Marterias Groove-Architekt

Interview: Roland »Roy« Knauf

Roland Knauf(Bild: Tom Schäfer)

Die Live-Show von Marteria: Drückende Sound-Flächen und mächtige Beats sorgen für vollen Alarm, der die Seismographen und Sinne befeuert. Ganz zu schweigen von einer flashenden Licht-Performance mit apokalyptischen LED-Screen-Projektionen, die den musikalisch ausgefeilten Powerblock in ein Megaszenario eintauchen. Marteria lebt von der Dynamik einer Live- Band und insbesondere von der gnadenlosen Power eines Schlagzeugers, der einen der stylischsten deutschen Hip-Hop-Acts mit 100.000 Volt versorgt.

Auch wenn sein Name bislang nur Insidern bekannt sein dürfte, so kennt man seine charismatischen Beats zum Beispiel auch vom megapopulären Peter-Fox-Album „Stadtaffe“. Roland „Roy“ Knauf ist seit 2013 nicht nur der Marteria-Motor, sondern auch für den visionären Look dieser Show verantwortlich und „im zweiten Leben“ kein Geringerer als der Producer von Deichkind. Hier unser Gespräch mit ihm über die Klangarchitektur der Marteria-Drums, über Groove-Kosmisches und über einen Schlagzeuger, der eine lange Reise erlebt hat, um letztlich bei Marsi auf der Bühne zu landen.

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Interview

Roy, du bist Drummer einer der größten deutschen Hip-Hop- Acts und dennoch gleicht dein Name in der Schlagzeugerwelt einem Phantom. Da brennt die Frage auf der Zunge, aus welchen Untiefen du aufgetaucht bist, was dein Background ist und woher dein Style kommt?

Roland Knauf: Die größte Schule, die ich durchlaufen habe, das waren die James- Brown-Drummer. Das fiel in die Zeit, in der ich mich ganz intensiv mit Schlagzeugspielen beschäftigt habe. Was mich als Trommler ausmacht, ist mein grundsätzlicher Ansatz, dass es rockt – dass der Groove stimmt und der Backbeat sitzt. Ich wollte dem Geheimnis auf die Spur kommen, warum zum Beispiel ein John Bonham so gut klingt und woher diese Magie kommt.

Bist du dahintergekommen?

Roland Knauf: Da muss diese ungeheure Spielfreude gewesen sein, dieser unbedingte Wille, auf die Bühne zu gehen und diese Energie zu entfachen. Und da komme ich selber auch her, eben Musik machen mit anderen und gemeinsam Musik entstehen zu lassen. Es ist diese Intensität, die mich immer ergriffen hat. Das sind meine Wurzeln.

Aber was war mit den James-Brown-Drummern? Da stößt man ja nicht per Zufall drauf?

Roland Knauf: Am Anfang war das bei mir natürlich noch sehr divers. Wir reden da über die 1980er-Jahre. Ich war in der Schul-Band, und wir haben „Lady In Black“ von Uriah Heep auf orffschen Trommeln gerockt. Ich nahm dann Unterricht bei Vincent Riewe, dem damaligen Schlagzeuger von Max Raabes Palastorchester. Wenn ich zurückdenke, dann war „Blood Sugar Sex Magik“ von Red Hot Chili Peppers das schlagzeugmäßig prägendste Album, von dem ich mir jede Note rausgehört habe. Das war damals genau das Ding und sehr funky. Im Zuge dessen fing es an, dass ich mich mit den ganzen Funk-Drummern auseinandersetzte. Und da führte der Weg sehr schnell zu James Brown, Clyde Stubblefield und Jabo Starks. Ich hatte einen Kumpel am Bass, und wir haben uns diese ganzen James-Brown-Grooves draufgedrückt … auch so die alte Schule mit halber Stunde durchspielen. Das war für uns der größte Fun der Welt! Da war ich so 13 oder 14 Jahre alt. Meine Wurzeln liegen echt im Funk-Drumming. Dann kam Led Zeppelin – und Bonzo war nochmal so eine Offenbarung. Bis heute ist John Bonham einer meiner größten Einflüsse, was das Draufhauen und die Energie betrifft: einzählen, gib ihm und los! Dann kam Fusion auf, aber das hat mich nie so interessiert. Für mich war das immer eine Art Sport-Drumming. Ich finde das zwar amazing, was die alle können, habe selber aber nie einen Zugang zu dieser Musik gefunden. Das ist mir alles zu verfrickelt. Ich hatte immer ein sehr rudimentäres Spiel und wollte nur eins: dass der Groove läuft und es die Band nach vorne bringt. Jeder freut sich, wenn er einen geilen Groove hört. Klar, die Nerds freuen sich, wenn auch das Fill ausgecheckt ist. Aber der geile Groove ist das, was die Leute bewegt.

Diese Tatsache allein und das abliefern zu können macht einen ja noch nicht zum Profidrummer. Wie ging dein Weg weiter?

Roland Knauf: Ich bin dann nach dem Abi für ein Jahr an das Berklee College in Boston gegangen und habe angefangen, mich mit Jazz auseinanderzusetzen. Das ist ja so die Königsdisziplin. Intensiver als im Jazz kann man sichmit seinemInstrument nicht befassen, weil alles „imMoment“ passiert – Improvisation und Interaktion. Man ist so nahe am Instrument wie in keiner anderen Musik. Im Jazz gibt’s keinen Autopilot – da ist man immer „an“. Ich wurde der größte John-Coltrane-Fan und war ein größerer Miles-Davis-Fan als ein Tony-Williams-Fan. Die ganze Szene in Boston hat mich erst mal umgehauen. In Berlin war man der geile Typ, aber in Boston wurde ich klein mit Hut. Von morgens bis abends wird da nur Musik gemacht.

Roland Knauf
(Bild: Tom Schäfer)

Du wolltest es also richtig wissen und warst voll im Thema Schlagzeug drin?

Roland Knauf: Mein Major war eigentlich Jazz Composition. Ich war immer schon an mehr interessiert als nur am Drumming. Ich wollte alles aufsaugen und hatte auch die ganzen Writing Classes, wo man für Big Band schreibt mit diesen Riesen-Charts. Von der Pike auf hab ich das alles mitbekommen, Eartraining, Harmonielehre usw. Ich wollte dem Ganzen auf die Spur kommen und hab jeden Tag wie wahnsinnig geübt. Es war auch so ein Forschergeist dabei. Ich glaube, so bin ich auch heute noch. Wenn ich etwas wissen will, dann schaff ich mir das drauf. Das ist eine Leidenschaft, die in uns Musikern brennt.Wir können uns nichts Geileres vorstellen, als uns ans Set zu setzen. Es zieht sich durch mein ganzes Leben, dass ich selbst in der Zeit, wo ich viel geübt habe, ger – ne noch mehr geübt hätte. Nach einem Jahr in Berklee war zum einen das Geld alle, und zweitens war ich bis oben hin voll mit Input. Zurück in Berlin musste ich das alles erst mal aufarbeiten, um auch wieder Output zu bekommen.

Wie ging es denn weiter in Berlin?

Roland Knauf: Es war nicht so, dass direkt das Telefon klingelte und die Jobs reinflatterten. In der Zeit hatte ich oft gehofft, dass bitte noch ein Hunni aus dem Automaten kommt. Aber Berlin ist eine lebendige Szene, und so kam eins zum anderen. Sehr cool war der Kontakt zu Based, dem Drummer von Seeed. Based hatte damals ein Nebenprojekt namens Lychee Lassi. Das war damals so ziemlich die „hippest band in town“, und Based ist fürmich immer noch einer der geilsten Trommler in Deutschland. Seeed wurde dann richtig groß, und Based konnte Lychee Lassi nicht mehr halten. So fragte er mich, ob ich einsteigen könnte. Darüber habe ich dann seinen Bruder Pierre kennengelernt, der kurz drauf das Peter-Fox-Projekt in Angriff nahm. Und Pierre fragte mich, ob ich Bock hätte, mit nach Frankreich zu kommen, um zusammen mit Defunkt-Drummer Kenny Martin die Grooves für sein Album „Stadtaffe“ aufzunehmen. Auf dieser Platte zu spielen hat mir dann weitere Türen geöffnet.

Aber live warst du weder bei Seeed noch bei Peter Fox dabei?

Roland Knauf: Das hat beides Based gemacht. Ich hatte aber die große Ehre, bei den letzten fünf Shows von Peter Fox Based zu vertreten. Danach habe ich ihn auch bei einigen Seeed-Gigs noch vertreten dürfen. Diese Gigs waren immer ein Riesenfest!

Bei Marteria bist du nun fest im Sattel – also Band-Mitglied?

Roland Knauf: Seit 2013 bin ich dabei. Vorher bestand die Band nur aus zwei DJs, und die Musik kam aus der Kiste. Dann hatten die Jungs mich für eine Tour angefragt, die ich aus Zeitgründen aber nicht spielen konnte. So war zuerst Sido-Drummer Jan „Stix“ Pfennig dabei. Aber es war von vorneherein abgemacht, dass ich einsteige, sobald es zeitlich möglich war.

Schlagzeugspielen bei Marteria ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was du in deiner Berklee-Zeit gelernt hast. Ein harter Kontrast?

Roland Knauf: Nicht unbedingt. Aber bei Marteria geht’s in erster Line voll auf die Zwölf! Es kommt mir vor wie eine Reise, bei der ich nun wieder dahin zurückgegangen bin, wo ich herkomme – also James Brown gemischt mit John Bonham und einfach den Groove spielen. In der Berklee-Zeit wollte ich aber vor allem ein guter Jazz-Schlagzeuger werden. Ich war voll in diesem Metier drin und hatte nur noch BeBop im Kopf. Aber dann kommst du nach Berlin, machst ein bisschen in der Jazzszene mit und merkst, dass die Szene nach eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Als Schlagzeuger im Jazz bist du schnell der „sideman for life“. Zumindest war das mein Eindruck. Und ich merkte auch, dass Jazz nur ein Teil von dem ist, was ich leidenschaftlich gerne höre oder was mich als Trommler ausmacht. Denn mir fehlt dann doch der Beat! Der Bass im Arsch und los! Trotzdem liebe ich nach wie vor die Leichtigkeit des Jazz. Du spielst eher on top und bist vorne dran am Beat. Der Kontrast dazu ist halt Bonham, und du musst ins Pedal reinstampfen und das ganze Ding möglichst heavy anschieben. Ich denke, es ist eine andere Körperlichkeit, die mir total fehlen würde, wenn ich nur noch Jazz spielen würde. Jetzt bin ich erst mal wieder dort angekommen, wo ich herkomme und wo mir nichts fehlt. Gerade auch die Grooves bei Marten (Marten Laciny, Marteria, Marsimoto; Anm. d. Red.) sind ja sehr druckvoll und charismatisch stark angelegt, zudem auch recht divers.

Marteria hat auch einen echt massiven Sound. Dieser Druck und die Flächen: Da wird man richtig umgeblasen!

Roland Knauf: Klar, Marten steht für eine hochenergetische Show. Am Ende denkst du nur: Krass! Was war da jetzt los? (lacht) Wir haben ja auch Marsi als Showpart mittendrin dabei. Da geht’s noch mal in eine ganz andere Welt, wenn das Raumschiff landet und Marsi für ein paar Songs reinkommt, dann wieder verschwindet und Marten die Marteria- Show nach Hause bringt. Es ist wie eine Show in der Show. Ich bin fast ein größerer Marsi- als Marteria-Fan. Eigentlich habe ich nur bei Marten angefangen, um Marsi-Trommler zu werden … (lacht) … so sagt es die Legende.

Die meisten Hip-Hop-Acts arbeiten live mit konservierten Two- Tracks. Marteria hingegen fährt alles auf und bietet die volle Powershow mit Live-Band. Ist das ein Muss für eine große Tour- Produktion?

Roland Knauf: Klar! Das hat mehr Eier! Versuch mal, eine Hip-Hop-Show zwei Stunden lang spannend zu halten, wenn da vorne bloß ein/zwei Leute zum DJ rappen. Nach zehn Minuten hast du oft das Gefühl, schon alles gesehen zu haben. Natürlich macht eine Band nicht automatisch jeden Hip-Hop-Live-Act besser, auch passt eine Live-Band manchmal gar nicht, aber im Falle von Marteria können wir mit der Band eine Breite an Dynamik anbieten, die man bei einer Two-Track-Show einfach nicht zur Verfügung hat. Wir spielen die Songs voll auf die Zwölf, und wir haben zusätzlich den Live-Rock-Faktor dabei!

Was kannst du über die GrooveÄsthetik bei Marteria sagen? Ist da ein bestimmter Style gefragt?

Roland Knauf: Die Grooves variieren sehr und reichen vom sparsamen Puls bis zum massiv gedroschenen Inferno. Wenn du dir nur die Drums anhörst, würde keiner mehr von Hip-Hop sprechen.

Roland Knauf
(Bild: Tom Schäfer)

Auf den Alben sind die Drumtracks durchweg programmiert. Steckt in der Umsetzung für die Live-Shows viel Detail- und Tüftelarbeit drin?

Roland Knauf: Man muss sehr ausgecheckt an die Tracks gehen und das Groove- Material von der Albumproduktionen regelrecht analysieren, um spielbare Live-Tracks herauszuarbeiten. Inzwischen ist auch viel Intuition dabei, weil ich über die Zeit gelernt habe, was funktioniert und was nicht. Im Hip-Hop sind derzeit Trap-Sounds sehr angesagt – also Downtempo, flirrend schnelle Hi-Hats usw. Gerade diese filigranen und programmierten Elemente kann man live nicht 1:1 übernehmen. Das würde vom Groove- und Sound-Feel einfach nicht passen. Also muss man die einzelnen Spuren aus der Produktion aufdröseln, und lässt solche speziellen Effekte wie flirrende Hats als Zuspieler kommen. Und der Drummer kümmert sich um das, wofür er da ist. Nämlich den Groove zu bringen und das Rückgrat zu bilden …

… und die richtigen Sounds umzusetzen?

Roland Knauf: Natürlich, da gibt’s Songs, die ziemlich tricky sind, sowohl was den Groove-Approach als auch die Sounds angeht. Gerade ein Snare- Sound aus der Hip-Hop-Produktion oder auch ein Kick-Sound gibt dem ganzen Beat ein Gesicht. Das kannst du nicht ohne Weiteres durch akustische Live-Drums ersetzen.

Somit sind auch Trigger-Sounds angesagt?

Roland Knauf: Ich habe aus den Produktionen immer die Produktions-Kick und die Produktions-Snare mit drauf. Olsen am FOH schiebt sich das so zusammen, dass er von der Live-Snare den Attack nimmt und für den Klangcharakter das Sample entsprechend draufsetzt. Auf der Bassdrum wird die Produktions-Kick auch schon mal full level gefahren. Aber durch die Live-Kick bleibt trotzdem die Dynamik erhalten. Es gibt auch Songs, da benutze ich als Sample einen Trap-Snare-Sound. Dann allerdings kann ich die Akustik-Snare nicht normal anspielen, weil vorne viel zu viel Rock-Snaresound ankäme. Insofern spiele ich in diesem Fall einen leisen Sidestick, so dass draußen nur das Sample hörbar wird. Der Sidestick erscheint dann leicht im Hintergrund und sorgt für etwas Körperlichkeit im Sound. Man muss für die Live-Umsetzung jeden Groove analysieren und entscheiden, was vom Charakter passend ist – ob eher die tighte Main-Snare oder die Disco-Side-Snare, welches Sample auf welcher Snare usw. Ich schau mir jeden Groove an und bau die Sounds auf die Songs hin.

Wobei nicht nur die Sounds, sondern auch die Groove-Arrangements sehr ausgecheckt sind?

Roland Knauf: Hip-Hop lebt ja unter anderem davon, dass Beats auf eine bestimmte Art und Weise grooven. Da spielt sich vieles im Mikrotime ab, wenn es darum geht, bei einem Song weiter vorne am Puls zu sein und beim nächsten Song den Beat eher hinten zu fühlen. Es geht auch ganz viel um das richtige Fill an der richtigen Stelle – Dinge, die im Song perfekt funktionieren. Die sind dann auch nicht ersetzbar. Ob ich an einer Stelle ein Tom-Fill spiele oder nur die Snare punktuell auf die „Vier“ setze – das hat Einfluss auf den Spannungsbogen eines Songs. Ein schnelles Fill führt anders in die Hook rein als nur die „Vier“ mit einem gefühltem Stop. Kleine Dinge können einen großen Effekt haben. Beim Song „Welt der Wunder“ spiele ich lediglich die „Four on the floor“-Kick mit ein bisschen Hi-Hat und bin eigentlich ein richtiger Knecht, weil es da nur um den Puls geht und weniger um einen Beat. Aber bei Nummern wie „Roswell“ oder „Aliens“ ist Power und Offensive angesagt. Andere Songs bauen wiederum auf den sattelfesten Backbeat. Und es gibt die abgehangenen Hip-Hop- Grooves mit 88 bpm oder 93 bpm für die Kopfnicker-Fraktion.

Jeder Song hat sein sein eigenes Optimaltempo. Übernehmt ihr live die Tempi vom Album, oder checkt man das mit der Band neu aus?

Roland Knauf: Wir spielen mit der Band viele Songs ein paar Beats schneller, um ihnen die Energie zu geben, die live nötig ist. Das muss natürlich auch für Marten geschmeidig sein, damit er noch flowen und rappen kann. Auch die Reihenfolge der Songs ist manchmal ausschlaggebend für eine Tempoanpassung. Es gibt aber tatsächlich auch Nummern, die wir langsamer als auf Platte spielen, um ihnen die Hektik zu nehmen. Die Songs müssen atmen, und Marten muss vor allem seine Story gut rüberbringen.

Stories im Hip-Hop haben einen ganz anderen Ansatz als im Singer/ Songwriter-Kontext. Wie greift das musikalisch ineinander? Auch hinsichtlich der Show- Elemente?

Roland Knauf: Marten ist sehr groß in seiner Bildersprache. Das macht die musikalische und visuelle Umsetzung sehr leicht. Es gibt auch nicht-deutsche Marteria-Fans, die vielleicht gar nicht jedes Wort verstehen und trotzdem transportiert sich die Message über die Musik und über die Art seines bildhaften Vortrags. Vieles findet auf einer zweiten metaphorischen Ebene statt, die sich letztlich auch nonverbal transportiert. Dieses Spiel mit der Bildsprache macht er schon richtig stark. In diesem Sinne ist Marteria auch keine reine Hip-Hop-Show mehr, das ist längst darüber hinausgewachsen. Etwas Vergleichbares mit diesem musikalischen Alarm kenne ich in Deutschland nicht.

Du bist neben deiner Position als Schlagzeuger auch noch in die Show-Produktion involviert, für das Lichtdesign und den gesamten Look zuständig.

Roland Knauf: Das ist irgendwann so geworden, weil ich immer schon der MD war – also der mit dem Hut auf in der Band. Ich bin sozusagen der Groove- Master, also derjenige, der die Produktionen aufdröselt, Spuren verteilt und alle ins sogenannte „Groove-Camp“ holt, wenn ein Song noch ins richtige Licht gerückt werden muss. Mit der Zeit ist immer mehr an Aufgaben hinzugekommen, und irgendwann wurde mir bewusst, dass die Show erst richtig geil wird, wenn neben der Musik auch die optische Dimension eine Gewichtung bekommt. Licht und Musik müssen ineinandergreifen und auf den Punkt sein. Wenn ich einen Abschlag mache, dann muss Black sein. Das muss krass wirken. Und wenn der nächste Song langsam beginnt, dann muss auch das Licht langsam reinkommen. Eine gute Show muss wie aus einem Guss sein. Bei der „Roswell“-Tour kam jetzt als weitere Baustelle noch die Videoprojektion auf den LED Screens hinzu und ich durfte mich zusammen mit den Kollegen vom HELL-Studio drum kümmern, dass die Bilder zur Musik passen. Somit bin ich die Schnittstelle für alle Gewerke, die hier zusammenlaufen.

Roland Knauf
(Bild: Tom Schäfer)

Hört sich an, als hättest du zu nichts anderem mehr Zeit?

Roland Knauf: Man hofft immer, dass man vor der Tour alle Arbeiten erledigt hat und dann einfach nur noch auf Tour sein kann und der Laden läuft. So ist es natürlich nicht. Meistens fährt man los und hat immer noch Baustellen, die erst nach drei, vier Shows erledigt sind. Da ist am Anfang immer sehr das Gehirn an, wenn ich Schlagzeug spiele und gleichzeitig versuche, alle Elemente der Show zu erfassen und zu checken, ob alles stimmt.

Du bist dann auch ein richtiger Technik-Freak?

Roland Knauf: Mich interessiert das alles. Ich kann mit unserem Lichtmann Tjore genauso fachsimpeln wie mit den Videojungs oder Tonjungs über irgendwelche Funkstrecken und Frequenzen. Für mich gehört das alles dazu. Es ist genau das Ding, wie es schon immer war – nämlich mehr als nur Schlagzeugspielen. Wenn mich etwas interessiert, dann tauche ich da total ein und werde zum leidenschaftlichen Auschecker. Showdesign und MD mach ich ja mittlerweile auch für andere Künstler. Und wenn mit Marteria eine spielfreie Zeit ist, dann bin ich auch gerne im Studio, schreibe Songs oder produziere …

… zum Beispiel Deichkind?

Roland Knauf: … was in Sachen Studioarbeit meine zweite Hauptbaustelle darstellt. Für Deichkind arbeite ich als Produzent und Toningenieur. Neben der Live-Drumming-Geschichte ist die Studioarbeit meine weitere Leidenschaft. Das hat bei mir schon mit 15 angefangen, als ich meine Demos auf einem kleinen 8-Spur-Gerät aufnahm. Ich spiele auch andere Instrumente, und meine Vision von Musik war immer schon mehr als Schlagzeugspielen. Wenn ich nur live unterwegs wäre, dann würde mich das irgendwann auffressen. Die Tour mit Marteria ist schon recht umfangreich, wenn man die ganzen Vorbereitungen mit einrechnet. Plötzlich hast du ein volles Jahr mit dieser Band verbracht. Das Produzieren im Studio ist für mich der Ausgleich zum Live-Spielen.

Hast du als Producer einen anderen Blickwinkel für das Schlagzeugspiel entwickelt?

Roland Knauf: Das Schlagzeug an sich ist ja schon ein krasser eigener Mikrokosmos. Und der Overview über alles führt einen hin zu einer Art songdienlichem Spiel und der Frage, was der Vibe eines Songs braucht. Durch meine Studioerfahrung blicke ich sicherlich manchmal über den Tellerrand hinaus.

Was verstehst du unter songdienlichem Schlagzeugspiel?

Roland Knauf: Na, ja, zu gucken was die Seele des Songs ist und diese am besten zur Geltung bringen. Da haben wir Schlagzeuger unfassbare Gestaltungsmöglichkeiten. Auch hinsichtlich Dynamik. Als Beispiel nenne ich mal den Marteria-Song „Tauchstation“. Der Ausgangspunkt war, dass eine gespielte 16tel-Hi-Hat permanent durchlaufen soll. Nur habe ich gemerkt, dass die normale Oben/Unten-Stick-Bewegung nicht die Ruhe bringt, die der Song eigentlich haben müsste. Es war viel zu sehr „an und aus“ – zu hackig. Also habe ich angefangen, die Hat mit einer Seitwärtsbewegung zu spielen – ich nenne das jetzt mal „Ringo-Starr-Technik“. Und auf einmal war das genau der Groove! Mit der Ringo-Art wurde es eine fließende Bewegung, die sich in die ruhige Seele des Songs einfügte. Über solche Dinge nachzudenken ist für mich songdienlich. Und dies spieltechnisch umzusetzen, um den Vibe bestmöglich zu treffen, ist songdienliches Spiel.

Roland Knauf
(Bild: Tom Schäfer)

Was wird dir 2018 bringen?

Roland Knauf: Über den Sommer spielen wir mit Marteria Festivals, und dann kommt die Wahnsinns-Show am 1. September im Ostseestadion in Rostock. Das ist ein Riesenbumms und das erklärte Ziel … danach können wir eigentlich aufhören mit Musikmachen … (lacht) … weil gefühlt alles geschafft. Ansonsten werde ich viel mit Deichkind im Studio sein und an neuen Songs arbeiten. So eine neue Platte ist gerne mal ein Ganzjahresprojekt.

Im Grunde genommen verkörperst du drei Leidenschaften – die des Schlagzeugers, des Produzenten und die des Designers von Bühnenshows?

Roland Knauf: Letzten Endes ist ja alles Musik in ihrer vielschichtigen Art. Wenn du dich mit Musik im Ganzen beschäftigst, dann gehen immer wieder Bereiche auf, die neu und total spannend sind. Alles ist ein kreativer Prozess – das Produzieren im Studio genauso wie Bühnendesign, Showdesign und Livedrumming. Die Show wäre nichts ohne die Musik. Und als Schlagzeuger habe ich das große Privileg, mittendrin im Geschehen zu sein!

Equipment-Talk

Erzähl doch mal etwas über dein Schlagzeugsound-Konzept.

Roland Knauf: In Sachen Schlagzeug-Sounds habe ich grundsätzlich eine Vintage- Affinität. Auch im Studio spiele ich gerne mal alte Schätzchen. Für die „Roswell“-Tour von Marteria wollten wir ein Set mit etwas dunklerem Sound haben – also nicht so attackig oder 80s-Fusionmäßig, sondern mehr in Richtung Wärme mit drückendem Schub. Und da ist das Club Custom perfekt, obschon Yamaha eher für knackigere Sounds bekannt ist. Aber mit dem „Club Custom“- Konzept, den gerundeten Gratungen und speziellen Hölzern haben sie es geschafft, einen souligen Sound zu kreieren. Und der ist wirklich megageil! Die 24″ Kick hat mit 15″ keinen wirklich tiefen Kessel, dennoch verfügt sie über ordentlich Druck, was bei dieser Show ganz wichtig ist. Auch die 13″, 16″ und 18″ Toms klingen durch den Bassanteil warm und fett.

Roland Knauf Drumset
(Bild: Tom Schäfer)

Einen harten Klangkontrast bietet die flache Brass-Snare?

Roland Knauf: Die benutze ich als Haupt-Snare. Es ist das alte Modell mit 3,5″ flachem Kessel, dass früher auch Dave Weckl immer gern gespielt hat. Sie ist vom Sound relativ schlank und geht so in die „Chad Smith“-Abteilung. Für die tiefe Snarepower habe ich meine 2nd Snare, ein 6,5″ „Bell Brass“-Modell mit fettem Discosound. Zudem gibt’s ein paar elektronische Bestandteile. Die Zentrale ist das gute alte Roland SPD, das mich schon ewig begleitet. Über das PD-8-Pad kann ich kleine Sound-Einspieler abfahren, bestimmte Effekte bei Drumfills etc., und das Kick-Pedal setze ich explizit bei Sequenzen ein, wo wirklich nur Elektro-Kick kommen soll und keine Akustik Bassdrum. Ansonsten sind Kick und Snares mit Roland-Triggern versehen, um ausgewählte Produktions-Sounds dem akustischen Schlagzeug beizumischen. Weil ich Yamaha Drums spiele, hätte man es natürlich gerne, dass ich auch Yama ha E-Drums einsetze. Zumindest wär dies eine interessante Option, weil Yamaha auch eigene Akustik-Trigger hat, die super funktionieren. Und Olsen Olic, unser FOH-Mann, würde demnächst ger ne auch die Toms zusätzlich triggern.

Getriggerte Toms? Mit welcher Intention?

Roland Knauf: Das ist eine etwas nerdige Geschichte. Im Moment ist es so, dass die Toms für Durchsetzungsfähigkeit und Attack recht viel Höhen brauchen, die Olsen am Pult reindrehen muss.Weil ich aber meine Becken ziemlich tief hängen habe, kommt sehr viel Beckenrauschen über die Tom-Mics rüber. Und das klingt nicht gerade schön, weil die Becken ja hinter den Tom-Mikrofonen sind. Und hinten klingt ein Mikrofon einfach eklig. Also muss er die Toms gaten, was zur Folge hat, dass sie auf meine Spieldynamik nicht mehr ansprechen – und das ist natürlich unschön – oder aber er kann nicht so viel Höhen reindrehen. Deswegen gibt es den Plan, die Toms zusätzlich zu triggern. Dabei werden wir das Trigger-Signal nur benutzen, um am Pult die Sidechains der Gates anzusteuern, die auf den Tomkanälen sitzen. Somit öffnet das Gate schon bei leisen Schlägen vollständig, bleibt aber bei einem lauten Schlag auf die Snare komplett dicht. Olsen ist ein sehr ausgecheckter FOHSpezialist, der auch Rammstein, Seeed und viele andere macht und immer irgendwelche Tricks auf Lager hat. Zudem benutzt er das „Virtual Soundcheck“-Tool und nimmt jede Spur jeden Abend auf, so dass ich mir am nächsten Tag vom FOH aus die Aufnahmen vom Vorabend anhören kann. So können wir die einzelnen Spuren und Spots nochmal nacharbeiten und bestimmte Snapshots an die richtigen Stellen programmieren. Diese Arbeitsweise ist ein echter Segen für mich. Früher musste man das alles immer abstrahieren.

Was kannst du über deine Auswahl an Becken sagen?

Roland Knauf: Als alter Bonham-Fan will man natürlich Paiste spielen. (grinst) Es sind allerdings besonders die Crashes der „Traditionals“-Serie, deren dichte Sounds mir total gut gefallen. Bei dieser Tour hier spiele ich die monstergroßen 18er- und 20er-Crashes sowie ein 21″ Masters Ride. Je nach Situation und wie es sich gerade anfühlt, setze ich auch die Kombination 17″/18″ Crashes mit 20er-Ride oder 18″ und 20″ Crahes mit 22“ Ride ein. Auch die Hi-Hat ist monstergut. Es ist das 15″ „Vinnie Colaiuta“-Modell aus der neu aufgelegten „602 Modern Essentials“-Serie – eine Hat mit extrem viel Fleisch, modernem Sound und guter Dynamikverträglichkeit. Sie rockt gut los, wenn man sie offen spielt, und ist auch nicht tot, wenn man ein bisschen fester draufhaut.

Wie versorgst du dich denn in Sachen Monitor?

Roland Knauf: An meinem Hocker ist das Beltpack für meinen Stereo-In-Ear-Mix, welches verkabelt ist, damit ich auf keinen Fall Funkstörungen bekomme. Hier gibt es eigentlich immer eine feste Ausgangslautstärke, ich habe aber zusätzlich Kontrolle über die Gesamtlautstärke und kann je nach Venue oder Tagesform anpassen. Hinzu kommt noch ein „Porter & Davies“-Sitz mit eingebautem Sub. Da muss man die richtige Dosierung finden, damit es nicht so ist, als würde dir einer stets in den Arsch treten. Ich habe ihn jetzt so eingestellt, dass ein weiches Bassgefühl entsteht. Ursprünglich war das eine Lösung für die „Allein auf weiter“-Clubtour vom Mai 2017, bei der kein Sub auf die Bühne gepasst hätte. Mittlerweise will ich dieses System nicht mehr missen. Zudem können wir auf den klassischen Sub-Koloss hinterm Schlagzeug verzichten, und auf der Bühne ist es jetzt auch total leise.

Roland Knauf Drumset Mikro
(Bild: Tom Schäfer)

Wozu dient dieses exponierte Mikrofon hinten links? Sieht aus wie eine Nachrichtenstation!

Roland Knauf: (lacht) Das ist das Brüll-Mikro. Wenn ich da was reinsage, werde ich unmittelbar zum Monitormann Boris durchgestellt. Es ist das Mikro für Notfälle, bei Havarie, Click-Versagen und alle Dinge, die einen Schlagzeuger auf der Bühne panisch werden lassen. Wenn ich das Mikro aktiviere, dann überschreibe ich alles, was hier passiert, und Boris am Monitor hört nur mich.

Apropos Click. Die Show ist wahrscheinlich voll durchgetimed und Click-basiert?

Roland Knauf: Ja, das ist schon wegen der Videoproduktion nicht anders möglich. Die Show ist Timecode-mäßig durchgestylt. Allerdings ist es kein durchtackernder Click, sondern wir haben ein Click-Arrangement entwickelt. Ich höre den Click nur dann, wenn ich ihn hören muss. Und bei der Band ist es genauso. Sie hört den Click explizit nur in den Momenten, wenn das Schlagzeug nicht spielt. Ansonsten hört die Band die Drums und keinen Click, was für den Groove eine Menge ausmacht. Deswegen haben wir den Click durchprogrammiert – auch inklusive Einzähler. Und für mich läuft er nur dann, wenn keine Loops laufen. Bei „Aliens“ zum Beispiel habe ich keinen Click, weil im Hintergrund ein Sample läuft, an dem ich mich orientiere. Das reicht mir als Time-Information. Genauso bei der Ballade „Luis“. Da läuft ein runtergefilterter Drumloop, und ich setz mich oben drauf. Da will ich nicht noch einen nervigen Click haben, weil er mir den Vibe der Nummer kaputt machen würde.

Roland Knauf Drumset
(Bild: Tom Schäfer)

Equipment

Marteria Roswell Tour 2017/2018

Drums: Yamaha Club Custom Black Swirl Finish

  • 24″ x 15″ Bassdrum
  • 13″ x 9″ Tom
  • 16″ x 15″ Floor Tom
  • 18″ x 16″ Floor Tom

Snaredrums:

  • 14″ x 3,5″ Yamaha SD493 Brass Snare
  • 14″ x 6,5″ Pearl Free Floating Bell Brass Snare

Cymbals: Paiste

  • 15″ F602 Modern Essentials Hi-Hat
  • 18″ Traditionals Thin Crash oder 18″ Masters Dark Crash
  • 20″ Traditionals Thin Crash oder 19″ Masters Dark Crash
  • 20″ Traditionals Thin Ride (als Crash)
  • 21″ Masters Medium Ride

Hardware & Pedale: Yamaha

Felle: Remo

  • Snare: Ambassador coated
  • Toms: Emperor coated
  • Bassdrum: Powerstroke P3 coated

Drumsticks: Vater 5B Maple

Extras:

  • Big Fat Snare Drum Fellring (2nd Snare)
  • Sky Gel Damper Pads

Elektronik: Roland

  • SPD-S
  • PD-8-Pad
  • TM-2
  • Roland-00000Trigger
  • Roland Silent Kick Pedal

Monitor:

  • Ultimate Ears UE18, Fischer Amps In Ear Body Pack
  • Porter & Davies BC2rm & Saddle Seat

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