Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
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Faszinierende Perkussions- und Hybrid-Instrumente

Report: Handpan, Hang und Co.

Holger Mertin

Mittlerweile gut bekannt sind die so genannten Handpans, die Videos auf YouTube und Co. hat wohl jeder schon mal gesehen. Und die Szene des in sich versunkenen Handpan-Spielers in der Fußgänger-Zone, dürfte auch Nicht-Musikern im Gedächtnis sein. Innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten entstand geradezu ein Hype um das exklusive Hybrid-Instrument, das viele Menschen tief berührt.

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„Ufo“, „Wok“, „Schildkröte“, „rund & hügelig“, „Grill“, „halbe Steelpan“, „Klangskulptur“, „Walgesang“, „Wasser“, „indisch“, „asiatisch“, „meditativ“, „rund & hügelig“ … – man könnte diese Liste noch um einige Begriffe und Attribute erweitern, mit denen die Handpan charakterisiert wird. Der erste Eindruck, den dieses noch junge Instrument hinterlässt, bringt bei Zuhörern und Betrachtern jedenfalls zumeist starke Gefühle und Assoziation hervor.

2001 präsentierte PANArt das erste Hang auf der Frankfurter Musikmesse und bei ausgewählten Musikläden. Einige internationale Percussion-Endorser nutzten diese, für die damalige Zeit noch ungewöhnliche (und im Vergleich zu anderen Perkussions-Instrumenten schon recht kostspielige), melodische Trommel in ihren Solo-Performances. Der Begriff „Handpan“ hat sich mittlerweile als Oberbegriff dieser neuen Instrumentengattung etabliert – international spricht man von der „Handpan Community“.

Will man der Handpan nachspüren, dann stößt man mit dem Begriff „Instrument“ vor allem beim „Hang“ (dem Ur-Instrument aller Handpans) bereits auf eine erste Eigenwilligkeit. Denn dessen Hersteller PANArt sprechen von „Klangskulptur“ und sehen in den klingenden Metall-Objekten eher eine Brücke in eine spirituelle, denn in eine musikalische Sphäre.

Historie / Ursprünge / Roots

Die Ursprünge des Hang (Plural: Hanghang) liegen in unterschiedlichen Kulturen: Sicherlich wurzelt instrumentenbauspezifisch die erste Inspiration in Trinidad & Tobago mit seinen Steelpan-Drums. Die Musik und Kultur von Trinidad & Tobago ist von Calypso und Reggae geprägt.

Eine weitere Inspirationsquelle besteht in Indien bzw. Süd-Indien mit dem Klang und der Spieltechnik des Tonkrugs „Ghatam“. Aber als Geburtsland gilt die Schweiz, dem Land, in dem die Steelpan-Drum-Hersteller Felix Rohrer und Sabina Schärer das jetzt schon legendäre Design und Klangbild des „Hang“ entwickelten. Der Name „Hang“ kommt übrigens aus dem Berner Dialekt und bedeutet „Hand“.

Die Entstehungsgeschichte des „Hang“ begann also vor etwas über 20 Jahren: Frühe PANArt-Prototypen zeigen die Verwandtschaft mit dem südindischen „Ghatam“, denn die Formen erinnerten an einen großen Kübel oder Tontopf – dabei aber immer aus Edelstahl gefertigt anstatt aus Ton. Die Anregung, ein Transformations-Instrument aus „Steelpan“ und „Ghatam“ zu bauen, kam dabei übrigens von in der Schweiz lebenden Perkussionisten, wie z. B. Reto Weber. Bis ca. 2013 wurden bei PANart diverse Hang-Modelle gebaut. Sie entwarfen neue Stimmungen/ Tunings und Skalen und benutzten unterschiedliche Materialien. Man unterscheidet dabei zwischen der „ersten Generation Hang“, der „zweiten Generation Hang“ und der „integralen Hang“. Eine „Hang“ mit einem zusätzlichen (verschließbaren) kleinen Resonanzloch in der Unterseite nannte sich „Gudu Hang“. Aktuell gibt es von PANart eine Art Crossover-Modell von Hang und Udu in einer besonderen Bauform, die sich „Hang Gudu“ nennt.

Nach dem offiziellen Erscheinen und dem Vertrieb der Hang ab 2001 löste PANArt um circa 2006 herum den offiziellen Vertrieb mit internationalen Partnern. Dies war sicherlich einer der Gründe, warum sich um das „Hang“ teils mythische Geschichten anfingen zu weben.

Denn die Nachfrage war wesentlich größer, als PANArt Hanghang bauen & verkaufen wollte und konnte. Das führte schließlich dazu, dass Hang-Interessierte nur über einen persönlich geschrieben Brief sich um den Erwerb eines Hang bewerben konnten, was den esoterischen Mythos noch verstärkte.

Um das Design des „Hang“ entsprangen über die Jahre hinweg Rechtsstreitigkeiten mit Instrumenten-Herstellern, die aufgrund der großen Nachfrage und der international steigenden Faszination das originale „Hang“ imitierten. In den letzten circa fünf Jahren hat sich allerdings eine stabile, gut vernetzte und sehr große Community von Handpan-Herstellern mit mehr als 200 eingetragenen Manufakturen entwickelt.

Instrumenten-Typologie

Die meisten Handpans orientieren sich in Aufbau und Konstruktion am „Hang“, wobei die diversen Handpan-Hersteller mehr und mehr Variationen auf den Markt bringen. Typisches Merkmal der Handpans sind die zwei miteinander verklebten Schalen bzw. Halbkugelsegmente aus Edelstahl-Blech. Auf der Oberseite befinden sich die tonalen Felder, die zumeist konkav (also nach innen gewölbt) in das Metall eingehämmert sind. In der Mitte befindet sich der tiefste Ton, der zumeist auch das tonale Zentrum bildet und häufig als einziges Klangfeld konvex ist (also nach außen gewölbt). Die übliche Standard-Größe bewegt sich im Durchmesser bei gut 50 Zentimetern und in der Höhe um knapp 25 Zentimeter.

Hang Original, ca. 2003
Hang Original, ca. 2003

Auf der Unterseite der Handpan befindet sich ein Schalloch, das zumeist leicht nach innen gewölbt ist. Wie bereits angedeutet, produzieren die vielen Handpan-Manufakturen eine Vielzahl an unterschiedlichen Handpan-Typen, die sich in Größe, Material, Klang und Verarbeitung unterscheiden. Aber fast allen Handpans ist eine Eigenschaft zu eigen – nämlich die Suche nach einem offenen, weichen und meditativ anmutenden Klangbild.

Neben den Handpans erfreuen sich auch die preislich günstigeren „Tongue Drums“ wachsender Beliebtheit. Dies sind Schlitztrommeln aus Metall, die vom Aufbau und klanglich an die Handpans erinnern. Sie werden durch Schlitze in dem meist kleineren Korpus getuned und weisen klangliche Verwandtschaft zum Vibraphon.

Hang Gudu
Hang Gudu

Tuning & Stimmungen

Es gibt eine große Vielfalt an Handpan-Stimmungen. Häufig sind die Tunings um eine anderthalb-oktavige Pentatonik gruppiert oder daran angelehnt und tragen Namen wie „Ake Bono“, „Hitzaz“ oder „Bayati“, aber auch die europäischen Kirchentonarten werden häufig verwendet.

Bei der „Hang“, dem Vorläufer aller Handpans, fokussiert sich alles um den „Ghi“-Ton, also den Grundton und das größte Klangfeld, mittig auf der Hang-Oberseite. Die tonalen Felder gruppieren sich um diesen Ton, jedes angeschlagene Klangfeld resoniert im Oberton-Spektrum mit jedem anderen Klangfeld deutlich mit. Und genau diese klangliche Eigenschaft gehört wahrscheinlich zu einem der starken Reize der Handpans. Das Mitschwingen aller tonalen Felder ist ein wesentlicher Unterschied zur Steelpan-Drum. Denn aufgrund ihrer Konstruktionsweise hebt diese die tonale Ausprägung und Unterschiedlichkeit des jeweilig angespielten Klangfelds/Tons hervor. Im Vergleich zur Handpan erscheint der Steelpan-Sound vielen daher „kürzer“ oder „spitzer“.

Ghatam Pro
Ghatam Pro

Die Handpan-Builder-Community entwickelt rasant an Variationen des nach jungen Instruments. Mittlerweile werden Handpans mit zwölf oder mehr tonalen Feldern hergestellt, mit bis zu fünf oder mehr konvexen Bass-Tönen auf Ober- und Unterseite der Handpan. Die Manufaktur „Taopan“ aus Köln entwickelt z. B. diese vieltönigen Handpans, aber auch die leider nicht mehr hergestellte „Caisa“ von Bill Brown aus Dortmund hatte schon vor einigen Jahren große Skalen.

Erwerb einer Handpan

Anfang der 2000er-Jahre konnte ein „Hang“ für um die 500 bis 600 Euro erworben werden. Zwischenzeitlich stiegen später die Preise für die dann nicht mehr produzierten Originale auf dem Gebrauchtmarkt in schwindelerregenden Höhen mit weit über 10.000 Euro.

Durch die ansteigende Zahl der Handpan-Manufakturen ist dieser preisliche Hype nun abgeflaut. Eine gängige Preisspanne der von Hand hergestellten Musik-Objekte liegt bei ca. 1500 bis 3000 Euro pro Handpan. Im Internet und mittlerweile auch im Einzelhandel wird man leicht fündig. Und auch wenn nach wie vor eine große Handpan-Nachfrage besteht, so sind doch die Zeiten vorbei, als man unter Umständen mehrere Jahre auf sein gewünschtes Instrument warten musste.

Tonguie Drum Aquadrum
Tonguie Drum Aquadrum

Spieltechniken, musikalischer Ansatz & Verwendung

Zumeist erlebt man Handpans als Solo-Instrument, ohne andere Instrumente. In Verbindung mit anderen Instrumenten findet man Handpans u.a. beim Londoner „Portico Quartet“ oder dem Hang-Virtuosen Manu Delago, der mit eigenen Ensembles sowie auch als Mitspieler bei Björk bekannt ist, ebenso beim Berliner Drummer und Muti-Perkussionisten Marcel van Cleef.

PANart Hang
PANart Hang

Grundsätzlich gilt, dass Handpans noch immer selten im Kontext mit anderen Instrumenten auftauchen. Das hat u. a. mit dem Nimbus der spirituellen Klangskulptur zu tun. Weitere Verwendung der Handpans findet man im Kontext der Klang-Massage, der Musiktherapie und der Meditation. Handpans werden meistens sitzend gespielt, im Schneidersitz, aber auch Stative für Perkussions-Instrumente kommen zum Einsatz. Die Spieltechniken variieren, noch gibt es keine eindeutige Technik-Schulen. Allerdings gibt es erste Handpan-Lehrbücher und etliche Video-Tutorials. Grundsätzlich kann man sagen, dass vor allem Rahmentrommel-Techniken und Spielweisen von Tabla, Ghatam und Darabouka sehr gut auf die Handpan übertragen werden können. Da neben rhythmischen auch melodische und harmonische Aspekte essentiell sind, haben Instrumentalisten von beispielsweise Gitarre und Klavier häufig einen direkten Zugang.

Handpans sind „intuitiv spielbar“ – was heißt: ein erster Kontakt und grundlegende Spieltechniken fallen leicht und vermitteln sich quasi von selber – auch für Nicht-Musiker-/innen. Zum Vergleich: weitere intuitive Instrumente sind z. B. Schlitztrommeln oder die Cajon. Intuitive Instrumente machen den ersten Kontakt für den/die Musiker-/in angenehm, man kann das beim Sport in etwa vergleichen mit Ping Pong oder Federball – nach wenigen Momenten kann man sich den Ball mit einem Partner einander zuspielen. Und genau diese Möglichkeit des intuitiven Herantastens ist sicherlich einer der Gründe für den enormen Hype, der die klingenden Edelmetall-Schüsseln seit einiger Zeit umweht.

Websites

handpan-portal.de

paniverse.org/handpan-builders-around-the-world/

facebook.com/groups/handpancommunity/HandPan International: facebook.com/groups/14397278067/


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Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Hier gibt es eine große Auswahl verschiedener Handpan Hersteller und Skalen zum Testen, Mieten und Kaufen sowie ein umfangreiches Angebot an Handpan Workshops:

    http://www.sound-sculpture.de

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