben zur Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Wenn wir uns treffen und losspielen, dann weiß keiner von uns, wo es hingehen wird und was am Ende einer Session rauskommt. Wie auch die Chili Peppers lebt Chickenfoot vom Input vier extremer Typen.

Wegen der der Chili-Peppers-Welttour vertritt jetzt Drummer Kenny Aronoff deinen Platz bei Chickenfoot. Und es gibt einen amüsanten Videoclip, der den Moment dokumentiert, wie du Kenny scherzhafterweise deine Drumsticks symbolisch übergibst.

Chad Smith: Yeah, Kenny ist ein Supertyp, ein verrückter Hard-Hitter.

Dein Approach bei Chickenfoot zeigt wieder ein anderes Profil eines Chad Smith. Das Ganze ist wesentlich Backbeat-fokussierter. Straight ahead Rock mit open Hi-Hat-Power?

Chad Smith: Cickenfoot is fuckin’ balls out rock, man! Und ich steh da drauf, denn das ist genauso cool wie dieses Deep-Purple-Zeugs. Aber im Grunde spiel ich nicht anders als sonst. Ich ändere ja nicht meinen Style, sondern bin immer Chad Smith. Egal ob ich bei Dixie Chicks spiele, bei Kid Rock oder sonst wo – der Sound muss zur Musik passen.

Rick Rubin ist einer der einflussreichsten Produzenten der Gegenwart, der auch für die letzten Chili-Peppers-Alben zuständig war. In der Vergangenheit hat er dich auch für andere Projekte als Drummer hinzugezogen, u. a. einmal für die Aufnahmen eines Albums von Johnny Cash. Was war das denn für eine unglaubliche Story?

Chad Smith: Geradezu unglaublich, das stimmt! Mein Vater stand immer schon auf Johnny Cash, Elvis und Frank Sinatra. Für mich war das alles fuckin’ bullshit – Eltern-Musik, bäähhh! (lacht) Ich stand auf Hardrock. (imitiert mit kreischender Stimme Led Zeppelins „Whole Lotta Love“) Das war mein Sound! Aber als ich dann älter wurde, da erkannte ich den Charme, den auch die Musik von Johnny Cash und Elvis hatte. Aus heutiger Sicht ist Frank Sinatra für mich einer der begnadetsten Sänger. Also, es muss 2003 gewesen sein, als Rick Rubin mal wieder mit Johnny Cash an neuem Material arbeitete, und er schlug ihm vor, einige Songs mit Band aufzunehmen. Also rief Rick einige Leute an, wie Mike Campbell von der Tom Petty Band und eben auch mich. Am Telefon fragte er ganz unverbindlich, ob ich nicht Lust hätte, heute Abend mal für ein Stündchen im Ocean Way Studio vorbeizuschauen. „Klar,“ sagte ich! „Worum geht es denn?“ „Johnny Cash!“ Wow! Es durchfuhr mich wie ein Blitz! Ich und Johnny Cash – der Mann meiner späten Erkenntnis!

Ich war noch nie so nervös, als ich abends am Studio vorfuhr und mich durch die Hintertür schlich. Alles war aufgebaut, Drumkit, Mikros. Oh Mann, und dann stand plötzlich Johnny Cash vor mir. Ich dachte, meine Stimme würde versagen und würgte gerade noch so heraus: „Hello, my name ist Chad Smith and I play the drums“, und er erwiderte in seiner tiefen, sonoren Stimme: „Hi, I’m Johnny Cash“. Oh Mann, diese Stimme, als ich die hörte – ein ganzes Universum drehte sich um mich. Johnny Cash stand leibhaftig vor mir und sprach mit mir! Dann spielte er mir einige Dolly-Parton-Songs auf der Gitarre vor und sang dazu und fragte mich auch noch, was ich denn davon hielte. Also – ich war geflasht! Johnny Cash gab mir ein Privatkonzert! Er war echt cool, völlig bodenständig, ein Gentleman und weit entfernt jeglicher Star-Allüren. Wir nahmen an diesem Abend eine Handvoll Songs auf, und einige davon landeten schließlich auf dem Album „Unearthed“. Mit Johnny Cash zu arbeiten war eine meiner außergewöhnlichsten und unvergesslichsten Momente in meiner Musikerkarriere.

chad-smith-drums

Lass uns mal über den Chili-Peppers-Drumsound plaudern. Hast du eine bestimmte Vorgehensweise, das Schlagzeug zu tunen?

Chad Smith: Ehrlich gesagt bin ich nicht so Equipment-orientiert. Es sei denn, es handelt sich um Snaredrums. Und davon besitze ich einige. Die Snaredrum ist für mich das Herzstück des Drumkits. Gerade in der Rockmusik kommt es drauf an, wie die Snarebeats im Drumtrack sitzen und wie sich der Sound in das gesamte Kit einfügt. Eine Snaredrum kann den Sound-Eindruck des gesamten Drumkits beeinflussen.

Mein neues Tourset ist eher klassisch aufgebaut. Außergewöhnlich sind wohl die drei Octobans, die ich einsetze, um mit unserem Percussionisten Marrow ein bisschen musikalische Kommunikation zu betreiben. Außerdem sieht das fuckin’ gut aus. (lacht) Als Drummer möchte man doch cool aussehen hinter dem shiny Stuff. Deshalb dieses Mal auch das Acryl-Kit und die Pauke.

Was das Tuning angeht, so stimme ich die Toms ungefähr in Terzen zueinander, in harmonischen Intervallen – es muss melodisch klingen.

(Chad singt eine Melodie à la „In The Mood“) Ja, so ähnlich klingen die Intervalle der Toms. Ich spiele jetzt auch wesentlich kleinere Toms als auf der letzten Tour – ein 12er Tom, 14er und 16er Floor-Toms. Das Medium-Tuning der CS-Felle in Verbindung mit den Acrylkesseln entwickelt eine gute Transparenz und Projektion, die sich in dieser Urgewalt der Chili Peppers gut durchsetzt. Und die 24er Kick bringt dazu eine gute Power untenrum. Ich bin in Sachen Sounds nicht so detailbesessen: Loud is good!

Okay, Toms kann man tunen, Cymbals aber nicht. Insofern ist die Wahl der Cymbals eine sehr persönliche Sache, oder?

Chad Smith: Yes! Auf der letzten Tour hatte ich fette Crash Cymbals, auch ein 21“-Modell. (Chad imitiert den Sound eines Heavy Crash Cymbals, während sich erste Gäste im Hotelrestaurant umdrehen) Das war irgendwie ein bisschen zu viel des Guten. Jetzt hab ich ein 19“ Medium, und dieses klingt für mich einfach musikalischer. Es hat immer noch Power genug, und außerdem ist das unproblematischer für den Toningenieur. Ein Cymbal muss sich durchsetzten, es muss im Sound ausgewogen sein und darf nicht zu laut schreien, sonst zerstört es die Balance. Aber du hast Recht, Cymbals sind eine sehr persönliche Angele – genheit, und man wählt das aus, was ganz persönlich zu einem am besten passt. Mit Sabian bin ich jetzt 25 Jahre zusammen, ebenso mit Pearl. Und Vater Sticks spiel ich auch schon seit 22 Jahren. Ich hab meine Signature Snaredrum, meinen eigenen Drumstick und meine eigenen Cymbals – unbelievable!

Du hast aktuell zusammen mit Sabian die „Holy Chinas“ entwickelt. Welche Idee steckt denn dahinter?

Chad Smith: Mir schwebte ein China vor, das akzentuiert kommt, blitzschnell reagiert, volle Power hat und dabei nicht übersteuert. Ich meine, die Sabian Paragon Chinas klingen schon echt super, aber für mich und meine Vorstellung sind sie etwas zu leise. Daher hatte ich die Idee eines speziellen, lauten und gleichsam kontrolliert klingenden Chinas. Die ersten Prototypen kamen, und mit jedem Modell waren wir näher am Ziel. Der Entwicklungsprozess dauerte gar nicht lange, und schließlich war das Modell mit den Löchern geboren. Das war es – ein flexibles China mit blitzartigem Power-Sound und rasend schneller Reaktionszeit.

Die Lautstärke der Holy Chinas ist eine musikalische Lautstärke und kein Schreifaktor. Dann ging es darum, einen Namen zu finden, und ich kam sehr schnell auf die Idee der Holy Chinas. Ich meine, da sind Löcher drin, warum also nicht Holy China? (lacht) Tatsächlich bekomme ich auch meinen Anteil vom Verkauf der Chinas, aber ehrlich gesagt hätte ich nie damit gerechnet, dass da großartig was passiert. Eines Tages aber lag ein Scheck in der Post. Und das war eine Menge Geld. Ich dachte nur: „Shit! Really???“ – und meine Frau sagte sofort: „Oh Darling, lass uns eine neue Handtasche kaufen gehen!“

Ich glaube mal schwer, dass man als Rockmusiker deines Standings mit einer Menge Humor gesegnet sein muss, um das schrille Music-Biz-Karussell unbeschadet zu überstehen. Deine humoreske Seite ist ja vortrefflich auch im Promo-Video der Holy Chinas zu sehen, wenn du als Priester verkleidet am Venice Beach lang läufst, das China wie ein Kreuz vor dir hersträgst und damit Leute erschreckst.

Chad Smith: Yes! Ha, diese Guerilla-Aktion war nicht ganz ungefährlich. Das Ganze haben wir spontan auf dem Venice Beach in Californien durchgezogen. Da laufen scharenweise Touristen rum, und der Trubel gleicht einer High-Society/Zirkus-Freak-Mixtur. Und ich dann mitten drin als Priester. Ich hab die Leute angesprochen und sie zum Teil von hinten mit China-Hits erschreckt. Oh Mann, einige fanden das cool, andere waren völlig verstört. und ein Typ schrie mich sogar an: „Get away from me! GET AWAY!“ (lacht) Ein anderer schrie mich an: „Where is my money, priest?!“ Die Reaktionen waren schon echt krass. Aber ich bin wirklich ein Freund von derartigen Spaßdingen. Es gibt doch zu viele ernste Typen unter den Musikern. Und gerade viele Drummer sind da so verstockt und zu besessen bei der Sache. Mann, es geht um Rock’n’Roll. Das ist der reinste Spaß: fun is good!

Gibt es für dich eigentlich ein Leben außerhalb der Red Hot Chili Peppers?

Chad Smith: Klar! Ich hab eine wundervolle Familie. Die Balance zwischen Musik und Familie ist mir sehr wichtig. Früher war ich mehr auf dem Rockstar-Trip. Aber wenn man Kinder hat, dann hilft es, als Mensch zu wachsen. Dann ist man mit der Wirklichkeit konfrontiert.

Auf Tour mit den Chili Peppers lebt man in dieser Illusion, etwas Besonderes zu sein – es ist dieser ass kicking Rockstar-Shit. Jeder kümmert sich um dich, alle sorgen sich um dein Wohlbefinden, du wirst hofiert – aber das ich nicht das echte Leben! Zimmerservice und täglich Lachshäppchen zum Frühstück haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Ich meine, ich erlebe eine großartige Zeit, keine Frage. Und die möchte ich auch nicht missen.

Aber wenn das hier mit den Chili Peppers zu Ende ist, dann fahr ich nach Hause und bring ganz normal den Müll nach unten. Meine Frau hat es gut unter Kontrolle, dass ich am Boden bleibe: „Okay, mein Rockstar, wenn du von der Tour zurück kommst, dann bleibst du erst mal noch ein paar Tage im Hotel, um wieder runterzukommen!“ (lacht)

 

Produkt: Sticks 07-08/2019
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