Produkt: Sticks 11-12/2019
Sticks 11-12/2019
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Jonny König im Interview

Jonny König: Der trommelnde Puppenspieler

 

(Bild: Timo Diers)

Wer hätte gedacht, dass die Rede eines Politikers jemals einem Nachwuchsmusiker zum Durchbruch verhelfen würde? Und noch dazu einem Schlagzeuger! Jedenfalls katapultierte „Stoiber On Drums“ den damaligen Studenten Jonny König in die Umlaufbahn der nationalen Medienlandschaft.

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Das Schönste daran erkennt man aber erst jetzt, nachdem sich der Staub wieder gelegt hat: die Nachhaltigkeit seines Erfolges.

Denn zahlreiche innovative Ideen, ein hohes Verständnis für Musikalität und natürlich ein mehr als souveränes Talent an den Drums haben Jonny König meilenweit von dem weggerückt, was sonst unter dem Stichwort „One Hit Wonder“ laufen würde. Jonny König ist inzwischen fester Teil der unermüdlichen Söhne Mannheims und wird auch beim Jubiläumskonzert des Musikerkollektivs auftreten. Ein schönes Sinnbild für sein musikalisches Level. Da passt es ganz gut, den Musiker im Mannheimer Schloss, praktisch dem kulturellen Herzen der Stadt, zum Interview zu bitten.

Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, so völlig unrhythmische und für das Schlagzeug untypische Sounds wie die Stoiber-Rede auf den Drums umzusetzen?

Da habe ich mir noch gar nicht so viele Gedanken drüber gemacht. Wahrscheinlich kommt das aus der Frage: „Was könnte ich Neues ausprobieren, was ich auch selber noch nicht gehört habe?“ Ich wollte gerne etwas Untypisches und Individuelles machen. Dabei finde ich gar nicht mal, dass die Sounds so unrhythmisch sind, wie sie vielleicht scheinen. Ich hatte zum Beispiel die Idee, die Sounds der Deutschen Bahn zu sampeln und daraus ein Stück für das Schlagzeug zu machen. Und wenn du dann anfängst, die einzelnen Samples zurechtzuschneiden und die jeweiligen Wortfragmente hin und her schiebst, achtest du eigentlich schon automatisch darauf, dass es rhythmisch irgendwie Sinn macht. Im Grunde ging dem aber einfach nur der Wunsch voraus, mal etwas anderes zu machen.

Fotos: Timo Diers

Bist du an der Stelle dann schon eher ein Komponist oder immer noch voll und ganz ein Schlagzeuger?

Als hundertprozentigen Schlagzeuger würde ich mich da wohl nicht mehr sehen. Da würde mir schlicht und einfach etwas fehlen. Komponieren und Produzieren nimmt einfach auch einen großen Teil in meinem Leben ein. Daher kam überhaupt auch erst der Antrieb, ein paar andere Instrumente zu lernen, denn für meine Bands wollte ich auch immer schon schreiben können. Also habe ich mich gefragt, was man zum Songwriting alles braucht, und hab daher erst mal auch angefangen, Gitarrenunterricht zu nehmen. Und als Nächstes kam dann das Klavier dran. Aber grundsätzlich war mein Antrieb immer der Wunsch, komponieren zu können. Und wenn ich das jetzt nicht mehr dürfte und nur noch trommeln würde, wäre das echt ein bisschen schade! (lacht)

Durch deinen kompositorischen Background bekommen die Stücke ja noch eine ganz andere Dimension. Vielleicht ist das ja auch erst die Voraussetzung gewesen, warum deine Arbeit so erfolgreich wurde.

Na klar! Grade bei dem Stoiber-Video hat das Komponieren einen großen Teil eingenommen. Besonders der Refrain des Stückes – „Weil das ja klar ist“ – mit parodistischer Überhöhung und Engels – chor im Hintergrund. Dadurch konnte ich auch ein breiteres Publikum ansprechen und nicht nur die Schlagzeuger. Und es hat ja auch wirklich gut geklappt: Das Stück hat unglaublich viele verschiedene Menschen angesprochen! Zum einen natürlich die Kerngruppe aus Schlagzeugern und Musiker, dann aber auch – grade über die politische Rede – das Feuilleton der verschiedensten Zeitungen oder halt das YouTube- und StefanRaab-Spaß-Publikum, das die Sache ganz lustig findet, aber sonst auch nicht viel mehr von Musik versteht. Aber der Song ist auch wirklich ein Extrembeispiel dafür, wenn es darum geht, wie viele Leute es angezogen hat.

Der Erfolg des Videos war dein knallartiger Durchbruch ins Profilager. Bist damit auch direkt bei den Söhnen Mannheims eingestiegen?

Ich bin tatsächlich einfach genau in der Zeit angesprochen worden. Gerade als das Stoiber-Video durch die Decke gegangen ist, kam auch der Anruf vom Florian Sitzmann, dem Keyboarder der Söhne Mannheims, ob ich denn nicht mal vorbeikommen wollte, um einfach mal ein bisschen mit denen zu spielen. Die suchten damals nämlich einen neuen Schlagzeuger. Ich glaube aber nicht, dass es nur an dem erfolgreichen Video lag. Florian und ich kannten uns auch schon vorher aus einem Projekt, in dem ich aber komponiert und nicht Schlagzeug gespielt habe. Andererseits wäre ich vielleicht durch den aktuellen und akuten Stoiber-Erfolg gar nicht infrage gekommen. Damit hatte ich einfach zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Ich war ein junger Schlagzeuger, der auch noch aus Mannheim kam, aber zu dem Zeitpunkt auch recht populär war. Wenn ich noch ganz normal studiert hätte, wäre ich vermutlich gar nicht erst infrage gekommen.

Hast du denn schnell in die Band einsteigen können, oder musstest du erst ein paar Barrieren brechen?

Also … ich musste zumindest keine absurden Rituale über mich ergehen lassen! (lacht) Nein, es war wirklich ein sehr schöner Einstieg. Die Jungs haben mir von Anfang an deutlich gemacht, dass sie sich freuen, mich mit in der Band zu haben. Darüber haben sie mir natürlich auch eine ganze Menge Druck abgenommen. Für mich war das anfangs nämlich auch der totale Schock: Wie sollte ich als kleiner Jonny denn in die Söhne Mannheims passen? Aber sie haben mir von Anfang an gesagt: „Wir sind auch nur eine ganz normale Band, hier wird auch nur mit Wasser gekocht, und du spielst so, wie du spielen willst!“ Ich musste wirklich niemanden etwas beweisen. Zumal das erste Konzert mit den Söhnen hier Open Air in Mannheim vor 15.000 Menschen stattfand. Es war schon heftig für mich! Das erste Mal live mit der Band, das erste Mal ohne Soundcheck, und das erste Mal baut jemand anderes dein Schlagzeug auf, und du weißt nicht, ob es richtig aufgebaut ist. Lauter kleine Dinge, die einen ziemlich nervös machen können. Aber am Ende ist zum Glück alles gut gegangen!

Dazu kommt schließlich auch, dass du als Nachfolger von Ralf Gustke in ziemlich große Fußstapfen trittst. Er hat die Band vom rhythmischen Standpunkt her sehr geprägt und war nach dem Ausstieg von Xavier Naidoo praktisch der Bandleader.

Ja, das stimmt! Ich kann es natürlich nicht ganz beurteilen, was sich durch meinen Einstieg in der Band noch geändert hat. Aber dadurch, dass ich nicht der einzige war, der neu dazugekommen ist – gleichzeitig mit mir sind noch ein neuer Bassist und ein neuer Sänger mit eingestiegen –, gab es generell noch mal einen Umbruch in der Band. Auch dadurch, dass der Tino Oac das Album produziert hat, gab es von der Seite ebenfalls noch neue Einflüsse in den Sound der Band. Ich hab das Gefühl, dass mit dem neuen Album neue Wege beschritten worden sind. Auch was das rhythmische Gerüst angeht. Ralf hat die Band an sich und natürlich den rhythmischen Standpunkt der Band sehr geprägt und hat, wie du schon gesagt hast, riesige Fußstapfen hinterlassen. Aber ich glaube, dass es sehr gut für mich war, diese Fußstapfen nicht ausfüllen zu müssen. Ich durfte einen neuen Weg gehen.

Dann hast du natürlich noch deine eigene Band. Und die Schlagzeugmafia ist eine Band, die nur aus Schlagzeugern besteht. Wir seid ihr auf die Idee gekommen, euch so zusammenzufinden?

Wir haben alle an der Popakademie studiert und kannten uns aber zum Großteil tatsächlich schon, bevor wir an die Hochschule gegangen sind. Und da hat es auch mit uns angefangen! Wir waren alle fünf in einem Jahrgang und hatten während des ersten Studienjahres auch immer zusammen Gruppenunterricht. Und zum Warm-up haben wir mit Udo (Dahmen, Anm. d. A.) vor dem eigentlichen Unterricht auf Pads getrommelt. Nun kommt Udo gern mal ein paar Minuten zu spät, also haben wir die Zeit genutzt, um schon mal ein bisschen zusammen zu trommeln. Und damit standen wir schon ziemlich nah an der Idee, bei einem der internen Konzerte von der Popakademie koordinieren zu lernen ist schon sehr, sehr schwierig. Das kann man auch eigentlich nur über learning by doing hinbekommen.

Was darüber hinaus aber auch nicht zu unterschätzen ist, ist ausschließlich über die Snare zu performen. Das ist ja auch nicht grade das beliebteste Thema bei Schlagzeug-Schülern.

Na ja, jeder hat ja schon mal Rudiment-Stücke auf der Snaredrum gespielt. Aber ich verstehe, was du meinst – das hier ist ja schon noch mal etwas anderes. Ich muss aber sagen, dass niemand von uns so etwas wie eine Marching-Band-Vergangenheit hat. Wir haben uns das schon zum großen Teil selbst angeeignet. Zumal das auch wirklich nur ähnlich zu einer Marching-Band ist. Allein das Setup: Wir bewegen uns ja eher um die Trommeln rum anstatt sie mitzunehmen. Die häufigste Assoziation ist übrigens die zu Cold Steel, die mit Peter Fox unterwegs waren.

Ich weiß, das stört mich aber gar nicht! Eher im Gegenteil, mir macht es ziemlichen Spaß, dass wir an der Stelle jetzt auch wirklich die Performer sind und nicht irgendwie hinten nur die Rhythmus-Maschine darstellen, während vorne die Show abgeht. Wir sind die Show! Und das finde ich total super! Es war auch immer irgendwie mein Traum, meine eigene Kapelle zu haben, mit der man auch selber der Act ist. Und nicht einfach nur ins Songwriting involviert ist. Von daher … bei der Mafia fühle ich mich auf jeden Fall wohl hinter der Snare. Ich würde mich wahrscheinlich nicht mehr so wohl fühlen, wenn ich jetzt vor einem riesigen Publikum eine Snare-Etüde spielen sollte! Das wäre deutlich unentspannter! (lacht)

Dass du dich wohlfühlst, das merkt man deutlich. Grade auch was deine Solo-Stücke angeht, die du auf einem kompletten Schlagzeug spielst!
Ich denke vor allem, dass der Entertainment-Faktor extrem wichtig ist. Auch wenn man ein Schlagzeug-Solo vor einem Schlagzeuger Publikum performt! Zumal ich der Meinung bin, dass nicht jeder ein Simon Phillips oder ein Steve Gadd sein und nur über Virtuosität überzeugen kann! Ich finde, dass einem die besonders unterhaltsamen Sachen auch am besten im Kopf bleiben. Das zum Beispiel, was Benny Greb und Jonny Rabb zusammen machen – großartig! Darüber kann man eine ganz andere Ebene anschlagen anstatt einfach seine Leistung zur Schau zu stellen. Ich glaube auch, dass sich da das Publikum freut, wenn es noch ein bisschen mehr in dieser Art gibt.

Wie bist du überhaupt erst auf die Idee gekommen, Schlagzeuger zu werden?
Sehr ausschlaggebend war auf jeden Fall mein Cousin, der Lorenz Schimpf. Wir sind gleich alt, und als er mit sechs Jahren sein erstes Schlagzeug bekommen hat, war es um mich ebenso geschehen! Zwei Jahre später durfte ich dann auch endlich Unterricht haben – und hab das erste halbe Jahr nur an der Snaredrum gesessen, bis ich ans komplette Drumset konnte. Das war die Einstellung von meinem Lehrer damals: Erst mal an die Snare und wenn er dann noch will, darf er auch ans Schlagzeug! (lacht) Eigentlich war das ein bisschen fies, hat mir im Endeffekt aber auch sehr gut getan! Ich hatte halt wirklich von so etwas wie Notenwerten überhaupt keine Ahnung! Und diese Basics erst mal an der Snare zu üben ist ziemlich sinnvoll! Denn: Warum das Kind mit einem ganzen Schlagzeug überfordern, wenn es erst mal schon schwierig genug ist, vier Viertel zu spielen? Übrigens ist der Lorenz auch Teil der Schlagzeugmafia! Wir haben sozusagen denselben Lebenslauf hingelegt.

Tatsächlich?
Kein Scherz! Zuerst haben wir zusammen den Popkurs in Hamburg absolviert und sind anschließend beide an der Popakademie angenommen worden. Gott sei Dank! Es wäre ziemlich blöd gewesen, wenn nur einer den Studienplatz bekommen hätte.

Du scheinst dann aber deine Karriere ziemlich zielstrebig begonnen zu haben!
Geht so, ich bin nämlich erst nach meiner zweiten Bewerbung an der Hochschule genommen worden. Das erste Mal bin ich gar nicht erst zur Aufnahmeprüfung eingeladen worden! (lacht) Aber ich glaube, ich habe auch ganz einfach unterschätzt, mit was für einer Konkurrenz man es da aufnehmen muss. Und das Demo, das du einschickst, auch schon spielerisch die Qualität mitbringen sollte, die du bei der Prüfung präsentieren willst. Ich hab bei meinem ersten Demo halt irgendwas genommen, wo zu bemerken war, dass ich halt Schlagzeug spielen konnte und nicht bedacht, dass schon an dieser Stelle so streng aussortiert wird! Aber nach einem weiteren Jahr intensiven Probens hat es dann zum Glück geklappt.

Manchmal muss man eben hartnäckig bleiben, um seine Ziele zu erreichen.
Das stimmt! Und ich bin auch total happy damit, dass es genau so gelaufen ist: Dass ich nicht beim ersten Mal ins Studium gekommen bin, sondern die Erfahrung mitgenommen hab, erst mal auf die Schnauze zu fallen. Dass ich noch mal ein Jahr ackern musste, um meinen „Plan B“ durchzuziehen. Und dass ich in diesem einen Jahr noch wahnsinnig viel lernen konnte! Ich war zum Beispiel für drei Monate am Drummer’s Institute in Düsseldorf und hab eben diesen Popkurs in Hamburg gemacht. Das sind alles Sachen, die bis heute noch sehr wichtig für mich sind. Und dass es dann an der Popakademie geklappt hat, war im Endeffekt auch total richtig so.

Mit den Söhnen Mannheims und der Schlagzeugmafia bist du ja wahrscheinlich ganz gut beschäftigt. Füllt das schon deinen Tagesablauf oder hast du noch mehr Projekte?
Ja, ich mache tatsächlich noch eine Menge anderer Sachen! Ich spiele zum Beispiel noch bei Spaceman Spiff, einem Singer/Songwriter aus Hamburg, den ich auf besagtem Popkurs kennen gelernt habe. Es gefällt mir, mit ihm zu arbeiten. Wir sind eigentlich zweimal im Jahr auf Tour, und die Musik geht auch aus Schlagzeuger-Sicht in eine ganz andere Ecke: Seine Songs sind sehr Sound-orientiert. Ich habe totalen Spaß daran, einen ganzen Haufen Handtücher auf die Snare zu legen und an allen Ecken und Enden ein bisschen zu rascheln! (lacht) Abseits von Künstlern und Bands mache ich auch Film- und Werbemusik. Dafür gründe ich grade sogar eine Firma! Da produzieren wir dann zum Beispiel Jingles für verschiedene Unternehmen. Und da mein Partner, mit dem ich das zusammen aufbaue, auch mit Nachnamen König heißt, nennen wir das ganze „Ton-König“. Ist doch eigentlich ganz passend, oder?

Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
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