Dresdner Drum & Bass Festival 2018

Gipfeltreffen zum furiosen Finale – ein Rückblick

Dresdner Drum & Bass Festival 2018
(Bild: Tom Schäfer)

Zum (vorläufig?) letzten Mal wurde Dresden zur Schlagzeug-Kulturhauptstadt. Zumindest für einen Tag. Denn am 15. September 2018 fand das statt, worauf alle Schlagzeuger und Trommelbegeisterten ein Jahr lang hatten warten müssen: Das Dresdner Drum & Bass Festival öffnete seinen Vorhang zum 12. Mal.

Und das mitten im Dresdner Kiez, dessen multikulturelle Meile einer friedlichen Subkultur mit Alternative-Clubs und punkigen Hinterhöfen die „Bunte Republik Deutschland“ nicht besser repräsentieren kann. Hier begegnen sich Kulturen und organisieren ein autonomes Miteinander. Hier treffen sich Menschen aller Couleur, um zu feiern – Punks, Hippies, Touristen, Paradiesvögel und eben auch Trommler. Letztere in konzentrierter Form an jenem ereignisreichen Tag, der leider das Finale der Drumfestival-Reihe markiert. Denn nichts bleibt wie es war. Zum letzten Mal – zumindest in dieser Form – haben die beiden Trommel-Enthusiasten Robert Eisfeld und Matthias Barthel das Festival gestemmt.

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Was einst einer „bierlaunig-spinnerten Idee“ entsprang, hat sich als fester Teil der Drumfestival-Szene etabliert. Und damit zu einer Veranstaltung, die das uneingeschränkte Prädikat „Kult“ verdient. Mit gebündelter Euphorie und Manpower hoben die beiden Initiatoren 2007 das erste Dresdner Drum Festival aus der Taufe. Anfangs sorgte das Gelände des durchgerockten „Puschkin“-Club für eine außergewöhnliche Location. Ab 2009 verlagerte man den Standort mitten ins Herz des Dresdner Kiez. Nach fünf Jahren Ausrichtung auf das Thema Drums lud man ab 2012 den „besten Freund des Drummers“ hinzu und setze die Reihe als „Dresdner Drum & Bass Festival“ fort.

Dresdner Drum & Bass Festival 2018
(Bild: Tom Schäfer)

Von Anfang an bediente das Dresdner Festival keine Klischees und setzte auch nicht auf durchgestylte Locations mit Hightech und perfekter Logistik. Vielmehr richtete sich der Fokus auf qualitative Inhalte, auf Unterhaltung, Wissensvermehrung und vor allem auf höllischen Trommelspaß. Jahrelang sorgte ein Line-up aus internationalen Top- Drummern, jungen Talenten und Größen der deutschen Trommlerwelt mit Performances, Workshops, Konzerten und ausgefallenen Drum-Happenings für Nachhaltigkeit. Dabei hat der unlackierte Charme dem Festival stets ein besonderes Ambiente geschenkt. Zum letzten Mal nun öffnete sich der Festival-Vorhang mit einem Line-up, das man in dieser geballten Form nicht alle Tage zu sehen bekommt. Robert und Matthias haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um langjährige Wunschkandidaten einzuladen und dem Finale ein gebührendes Feuerwerk an Drumbeats zu schenken.

Festival-Auftakt mit Marcel Bach. Er bot zur frühen „High Noon“-Trommlerstunde eine solide Spielklasse für den perfekten Wake-up-Call.
Dirk Brand eröffnete die Open-Air-Bühne mit einer tempogeladenen E-Drum-Performance mit fulminant solistischem Spiel.
Horacio „El Negro“ Hernández entführte das Publikum in seine „Conversation in Clave“ und spielte zu unfassbar ausgecheckten Pedal-Ostinati auch noch eine afro-cuban Percussion-Section über Toms, Kick und Snares.
Mit geschmackvollem Spiel widmete sich Richard Spaven dem Thema Groove Design. Sein Spiel glänzt durch unglaubliche Lockerheit und Eleganz.
Aaron Spears begeisterte mit ultraflinkem Hi-Hat-Spiel, brisanten Gospel-Chops und steady Grooves. Aufgrund seines Extraklasse- Drummings ist er die erste Wahl großer Acts wie Usher, Chaka Khan, Backstreet Boys oder Adam Lambert.
Poogie Bell sorgte mit seinem Trio für hochmusikalische Unterhaltung. Zudem demonstrierte er in seiner locker humorvollen Art, dass die Wirkung unterschiedlicher Grooves einen Song durchaus komplett verändern kann.

Extra aus den USA eingeflogen wurde der höchst angesagte Drummer Aaron Spears. Er hatte nur wenige Stunden Dresden vor sich, um sogleich wieder in die Staaten zurück zu reisen. Auch Mr. Latin Drummer Horacio „El Negro“ Hernández kam extra aus Havanna mal eben nach Dresden geflogen, um Teil des finalen Festivals zu sein. Ebenso reisten Poogie Bell und Richard Spaven mit ihren Bands an. Auch der passionierte Zugfahrer Jost Nickel (und „Fachmann für Bausparverträge“) war mit von der Partie sowie „360-Volt- Drummer“ Dirk Brand, Soundsurfer & Soloperformer Marcel Bach, Drumtrainer und „All Time Classics Fan“ Dirk Erchinger (nebst Reisemobil für gestrandete Trommler) und das Playmobeat-Drittel Andi Bühler. Die Welt der Percussion vertraten Claudio Spieler und Pete Lockett. Nach einem herrlichen Spätsommertag mit satten 20 Schlagzeug-Live-Darbietungen und einem genießerischen Konzertabend, der vom Spaven Trio und der Poogie Bell Band bestritten wurde, schloss sich der letzte Vorhang des Dresdner Drum & Bass Festivals.

Gleich zweimal war Percussionist Claudio Spieler im Zirkuszelt des Drumfestivals aktiv. Mit seinem Partner Johannes Bohun als „Groovetrotters“ waren sie für das Kinderprogramm zuständig. Danach gab es einen klasse Workshop, in dem Claudio die rhythmischen Systeme verschiedener Percussion-Kulturen erklärte.
Eine traumhaft schöne Performance gelang dem World Percussion Player Pete Lockett. Zu geloopten Percussion- Sequenzen und Backing-Atmos entführte er in Welten percussiver Virtuosität. Auch die Klänge des ATV A-Frames waren Teil seiner kontrastreichen Soundworld. Gänsehaut pur!
Jost Nickel ist nicht nur mit sagenhaftem Humor gesegnet, er ist auch einer der kreativsten Drummer Deutschlands. Extrem spannend gemacht war sein Ausflug in die Leichtigkeit der Drumfill-Systeme.
Der Mann mit dem Koffer: Matthias Peuker spielte mit seiner Band Triple Trouble und war Conferencier auf der Open-Air-Bühne. Getrommelte Witze mit charmanten Worten und einem punchy klingendem Koffer!
Andi Bühler und seine Band The Booty Jive verwandelten das Zirkuszelt in einen Space-Boogie-Kosmos. Mal funky, rockig, mal spacig oder auch völlig abgedreht blitzten galaktische Ideen aus ihrem musikalischen Kaleidoskop. Große Unterhaltung, musikalisch exklusiv und explosiv!
Die Jamiroquai Rhythm-Section mit Derrick McKenzie (dr) und Paul Turner (b). Hier gab es jede Menge Expertentipps zum Thema Zusammenspiel von Schlagzeug und Bass.

Aus und vorbei? Zumindest für die beiden Macher Matthias Barthel und Robert Eisfeld. Sie haben ihre Idee Wirklichkeit werden lassen und ihr Publikum auf eine 12-Etappen- Festivalreise mitgenommen. Diese Reise begann in Dresden und endet nun auch dort. Vorerst zumindest. Denn jetzt sehen die beiden „Trommelfantasten“ neuen Herausforderungen entgegen, die nicht minder eine große Portion Enthusiasmus für eine jedoch anders gewichtete Rock’n’Roll- Power abverlangen. Das Drumstick-Zepter des Festivals geben sie gerne weiter an ein Team, das sich berufen fühlt, die Vision eines Dresdner Schlagzeug-Events weiterzuführen.

Und damit auch den Geist einer nicht nach Profit ausgerichteten Veranstaltung. Die Herzlichkeit auf der Bühne, im Backstage, unter den Musikern und im Publikum war immer schon die treibende Kraft des Festivals. Vielleicht erwartet uns irgendwann dann doch eine Neuauflage? Wäre doch extrem zu wünschen!

Dresdner Drum & Bass Festival 2018
Die beiden Festival-Macher, Kreativköpfe und Trommelseelen, zwei liebenswürdige Zeitgenossen: Robert Eisfeldt und Matthias Barthel! (Bild: Tom Schäfer)

An dieser Stelle ein riesiges, mit Rimshots, Blastbeats und double-gebassdrumtes Dankeschön den beiden Festival-Machern, Kreativköpfen, Trommelseelen und liebenswürdigen Zeitgenossen Robert Eisfeldt und Matthias Barthel. Ohne die unglaubliche Manpower der beiden und ohne die tatkräftige Unterstützung eines unermüdlichen Teams von über 40 ehrenamtlichen Helfern wäre das Dresdner Drum & Bass Festival nicht das, was es ist: einzigartig und magisch!


(aus STICKS 11:12/2018)

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