Produkt: Sticks 11-12/2019
Sticks 11-12/2019
MARK SCHULMAN – Stadion-Rock mit Pink! +++ Nicholas Collins +++ Richie Gajate-Garcia +++ REPORT: Dresdner Drum & Bass Festival 2019 +++ LUDWIG Heirloom Anniversary Snaredrum +++ UFIP Experience Balst Cymbals +++ MAPEX Design Lab Cherry Bomb Drums 2470
Der Drumaholic

Interview: Marco Minnemann

MARCO MINNEMANN(Bild: Tom Schäfer)

Man verortet ihn in der Königsklasse des spektakulären Extreme Drummings. Doch abseits dieses Trademarks existiert die andere Seite des Marco Minnemann: Als Songwriter produziert er Solo-Alben, die den kompromisslosen Schlagzeuger von der experimentierfreudigen Seite des progressiven Komponisten zeigen. Musik war für ihn immer schon eine künstlerische Haltung.

Auch mit der Band The Aristocrats ist Marco voll durchgestartet. Zudem sprüht sein Drummer-Leben voller Geschichten, die sich geradezu überschlagen. Auf dem Dresdner Drum & Bass Festival 2019 trafen wir Marco zu einem Gespräch über den Erfolgskurs seiner Band The Aristocrats und die Zielstrebigkeit eines Schlagzeugers, der voller Selbstbewusstsein in die Zukunft blickt.

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Interview

Hey Marco, das letzte Mal trafen wir uns 2015 während der Shockwave Worldtour von Joe Satriani. Bei einem rastlosen Schlagzeuger deines Formats müssen in der Zwischenzeit etliche Projekte passiert sein.

Jede Menge sogar! Mit Joe Satriani hatte ich „Shockwave Supernova“ eingespielt sowie die DVD „Beyond The Supernova“. Und nach 2015 sind schon vier meiner Solo-CDs rausgekommen. Die aktuelle Platte ist gerade erst released worden. Sie heißt „My Sister“ und ich freue mich über das Album, weil es so gut geworden ist. Eine Doppel-CD übrigens, auf der etliche Musiker mitgewirkt haben – unter anderem Rush-Gitarrist Alex Lifeson, Bassist Doug Pinnick von Kings X, Randy McStine an der Gitarre und Aditi Singh Sharma aus Mumbai und die sehr versierte indische Bassistin Mohini Dey.

Eigentlich ungewöhnlich für dich, weil du sonst auf deinen Alben doch alle Instrumente selber spielst, oder?

Das stimmt, es ist eine ziemliche Liste an Gästen zusammengekommen, trotzdem habe ich wie immer auch viele Instrumente selber gespielt. Es ist total abgefahren, wenn du alleine im Studio sitzt und alles machen kannst, was deine Fantasie hergibt. So komme ich sehr schnell zum Ergebnis. Für „My Sister“ hatte ich mir letztlich sehr viel Zeit gegönnt, um Parts schön und reflektiert zu gestalten. Ich war ja nicht in Eile, daher konnte ich dann auch einige Gäste mit einbinden.

Wie man dich kennt, hast du neben deinen eigenen Platten auch noch für andere Bands im Studio oder live getrommelt!

Es ist wirklich viel passiert! Zwischen 2014 und 2018 habe ich drei Platten mit den Mute Gods aufgenommen – ein Progressive-Rock-Trio mit Nick Beggs, Roger King und mir. Hervorzuheben ist auch das Projekt des indonesischen Gitarren-Superstars Dewa Budjana, mit dem ich 2018 das Album „Mahandini“ eingespielt habe. Wir hatten ein hervorragendes Lineup mit Bassistin Mohini Dey, Jordan Rudess an den Keyboards, Gitarrist Mike Stern und gesungen hat John Frusciante, der frühere Gitarrist der Red Hot Chili Peppers. Zudem hat Jimmy Haslip von Yellowjackets einiges davon produziert. Das war eine sehr gute Produktion, die wir tatsächlich innerhalb von einem Tag eingespielt haben. Das Album klingt sehr organisch. Dann sind noch zwei Platten mit LMR passiert, also dem Trio mit Tony Levin, Minnemann und Jordan Rudess. Und The Sea Within ist ein 2017 ins Leben gerufenes Artrock-Projekt des schwedischen Flower-Kings-Gitarristen Roine Stolt. Zusammen mit Bassist Jonas Reingold (ebenso Flower Kings, Anm. d. Red.), Yes-Keyboarder Tom Brislin, Sänger/Gitarrist Daniel Gildenlöw von Pain Of Salvation sowie Jordan Rudess von Dream Theater und Casey McPherson von den Flying Colors wurde das Debüt-Album im Sommer 2017 in London aufgenommen.

Marco Minnemann
Marco Minnemann: starker Opening Act des 2019er Dresdner Drum & Bass Festivals! Mit seiner virtuosen Performance mit Grooves und Soli in aberwitzigen Timesignatures setzte er einen fulminanten Akzent als Weltklasse-Drummer. (Bild: Tom Schäfer)

Wenn ich die letzten Jahre so Revue passieren lasse, dann war wirklich immer was los! (lacht) Zum Beispiel auch die „Cruise To The Edge Tour“ mit dem früheren Genesis-Gitarristen Steve Hackett. Das hat super funktioniert, denn wir haben uns musikalisch äußerst gut verstanden. Hätte ich gerne weitergemacht, aber dann ging die Aristocrats-Tour los. Und jetzt zwischendurch mache ich noch die neue Platte von Dave Kilminster, der ja auch schon jahrelang für Roger Waters, Keith Emerson und Steven Wilson Gitarren gespielt hat.

Und Aristocrats gibt gerade mal so richtig Vollgas?

Das kann man wirklich sagen! Aktuell ist unser neues und viertes Studio-Album „You Know What…?“ draußen. Und wir sind wirklich happy, denn das Album ist auf Nummer Zwei der Jazz-Billboard-Charts eingestiegen. Und mit dem Album touren wir gerade intensiv um die Welt. Die Tour geht bis ins Jahr 2021 rein!

Wie kriegst du das alles unter einen Hut? Hast du ein eigenes Management?

Meist kümmere ich mich selbst drum. Aber es ist alles nicht so viel wie es sich anhört, weil die Projekte ja über die Jahre verteilt sind. Insofern habe ich dann auch mal die Zeit, hier in Dresden beim Drum & Bass Festival vorbeizuschauen und ein Bierchen zu trinken. (lacht)

Aber du musst doch auch irgendwie Zeit und Muße finden, um Songs für deine Solo-Alben und die Aristocrats zu schreiben?

So was kann ich auch auf Tour im Hotelzimmer machen. Zum Beispiel habe ich während der Vorbereitungen zur „Cruise To The Edge“- Tour abends noch Songs für die neue Aristocrats-Platte geschrieben, wobei – wenn ich jetzt zurückdenke, habe ich auf dieser Cruise eigentlich mit drei Bands gespielt: mit In Continuum, mit The Sea Within und eben mit Steve Hackett. Ja, das war wohl eine Extremphase … (lacht) … aber das ist nicht immer so. Ich hatte mich zwei Wochen in einem Hotel in Clearwater in Florida eingebucht – da ist die Cruise ja losgegangen … also wobei es eigentlich zwei Cruises waren: „Cruise To The Edge“ und „The Blue Cruise“. Mit Steve Hackett war ich auf beiden Cruises und mit In Continuum und The Sea Within nur auf der „Edge Cruise“. Ich hatte die Zeit so geplant, dass ich mich abends nach den Proben ums Songwriting kümmere. Das war recht entspannt und ich habe es genossen, abends noch in Bars rumzuschlendern, oder auch mal bei einer lokalen Session-Band einzusteigen. Andere Leute gehen am Tag acht Stunden arbeiten, ich mache fünf Stunden Musik.

Du musstest dir auch das Repertoire dreier Bands draufschaffen. 

Ich wusste ja, welche Songs fürs Boot zu lernen waren und hatte mir einen Stundenplan zurechtgelegt. Das waren dann rund vierzig Songs, aber einige kannte ich schon, weil ich auf den Platten von In Continuum und The Sea Within ja gespielt hatte. Aufwändig waren die alten Genesis-Dinger wie „Firth Of Fifth“, „Supper’s Ready“, „Musical Box“, „Fly On A Windshield“, „Dance On The Vulcano“, „Los Endos“ – die Sachen sind ja klasse! Hervorragendes Material! Hinzu kamen Songs von Steve Hacketts Soloplatten. Das Material war sehr umfangreich und ich hatte einiges auch transkribiert. Aber die ganze Sache hat richtig viel Spaß gemacht!

Gerade bei den alten Genesis-Sachen kommt es sehr auf die Details an und somit höchst diszipliniertes Spiel … 

… aber hallo, ja!

Eigentlich bist du doch jemand, der neugierig ist, ausbrechen will, auf Spontaneität steht, oder? 

In den Songs war auch viel Freiraum drin, daher haben sie auch anders geklungen als die frühen Originale. Das Genesis-Material hat ziemlich geatmet. Wir haben als Band auch wirklich gut geklungen. Das war wie ein Panzer! Das hat total gerockt! Hoffentlich wird es in der Band- Konstellation eine Fortsetzung geben. Natürlich strebe ich nach Freiräumen und künstlerischer Entfaltung. Da war die Death- Metal-Band Necrophagist schon eher boxed in. Es gab gar keine Improvisation, alles war festgelegt. Das war so „Rasenmäher an“ und „Rasenmäher aus“.

Marco Minnemann
Marco Minnemann: starker Opening Act des 2019er Dresdner Drum & Bass Festivals! Mit seiner virtuosen Performance mit Grooves und Soli in aberwitzigen Timesignatures setzte er einen fulminanten Akzent als Weltklasse-Drummer. (Bild: Tom Schäfer)

Aber jetzt sind erst mal die Aristocrats angesagt? 

Na klar, das ist wichtig, weil es um die eigene Musik geht. Wir verkaufen auch gut und füllen mittlerweile respektable Hallen. Da fällt die Entscheidung leicht, in dieses Projekt zu investieren. Ich möchte hier und jetzt auch verkünden, dass Aristocrats meine Haupt-Band ist. Der ganze Rest kommt drum herum.

Aristocrats ist eine komplett andere Nummer als zum Beispiel Joe Satriani oder Steven Wilson. Wie ist es für dich stets in andere musikalische Welten einzutauchen. Suchst du dir absichtlich Phasen, um die musikalische Abwechslung zu haben? 

Nein, ich entscheide einfach immer, was mir am besten gefällt. Und ich muss auch ehrlich sagen, dass die Sachen von Joe Satriani oder Steven Wilson nie so ganz mein Fall waren.

Dafür hast du aber lange mit beiden Acts gespielt … 

Das stimmt, und es ist auch nicht so, dass es mir keinen Spaß gemacht hat. Dieser Stretch zwischen Pop und Progressive fühlt sich auch zeitweise gut an. Aber irgendwann wurde mir klar, dass ich mir diese Musik niemals zuhause privat anhören würde. Steven Wilson klang immer wie seine Vorbilder, so wie Pink Floyd oder Yes, und Joe Satriani ist halt Gitarren-Rock. Ehrlich gesagt: auf Dauer ist mir das langweilig geworden. Und alle haben sich gefragt, warum ich stets die Aristrocrats priorisiere.

Und warum? 

Weil das meine Band ist! Du stehst auf der Bühne und spielst um dein Leben! (lacht) Da machen wir das, worauf wir Spaß haben und keiner redet uns rein. Das gute dabei ist, dass wir ein Publikum anziehen, das unsere Musik versteht. Bei einigen anderen Künstlern, bei denen ich gespielt habe, da kommen zwar viele Fans hin und die finden das auch super. Aber unter ihnen gibt es auch viele Schulterklopfer, die eigentlich gar keine Ahnung von dem haben, was ich da spiele. Die vergleichen mich mit Leuten, mit denen ich eigentlich gar nicht verglichen werden sollte: „… oh super, was du da machst, das erinnert mich an Keith Moon und Ringo Starr!“ (lacht) Von beiden Schlagzeugern bin ich ja Welten entfernt. Und da fühlt man sich irgendwie missverstanden. Nicht aber bei den Aristocrats! Es ist zwar so, dass unser Sound den Zuhörer musikalisch fordert, aber unser Publikum lässt sich gerade deswegen darauf ein.

Könntest du dir vorstellen, auch eine Marco- Minnemann-Band auf die Beine zu stellen? 

Kann ich mir sehr gut vorstellen, weil das zum großen Teil ja auch bei den Aristocrats schon passiert, wenn wir Songs der einzelnen Mitglieder spielen. Allerdings eine reine Minnemann-Band mit meinen Solo-Sachen … huu … da müsste ich eine große Band zusammenstellen mit sechs Leuten oder so. Und das wär ein Ding, wo man gucken muss, dass überhaupt Geld reinkommt. Aber die Aristocrats laufen im Moment – auch finanziell – so gut, dass mein ganzer Fokus auf die Band gerichtet ist. Mit einem Instrumental-Trio so erfolgreich zu sein, das hätten wir anfangs auch nicht gedacht. Und jetzt spielen wir Hallen in der 500er bis 700er Größenordnung. Und in Südamerika sogar 1500er-Hallen.

Du sagtest eben, ihr verkauft ganz gut. Trotz des Niedergangs der klassischen Tonträger-Industrie? 

CD-Verkäufe sind grundsätzlich nicht mehr das, was sie mal waren. Wenn du trotzdem mit dem Zeug in die Billboard-Charts kommst, dann merkt man schon, dass deine Verkäufe noch ganz gut sind. Und nicht zu unterschätzen ist der Umsatz durch Merchandise. Aber alleine durch CD-Verkäufe leben, da ist der Zug lange abgefahren. Die Leute kommen lieber zu den Shows!

Es geht ja auch darum, die Aristoctrats live auf der Bühne zu sehen, diese Lebendigkeit der Musik, eure Improvisationsstärke und spielerische Klasse … 

Das sehe ich genauso. Trotzdem machen wir CDs und diese so gut wie möglich, damit die Leute auch Spaß zu Hause daran haben. Deswegen sind wir auch nicht schüchtern, hier und da ein paar Overdubs drüber zu machen, damit das Erlebnis des Hörens was Bleibendes hinterlässt. Aber die Live-Sache ist unersetzlich. Und das macht eine Band wie Aristocrats auch aus.

Und es ist auch das, was einen großen Teil deines Leben ausmacht. Du bist ein Mensch für die Bühne, oder? 

Die Bühne ist ein wichtiger Platz in meinem Leben. Es ist diese Energie, die einen das machen lässt, was man tut. Und mir ist es egal, ob da 50 Leute vor der Bühne stehen oder Tausende – denn die Mission ist immer dieselbe: nämlich die Leute glücklich zu stimmen und die Energie zurückzubekommen. Und das erzeugt einen bleibenden Wert.

MARCO MINNEMANN(Bild: Tom Schäfer)

Du hast dich vor langer Zeit davon verabschiedet, trommelnder Dienstleister für irgendwelche Acts zu sein. Der Schritt nach Amerika war für dich ein regelrechter Cut, und du bist seitdem in einer Welt zuhause, die dich künstlerisch fordert und ausfüllt. Seh ich das richtig? 

In meiner früheren Zeit in Deutschland habe ich viel ausprobiert und ich musste zusehen, dass ich Gigs bekam. Natürlich war da auch der eine oder andere Fehlgriff dabei. (lacht) Irgendwann ist es mir auf den Sack gegangen, für so Leute wie Nena zu spielen. Zwar habe ich auf ihrer Platte „Nena Feat. Nena“ mitgespielt und die ist mit Doppel- Platin auch noch eine ihrer best verkauften Alben geworden. Wir haben dann groß getourt, aber inhaltlich war das der komplette Blödsinn. Ich hatte keine Lust mehr Dinge zu tun, die sich schon im Vorfeld als unhappy erweisen. In Konsequenz habe ich einige hochdotierte Angebote renommierter Bands abgelehnt.

Du warst ja immer schon auf dem Trip, deine eigenen Sachen zu machen. Das begann schon mit deinen ersten Soloplatten, aber seit Amerika bist du konsequent deiner musikalischen Vision gefolgt. 

In Amerika hatte ich sehr schnell das Gefühl, dass ich musikalisch verstanden wurde. Auch was meine eigenen CDs angeht, war Amerika viel respektvoller und offener. Auf einmal kamen Artists auf mich zu und buchten explizit Marco Minnemann. Das war ein ganz guter Schritt für mich und es versetzt mich in die Situation, meine eigenen Entscheidungen zu treffen für Projekte, bei denen ich mich musikalisch respektiert fühle. Trotzdem stellt man sich die Frage, warum man denn all den Sachen hinterherrennt, wenn doch die eigene Band funktioniert. Aber das ist bei einem Musiker so eingebrannt, dass man denkt: „Wow, der bekannte Künstler XY hat für eine Tour angefragt, das muss man jetzt unbedingt machen!“ Aber wenn du drüber nachdenkst, dann stellst du plötzlich fest, dass du in dieser verzerrten Musikerwahrnehmung steckst, denn mit den Aristocrats spielen wir ja schon in denselben Hallen wie Steven Wilson oder Joe Satriani. Dann drückt man den Reset- Button! (lacht) … und man folgt seinem eigenen Weg.

Sind The Aristocrats eine Band, die gerne mal risikofreudig drauflos spielt? 

Nein. Das sind schon ziemlich arrangierte Songs, die wir spielen. Die ganzen Dynamikbögen, die Akzente, das ist bis auf einige Spots sehr ausgearbeitet und strukturiert.

Ihr seid also keine Jam-Band? 

Absolut nicht. Die Sachen, die teilweise wie Jams klingen, sind mehr strukturiert als man denkt. Und wenn Leute meinen, es sei improvisiert, dann ist das ein gutes Kompliment. Wir haben Spaß und das ist cool, aber die Sachen sind geplant. Allerdings gibt es fast in jedem Song eine Sektion, wo wir alle ein bisschen loslassen können und dann auf Cue in den nächsten Part gehen. Und jeder hat natürlich seinen Solospot.

Stichwort Drum-Soli: Sind die auch überlegt, geplant und strukturiert? 

Das überlass ich oft dem Zufall. Ich improvisiere gerne über Parts, aber ich weiß immer, wo ich hin will. Bei den Aristocrats spiele ich in jeder Show ein achtbis zehnminütiges Drum-Solo, das jeden Abend komplett anders ist. Für eine Drum-Clinic wie hier in Dresden lass ich mir natürlich etwas Besonderes einfallen und überlege, was die Leute gerne hören wollen. Bei so einer Show muss man eben viel Schlagzeug spielen und habe daher meine Song-Backings deutlich reduziert.

Du bist ein Spieler mit einer hochgradig ausgeprägten Technik, die dem motorischen Bewegungsapparat sehr viel abverlangt. Dabei gehst du auf die Bühne und scheinst sofort 100 Prozent an zu sein. Arbeitest du mit speziellen Warmup-Tricks? 

Nein, ich mach kein Warm-up. Ich übe ja auch nicht jeden Morgen nach dem Aufstehen das Sprechen. Wir haben bei den Aristocrats eigentlich dieselbe Attitude und fassen kein Instrument an, bevor wir auf der Bühne sind. Sonst spielt man ja schon alles weg, bevor man anfängt. Ich bin ja auch laufend auf Tour, also eigentlich ständig im Playmodus. Da bin ich manchmal froh, wenn ich nicht spiele. (lacht) 

MARCO MINNEMANN(Bild: Tom Schäfer)

Eine typische Minnemann-Drum-Solo-Spielart scheint zu sein, dass du orchestrierte Passagen und Themen aufsetzt, in die man sich richtig schön einloggen kann, aber letztlich in andere Dimensionen vordringen und den Zuhörer recht tricky auf eine falsche Fährte locken. 

Das mach ich gerne, um keine Langeweile einzuläuten! (lacht) Ich versuche Soli so zu gestalten, dass sie zwar abwechslungsreich sind, aber auch nicht zu überdreht und unverständlich sind. Diese Fehler habe ich früher gemacht in meiner Selbstfindungsphase, nämlich viel und schnell auszupacken, wenig Dynamik und die Leute vor den Kopf zu hauen. Die Zeiten sind vorbei. Irgendwie wird man mit Erfahrung ein bisschen weiser und man weiß, wie man Drumsoli musikalisch klingen lässt. Ich setze mich auch nicht unter Zugzwang, stets was auspacken zu müssen, um jemanden zu beeindrucken. Allerdings ist es wichtig, die Sachen im richtigen Moment auszupacken. Natürlich hab ich mich immer wieder kritisch mit meinem Spiel auseinandergesetzt und festgestellt, dass mir diese Multisound-Geschichten nicht mehr gefallen. Jetzt ist der gesamte Firlefanz weg – die Mini- Fuß-Snare und all die anderen Percussion-Sachen. Eigentlich bin ich ein Rock-Drummer mit Edge. Mir gefällt ein wuchtiger, tiefer Rock-Sound mit fetter Kickdrum, schön crackiger Snaredrum, melodischen Toms und recht großen Becken. Mein Set ist wesentlich kompakter – aber ich kann immer noch genug Schaden damit anrichten! (lacht) 

Der Song „Drum For Your Life“, der auf deinem neuen Album vertreten ist und den du auch bei Drumeo präsentiert hast, basiert auf einem griffigen Thema, das durchaus Potenzial hätte für die Titelmelodie einer Krimi-TV-Serie oder einer Filmmusik so à la „Mission Impossible“. Hast du mit deinen Soloplatten mal in Richtung Filmmusik und Soundtracks gedacht? 

Tatsächlich ja! (lacht) Und es ist das, was mir auch richtig Spaß macht wenn ich schreibe, dann denke ich eher melodisch oder an die Aura des Songs, anstatt eine technische Übung darzubieten.

Obschon der Track ja auf einem 15/16-Groove aufbaut, der natürlich Aufsehen erregt. 

Das 15/16-Ding war in diesem Fall komplett geplant, weil ich das ja für Drumeo gemacht habe. Bei diesen speziellen Drum-Themen sind derartige Spezialitäten natürlich gut, weil man auch Dinge mal auseinandernehmen und erklären kann. Was mich grundsätzlich beim Komponieren aber mehr ergreift, ist eine schöne Melodie, die mir als Anker gilt und die dann einen Raum schafft. Das ist mir am meisten Wert. Nicht die technische Übung.

Ist es denn alles Zufall, dass deine Songs vielfach auf krummen Takten aufbauen? Vielleicht doch eine Art Marco- Minnemann-Naturell? 

So viele krumme Takte sind das eigentlich nicht. Auf meiner neuen CD würde ich sagen, ist es 50:50. Einige Tracks sind komplett kerzengerades Songwriting, da stehen die Lyrics im Vordergrund. Mein Haupt-Kompositions-Instrument ist die Gitarre und wenn mir ein Riff einfällt, dann kann es durchaus auf einer krummen Taktart basieren, was sich aber eher zufällig aus der kompositorischen Idee ergibt. Erst im Nachhinein zähle ich das dann aus und stelle fest: Oh, das ist ja ein 7er, 9er oder was auch immer.

MARCO MINNEMANN Drumset(Bild: Tom Schäfer)

Viele wissen gar nicht, dass du ziemlich gut auf der Gitarre unterwegs bist. 

Zuhause spiele ich mehr Gitarre als Schlagzeug. Es ist halt so, dass mich viele Leute vom Schlagzeug her kennen. Im Vergleich zur Gitarre bin ich wahrscheinlich auch besser und mehr fließend am Schlagzeug, denn es ist das Instrument, auf dem ich mich komplett frei ausdrücken kann. Bei der Gitarre muss ich mir schon überlegen was ich da tue, und sie funktioniert für mich gut als Kompositionsinstrument, obschon Schlagzeug ab und zu auch. Manchmal setz ich mich ans Set und improvisiere ein Drum-Solo und schreibe anschließend Musik drauf. Ich suche mir am Schlagzeug ein paar Themen aus, wiederhole diese und hab quasi schon Melodien in meinem Kopf drin. Es gibt viele Wege zu experimentieren und zu komponieren. Die Musik die ich schreibe, entspricht meiner künstlerischen Identität. Etwas Eigenes zu kreieren aus der Kraft einer musikalischen Idee, das ist der Motor, der mich vorantreibt, nämlich etwas aus Leidenschaft heraus zu schaffen. Kompositorisch gehe ich immer wieder in andere musikalische Richtungen. Ich hatte nie einen Mangel an Ideen. Ohne Musik könnte ich mir ein Leben gar nicht vorstellen. Ich kann ja nichts anderes! (lacht)

Equipment

Drums: DW Collector’s Maple

  • 8″ x 7″ Tom
  • 10″ x 8″ Tom
  • 12″ x 9″ Tom
  • 16″ x 14″ Floor-Tom
  • 18″ x 16″ Floor-Tom
  • 24″ x 16″ Bassdrum
  • 21″ x 16″ Gong-Tom
  • 14″ x 6,5″ Collector’s Maple Snare
  • 13″ x 6″ Collector’s Maple Snare (side)

Cymbals: Zildjian

  • 20“ Constantinople Low Medium
  • 19“ K Dark Crash mit 8″ K Custom Bell on top
  • 14″ Hi-Hat K Session Top und Vintage Bottom
  • 12″ Avedis Splash
  • 17″ Sweet Crash mit 8″ Custom Bell on top
  • 20″ K Custom Ride
  • 18″ A Medium Crash
  • 14″ Avedis Hi-Hat
  • 19″ K China

Hardware: DW 9000 Series

  • 2x DW 9300 Snare Stand
  • 5x DW 9900 Double Tom Stand
  • 4x SM 799 Dog Bones
  • 4x SM 934 Booms
  • 1 x DW 9502LB Remote DW Cable Hi-Hat
  • 1 x DW 9100 Throne
  • 1 x DW 9500 TB HiHat (2leg)
  • 1 x 5002 Double-Kick-Pedal

Felle: Evans

Toms: Evans G2 clear/G1 clear

Bassdrum: EMAD

Snaredrum: Evans ST white coated

Drumsticks: Promark

TX 721 und TX721b „Autograph“-Serie

Website

marcominnemann.com

MARCO MINNEMANN Drumset(Bild: Tom Schäfer)

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Produkt: Sticks 11-12/2019
Sticks 11-12/2019
MARK SCHULMAN – Stadion-Rock mit Pink! +++ Nicholas Collins +++ Richie Gajate-Garcia +++ REPORT: Dresdner Drum & Bass Festival 2019 +++ LUDWIG Heirloom Anniversary Snaredrum +++ UFIP Experience Balst Cymbals +++ MAPEX Design Lab Cherry Bomb Drums 2470

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