Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
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Das Resümee eines Weltstars

Ian Paice: Manchmal sehe ich 4 bis 5 Wochen kein Schlagzeug

2008 nutzten wir die willkommene Möglichkeit, uns mit Ian Paice in einem Kölner Nobelhotel zu treffen und ihn zu interviewen. Dabei sprach der Deep Purple Drummer über seine Drum-Techniker, sein Drumkit und den Vorteil von Privatjets!

 

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(Bild: Matthias Mineur)

Herausgekommen ist ein intensives und sehr interessantes Gespräch über das Leben eines Rockstars, der trotz aller weltweiten Erfolge realistisch, menschlich und bodenständig geblieben ist.

Ian, manchmal scheint es so, als ob das Pensum von Deep Purple in all den Jahren sogar noch zugenommen hat. Täuscht dieser Eindruck?

Ian Paice: In zeitlicher Hinsicht haben wir in den zurückliegenden drei Jahren tatsächlich mehr getourt als in den frühen Siebzigern, als wir noch jung waren. Es gibt momentan so viele Angebote aus aller Welt, dass wir sogar eine Entscheidung treffen mussten, wie weit man gehen kann, denn es passiert sehr schnell, dass man seine Akkus leer gespielt hat.

Deswegen versuchen wir, dass eine Tour nie länger als fünf Wochen dauert und man dann drei bis vier Wochen Pause hat, um wieder normale Menschen zu werden. Denn auch wenn das Touren außerordentlich angenehm ist – man wohnt in tollen Hotels, alle kümmern sich um einen und wir reisen wirklich sehr komfortabel – so ist es doch eine ganz andere Welt als das Leben zu Hause.

Um dieses in eine gute Balance zu bringen, muss man beide Welten genießen. Und das kann man nur, wenn es rechtzeitig endet und man zurück in die Realität geht, die bedeutet: Man geht in den Supermarkt einkaufen, man bringt den Müll nach draußen, man saugt Staub und bekommt auch schon mal Schimpfe von seiner Frau. (lacht)

Du brauchst eben beide Seiten, damit alles funktioniert. Wenn ich zu lange zu Hause bin, frage ich mich: Wann klingelt endlich das Telefon? Und wann gibt es etwas zu tun? Ich führe zwei Leben parallel und weiß, dass dies ein echtes Privileg ist. Ich brauche die Realität als Basis, um das Gleichgewicht zu behalten, aber ich brauche auch die Möglichkeit, abzuhauen und wieder ein Kind zu sein. Denn genau dies erlaubt mir die Musik.

Allerdings verliert man schnell das Interesse an der Musik, wenn man zu lange auf Tournee ist. Es wird zum Job, zur Arbeit, und das sollte die Musik nie für mich sein. Es ist mein Hobby, ich würde es noch nicht einmal Leidenschaft nennen, denn dann würde ich es jeden Tag machen. Ich mag Musik, aber wenn ich mal keine Lust habe zu trommeln, dann lasse ich es sein. Manchmal sehe ich vier bis fünf Wochen überhaupt kein Schlagzeug.

Zitat von Ian Paice

Ich wollte noch nie ein technisches Genie oder der beste Drummer der Welt werden. Wenn ich spiele, dann nur, um mich selbst glücklich zu machen. Wenn man auf die Bühne muss, ohne dass man Spaß daran hat, wird es schnell zur Last.

Gibt es denn bestimmte Perioden im Jahr, die ihr für Urlaub oder private Belange freihaltet?

Ian Paice: Nein, denn die hängen ja zum Beispiel von den Jahreszeiten ab. Zurzeit haben wir die Sommer-Festival-Saison in Europa und die dauert von Juni bis September, aber in Brasilien ist sie von Februar bis April. Das bestimmt natürlich den Zeitplan. Festivals haben einen enormen Vorteil: Du musst keine eigene PA und kein Licht mitschleppen.

Alles was du brauchst, ist deine Crew und die Backline. Das vereinfacht die Sache enorm, denn man muss nicht auf Tournee sein, um zwischendurch Festivals zu spielen. Bei regulären Tourneen gibt es natürlich bevorzugte Zeiten, aber die wiederum werden von der finanziellen Situation rund um den Globus diktiert. Wenn die Menschen glücklich sind, geben sie Geld aus und man kann überall spielen. Wenn dies nicht der Fall ist, muss man genau selektieren.

Liegt die Wirtschaft am Boden, macht es keinen Sinn, übermäßig lange auf Tournee zu gehen und vor 200 Zuschauern zu spielen. Davon haben die Leute nichts und wir auch nicht. Jeder verliert nur Geld. Natürlich hätte ich im Sommer gerne frei, denn ich besitze ein Haus in Spanien und verbringe dort gerne die Sommermonate, trinke Wein, angle ein wenig und lese Bücher. Aber das geht nun einmal nicht so einfach. Auch wenn man glaubt, dass man als Rockstar völlige Kontrolle über sein Schicksal hat, ist dem nicht so. Man muss seine Arbeit machen und zwar dann, wenn sie ansteht.

So gesehen diktiert eure Konzertagentur den Zeitplan, den ihr abzuarbeiten habt, oder?

Ian Paice: Mit nur sehr wenigen Ausnahmen steht das Privatleben eines Berufsmusikers immer hinten an. Ich hoffe, dass Deep Purple noch lange existieren und Spaß haben. Wenn man also die Möglichkeit bekommt, Geld zu verdienen, muss man sie nutzen. Wäre die heutige Show in Köln die einzige in diesem Monat, hätte man zweimal darüber nachdenken müssen, ob sich der Aufwand lohnt.

Man spielt ja nicht ein so aufwändiges Konzert, um anschließend nur mit einem Drink nach Hause zu gehen. Also sagst du der Agentur, dass sie um eine solche Show herum weitere Konzertangebote reinholen soll. Man legt den ersten und letzten Tag eines solchen Kurztrips fest und die Agentur hat die Aufgabe, diesen Zeitraum mit Konzerten zu füllen.

Wir sind nun einmal nicht mehr 21, unser Leben hat sich geändert und wir bestehen mittlerweile auf einen bestimmten Komfort. Manche Leute mögen denken, dass wir etwas durchgeknallt sind, weil wir nur in 5-Sterne-Hotels wohnen und ausschließlich in einem Privatjet von Ort zu Ort reisen. Aber normale Flughäfen sind so unmenschlich. Wenn man ein bis zwei Mal pro Jahr dort ist, kann man damit leben. Wir aber fliegen fast jeden Tag, und dann ist es inakzeptabel. Außerdem dauert es mit Linienmaschinen viel zu lange.

Wie groß ist denn euer Privatjet?

Ian Paice: Es hängt vom Tourplan ab, zurzeit könnten wir 30 Leute unterbringen, sind aber nur zu 12, deswegen ist es sehr komfortabel. Wir können unsere Koffer mitnehmen und sogar, falls notwendig, die Instrumente. Auf unserer letzten Frankreich-Tour hatten wir beispielsweise nur einen kleinen 14-Sitzer. Auch das ist okay, obwohl man genau überlegen muss, welche Taschen man mit an Bord nimmt und welche in den LKW müssen.

Gibt es bestimmte Rituale oder Zeiten, die dabei jeden Tag eingehalten werden?

Ian Paice: Oh ja, die gibt es. Das Schöne ist, dass man selbst Abflugzeiten bestimmen kann, die für alle akzeptabel sind. Jeden Tag starten wir zwischen 12.00 und 1.00 Uhr mittags. Es ist eine angenehme Routine. Wenn der Flug um 12.00 Uhr geht, wird dein Gepäck um 10.00 Uhr abgeholt, man selbst verlässt das Hotel um 11.30 Uhr.

Man landet immer auf kleinen Flughäfen und ist deshalb meist nur 15 Minuten vom Hotel entfernt. Und um Punkt 12 Uhr geht der Flug los. Natürlich klingt das etwas überkandidelt, aber wenn man sich die gesamten Kosten einer Tour anschaut, ist es auf diese Weise nur wenig teurer und man fühlt sich am Ende einer Tour immer noch wie ein menschliches Wesen.

Die Leute fragen oft: Warum fahrt ihr nicht mit Nightlinern?

Ian Paice: Nun, Busse sind ebenfalls sehr teuer. Ich musste in meinem ganzen Leben zum Glück ganz selten in einem Nightliner reisen. Ich kann in diesen Dingern nicht schlafen und spiele dann am nächsten Tag schlecht. Deswegen reise ich nicht im Bus. Unserem Manager Bruce macht das nichts aus. Aber wenn du zwei unterschiedliche Reisemöglichkeiten nutzen willst, wird es doppelt teuer. Am Ende kostet es nicht allzu viel mehr, wenn man wirklich bequem reisen will.

Spielt ihr in der Festivalsaison ein spezielles Programm?

Ian Paice: Als neue Band ist alles ganz einfach: Du hast zehn Songs und kannst sie alle spielen. Oder du hast nur sechs und spielst sie zweimal. (lacht) Wenn man so viele Songs wie wir hat, ist es eine schwierige Balance, alle zufriedenzustellen. Es gibt bestimmte Songs, die man einfach spielen muss. Die Leute haben schließlich Geld bezahlt, um ihre Lieblings-Songs zu hören. Gleichzeitig gibt es bei uns aber auch eine Menge neuer Songs, die man im Programm unterbringen möchte.

Wir können jedoch nicht fünf Klassiker rauswerfen und dafür fünf neuere Songs spielen. Außerdem muss man bei Festivals die begrenzte Spielzeit bedenken. Eine reguläre Deep-Purple-Show dauert etwa zwei Stunden, bei Festivals spielen wir häufig aber nur 75 Minuten. Es ist nun einmal kein Deep-Purple-Konzert, es ist ein Festival mit vier, fünf oder noch mehr anderen Bands.

Probt ihr dafür extra mit der gesamten Band?

Ian Paice: Nein. Die Pausen zwischen den Tourneen sind im längsten Fall knappe acht Wochen. Danach treffen wir uns einfach vor der ersten Show in der Garderobe oder proben beim Soundcheck noch mal einige Übergänge. Und wenn jemand einen Song nicht mehr weiß, dann spielen wir ihn in der Garderobe akustisch an. Die Songs haben sich so tief in unsere Hirne eingebrannt, dass man sich sowieso zu 99% an alles erinnert. Und das eine Prozent Fehlerquelle merzen die anderen Band-Mitglieder locker aus.

Auch bei den Songs eines neuen Albums?

Ian Paice: Wenn wir touren, um ein neues Album vorzustellen, proben wir vorher zwei oder drei Tage dafür. Und wenn du den Song einmal wirklich kapiert hast, dann bleibt er auch in deinem Gedächtnis. Du musst ihn nie wieder proben. Du brauchst also auch keinerlei Hilfszettel oder so was? Nein, überhaupt nicht. Gute Musiker besitzen auch ein gutes Gedächtnis. Das einzige wirklich wichtige Kriterium dabei ist, dass man den Anfang kennt. Wenn der Song dann erst mal läuft, dann geht alles wie von alleine.

Manchmal passiert es mir, dass ich dasitze und denke: „Verdammt, wie beginnt dieser Song noch? Mist, ich hab das Tempo vergessen!“ Dann geht mir der Arsch auf Grundeis! Aber im Bruchteil einer Sekunde, unmittelbar bevor es losgeht, weiß ich es dann plötzlich wieder. Und sobald man die erste Idee hat, ist alles wieder in Ordnung. (grinst)

Hast du eigentlich immer dein eigenes Drumkit dabei?

Ian Paice: Ja, mittlerweile nahezu ausschließlich. Einerseits kann man mein Drumkit in dieser Form und Ausstattung nicht kaufen, außerdem bin ich daran gewöhnt. Wenn ich auf einem gemieteten Schlagzeug trommle, ist das ein vollkommen anderes Spielgefühl als auf meinem eigenen. Es klingt anders und es spielt sich anders. Mein Drumkit hat außerdem fest eingebaute Mikrofone und wir wissen, wie man auf der Bühne innerhalb von nur zehn Minuten einen guten Sound hinbekommt. Mit einem gemieteten Kit würde so etwas zwei Stunden dauern.

Dank der Unterstützung von Pearl besitze ich identische Drumkits rund um den Globus. Ich habe zurzeit ein Schlagzeug in Japan, eines in den USA, ein weiteres in Holland, eines in Italien, zwei oder drei in England. Es gibt Situationen, in denen ein einziges Schlagzeug nicht ausreicht. Wir hatten bei dieser Festivaltour eine Show in Spanien und die nächste schon am kommenden Tag in Italien. Es war also logistisch nicht machbar, in der kurzen Zeit das Drumkit von einer Show zur nächsten zu transportieren. Deswegen ließ ich eines meiner anderen dort hinbringen.

Haben alle deine Drumkits diese eingebauten Mikrofone?

Ian Paice: Ja, alle sind sofort einsatzbereit. Es gibt drei A-Kits in diesem Teil der Welt und ein weiteres in Japan. Die Mikros sind schlagzeug-optimierte Teile, die nur die Frequenzen einfangen, auf die sie ausgerichtet sind. Das hilft dem Monitormann ebenso wie dem FOH-Mischer. Und du brauchst keine unzähligen Mikrofongalgen, sondern nur ein oder zwei für die Overheads. In Deutschland weiß man, das alles in gutem Zustand ist, aber wenn man in Mittelbrasilien spielt, kann man sich darauf nicht verlassen.

Die Ständer dort sind mitunter 400 Jahre alt und wackeln ständig hin und her. (lacht) Wenn man mit gemietetem Material spielt, bleibt man hinter seinen Fähigkeiten zurück. Ich kann es nicht richtig beschreiben, aber irgendwie bekommt man zum Beispiel die Toms nicht in die richtige Position. Möglicherweise ist es auch nur ein mentales Problem, aber es fängt schon damit an, dass man nur sehr schwer eine 26″ Bassdrum ausleihen kann.

Die meisten Firmen haben lediglich 24″ Bassdrums in ihrem Bestand. Ich spiele mitunter auch mal andere Größen, aber Deep Purple sind ein ganz spezieller Fall, bei dem ich ausschließlich 26″ Bassdrums einsetze. Durch die Größe der Bassdrum setzen sich auch die Toms in anderen Größen als normalerweise zusammen. Manchmal reichen schon 2 Millimeter Unterschied und man stößt sich beim Spielen oder verhakt sich mit den Sticks.

Man spielt ja ohne hinzuschauen, denn die Konzentration fokussiert sich auf Tempo und Timing und darauf, das Arrangement einzuhalten. Man erwartet einfach, dass die Toms genau da sind, wo man sie immer hängen hat. Wie ich schon sagte: zwei bis drei Millimeter daneben, und schon kommt man ins Trudeln.

Wie wichtig ist da ein Drum-Techniker, mit dem man gut eingespielt ist?

Ian Paice: Sehr wichtig! Ich habe in den zurückliegenden 20 Jahren mit nur drei Technikern gearbeitet. Ich habe einen Techniker in England, ein zweiter ist aus Amerika, mittlerweile aber in Rente, und mein aktueller lebt an der amerikanischen Westküste. Man muss zwar von Zeit zu Zeit und situationsbedingt mal neue Leute ausprobieren, aber für mich ist das immer ganz schwierig.

Alles muss genau stimmen, denn ich mag keine Änderungen. Ich stimme das Kit nicht einmal, lediglich wenn die Felle abgespielt sind und keinen Ton mehr erzeugen, ordne ich einen Wechsel an.

Ist es einfach für einen Drum-Techniker, mit dir zu arbeiten?

Ian Paice: Ja, mit mir kommt man schnell klar. Ich meckere nicht, und ich habe Verständnis dafür, dass hin und wieder auch mal ein Fehler passiert. Dafür ist es nun einmal Rock’n’Roll. Sogar die besten Felle können mal Produktionsfehler aufweisen und nicht gut klingen. Wenn das Fell natürlich falsch montiert wird, dann muss ich mich später mit meinem Techniker darüber ernsthaft unterhalten. Aber das kommt so gut wie nie vor.

Ich behandele meine Leute respektvoll, denn wenn ich sie wie menschliche Wesen und nicht wie Sklaven behandele, sind sie umso engagierter. Die Roadcrew verdient zwar gutes Geld, aber bei weitem nicht so viel, wie die Leute gemeinhin glauben. Also muss man sie gut behandeln, damit sie sich wohl fühlen und auch damit sie loyal bleiben.

Stichwort Loyalität: Nach fast 20 Jahren bei Ludwig Drums spielst du nun schon seit über 25 Jahren ausnahmslos Pearl-Kits. Hast du nie andere Firmen getestet?

Ian Paice: Ich kaufte mir mein erstes Ludwig-Kit an dem Tag, an dem ich es mir leisten konnte. Es war ein „Ringo Starr Kit“ in „Black Oyster Pearl“. Ich hatte es bei ihm gesehen und wollte es unbedingt haben. Okay, es war ein Linkshänder-Kit, aber ansonsten identisch. Bis etwa 1968 spielte ich dieses Drumkit und bekam dann eines in Silver Sparkle.

Anschließend erhielt ich dann Angebote von anderen Firmen, Ludwig allerdings bauten mir dieses tolle Kit von der Japan-Tour 1972 und dem „Made In Japan“-Album mit der 26er Bassdrum und dem 16er Tom. Ich traf dann Bill Ludwig III, der auch heute noch ein guter Freund ist. Damals waren Ludwig Drums die besten Schlagzeuge der Welt. Alles war unter Kontrolle der Familie Ludwig und dementsprechend hoch der Qualitätsstandard.

In den frühen Achtzigern wurde die Firma dann leider verkauft. Ich bekam zwar weiterhin alle 18 Monate ein neues Kit, aber die neuen Modelle waren fürchterlich. Die Hardware rostete schon beim Auspacken, man merkte, dass die Kontrolle nicht mehr bei der Familie Ludwig lag. Sie sahen zwar noch immer so ähnlich aus, aber sie klangen ganz anders. Deswegen schaute ich mich nach einer anderen Firma um. Es war leicht für mich, denn ich konnte aussuchen, was ich spielen wollte. Ich kam dann mit Pearl in Kontakt, wir besiegelten den Deal und alles war wieder in Ordnung

Wann genau war das?

Ian Paice: Das genaue Jahr kann ich dir nicht nennen, aber all dies spielte sich so Anfang der Achtziger ab. Ich bekomme von Pearl seitdem alles, was ich möchte. Pearl ersetzt mir jedes Teil innerhalb kürzester Zeit. Ich war damals in Tokio und traf dort die Leute persönlich, die sich um mich kümmern, und wir freundeten uns an. Die Freundschaft wurde immer intensiver, und in all den Jahren bin ich von Pearl nie enttäuscht worden. Wie du schon sagtest: Es ist eine Frage von Loyalität. Wann immer ich in Tokio bin, treffe ich dort wahre Freunde. Vor einigen Jahren tourten wir in Australien. Beim Ausladen fuhr einer der Gabelstapler über ein 10″ Tom. Ich kann bzw. möchte aber nicht ohne mein 10″ Tom spielen.

Wir riefen also Pearl in Australien an, die wiederum in Japan anfragten. Dort organisierte man, dass innerhalb eines Tages ein neues Tom mit einem Privatflugzeug die 5000 Kilometer von Sydney nach Perth transportiert wurde. Innerhalb eines einzigen Tages! So etwas muss eine Company nicht machen, so etwas tun nur Freunde für Freunde. Warum sollte man eine solche Firma verlassen?

Bei soviel gutem Service macht es sicherlich noch immer Spaß, abends auf die Bühne zu gehen.

Ian Paice: Absolut. Ich sah letztens ein Live-Photo von Deep Purple aus den frühen Siebzigern. Die Verstärker und das Schlagzeug standen direkt auf der Bühne, ohne Drumriser. Es sah großartig aus. In den zurückliegenden 20 Jahren habe ich immer auf einem Drumriser gespielt. Okay, man sitzt in exponierter Stellung und die Leute können dich gut sehen. Aber ich war auf diesen Dingern nie sonderlich glücklich, wusste jedoch nicht, warum. Dann machte ich eine Soloshow bei einem Drum-Festival und das Kit stand wieder auf dem Boden. Und plötzlich erinnerte ich mich, dass es vollkommen anders klingt, als wenn du hoch auf einem Drumriser thronst.

All diese Resonanzen der Bassdrum verpuffen auf einem Riser. Man spielt zwar, aber man fühlt die Bassdrum überhaupt nicht. Seither will ich unbedingt wieder von diesen Drumrisern herunter. Und genau das machen wir auf dieser Tour. Das geht natürlich nicht auf Festivals, bei denen wir die Drums schon nachmittags vor allen anderen Bands aufbauen und dann unmittelbar vor Showbeginn auf einem Riser hereinrollen müssen.

Aber ansonsten spiele ich wieder auf dem Bühnenboden. Ich hatte ganz vergessen, wie gut das klingt. Und die Leute können mich jetzt auch ohne Riser sehen, denn wir verwenden ja Kameras direkt auf der Bühne und werfen die Bilder auf große Video-Leinwände. Vieles vergisst man einfach: Ich sah letztens ein Video von uns und entdeckte Drum-Pattern, die ich seit Jahren nicht mehr gespielt habe! Irgendwie schließt sich momentan der Kreis. Wenn du jung bist, lernst du jeden Tag etwas Neues, und je länger du Musik machst, umso mehr vergisst du wieder.

Deswegen ist es gut, sich manchmal an alte Tugenden zu erinnern. Früher gab es beispielsweise keine Schlagzeugmonitore, deswegen trommelten Carmine Appice, John Bonham, Cozy Powell und auch ich so hart. Wir hätten uns selbst nicht hören können, wenn wir nicht so heavy getrommelt hätten.

Was und wie du erzählst, das klingt, als ob das Feuer für eure Musik noch immer in dir brennt.

Ian Paice: In jungen Jahren hat man das Leben als Rockstar genossen. Man sah cool aus, bekam die besten Mädchen und flog in der ganzen Welt umher. Das war toll, aber mit diesem jungen Musiker habe ich heute nichts mehr zu tun. Ich sehe auf den alten Photos zwar, dass ich es bin, aber ich erkenne mich nicht wirklich. Heute ist mein Verhältnis zur Musik ein anderes. Ich brauche all diese Dinge nicht mehr, die ich als junger Mann so toll fand.

Damals war ich 15 Minuten nach Show-Ende bereits auf dem Weg in die nächste Diskothek. Heutzutage gehe ich auf die Bühne, genieße das Spielen, anschließend dusche ich mich und setze mich zum Entspannen in die Bar und nehme noch ein paar Drinks. Als 19jähriger hieß es eigentlich immer nur „ich, ich, ich, ich“. Heute bin ich verheiratet habe Familie und damit Verantwortung für andere. Nur die Musik ist gleich geblieben.

Findest du sie immer noch wirklich aufregend?

Ian Paice: Aufregend ist vielleicht das falsche Wort. Doch es gibt Momente auf der Bühne, ganz kurze zumeist, da wird aus fünf Musikern plötzlich eine richtige Einheit. Manchmal dauern diese Augenblicke nur sieben oder acht Takte lang an, doch für diesen Moment gebe ich alles! An manchen Abenden könnte man dann stundenlang weitermachen. Und genau diese Abende machen das Leben als Musiker so lebenswert.

Vor allem die Konzerte sind es also, die dich weiterhin antreiben?

Ian Paice: a, plus die Tatsache, dass wir niemals zur Cover-Band verkommen sind, sondern weiterhin regelmäßig neue Alben mit neuen Songs veröffentlichen. Wir sind immer noch hungrig auf die nächste Hymne, auf unseren nächsten Rock-Klassiker. Es gibt viele große Songs in der Deep Purple-Geschichte, und gelegentlich sind wir in der Lage, den wichtigen Hits unserer Karriere einen weiteren großen Song hinzuzufügen. „Sometimes I Feel Like Screaming“ ist so einer, ebenso „Rapture Of The Deep“. Sie können sich mit Songs wie „Black Night“ oder „Perfect Strangers“ durchaus messen lassen. Und für diese Art Hymnen leben wir und dafür, dass uns hoffentlich schon auf dem nächsten Album eine weitere gelingt.

Danke Ian Paice, für das ausführliche und interessante Gespräch!

Produkt: Sticks 07-08/2019
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