Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
Aus dem STICKS-Archiv

Interview mit Herwig Mitteregger

Ein Interview aus dem STICKS-Archiv mit dem faszinierenden, charismatischen Herwig Mitteregger: Drummer, Sänger, Songwriter, Produzent!

Mittwochmorgen im Hamburger Stadtteil St. Georg. Die vielen kleinen Geschäfte öffnen langsam ihre Pforten, stellen das Gemüse an die Straße, die frischen Blumen in die großen Vasen, spülen eben noch den letzten Dreck der vergangenen Nacht von den Bürgersteigen und warten auf die erste Kundschaft des Tages. Drinnen im Café Gnosa sitzt jemand, der gleich viel zu erzählen haben wird: Herwig Mitteregger, deutsche Schlagzeuger-Legende, Produzent, Arrangeur, Komponist, Texter und Label-Besitzer.

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(Bild: STEFAN MALZKORN/PRESSE PROMOTION M. SOW)

Es geht natürlich um sein neues Album „Insolito“, aber auch um seine Zeit bei Nina Hagen, bei Spliff, über sein Leben in Spanien, die öffentlichrechtlichen Radiosender in Deutschland, seine Zeit an der Hamburger Musikhochschule bei Prof. Hintze und auch über das bevorstehende Ende der CompactDisc – viel Stoff also für einen 60-Minuten-Talk.

Mitteregger: Geile Wand.

SK: Ja, stimmt, geile Wand. Und auch noch ein ziemlich geiler Espresso hier. Kennst du das Café Gnosa nicht?

Nee, ich kenne mich hier in Hamburg nicht mehr so besonders gut aus. Ich wohne zwar jetzt schon wieder seit knapp 2 Jahren in Hamburg, aber Clubs, Kneipen und Cafés haben mich noch nie so besonders interessiert. Ist einfach nicht so mein Ding. Ich fand’s immer interessanter, zu üben oder an neuen Songs zu arbeiten.

Du hast, bevor du nach Hamburg gezogen bist, auf dem Land in Spanien gelebt und dort auch den größten Teil deines neuen Albums „Insolito“ produziert. Woher kommt es, dass du in den letzten Jahren in erster Linie alleine gearbeitet hast und dem konventionellen Band-Kontext aus dem Weg gegangen bist. Auf „Insolitho“ hast du ja – bis auf den Saxophon-Part – auch wieder alle Instrumente selber eingespielt, aufgenommen und produziert.

Na ja, wenn ich anfange etwas aufzunehmen, dann arbeite ich in der Regel mit Pilotspuren. Und immer wenn ich den ersten Piloten drauf habe, denke ich mir: Oh Gott, ist das schlecht! Also versuche ich es besser zu machen, und schwuppdiwupp habe ich eine Version, an die ich mich gewöhne. Man hört zwar irgendwann auch ein paar Fehler, aber die kann man ja korrigieren. Schließlich hat man noch die Einstellungen, egal, ob das die Gitarre oder der Gesang ist. Und letztendlich ist das genau der Grund, wieso ich mittlerweile am liebsten alleine arbeite. Früher haben wir immer sehr geradlinig gearbeitet:

„So, jetzt nehmen wir mal die Gitarre auf.“ Und dann dauert das einen Tag oder zwei Tage und dann ist die Gitarre aufgenommen. Dann sagt man: „Ist es gut?“, hört’s nochmal durch und sagt dann: „Ja, es ist gut.“ Ad Acta gelegt. Das mache ich heutzutage komplett anders. Ich nehme etwas auf, so gut ich es irgendwie kann, und vielleicht habe ich dann nach zwei Stunden auch die Nase voll, dann mache ich etwas anderes. Aber wenn mir zwischendurch irgendetwas auffallen sollte, oder ich auf einer anderen Spur irgendetwas höre, was mir überhaupt nicht gefällt, dann werde ich das ganz schnell ausbessern.

Diese Technik kannst du natürlich nur dann benutzen, wenn du alles griffbereit und perfekt eingestellt hast. Bei mir sind zum Beispiel meine 13 Gitarren immer um mich herum. Also, ich bin ja kein Gitarrist und behaupte auch nicht einer zu sein, aber trotzdem lege ich Wert darauf, dass unterschiedliche Klänge abrufbar sind. So ähnlich wie beim Synthie. Da steht dann die 12-saitige neben der Gibson und die Halbresonanz neben der Slide-Gitarre. All at my fingertips! Genauso wie das Mikrofon immer mit der gleichen EQ-Einstellung immer am gleichen Platz steht. Das heißt, ich kann auf alle Spuren sofort zugreifen, und das ist einfach herrlich.

Aber wenn jetzt jemand von draußen kommt, dann denkt der natürlich: „Was macht der denn da? Was für ein Chaos!“ Schon wenn du nur zu zweit im Studio bist, dann musst du eigentlich so arbeiten, wie man es kennt. Man nimmt sich also sozusagen eine Spur vor und dann arbeitet man daran, bis sie klar ist, und dann knöpft man sich die nächste Spur vor, und so weiter.

Mir ging das früher schon immer auf die Nerven. Immer dieses Abwarten, dieses wie auf dem Amt rumsitzen, denn jetzt ist halt erst mal der Bass dran und die anderen können Kaffee trinken gehen oder so. Ich habe das irgendwann nicht mehr ausgehalten, und je älter ich werde, desto weniger cool bin ich in dieser Beziehung. Beim Aufnehmen muss es abgehen, das muss Hochleistungssport sein und keine Formularausfüllerei! Diese Methode zu arbeiten ist natürlich ein Superluxus. Das ist ja klar, wobei ich jetzt gar nicht das superteure Studio habe. Ich habe beispielsweise zwei 02R-Pulte von Yamaha und immer noch vier DA-88-Tascam-Geräte.

Nimmst du mit denen immer noch auf, oder bist du mittlerweile auch auf Protools umgestiegen?

Protools habe ich nie gehabt. Ich arbeite mit Logic, und die alten DA-88 habe ich nur noch, weil viele der alten Aufnahmen auf den Bändern sind. Aber drei der vier Geräte könnte ich eigentlich abstoßen, da mittlerweile alles auf die Festplatte geht.

Wie gedenkst du dein neues Album live umzusetzen, wenn du doch so gern alleine arbeitest und es anscheinend ja auch genießt, alle Instrumente nach und nach eigenständig einzuspielen?

Ich kann das momentan noch nicht sagen. Ich könnte mir schon vorstellen, mit dem neuen Album auf Tour zu gehen, aber vielleicht kann ich es mir einfach noch nicht leisten. Ich brauche zwei Drumsets auf der Bühne, zwei Gitarrenanlagen, zwei Keyboard-Anlagen … und das kostet immer einen Haufen Geld. Und weil ich zu denen gehöre, die klare Deals machen und zwar vorher und nicht nachher, muss ich die ganze Tour bereits in trockenen Tüchern haben, bevor ich die Jungs anrufe. Wenn ich dann sage: „Willst du mitmachen? Es gibt so und so viel. Mehr kann ich nicht, aber weniger gibt es auch nicht, garantiert …“, dann können die Jungs in Ruhe entscheiden. Aber so etwas muss einfach fair und offen ablaufen.. Das ist eine Frage der Ehre!

Man muss jetzt einfach abwarten, wie das Album aufgenommen wird. Wenn der Markt es hergibt, dann kann man vieles auch weitergeben, ich muss mich am Livespielen nicht gesundstoßen. Ich denke, eine Platte ist immer eine Idee, die man halt durchzieht, und wenn es nicht zum Livespielen kommt, dann ist das halt so. Wenn es quasi als Nebeneffekt dabei rauskommt – wunderbar! Aber wenn du das Livespielen als Initialidee hast, dann hast du, glaube ich, schon verloren. Dann reibst du dich auf der Straße auf.

Ist dir die kreative Arbeit im Studio demnach wichtiger, als auf der Bühne zu stehen und die Musik live zu performen?

Würde ich so nicht sagen. Ich spiele schon gerne live. Aber klar, ich gebe es ja ehrlich zu: Immer in den Clubs rum zu sumpfen- das ist auf die Dauer schon etwas ermüdend und anstrengend. Und wenn du dann diese versifften Sofas wiedersiehst, zum dritten, zum vierten und zum fünften Mal … ich weiß noch, wie wir mit der Spliff Radio Show Anfang der 80er in Amsterdam im „Paradiso“ gespielt haben. Und dann unten im Keller in der Garderobe: dieses versiffte Sofa! Da stand es wirklich! Das hat man nicht geglaubt. Da sind wahrscheinlich alle Musiker, die es gibt, und noch einige andere rübergerutscht. Grausames Teil! Da wünsche ich mir manchmal schon, dass die Gigs im Theater stattfinden oder in irgendwelchen Locatios, wo es keinen „Schweinetrieb“ gibt. Auch etwas, was ich hasse!

Wenn du bestuhlte Säle hast, hast du es natürlich schwerer. Klar, die Leute stehen nicht auf und sind drauf. Nur, das Gegenteil davon habe ich vor 10 Jahren erlebt, als wir „Rock am Ring“ als Opener gespielt haben. Am helllichten Nachmittag waren die alle schon dermaßen „gut drauf“, sind die ganze Zeit hin und hergeschaukelt, und ich dachte: Meine Güte, gleich krachen die alle übereinander zusammen! Diese Rock-Rezeption kann manchmal schon wirklich nervtötend sein.

Der Club an sich ist ja nichts Schlechtes. Ist schon okay. Aber leider ist mein Drumset eigentlich zu groß für einen Club. Ich spiele zu Hause immer noch dieses Yamaha Recording Custom. Live stellt mir Yamaha ein anderes Set zur Verfügung, was ich total klasse von denen finde, aber es ist immer noch genau das Gleiche von der Anzahl der Töpfe her. Also sieben Toms, und dafür brauche ich dann 2 x 2 Meter Platz, und dann kommen noch die Mikrofonständer dazu, und wenn du das dann zwei Mal hast, dann wird es halt schon ganz schön eng. Eigentlich bin ich ein Act für große Säle, was aber nicht heißt, dass ich jetzt nicht mehr in Clubs spielen will. Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig. Ich muss halt abrüsten.

Du hast ja in den 70er Jahren klassisches Schlagwerk studiert. Vermisst du als Rock/Pop-Musiker die luxuriösen Bedingungen, unter denen klassische Orchester auftreten und arbeiten können? Philharmonie statt Proberaum, polierter Konzertsaal statt versiffter Club?

Nee, ich wollte ja nie ins Orchester und habe das auch nie bereut. Ich habe das Studium damals gemacht, um an meiner Technik arbeiten zu können und möglichst schnell besser zu werden. Ich habe an der Folkwang-Schule in Duisburg angefangen und bin dann nach zwei Jahren an die Hamburger Musikhochschule gewechselt, einfach weil ich hier leichter Geld verdienen konnte. Im Rheinland habe ich Tanzmusik gespielt, aber das hast du natürlich irgendwann auch mal satt, und hier in Hamburg gab es den Prof. Hinze.

Der hat alle seine Jungs in den Orchestern untergebracht. Die spielten überall, bis hin zu Karajan. Wir waren fast jeden Abend in einem anderen Orchester und haben uns damals die Finger wund gespielt. Ich habe nie so viel Geld verdient wie als Student hier. Also, bis auf später natürlich, als dann die goldenen Schallplatten kamen – das ist dann natürlich kein Vergleich. Aber in den Anfängen war die Zeit hier in Hamburg finanziell sicher die beste. Dass die Technik, die man im klassischen Studium lernt, als Rock-Schlagzeuger nicht direkt zu gebrauchen ist, habe ich dann in Berlin bei Lokomotive Kreuzberg und bei Nina Hagen gemerkt. Der Schlagzeuger einer befreundeten Band meinte einmal zu unserem Bassisten Manne Praeker: „Eh, euer neuer Trommler, dit is aber ’n Raschler.“

Mein Kumpel Manne hat mir das dann gleich gesteckt, und ich war geschockt. Ich war doch ein Studierter! Ich habe mir dann sofort gesagt: Okay, denen werde ich dann mal zeigen, wie das geht! Ich habe ein paar 1/16 weggelassen, mehr Bumms in die Bassdrum und in die Snaredrum gelegt, den Groove regelrecht geatmet und – tschingbumm! – war es dann da. Bei der Hagen-Band habe ich es dann total übertrieben und nur noch gedroschen. Die meisten Musiker der Berliner Szene waren damals Arbeiterkinder. Die hatten ihre Lehre abgebrochen und hatten natürlich kaum Technik, aber trotzdem habe ich die Kritik, die von diesen Leuten kam, sehr ernst genommen und bin sehr konstruktiv damit umgegangen.

Und trotzdem war meine Zeit bei Hinze unglaublich wichtig für mich. Der war wirklich knallhart, hat zwar selten Unterricht gegeben, aber die halbe Stunde, die der einem dann mal verpasst hat, die hat nachhalitg gewirkt. Da haben wir vorher alle immer Blut und Wasser geschwitzt. Das war einfach klasse! Der Hinze ist schon eine Vaterfigur gewesen und hat einem klargemacht, wo es lang geht. Ich hatte nie wirklich einen Vater. Aber wenn ich so jemanden wie den Robert Hinze früher um mich herum gehabt hätte, dann wäre sicherlich einiges schneller und einfacher und geradliniger gelaufen.

Kann das in gewisser Hinsicht eine Gradwanderung sein? Ich kenne Leute, die während des Studiums total motiviert und fleißig waren, weil die Dozenten und Professoren ihnen ganz klare Ziele und Aufgaben gestellt haben und nach dem Studium sind viele von denen total eingebrochen, weil sie gar keine eigenen Ziele und Visionen entwickeln konnten und keine Ahnung hatten, woran sie eigenständig arbeiten sollten und wie sie aus sich heraus eine klare Struktur schaffen können.

Ja klar, das waren dann die, die in diesem Studium total aufgegangen sind. Unsere japanischen Kommilitonen zum Beispiel, die schon morgens um 7 alle Räume belegt hatten. Aber wir wollten das ja gar nicht. Bis auf ein zwei Ausnahmen waren wir Schlagzeuger im Studium alle Rocker und hatten ganz andere Ziele und einen ganz anderen Weg vor Augen.

Wenn du heute siehst, wie viele Schulen es für Jazz, Pop usw. gibt …

… finde ich klasse! Finde ich total gut! Ich wollte damals auch auf eine Jazzschule. Damals gab es nur in Graz die Möglichkeit, Jazz zu studieren, und als ich in Duisburg nicht mehr zufrieden war, habe ich als gebürtiger Österreicher auch mit dem Gedanken gespielt, wieder zurückzugehen, um in Graz anzufangen. Ich habe dann auch die Aufnahmeprüfung gemacht, aber ich war kein Jazzer, wollte auch keiner werden. Ich konnte halt so ein bisschen swingen. Die meinten dann: Ja, das ist okay. In einem halben Jahr sollte ich wiederkommen, aber da war ich dann schon in Hamburg. Ich finde diese Entwicklung, dass es mittlerweile so viele Schulen für Jazz und Pop gibt, klasse. Du lernst einfach noch schneller und du lernst genau das, was du machen willst. Wofür brauchst du den Bolero-Stress im fünffachen pianissimo, wenn du eigentlich viel lieber Popmusik spielen willst? Die Kids können da heute ihre Pattern üben, die bekommen sie berkleemäßig serviert. Super. Oder hast du da deine Zweifel ?

Na ja, ich finde das schon auch gut, dass es diese Möglichkeiten gibt, Ich war ja auch an der Yamaha Music Station und an der Hochschule in Arnheim und am Drummers Collective und dann nochmal beim Popkurs in Hamburg und so weiter. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass an diesen Institutionen über alle Studenten eine riesige Haube übergestülpt wird. Viele kommen dorthin, haben witzige Ideen und einen ganz eigenen Zugang zur Musik und zum Instrument, aber nach 5 Jahren klingen dann auf einmal alle gleich, weil alle den gleichen Stoff, die gleichen Patterns und die gleiche Grundhaltung in sich aufsaugen müssen und das finde ich manchmal ein bisschen problematisch.

Mmh, verstehe.

Oftmals können die Schüler nach 5 Jahren alles gut bedienen, können vernünftig Shuffle spielen, Latin, Jazz, Rock, usw.. das ganze Programm halt, aber die eigene Persönlichkeit, um die es aber doch als Musiker und Künstler in erster Linie gehen sollte, bleibt dann oftmals ein bisschen auf der Strecke. Ich finde allerdings, dass das handwerkliche Niveau der Musiker in den letzten Jahren enorm zugenommen hat…

… allerdings!

Ihr habt ja damals im Vergleich zu den anderen Bands dieser Zeit auf einem handwerklich unglaublich hohen Niveau gespielt. Wenn man das mal mit den Bands der Neuen Deutschen Welle vergleicht …

… das war ja auch nichts.

Na ja, einige dieser Bands haben ja schon eine neue Tür aufgestoßen, durch die dann wieder ganz viele andere Bands überhaupt erst durchmarschieren konnten, aber handwerklich war das natürlich kein Vergleich zu einer Band wie Spliff.

Das meine ich, handwerklich war das einfach lächerlich, außer Ideal vielleicht.

Letztlich ist die Musik im Allgemeinen nicht zwangsläufig besser geworden ist, nur weil sich das handwerkliche Niveau so stark verändert hat. Die wirklich bahnbrechenden und herausragenden Alben der PopGeschichte sind meiner Meinung nach halt zum größten Teil Ende der 60er und in den frühen 70er Jahren entstanden, in einer Zeit also, in der die meisten Drummer noch gar nicht wussten, was ein Inverted Paradiddle usw. überhaupt ist. Letztendlich hängt die Größe der Musik doch immer von der Größe der Persönlichkeit ab, die sich hinter ihr verbirgt.

Ich finde, die 80er sind schon nicht zu unterschätzen. Meiner Meinung nach waren die 80er Jahre die beste Zeit des Pop. Guck dir die ganzen Bands wie Tears For Fears oder Level 42 an. Es gab damals so viele Bands, die wirklich intelligente Arrangements ausgetüftelt haben, die alle singen und gut spielen konnten. Allein was Michael Jackson geschafft hat: „Billy Jean“, was für ein Song! Und Eddie durfte solieren! In den 90er Jahren kam dann HipHop und Techno und das hat sehr viel verändert. Ich will gar nicht sagen, dass es dadurch schlechter geworden ist, aber doch anders. Die Qualität ist eine andere, und der Musiker an sich ist auf einmal nicht mehr so viel wert.

Der wurde dann nicht mehr so sehr gefordert, und das ist eigentlich bis heute so. Wenn ich heute das Radio anmache, dieses übliche Gedudel, denke ich mir schon manchmal: Sag mal haben die noch alle? Wie können die denn jetzt zum hundertsten Mal hintereinander den gleichen Takt immer im Kreis spielen? Und das dann vor allem immer noch als die große Neuigkeit ankündigen? Die tillen wirklich bald durch, oder sind sie schon durchgetillt? Die Stimme, immer ganz weit vorne. auf die kommt es dann an und dann ist da noch eine musikalische Idee, ein Sound oder ein Lick, das vielleicht für eine Sekunde neu ist, aber das war es dann auch schon. Und das Ganze immer schön dufte auf der Länge von drei Minuten. Immer diese Konfektionsware! Das geht mir auf die Nerven! Und die Redakteure bedienen dieses Elend. Musikalisch spielt sich doch da schon lange nichts Neues mehr ab.

Letztendlich liegt das Problem wohl eher in diesem irrwitzigen Quotenwahn, dem sich alle Sender unterwerfen. Es geht nicht mehr so sehr darum, interessante und anspruchsvolle Inhalte zu vermitteln, sondern vielmehr darum, der breiten Masse so gut wie möglich gerecht zu werden, und das Resultat ist dann natürlich oftmals etwas erbärmlich. Früher gab es beispielsweise nur drei Fersehsender, und wenn ein Programm dann eine Sendung wie den „Beat Club“ gemacht hat, hatten die natürlich erst mal eine gewisse Monopolstellung, der sich die Leute auf Grund der mangelnden Vielfalt gar nicht entziehen können. Heute ist die Situation beim Rundfunk und beim Fernsehen auf Grund dieses riesigen marktorientierten Wettbewerbs natürlich eine komplett andere.

Ja, stimmt, wobei ich die Öffentlich-Rechtlichen nicht verstehe, wie dreist die versuchen, die Privaten nachzumachen, obwohl ich Geld für die bezahle. Ich zahle tatsächlich GEZ, ich fasse es nicht! Hier in Deutschland ist immer alles so hübsch ruhig. Alle labern sich im Fernsehen einen ab. Ich weiß noch, wie oft ich diese Frau Christiansen in Spanien über Antenne anschauen durfte, wie die ein Thema wieder so richtig plattgemacht haben. Und was ist danach passiert? Natürlich Nichts! Das ganze Land ist hier mittlerweile so lahm, wie man das früher immer von der Schweiz behauptet hat. Immer ganz langsam, und es regiert das Geld. Das ganze Land ist ein riesengroßer, aufgeblasener, lahmer, eingeschlafener Fuß!

Ist das in Spanien anders?

Spanien ist Halligalli! Wenn da jemandem etwas stinkt, dann knallt’s. Die haben eine ganz andere Gesprächs- und Streitkultur. Dort gibt es Radiostationen, da wird den ganzen Tag jeder Stein umgedreht, und die zu Hause drehen mit. Die Spanier, die ich kenne, kommen grundsätzlich mit laut laufendem Radio vorgefahren. Die wussten über Deutschlands Lage nach der Wende genauso gut Bescheid wie ich mit meinem Satelliten-TV. Hier bekommst du vielleicht im Deutschlandfunk noch ansatzweise mit, was so passiert, aber letztendlich ist das deutsche Radio ein einziger Dudelfunk. Es geht immer nur um das Schnelle, das Schnäppchen, aber es geht nicht um ein breites Spektrum, das abgedeckt werden soll, und das ist in Spanien wirklich anders. In Deutschland ist alles viel angepasster, viel einheitlicher und daher langweiliger.

Hat sich Deutschlang geändert? Schließlich hat die deutsche Popkultur vor 25 Jahren auch Künstler wie Nina Hagen hervorgebracht, deren zentrales Element ja gerade in der Provokation und in der subversiven Ausrichtung lag.

Na ja, die wurde ja damals auch nicht gespielt.

Aber trotzdem hat sie eine große Aufmerksamkeit erfahren und wurde von einem Teil der Gesellschaft stark angenommen.

Bei Nina Hagen lag das aber in erster Linie an diesem einen Skandal, den sie ausgelöst hat, als sie sich mal bei einem Auftritt für das Österreichische Fernsehen in den Schritt gefasst hat. Die Bildzeitung hat das Thema gleich aufgegriffen und mit der Schlagzeile „Nina Hagen ornaniert im Fernsehen“ aufgemacht. Das war natürlich die beste Promotion schlechthin. Auf Grund dieses Skandals wurde sie unglaublich bekannt, und die Musik spielte dann auch schlagartig nicht mehr die wesentliche Rolle. Wenn du erstmal Yellow Press bist, spielt die Musik nur noch eine untergeornete Rolle und sollte dann nur noch halbwegs stimmen.

War das auch der Grund, wieso sich eure Wege dann getrennt haben?

Frau Hagen war nach ihrem kurzen Aufenthalt in London voll auf der Punkschiene. Das war auch sehr lustig am Anfang, aber dass sie dann ausschließlich Punk spielen wollte, wollten wir wiederum nicht. Wir haben dann eine Zeit lang versucht, im Rahmen unserer Möglichkeiten die Vielseitigkeit ihrer Stimme zu bedienen und haben sehr stark auf sie zugearbeitet. Jeder in der Band hat sie auf der Bühne stark fokussiert und versucht, ihr den größmöglichen Spot zu geben. Aber Hagen hat das nicht wirklich zu schätzen gewusst und wollte einfach der alleinige Star sein, und am Ende lag es wie so oft an der Kohle, dass die Hagen-Band in der damaligen Besetzung und Nina Hagen auf der anderen Seite getrennte Wege gegangen sind.

Wie beurteilst du als jemand, der seit fast 30 Jahren im Geschäft ist und die Veränderung der Musikindustrie und Vermarktung beobachten konnte und hautnah miterlebt hat, die zunehmende Digitalisierung des Musikmarktes und den damit verbundenen Einbruch der CD-Verkaufszahlen?

Erst mal ist ja völlig klar: Das ganze Ding rutscht den Hang runter! Der Tonträger CD erledigt sich gerade ein bisschen. Er zuckt zwar noch, aber es wird bald keine CDs mehr geben, außer für die Leute, die es sich leisten wollen und haptisch abfahren, für die, die was in der Hand haben müssen und die Credits lesen und das Cover betrachten wollen. Wobei diese Leute ja sowieso schon in den Arsch gekniffen sind, weil alles immer kleiner wird und du immer größere Lesebrillen dafür brauchst. Aber da Vinyl ja auch nicht tot zu kriegen ist, glaube ich, es wird analog zur Themenvielfalt in der Musik auch eine Medienvielfalt geben, mit der Musik überbracht wird. CDs werden immer hergestellt werden, aber halt nur für die Spezialisten, die das brauchen.

Und sicherlich auch für Puristen, denen die Klangqualität sehr am Herzen liegt und die den Qualitätsverlust zwischen aiff und mp3 nicht akzeptieren.

Na ja, aber dann lass die Bandbreite nochmal ein bisschen größer werden und dann kannst du dir auch größere Formate runterladen. Sogar mit Cover und den Lyrics. Also, einen Drucker hat ja nun wirklich jeder und wahrscheinlich kann man sich irgendwann Blanko-Bootlegs kaufen, die man irgendwie falten muss und schon konfektioniert sind und schon kannst du dir deine Creditliste usw. ebenfalls runterladen und ausdrucken. Das wird alles automatisch gehen. Irgendwann werde ich dem Rechner sagen: Jetzt spiele mir doch mal für morgen früh um fünf einen blauen Mix auf den iPod, denn da fahre ich U-Bahn und dann will ich diese coole Trance-Musik hören. Und dann lädt der mir das drauf, ohne dass ich irgendwie mit Files rummachen müsste. Und ich habe keine zwei Sekunden mehr eine blöde CD in den Fingern, wo dann die Fingerabdrücke drauf sind, wo ich mir ganze Regale in die Wohnung stellen muss und so weiter.

Und wie bewertest du diese Situation als Musiker, als Komponist und natürlich auch als Label-Inhaber?

Wenn man in Spanien auf dem Land lebt, dann hat man natürlich viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Ursprünglich wollte ich meine neue Soloplatte nur ins Netz stellen. Dann überlegst du dir natürlich: Okay, wenn kümmert’s? Wie wird das bekannt, dass da ein neues Album draußen ist? Also gehe ich zu einer Promotionagentur, die mir dann wiederum sagt: „Wie? Du willst es nur ins Netz stellen? Das ist aber doch blöd, weil 70 % der Umsätze immer noch über den CD-Verkauf erzielt werden!“ Also denke ich mir: Hm. Wäre wohl doch dumm, das Zeug nur ins Netz zu stellen. Also gehe ich zum Vertrieb, gehe zu „Indigo“, merke, da muss ich nicht unbedingt hin. Also gehe ich zu „edel“, die haben sich gefreut mit mir etwas zu machen, und jetzt ist das alles unter Dach und Fach. Nun habe ich zwar auch den normalen CD-Verkauf, habe aber immer noch im Hinterkopf, dass mein eigentliches Ding das Online-Geschäft ist.

Mir liegt das sehr am Herzen. Als ich in Spanien auf dem Land gelebt habe, habe ich mich über iTunes versorgt, von Anfang an, und ich hab fünf Mal am Tag Halleluja geschrien. Als ich mir meine erste CD runtergezogen habe, da kam ich mir wirklich vor, wie vom Luxus geküsst! Ich hatte frische Luft, ich hatte sauberes Wasser, ich hatte jede Menge Raum um mich herum, ich hatte Zeit und ich hatte eine CD auf Knopfdruck. Ich brauchte nur meinen Computer anzuschmeißen und schon konnte ich das neue Keith-Jarrett-Album, das neue Zeug von Ministry und was weiß ich alles kaufen. Und seitdem kaufe ich fast alles bei iTunes. Ich finde, klare Konzepte muss man belohnen. Ironischerweise haben die nicht hingekriegt „Insolito“ termingerecht, mit der richtigen Reihenfolge der Songs und einer gescheiten Ankündigung in ihren Katalog aufzunehmen. C’est la vie, mon ami!

Gleichzeitig habe ich die vielen Artikel gesammelt, in denen die Musikindustrie am Jammern ist, wie doch alles den Bach runtergeht und habe mir immer gedacht: Ihr Idioten. Merkt ihr eigentlich gar nichts? Diese ganzen Schlipse! Man kennt sie ja. Wie sie mit ihren dicken schwarzen Wagen durch die Gegend fahren und den Markt penetrieren wollen. Ich habe mitbekommen, wie sie damals die Neue Deutsche Welle verschlafen haben. Einigen musste man wirklich den Spiegel-Artikel über die NDW unter die Nase halten, damit die was gemerkt haben. Und zwei Dekaden später kriegen sie das Ende der herstellenden Industrie nicht mit! Das ist schon „ohne Worte“. Und dann kriegen sie trotzdem diese immensen Abfindungen, wenn die den Konzern verlassen. Wirklich, dazu fällt mir nichts mehr ein.

Es gibt ja mittlerweile tolle Programme und Webseiten wie Last.Fm, die geniale Einfälle haben, aber die Plattenbosse schnallen das natürlich nicht, dass sie diejenigen sind, die so etwas anbieten müssten. Und auf der anderen Seite gibt es die Typen, die mit der Festplatte unterm Arm durch die Gegend rennen und alles rippen, was ihnen unterkommt. Das sind in meinen Augen keine Musikfans, das sind Schnäppchenjäger, evolutionsmäßig gesehen die Vorstufe des unteren Endes des Wurmfortsatzes.

Doch ich finde es spannend, und mir macht es unglaublichen Spaß, viele Aufgaben selber zu übernehmen und letztendlich von der sogenannten Wertschöpfungskette so viel wie möglich selbst zu verwalten. Ich brauche keine Sekretärin, ich mache alles selber. Nicht einmal meine Frau darf mir helfen, obwohl die gelernte Promoterin ist. Von Null so etwas hochzuziehen wie ein Label, Promotionleute finden, Vertrieb finden, Webseiten kreieren, das Cover entwickeln, die jpegs richtig auflösen, sich den Dreamweaver draufschaffen, zur Post rennen und zurück … das ist alles ziemlich anstrengend, macht aber extrem glücklich. Am liebsten würde ich jetzt gleich die zweite Platte nachschieben, weil ich jetzt erstens gecheckt habe, wie’s geht und zweitens, weil ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Dann wünschen wir dir alles Gute für die Arbeit an der neuen Soloplatte, danken dir für dieses ausführliche Gespräch, und wir freuen uns dann schon mal auf das nächste Interview.


Equipment

Drums: Yamaha Recording Custom

22 x 16 Bassdrum

8 x 8, 10 x 8, 12 x 10, 13 x 11, 14 x 12, 15 x 13 und 16 x 14 Toms

14 x 6,5 Snaredrum

Cymbals und Percussion Set: Paiste

Felle: Remo

Bassdrum und Toms:

Pin Stripe Schlagfelle,

Ambassador clear Resonanzfelle

Snaredrum:

Ambassador coated/Ambassador Snare

Sticks: Vic Firth

American Classic Rock

Elektrisches:

ddrum, Simmons SDS V, SDS 9, Stylus RMX

Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Bei diesem sehr alten Interview amüsierte mich damals schon, wie sich ca. in der Mitte die Rollen des Fragenden und des Befragten vertauschen…

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