1998...

Iron Maiden-Drummer Nicko McBrain: Schlagzeugspielen ist eine Leidenschaft

Iron Maiden avancierte schon in den 80er Jahren mit ihren gigantischen Bühnenshows zu den „unangefochtenen Königen der neuen Generation des Heavy Metal“ (Record Mirror), und an diesem Status hat sich auch in den 90er Jahren kaum etwas geändert.

Schlagzeuger NICKO MCBRAIN
Youtube

Mit dem Album „Piece Of Mind“ feierte Drummer Nicko McBrain 1983 als Nachfolger von Clive Burr seinen Einstand; zuvor hatte er bei „Trust“ (einer französischen Hardrock-Band) sowie dem musikalisch leider stark unterbewerteten „Family“-Nachfolger „Streetwalkers“ (mit Sänger Roger Chapman und Gitarrist Charlie Whitney) gespielt – und wer noch Platten von dieser Band besitzt, der weiß, dass Nickos vorzügliche Bassdrum-Technik schon damals sehr gut entwickelt war. Mit „Iron Maiden“ folgten dann unzählige Welttourneen und Alben; bereits Ende 1985 konnte „Iron Maiden“ auf insgesamt 46 Gold- und Platin-Auszeichnungen weltweit zurückblicken, heute sind es Hunderte!

Anzeige

Wir sprachen vor Jahren mit dem Iron Maiden-Drummer Nicko McBrain über seine Anfänge,  Nebenprojekte und seine ausgefeilte Pedaltechnik.

 

Wie bereitest du dich auf deine Gigs vor?

Nicko McBrain: Einfach entspannen! Die ersten Shows wärme ich mich noch auf; normalerweise habe ich auch immer meine Sticks dabei, um ein paar Übungen zu machen. Viele meiner Kollegen bereiten sich mit ihren Practice Pads oder gar ganzen Drumkits in einem separaten Übungsraum hinter der Bühne vor. Das funktioniert für die ganz gut, aber ich bin halt faul! Ich mache keine großen Lockerungsübungen; wenn ich mich zu sehr lockere, dann nimmt mir das zu viel Power. Was ich wohl tue, ist, dass ich mir meine Drumsticks nehme, bevor ich auf die Bühne gehe. Ich sitze dann hinten auf der Bühne und bewege und dehne meine Handgelenke. Für mich ist es besser, mich einfach so zu entspannen…

Wie hast du eigentlich mit dem Trommeln angefangen?

Ich wurde von einem Typen, einem anderen Drummer inspiriert, wie es wohl bei den meisten der Fall ist, die irgendwann selbst mit dem Spielen anfangen. Im Regelfall ist es wohl so, dass die Kids irgendeiner Band zujubeln, und unter fünfzigtausend Fans kommt es dann auch einmal vor, dass jemand zu dir kommt und sagt: „Ich sah dich spielen, und da habe ich auch angefangen, Drums zu spielen, weil ich so sein wollte wie du!“ – und das ist wirklich der Moment, wo ich sage: „All right, du hast dabei geholfen, ein neues Mitglied in die Familie der Schlagzeuger zu bringen!“ Das ist wunderbar!

Ich zum Beispiel sah John Morello in Dave Brubecks Band, etwa 1963. Ich wollte wie er sein – „he set me off!“ Jetzt bin ich natürlich kein Jazzdrummer, ich bin also doch nicht das geworden, was er war. Ich war sehr glücklich, ihn vor einigen Jahren zu treffen. John ist ein wundervoller Mann; ich erzählte ihm die Story, und er konnte nicht glauben, dass er mich beeinflusst hat, ein Drummer aus einer major heavy metal band wurde von ihm inspiriert! Er sagte: „Hey, warum spielst du denn nicht mal meine Musik?“ (lacht) So hat es angefangen!

Schlagzeugspielen ist eine Leidenschaft; du musst die richtigen Gründe haben, um mit dem Spielen anzufangen. Manche Kids glauben, dass es nur Glamour ist – gut, das ist es auch, aber es ist auch sehr schwierig, es richtig zu machen. Die Idee ist, zunächst anzufangen, dann es zu perfektionieren, und schließlich dein Instrument zu leben. Einige schaffen es nie bis zum professionellen Drummer. Aber ich kann mir vorstellen, dass so ein Hobby auch mal zum Beruf werden kann. Sicher, die Leute können durch viele Gründe motiviert werden; bei mir war es aber richtige Leidenschaft.

Wer war dein Lehrer?

Nicko McBrain: Ich hatte keinen!

Und wie sieht es bei dir aus mit Notation und Notenlesen?

Nicko McBrain: Ich kann ein Scoresheet lesen, also das Arrangement in Chart-Form, aber ich kann nicht die einzelne Notation flüssig lesen. Natürlich kann ich mir das aber rausarbeiten, wenn ich mir genug Zeit nehme. Ich habe es vor einigen Jahren versucht, denn ich wollte eine Zeit lang Trompete lernen; natürlich ist das noch eine andere Notation, andere Lagen, andere Zeichen und so.

Weißt du, wenn du als Rockdrummer irgendwann in der Lage bist, dein Timing zu finden, ohne lesen zu müssen, dann brauchst du auch nicht zu lesen, weil du dann in der Lage bist, zu fühlen und zu verstehen, was der andere spielt. Anders sieht das aber aus, wenn du ein Sessionmusiker werden willst, denn dann kommst du von Show zu Show und musst dich schnell reinlesen können. Das ist dann also o.k., wenn du dich dafür entschieden hast, z. B. in einer Bigband zu spielen. Aber wenn du das nicht willst, und wenn du ein gutes Ohr für Songs hast, wenn du dich einfach hinsetzt und losspielen kannst, auch gut…

Ich habe auch schon Sessions gespielt – und ich habe nicht Note für Note von irgendeinem Blatt gelesen, sondern ich lese nur das Scoresheet. Und wenn ich mal was nicht lesen kann, dann frage ich: „Was ist das hier für ein Fill? So eins?“ – und spiele es. Und der Arrangeur sagt: „Nein, das geht badada, badada, dadadab, dabdidousch!“ – or whatever. Also wird eben „badada, badada, dadadab dabdidousch“ gespielt! – „So ist es recht!“ (lacht)

Du weißt in einer solchen Situation vielleicht nicht genau, was du da eigentlich für ein Drumfill spielst, aber du spielst es einfach! Jemand, der Scoresheets schreibt, ist nicht unbedingt ein Drummer, sondern ein Arrangeur. Darum kann der Drummer immer auch seine eigenen Ideen einbringen, solange er das richtige Feeling in seine Fills reinbringt, und er an der richtigen Stelle rein und wieder raus geht, dann kann es alles Mögliche sein. Man muss ein gutes Ohr haben, das ist sehr wichtig!

Was erzählst du denn den Kids, die mit Drums starten? „Vergesst das Notenlesen“ oder nicht?

Nicko McBrain: Um ein Drummer zu sein, musst du vom Instrument fasziniert sein! Notation ist nicht so wichtig wie die Kunst des Spielens selbst. Du musst nicht Noten lernen, um Drums zu spielen. Allerdings musst du die Rudiments lernen, die für jeden die Basis darstellen. Bei den jungen Leuten kommt es darauf an, ob du einen Orchesterjob haben willst oder wo du sonst hin willst. Ich würde sagen, lerne zuerst mal am Instrument, bevor du zur Notation kommst. Lerne die Basics in deinem Herzen – mit Aufnahmen, mit dem Metronom oder womit auch immer – und dann lerne die Noten.

nico-mcbrain-2
Katja Biedenbach

Erzähle doch mal was über deine wirklich ausgefeilte Bassdrum-Pedaltechnik.

Nicko McBrain: (lacht) Pedaltechnik! Es ist so: Es hängt immer vom Bassisten ab – es schwierig, das ohne Noten zu erklären. Wenn der Bassist einen DiscoGroove spielt, und die Bassdrum kommt auf der eins und drei, die Snare auf der zwei und vier, dann hast du eben deinen Disco-Groove. Wenn der Bassist nun Sechzehntel-Figuren spielt, mit Variationen oder so, musst auch du eben dran bleiben und das auch spielen. Mein Fuß wurde schnell, weil vom Bass viele schnelle Figuren kommen, die ich mitspielen muss. Du spielst also schnell, und du musst deinem Fuß das beibringen.

Das, was mein Fuß kann, kommt davon, inwieweit ich der Bassfigur folgen will – und auch dem Rest der Band. Ich könnte sicher auch einen geraden Rhythmus spielen, das würde auch funktionieren, aber das wäre dann nicht „Iron Maiden“. Es gibt Leute, die mich fragen: „Warum benutzt du nicht zwei Bassdrums, das wäre doch viel einfacher?“

Das wäre es sicher!

Ich finde es kompliziert genug mit einer Bassdrum! Ich würde die andere Bassdrum dafür benutzen, wofür ich die erste benutze, und so würde es für mich gar nicht einfacher werden – und schließlich kann ich es mit einer, also was soll ich mit zweien?

Benutzt du eigentlich einen Click auf der Bühne?

Nicko McBrain: Ich benutze einen Click, um die Songs zu starten. Auf dem neuen Album haben wir eine Menge melodiöser, gefühlvoller Anfänge, wo die Band sehr laid back im Tempo spielt. Ich lasse mir das Tempo bei diesen Songs vom Click vorgeben, damit wir uns im richtigen Tempo bewegen, und wir kicken so den Song im richtigen Tempo ein. Iron Maidens Musik ist ein feines Gewebe aus verschiedenen Zeitgefühlen. Es gibt keine wirklich festen Tempi, aber daran sehe ich nichts Falsches; bei Iron Maiden kann das sogar von Strophe zu Strophe verschieden sein.

Ich will keine Uhr daneben stellen, damit es dann irgendwann heißt: „Öööhhh, sorry, you´re wrong!“. Musik ist etwas, um Leben auszudrücken; da gibt es auch ruhige und weniger ruhige Momente. Kein Orchester hat das perfekte Timing, dafür gibt es den Dirigenten, der sein Orchester führt, auch bei Solopassagen und so, damit es wirklich funktioniert. Bei Disco-Songs kann man das machen, aber unsere Musik ist light and shade, up and down, es gibt alle Dynamiken, alle Tempi…

 

Hast du denn überhaupt irgendwelche Projekte neben Iron Maiden?

Nicko McBrain: Ich werde ein paar Drumshows machen, so ich denn noch Zeit übrig habe. Ich weiß noch nicht genau wo, aber auf jeden Fall in Südamerika. Ich mag es, Drumshows auf der ganzen Welt zu machen, denn wir sind die timekeepers, die Fahrer, die Maschine der Band – we are there to drive the band or the orchestra! Bei diesen Drumshows zeige ich dann sowohl meine Technik, als auch die Produkte, die ich spiele und so weiter.

Aber so sehr ich diese Drumshows mag, so sehr liebe ich eben auch meine Band, ich liebe die Musik von Iron Maiden. Wenn ich SoloProjekte machen würde, hätte ich das Gefühl, ich hätte der Band nichts mehr zu geben. Ich denke, Leute, die Solo-Projekte machen, sind nicht wirklich glücklich.

Spielst du Drumsolos bei euren Shows?

Nicko McBrain: Nein. Ich habe früher Solos gemacht, weil ich neu war, aber es gibt schon genug licks and tricks in den Songs von Iron Maiden. Es ist nicht, weil ich keine machen will…

…du arbeitest eben für die Band…

Nicko McBrain: …genau, ich brauche nichts mehr zu beweisen! (lacht) Ich mache aber eine Menge Solos, wenn ich meine Drumshows mache, bis zu zehn Minuten oder so. Doch das brauche ich hier bei Iron Maiden Gott sei Dank nicht!

Vielen Dank für das Interview!

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: