Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
Schlagzeuger, Komponist und Produzent

In­ter­view: Jür­gen Spie­gel

Jürgen Spiegel(Bild: Kai Beyer)

Er gehört in die erste Riege der Jazz-Drummer: Jürgen Spiegel, seit mehr als 15 Jahren die treibende Kraft hinter dem international gefeierten Tingvall Trio, hat an der Seite des schwedischen Pianisten Martin Tingvall und des kubanischen Kontrabassisten Omar Rodriguez bis heute eine Vielzahl von Auszeichnungen eingeheimst – den Jazz-Echo sogar gleich dreimal.

Jürgen Spiegel ist allerdings auch Komponist, Produzent und Sound-Tüftler. Im Anbau seines Hamburger Eigenheims, idyllisch am Waldrand gelegen, hat er sich sein eigenes Studio namens „Walden“ eingerichtet. In seinem aktuellen Projekt vereint er all diese Funktionen, vom Instrumentalisten bis zum Produzenten.

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„Two In The Mirror“ heißt die neue CD, und der Name ist Programm: Jürgen Spiegel spielt hier „nur“ in einem Duo, zusammen mit dem renommierten Pianisten Vladyslav Sendecki. Ein Bassist fehlt also, und so kann man das Album auch unter dem Aspekt hören, wie sich Sendecki & Spiegel der Herausforderung stellen, den tieffrequenten Raum auszuleuchten.

Dies gelingt durch kongeniales Zusammenspiel, kluges Songwriting und viel Know-How im Recording-Bereich. Am Ende nutzten Sendecki & Spiegel die im Duo entstandenen klanglichen Freiräume voll aus und erschaffen einen wunderbar warmen, fast orchestralen Gesamtklang.

Interview

Auf der CD „Two In The Mirror“ spielt ihr im Duo, ganz ohne Bass. Wie macht ihr das wett – was hast du insbesondere an deinem Drumset umgestellt?

Ich spiele mit einem alten Gretsch-Set, und für die Erzeugung von tiefen Klängen habe ich noch eine fast hundert Jahre alte Gran Cassa. Die habe ich bei einer Haushaltsauflösung von so einem 98-Jährigen im Keller gefunden – ganz durch Zufall, beim Vorbeigehen. Somit steuere ich bereits viele Frequenzen bei, die sehr in die Tiefe gehen und die sonst der Bass übernimmt. Aber Vladyslav ist auch ein sehr orchestral denkender Pianist, und spielt Unglaubliches mit seiner linken Hand im Bass-Bereich.

Manchmal denke ich, der hat da noch eine extra Hand! (lacht) Damit klingt alles wie ein ganzes Orchester, und man vermisst den Bass nicht. Also klar, als physisches Instrument fehlt der Bass auf „Two In The Mirror“ – aber es fehlen eben keine tiefen Frequenzen: Wir beide lieben den Bassbereich, und wir beide spielen ihn auch – nur eben nicht auf dem Kontrabass oder der Bass-Guitar. (lacht)

Gibt es denn neben dem Bassbereich auch melodische Aspekte in deinem Schlagzeugspiel?

Na zum Beispiel die Gran Casa, die kann ich richtig melodiös in mein Spiel integrieren. In den Songs übernehme ich ganz verschiedene Aufgaben, ganz wie die Musik und unser Interplay sie mir stellen. Manchmal bin ich der Bass, manchmal die Melodie – und dann auch mal das Zeichen, um in eine neue musikalische Straße einzubiegen. Es ist sehr spannend, denn der Flow der Musik muss in dieser Konstellation aus einem selbst kommen! Man kann sich nicht fallen lassen, rauf auf den Bass, der ja oft die Verbindung zwischen Rhythmus und Harmonien ist.

Jürgen Spiegel

Viele Stücke auf dem Album hast du selbst komponiert: Wie ist dein Background als Drummer in Bezug auf Klavier und Komposition?

Mein Zweit-Instrument ist ja das Klavier, das habe ich schon in meiner Jugendzeit immer gerne gespielt und viel damit rumprobiert; ichhabe es auch während meines Schlagzeug-Studiums immer weiter betrieben. Es hat mich immer begleitet und stand immer irgendwo in meiner Nähe, zur Verfügung. Ich finde, Schlagzeuger sollten viel über Melodien und Harmonieren lernen. Man bekommt eine andere Einsicht darüber, was wichtig und unwichtig ist. Ich schreibe gerne kleine Themen und Ideen – und wenn ich dafür dann einen so genialen Partner habe wie Vladyslav, bin ich natürlich sehr dankbar.

Wie viel Vorproduktion braucht man für so ein Album? Wie oft habt ihr euch vorher getroffen?

Zunächst habe ich mir Vladylavs Handy-Nummer besorgt und ihn einfach mal angerufen, ganz ins Blaue. Und der war überhaupt nicht geschockt oder so – wir haben sofort erste Ideen ausgetauscht. Das Interessante ist aber, dass wir nur sehr wenig geprobt haben. Eben weil es für uns ein Abenteuer sein sollte. Man könnte also sagen, wir haben uns zum ersten Mal im Studio getroffen, um in dieser Besetzung zu spielen und zu schauen, was passieren würde. Aber natürlich kannten wir uns aus anderen Begegnungen, zum Beispiel aus der NDR Big Band, in der wir beim Jazz-Baltica-Festival zusammengespielt haben … Die Aufnahmen selbst sind also aus dem Moment heraus entstanden und nicht aus einer bestimmten Planung. Es gab am Ende auch viele Fragmente, die wir nicht ausgearbeitet haben. Es ging in erster Linie um Freiheit im Moment. Wir sind, das wissen wir jetzt voneinander, eben auch zwei extreme Typen von Mensch und gehen gerne Risiken ein. Bei anderen Produktionen wird die Musik oft völlig zu Tode geprobt!

Aber ihr müsst doch einen ungefähren Zeit- und Ablaufplan für die Produktion gehabt haben?

Das ist echt ganz interessant, weil wir einfach nur gespielt und uns keinem Zeitdruck ausgesetzt haben. Und es ist witzig, dass wir diejenigen Aufnahmen gewählt haben, die an unseren ersten Zusammentreffen entstanden waren. Fast alle Aufnahme danach haben wir verworfen. Somit kann man sagen, dass 80 % des Albums an einem Tag aufgenommen worden sind und es deswegen auch keine Schnitte und kein Editieren gibt. Wir sind sehr glücklich über diese Entscheidung, weil wir die Musik so stehen lassen konnten, wie sie genau in diesem Moment gespielt worden ist. Die meisten Produktionen heutzutage werden tausendmal editiert und haben mit der eigentlichen Aufnahme oft nichts mehr zu tun. Unser Ziel war es, den allerersten Moment festzuhalten, denn dort steckt die Magie drin.

Wo habt ihr aufgenommen?

Wir haben im Studio 1 des NDR aufgenommen, sowie in einem Studio von einem Freund von uns (Phina-Music). In meinem eigenen Studio (Walden) habe ich dann Mix und Mastering des Albums fertiggestellt. Wir haben nur diese Räume genutzt, weil ein guter Raum und eine gute Akustik einfach entscheidend sind für die Aufnahme – und natürlich sind wir in die Studios gegangen, wo es für Vladyslav ein gutes Instrument gab. (Das Album wurde mit einem Steinway-D-Konzertflügel eingespielt)

Das alles ist eine lange Kette von Entscheidungen, die man fällen muss, und wie jede Kette ist sie so stark wie das schwächste Glied. Es fängt an mit dem Raum, über das Instrument, zur Mikrofonierung und zum Verarbeiten der Audiosignale in einem Musikprogramm. Für jedes Feld muss man eine wichtige Entscheidung treffen. Eine ganz wichtige Rolle spielen dabei die Erfahrungswerte, die man sich über Jahre angeeignet hat. Darum habe ich in jedes Studio mein eigenes Equipment mitgenommen. Über dieses Equipment habe ich die absolute Kontrolle, bin völlig unabhängig und kann von Anfang an viele Fehlerquellen ausschalten. Ich benutze ein altes Neve V Rack AMS, 10 Channels, sowie sechs andere Neve-Channels im Rack-System.

 

Jürgen Spiegel(Bild: Jenny Kornmacher)

Den warmen, analogen Klang hört man dem Album sehr gut an. Wie waren denn das Setup, der Aufbau und die Mikrofonierung im Studio?

Der Aufbau entscheidet oft über Sein oder Nicht-Sein. Meine Erfahrung ist, dass man versuchen muss, die Instrumente wirklich zum Schwingen zu bringen. Und diese Frequenzen müssen über das Mikrofon optimal aufgenommen werden. Jeder Raum ist anders und man muss die Instrumente immer ein wenig bewegen, um die optimalen Reflexionen zu bekommen. Stellt man den Flügel in die Mitte? Oder in die Ecke? Nimmt man den Deckel vom Flügel ab, oder lässt man ihn drauf für die Reflexionen? Versucht man die Drums zu isolieren?

Die Mikrofonierung hängt auch sehr stark von der Spielweise des Musikers ab – das klingt ein wenig komisch, aber meine Erfahrungswerte haben das bestätigt. Jeder Spieler erzeugt einen bestimmten Klang, und dieser Klang muss optimal aufgenommen werden. Es gibt sicherlich Standard-Einstellungen, die man immer nutzen kann, aber im Studio sind auch die Menschen wichtig, die ihre Instrumente zum Klingen bringen.

Für das Piano benutzte ich folgende Mikrofone: Zwei Neumann U87 von 1979 und ein altes AKG C 414 von 1970 für den Bassbereich. Raum-Mics für das Piano waren ein altes Neumann U47 und ein Ela m 251 clone. Die Drums sind wie folgt abgenommen: Snaredrum mit Shure SM 57, die Toms mit Sennheiser MD 421, an der Bassdrum Beyerdynamik, Hi-Hat AKG C 391 B, Overheads Neumann KM 184 und Ela m 251, Gran Cassa Electro Voice EV re27 N/D.

Auf eurem Promo-Video zum Titel „Meanwhile in Heaven“ sieht man, dass ihr auch bei der Produktion sehr nah beieinander wart, mit Flügel und Schlagzeug – gab es da keine Probleme mit Übersprechen?

Übersprechungen sind immer ein Problem – aber sie können auch ein Vorteil sein und die Musik bereichern. Denk mal daran, wie viele tolle Aufnahmen früher entstanden sind, wo alle Musiker einfach nur um ein Mikrofon herumstanden. (lacht) Der Klassiker „Kind Of Blue“ von Miles Davis ist im Original praktisch auch nur mit einem Mikrofon aufgenommen worden – die Platte gebe ich immer wieder an, wenn es um meine All-Time-Favorites geht!

Also, ich versuche immer ein wenig Distanz zu haben zu den anderen Instrumenten, und Piano und Drums sind wahrlich keine einfache Kombination. Aber man muss die Frequenzen einfach sehr gut darstellen, um dann ein passendes Gesamtbild zu kreieren.

Wie unterscheidet sich das Live-Set-Up zum Studio? Und wie viel Freiheit nehmt ihr euch auf der Bühne?

Ich benutze absolut die gleichen Instrumente, live wie im Studio. Aber jeder Raum klingt natürlich unterschiedlich, ein Studio klingt anders als ein Konzertsaal oder ein Club. Und es gibt natürlich an jedem Abend einen anderen Flügel für Vladyslav – Überraschung! (lacht) An Freiheit gibt es live so viel, wie ich mir nehmen möchte: Die Stücke können jederzeit eine Wendung nehmen, die ich beeinflussen, mittragen, oder sogar initiieren kann. Das ist die Freiheit, die wir mit diesem Duo gewonnen haben, dass wir die Musik lebendig gestalten können. Und das Publikum wird ein Teil des Prozesses und erlebt mit uns zusammen das Konzert – in totaler Freiheit!

Gibt es da einen Unterschied zum Tingvall Trio, deiner Stammformation?

Das Tingvall Trio ist eine ganz andere Welt und auch eine andere Herangehensweise. Im Duo wird meine Rolle viel breiter, und ich kann mich von einer anderen Seite zeigen. Viele möchten einen Musiker immer auf die eine bestimmte Rolle reduzieren – dabei war ich schon immer in ganz vielen musikalischen Welten unterwegs. Das Problem ist nur: Wenn man in einer dieser Welten sehr präsent ist, wird man von außen schnell auf genau diese Welt reduziert. Darum bin ich bei Sendecki & Spiegel in so vielen Welten präsent und vereine viele Dinge, die ich sonst auch tue: Komposition, Produktion, Aufnahme … und ich spiele natürlich mein Instrument.

Jürgen Spiegel Drums(Bild: Kai Beyer)

Wie hat das mit dem Schlagzeugspielen bei dir eigentlich angefangen?

Ich wollte Geige lernen, doch dann kaufte ich meine erste Schallplatte, das war „Back In Black“ von AC/DC. Damit fing meine Leidenschaft für das Schlagzeug an. Ich trommelte auf Allem rum, bis ich meine erste Snaredrum bekam – und damit ging es dann richtig los! Ein Jahr später bekam ich mein Schlagzeug, da war ich 9 Jahre alt.

Welche Drummer und Bands waren damals deine Einflüsse?

Zunächst Phil Rudd und AC/DC, Black Sabbath und Santana. Im Jazz waren es dann später Tony Williams, Jack DeJohnette und Miles Davis. Im Rock und Grunge haben mich Brad Wilk und Rage Against The Machine sowie Pearl Jam begeistert.

Wann und wie kam es zum Entschluss, die Musik zum Beruf zu machen?

Beruf kommt von Berufung. Meine Berufung ist es, Musik zu machen. Es hat mich ausgesucht, eines guten Tages im Jahre 1980.

Welche Aufnahme bzw. welcher Song repräsentiert dein Schlagzeugspiel am besten?

Aktuell das Album Sendecki & Spiegel: „Two In The Mirror“ – es steht für Freiheit und die Auflösung von festgelegten Funktionen!


Equipment

Drums: Gretsch – ein altes Set aus den 1950er-Jahren, mit 18″ Bassdrum, 12″ und 14″ Toms

Snaredrum: Montineri

14″ Einzelstück von Joe Montineri/USA („1994 bei einem Live Gig von Tower of Power deren Drummer David Garibaldi abgekauft. Damit hatte ich eine Wette gewonnen!“)

Gran Cassa 27,5″ x 14″ aus dem Jahr 1920

Cymbals: Zildjian

  • 14″ Avedis Hi-Hat
  • 16″ Avedis Custom Crash
  • 20″ Avedis Ride
  • 20″ Sabian Ride (Einzelstück, Prototype?)

Hardware, Pedale: Sonor

Felle: Remo Ambassador Coated

Drumsticks: Vic Firth

American Classic 5A

Jürgen Spiegel

Profil

Jahrgang: 1972

Sternzeichen: Steinbock

Geboren in: Bremen

Wohnort: Hamburg

Jürgen Spiegel reist gerne nach: Stockholm, Schweden.

Er isst bevorzugt: alles was frisch zubereitet ist – nur bitte keine Gurken!

Lieblings-Film: „They Live” von John Carpenter

Lieblings-Buch: „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ von Viktor E. Frankl. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.

Drei Alben für die einsame Insel:

  • AC/DC: Back In Black
  • Mozart: Konzert d-moll für Klavier und Orchester
  • Miles Davis: Kind Of Blue

Drummer die ihn aktuell beeinflussen:

Aaron Spears, Bill Stewart, Brad Wilk, Jeff „Tain“ Watts

Den coolsten Drum-Groove hat gespielt:

Alle Drummer, von der Steinzeit bis zur Jetztzeit, die je live vor Menschen gespielt und die Beine aller Zuhörer positiv zum Zucken gebracht haben: Drummer family!

Musikalische Ausbildung: Mit 17 Jahren als Jungstudent an der Musikhochschule in Bremen zuerst Schlagzeug und Klavier (1989 – 92), anschließend (bis 1993) Jazz als Schüler von Charly Antolini. Von 1993 – 98 Studium in Holland an der Hanzehogeschool Musikhochschule in Groningen. 1997 Kontaktstudiengang „Popularmusik“ an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. 1994 Stipendium der Stiftung VSB Fonds und Studium an der Manhattan School of Music, New York.

Aktuelle Bands/Projekte: Tingvall Trio, Sendecki & Spiegel, Nneka, NDR Big Band, Filmmusik, Studio Drumming. Diverse Kompositionen und Produktionen, „Zweite Baustelle“: Aufnahmetechnik.

Mit diesen Bands würde Jürgen gerne einmal spielen:

Pearl Jam und/oder Santana

Internet


[9995]

Produkt: Sticks 11-12/2019
Sticks 11-12/2019
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