Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
Vorteile eines kompakten Drumsets

Die 4-Piece-Theorie

(Bild: Torsten Garbe)

Seit den Tagen des legendären Gene Krupa gibt es das „vierteilige“ Basis-Schlagzeug bestehend aus Bassdrum, Snaredrum, Hänge-Tom und Stand-Tom – im Folgenden einfach das „4-piece“ genannt – nahezu unverändert, und es hat seinen Platz in so ziemlich jeder musikalischen Stilrichtung von Jazz, Rock oder Pop behauptet, sowohl auf der Bühne als auch im Studio.

Wenn man von „4-piece“, „5-piece“ oder „100-piece“ Drumsets die Rede ist, so bezieht sich die Zahl selbstverständlich nur auf die Anzahl der Trommeln. Cymbals oder additive Instrumente sind dabei nicht berücksichtigt.

Anzeige
Anzeige

Zu allen Zeiten hat das 4-piece einen ganz besonderen Reiz auf Schlagzeuger jeden Alters und jeden Musikstils ausgeübt, vom alten Jazz- oder Blues-Veteranen bis hin zum jungen Heißsporn in der nächsten hippen Indie-Band. Das 4-piece Drumset scheint einfach schon ewig da zu sein und immer noch überall mitzuspielen, ungeachtet aller Monster-Drumsets und Drum-Käfige, die im Laufe der Zeit zusammen mit zahllosen Hardware-Innovationen das Licht der Bühnenwelt erblickt haben. Zurzeit ist es sogar en vogue wie lange nicht mehr – und auch wieder eine angesagte Standard-Konfiguration fast aller Hersteller.

Offenbar scheint das 4-piece-Drumset für (fast) jeden denkbaren Musikstil sehr gut oder zumindest ausreichend geeignet zu sein, denn anders als das Setup selbst haben sich die Musikstile, in denen es präsent ist, z.T. rasant gewandelt. Eines ist dabei immer konstant geblieben: gerade das 4-piece fordert aufgrund seiner Limitierung seit jeher und in besonderem Maße genau jene beiden Qualitäten ein, nach denen wir in einer Rolle als musikalische Schlagzeuger permanent und zu gleichen Teilen streben – Fokus auf den Groove und Kreativität! Und natürlich sieht ein 4-piece-Drumset auch gleichermaßen „klassisch“ und „cool“ aus! Ob bei einem echten alten Schätzchen oder beim neuesten Neo-Retro-Set: mehr angesagtes „Vintage Feeling“ geht kaum! Einfachheit, Klarheit und ein latent „rebellischer“, bzw. non-konformistischer Spirit bestimmen vielfach das Design und die Funktionalität dieser Sets.

Vierteiler: Kick, Snare, Tom, Floor-Tom
Der klasssiche „Vierteiler“: Kick, Snare, Tom, Floor-Tom (Bild: Dieter Stork)

Weniger ist also oft mehr – oder besser: weniger wird oft zu mehr! Dieser Satz passt sehr gut zur Geschichte meiner Drumsets hin zu einem 4-piece. Ich spiele seit über 40 Jahren Schlagzeug, und wie so viele andere Drummer habe ich mich (m)ein Drummer-Leben lang mit der Materie beschäftigt und sehr viel an Drum-Lektüre, Drum- Talk, Drum-Magazinen, Drum(mer)-Fotos, Unterricht und Workshops aufgesaugt und gelebt. Ich habe auf einem günstigen, doch recht ordentlichen Standard-5-piece-Set begonnen, das mein anfängliches Geklopfe besser und länger aushielt als erwartet.

Danach spielte ich etwa 10 Jahre lang, je nach Band und Musikstil variierend, die größten Sets, die ich mir damals leisten konnte, einmal sogar 5 Hänge-Toms und 2 Stand-Toms – aber immer nur eine Bassdrum. Ein großes Drumkit hat eine Weile richtig Spaß gemacht, zumal ich dabei auch sauber verteilte vier oder sogar fünf Crashbecken verwendete. Aber obwohl ich besser wurde und mir mehr Fertigkeiten und Licks draufschaffte, begann ich, mich zunehmend in diesem Trommel- und Becken- Dschungel zu verlieren und zu langweilen. Irgendwo hinzulangen und immer etwas zum Draufhauen zu finden war einfach und bequem, aber auch irgendwie konzeptlos. Außerdem war ich immer der Letzte, der nach dem Gig vom Abbauen von der Bühne runterkam.

1990 änderte dann ein Artikel von Andy Newmark im Modern Drummer („The Benefits Of A Four-Piece Kit“) mein Schlagzeugerleben für immer, denn seitdem bin ich ein glühender Anhänger des 4-piece-Setups! Andy Newmarks Perspektive auf jene vier Basistrommeln ist seitdem für mich eine stete Inspiration und Motivation, bei einer klassischen Konfiguration aus 22″ Bassdrum, 12″ oder 13″ Hänge-Tom, 16″ Stand-Tom, 14″ Snaredrum (sowie Hi-Hat, Ride und zwei Crash-Cymbals) zu bleiben und daraus und aus mir mein musikalischstes Drumming herauszuholen.

Es gab eine Zeit, in der ich noch weiter reduzieren und ganz klassisch mit nur einem Crash- und einem Ride-Becken spielen wollte. Zwar verbesserte ich meine linke Hand und spielte noch bewusster in Bezug auf das Sticking, damit ich einen Fill mit der linken Hand beenden konnte, doch letztlich bin ich nach einer Weile und etwas Nachdenken wieder zu zwei unterschiedlichen Crashes zurückgekehrt.

Über die lange Zeit, in der ich ein 4- piece spiele, habe ich eine Art selbstgestricktes „Konzept“ bzw. sogar eine „Theorie“ entwickelt, die die Vorzüge dieser Konfiguration für mich gut beschreibt.

So wie es wohl nur wir Drummer machen, habe auch ich mich oft gefragt, was (mir) wichtig ist, was notwendig, was überflüssig, was mir gut oder schlecht erscheint in Bezug auf mein Spiel, den Sound, Aufbau und Look meines Setups. Diese Überlegungen im direkten Kontext mit (m)einem 4-piece-Set haben mich so im Laufe der Zeit auch zu einem besseren, weil bewussteren und so letztlich musikalischeren Schlagzeuger reifen lassen. Hier sind einige der Erkenntnisse, die ich für mich seit längerem produktiv und kreativ nutze: Das Bestechende an einem 4-piece-Drumset ist die perfekte Ausgewogenheit eines gleichzeitig symmetrischen und sehr fokussierten Setups. Ich habe immer (nur) zwei Elemente, die miteinander korrespondieren können und implizit immer eine Option dessen anbieten, was ich „dualistische Variation“ (d .h. einfache Alternation) nennen möchte. Diese beiden Elemente können sich je nach Funktion und Situation in meinem Spiel als ergänzende Partner, aber auch konträr verhalten.

Vierteiler Drumset(Bild: Torsten Garbe)

Ich habe zwei ähnlich klingende, aber tonal verschiedene Toms, die einen bestimmten musikalischen Kontext abrunden oder in selbigem stark polarisieren können. Ein konkretes Beispiel zur Verdeutlichung: Stellt euch einen auf den Toms basierenden „Bo Diddley Groove“ vor, wie etwa in den Songs „Not Fade Away“ (Buddy Holly, Rolling Stones) oder „Desire“ von U2. Wenn man den Fokus des Grooves von einem Tom zum anderen hin verschiebt, hat dies einen hörbar dramatischen Effekt, je nachdem wie man die Noten verteilt.

Ein konstanter Groove auf dem Stand-Tom hat einen vollpfundigen, aber immer noch entspannten Charakter, während die gleiche Figur nur auf dem Hänge-Tom gespielt einen viel exaltierteren und aufdringlicheren Charakter hat, der schon bald nach einer Art Auflösung oder Klimax schreit. Die Verschiebung desselben Grooves innerhalb der beiden Toms erzeugt also eine sehr unterschiedliche Stimmung bzw. Spannung. Verlegt man den Groove – bei gleichem Sticking! – jedoch von einem oder beiden Toms auf die Snaredrum, bricht die ganze Tribal-Atmo dieses Grooves in sich zusammen. Wie das Beispiel zeigt, muss ich mir stets genau überlegen, ob, wann und wie ich die „nur zwei“ Toms in den Groove, das Fill oder das Arrangement einbeziehe und welchen Effekt und welche Stimmung ich damit erzielen kann und will.

Da es eben genau/nur zwei Toms sind, geben sie mir zudem wieder jede denkbare Möglichkeit an „dualistischer Variation“ innerhalb meines Konzepts . So kann ich sie z. B. auch im Mix (einer Aufnahme oder auf der Bühne) auf die extreme linke bzw. rechte Seite legen, um ihre Funktion zusätzlich zu betonen. Sicher könnte man jetzt argumentieren: je mehr Toms, desto mehr Optionen – und auch noch mehr „dualistische Variationen“. Aber gemäß meiner Theorie werden Dinge dann u. U. wieder zu beliebig, und es geht (mir) wieder zu viel von jenem Fokus verloren, der mich ja erst in meinem Sinne wirklich kreativ sein lässt. Denn gerade die „yin/yang“-artige Beschränkung eines 4-piece mit nur zwei Toms bietet mir jene kreative Spannung und „Wachheit“, die man hoffentlich in meinem Spiel hören kann.

Andy Newmark und sein legendäres Yamaha Recording Custom Drumset
Andy Newmark und sein legendäres Yamaha Recording Custom Drumset (Bild: Jürgen Düsterloh)

Dies bringt mich zu den beiden „Hauptdarstellern“ meines Sets und meines Beats: Meine Bassdrum ist das Zentrum meines Sound, das Herz, der Puls, der letztendliche Grund, Schlagzeug für ein Publikum zu spielen – eine Bassdrum lässt die Leute tanzen! Sie ist der Trigger und die engste emotionale und spirituelle Verbindung zwischen mir als Drummer und dem Zuhörer.

In meinem dualistischen Konzept braucht meine Bassdrum einen Partner oder einen Antagonisten. Dies ist meist und primär meine Snaredrum. Hieraus ergeben sich per se schon einmal alle denkbaren, klassischen Figuren aus Snare- und Bassdrum-Schlägen, die sich über Jahrzehnte in Jazz, Blues, Rock und Pop entwickelt und bewährt haben – und die von jeder neuen Drummer-Generation wieder neu gedacht und weiter entwickelt werden. Die größten und coolsten Grooves der Musikgeschichte sind entstanden, indem die Statik zwischen den beiden Haupttrommeln Snaredrum und Bassdrum mit Bedacht verschoben und einzelne kleine Elemente im Verhältnis zueinander modifiziert wurden.

 

Yamaha Recording Custom Drumset
Yamaha Recording Custom Drumset (Bild: Jürgen Düsterloh)

Ein perfektes Beispiel hierfür ist Jeff Porcaros Jahrhundert-Groove in „Rosanna“ von Toto, den er aus historischen Vorbildern und Anleihen zusammengefügt hat. Die Snaredrum an sich liefert mir wiederum zwei Kernsounds, die hervorragend in mein Spielkonzept passen: den Snare-Backbeat – an dieser Stelle soll nicht zwischen dem normalen Schlag auf das Fell und einem Rimshot unterschieden werden – und den Rim-Click. Man denke nur an Stewart Copeland oder Vinnie Colaiuta, die häufige Wechsel von Snareschlag und Rim-Click zu einem festen Element ihrer so eigenen Stile gemacht haben. Eine weitere „dualistische” Option für die Snare-Arbeit wäre z. B. auch der Einsatz von Stock und Jazz-Besen oder Stock und Rod.

Aus dieser symmetrisch-dualen Sichtweise heraus (und inzwischen auch aus Bequemlichkeit) bevorzuge ich bei einem 4-piece übrigens zwei Crash-Becken statt nur einem. Stellt Euch einen Moment lang zwei tonal verschiedene Crashes vor, rechts und links (am Set; im Mix) jeweils zusammen angeschlagen mit dem gleichen Snaredrum-Sound, aber mit dem jeweils anderen Handsatz (Rechtes Crash = rechte Hand Crash, linke Hand Snare; Linkes Crash = umgekehrt!) – eine kleine, aber klanglich wie auch optisch effektive Option, die zudem die Herausforderung bietet, die Lautstärken bei beiden Schlägen gleich und ausgewogen zu verteilen. Das Ganze lässt sich auch erweitern, indem man das Hänge-Tom mit dem größeren, das Floor-Tom mit dem kleineren Crash-Becken kombiniert und/oder umgekehrt und beide „Übungen“ abwechselnd und dann noch mit dem oben genannten Snaredrum-Beispiel und mit jeweils veränderten Handsätzen zu einem durchgehenden Bassdrum-Puls mit oder als Synkopen dagegen anschlägt. Schon bei leicht erhöhtem Tempo werdet ihr feststellen, wie leicht man dabei „aus der Kurve fliegen kann“.

Die Koordinations- und Übungsmöglichkeiten sind immens! Es gibt höchst individuelle Möglichkeiten, die einzelnen Elemente unseres 4-piece-Drumsets als „symmetrische Teams“ zusammenzustellen. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Es gibt keine Grenzen im Kopfkino dieses dualistischen Ansatzes auf dem 4-piece! Wie in einem großen Schauspiel oder Blockbuster gibt es Helden und Schurken, es gibt schnell und langsam, es gibt Auf und Ab, Licht und Schatten, laut und leise. Man kann alle möglichen Kategorien anwenden, um Wege zu einem kreativen

Torsten Garbes Set on stage
Torsten Garbes Set on stage (Bild: Torsten Garbe)

Spiel auf einem als symmetrisch gedachten 4-piece zu finden.

 

Nach den vielen Jahren als Drummer, in denen ich überwiegend ein 4-piece-Schlagzeug gespielt habe, sehe ich diese Konfiguration als die „beste aller Welten“ an. In der Regel finde ich hier für mich immer die richtige Balance „der Zwei“, von A und B, von Frage und Antwort, von Schwarz und Weiß, von Fokus-auf-dem- Groove und der Möglichkeit, darüber hinausgehend melodischmusikalisch zum Arrangement beizutragen; sei es während des Grooves selbst oder in einem Fill. Und die offensichtlichen ergonomischen Vorteile – alles ist bequem erreichbar – und über den verschwindend geringen Bedarf eines 4-piece an Platz, Raum sowie Auf- und Abbau-Zeit müssen wir an dieser Stelle gar nicht erst reden.

Meine sehr persönliche Perspektive auf das 4-piece-Drumming soll eine mögliche von vielen Erklärungen für die ungebrochene Popularität des 4-piece liefern, denn ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bei der Faszination für dieses Setup über eine so lange Zeit hinweg tatsächlich und unbewusst auch die große Wertschätzung symmetrischer Prinzipien mitschwingt, die uns Menschen ja innewohnt, wenn wir an unseren symmetrisch angelegten Körper oder unsere Hirnstruktur denken.

Eine viel „coolere“ Erklärung für den Erfolg des 4-piece liefert allerdings Drummer Andy Newmark: Er vergleicht es mit einem Sportwagen, der nur für eine Sache gebaut wurde – „The Big Beat“! Und, ganz ehrlich, wer von uns hat sich noch nie auf magische Weise angezogen gefühlt von der klaren, funktionalen Eleganz eines zeitlosen Sportwagens? Genau als solcher hat sich das 4-piece-Drumset in den langen Jahren seiner Existenz geschickt in Szene gesetzt – als klassischer, elegant-kompakter Roadster ohne Firlefanz, aber dafür mit viel Power und einem direkten Draht zum „Big Beat“ in uns Schlagzeugern.

//[7798]


(aus STICKS 03-04/2019)

Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: