Produkt: Sticks 11-12/2019
Sticks 11-12/2019
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Ein Interview aus 2009

Jost Nickel: Wenn der Groove brennt …

 

Jost Nickel – extreme Tightness und kristallklare Beats mögen ein Indikator dafür sein, dem Mysterium Groove auf die Schliche gekommen zu sein. Eines dürfte jedoch klar sein: Die Band um Jan Delay zählt zu den heißesten funky Acts dieser Tage.

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(Bild: Matthias Mineur)

Am Schlagzeug: Jost Nickel. Nach umtriebigen Zeiten ist Jost dort angekommen, wo er immer hin wollte: Weg vom schalen Geschmack des Klischee-Drummings – hin zur klaren Handschrift des Disko No.1 Schlagzeugers. Jost Nickel verrichtet in dieser Band keinen Sideman-Job, denn er ist in seinem wahren Zuhause angekommen – in einer Rolle, die von hoher Schlagzeugkunst gespeist wird. Sein Fokus dabei ist klar umrissen: Kein Beat zu viel, damit der Groove brennt. Nach zwei Jahren Teamarbeit am neuen Jan Delay Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ ist sein neues Sonor SQ2 Drumkit auf den Sommerfestivals bereits warm gelaufen. Jetzt steht die aktuelle Tour zum Album in den Startlöchern.

Wir trafen Jost 2009 zum Gespräch über Grooves, Sound-Konzepte und die Entstehungsgeschichte des neuen Albums.

Jan Delay ist ein Meister darin, Titel schön griffig zu gestalten. „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ ist ein reines Wortspiel, und das Ganze hat auch nichts mit „Christiane F.“ zu tun. Das Album entspricht dem typischen Sound-Charisma von Jan Delay & Disko No.1: schöne Grooves, ein bisschen funky. Soulige Elemente sind eher subtil vertreten.

Wie sieht die Entstehungsgeschichte des aktuellen Jan Delay Albums aus? War Disko No.1 an der Entwicklung beteiligt?

Jost Nickel: Angefangen haben wir im Sommer 2007, als klar war, dass es mit Disko No.1 eine neue und gemeinsame Platte geben würde. Mit der Rhythmusgruppe – Bass, Schlagzeug, Gitarre und Keyboards plus Jan – sind wir in den Proberaum gegangen und haben gemeinsam Material gesammelt und Ideen entwickelt. Jeder konnte seinen Input geben und Jan hatte zu Inspirationszwecken Hörbeispiele mitgebracht, u. a. Sly & The Family Stone und Johnny Guitar Watson. Es ging dabei nicht um die Komposition oder um die Art der Musik, sondern lediglich um die Möglichkeit, seine Vision von bestimmten Sounds unserer kreativen Runde zu vermitteln. Die Platte ist regelrecht band-mäßig entstanden.

Von diesen mehrtägigen Kompositionstreffen haben insgesamt drei stattgefunden, so dass allmählich Songstrukturen mit Strophen, Refrains und Bridges wuchsen. Jan hat dazu die Texte entworfen und an Melodien gearbeitet. Am Ende hatten wir 30 Ideen auf dem Tisch, von denen 20 dann wieder verworfen wurden. An den favorisierten Songs wurde schließlich konkret gefeilt, und bevor wir ins Studio gingen wurden alle Tracks auch in Sachen Tempo und Form festgelegt. So waren wir im Gegensatz zu normalen Sideman-Jobs, wo man die Songs im Studio zum ersten Mal hört, für die Aufnahmen perfekt vorbereitet. Im Studio ging es dann hauptsächlich darum, einen guten Sound zu realisieren. Wir haben die Songs zu viert eingespielt, und Jan hatte dabei vorwiegend den Groove und die Tempi im Blick.

Denn die mussten einfach cool sein. Je nachdem wurde dann noch ein bpm nach oben oder unten reguliert. Der Groove musste da sein, denn der Rest war ja schon im Vorfeld erledigt. Dass wir als Band in den gesamten Entstehungsprozess involviert waren, empfand ich als äußerst ungewöhnlich. Schließlich ist Jan nun mal der Star. Gemeinsam sind wir allerdings eine Band, wobei er natürlich der Chef ist.

Beim Album davor gab es noch nicht diese Form der Zusammenarbeit?

Jost Nickel: Nein – und zwar aus dem Grund, weil es diese Band eigentlich noch gar nicht gab. Man traf sich das erste Mal im Studio und dort wurden die Sachen gespielt, die Jan sich ausgedacht hatte. Das hab ich mir zumindest so erzählen lassen, denn ich war da noch nicht dabei. Aber dadurch, dass wir in den letzten zwei Jahren so viel live gespielt haben, die Band absolut tight zusammengewachsen ist und Jan das auch zu schätzen weiß, hat er entschieden, das Album mit uns gemeinsam zu machen.

Somit bist du auch kompositorisch an den Songs beteiligt, also mit Tantiemen, ProducerBoni – wie auch immer?

Jost Nickel: Es gibt zwölf Songs auf der Platte und bei neun bin ich als Mitkomponist dabei. Die Texte aber kommen ausschließlich von Jan.

Eure ersten Sessions fanden in einem Proberaum statt. Kann man in einer solchen Proberaum-Atmo die Live-Intensität der doch sehr charismatischen Jan Delay Grooves tatsächlich ergründen und auf den Punkt bringen?

Jost Nickel: Klar! Man fühlt ja wenn’s groovt – oder flowt, wie Jan sagen würde. Selbst wenn es in der Tat ein wirklich kleiner Proberaum war. Bei den Songwriting-Sessions spielte ich lediglich mit Bassdrum, Snaredrum, Hi-Hat und einem Ride-Cymbal. Toms waren gar nicht erst aufgebaut, weil sie für diese Zwecke nicht so wichtig waren. Und weil wir von Anfang an die Songs auch richtig gespielt haben, klingen sie auf Platte absolut lebendig und authentisch. Letztendlich sind lediglich bei zwei Songs die Drums aus klangästhetischen Gründen programmiert worden.

Ein dritter Song enthält Drumfill-Overdubs und die anderen neun Tracks sind echt getrommelt.

Das Kreieren von HipHopGrooves erfordert einen definierten Ansatz und eine bestimmte Haltung. Die Beats sind spitz gespielt, sehr akkurat, maschinenmäßig gedacht, und sie klingen dennoch sehr menschlich – human touch beats. Was definiert deiner Meinung nach den Charakter der Jan Delay Grooves?

Jost Nickel: Schwer zu sagen. Ich folge da meinem inneren Impuls. Außerdem meine ich, dass Drum-Grooves an sich selten einen Stil kennzeichnen. Ein Genre entsteht eher im Kontext durch das Zusammenspiel mit der Band, mit verschiedenen Musikern und Instrumenten.

Ein solider „two and four“ Backbeat-Groove mit AchtelHi-Hat und Bassdrum auf „Eins“ und „Drei“ kann ebenso ein Funk-Groove sein wie auch ein Country-, ein Schlager- oder ein Rock-Groove. Das Schlagzeug ist nicht das einzige Instrument, das den Stil definiert. Was bei Jan Delay aber eine elementare Bedeutung hat, ist diese Energie der Songs. Und Jan ist extrem anspruchsvoll, was die Spannung innerhalb eines Songs angeht, egal ob im Studio, bei den Proben oder auf der Bühne. Wenn da nur ein Hauch von Druckabfall ist, dann merkt er das sofort. In jedem Moment muss es konstant drücken.

Es fällt auf, dass die Songs immer mit der konstanten Kraft durchjagen – es gibt kaum Dynamiksprünge zwischen den Songparts.

Jost Nickel: Die große Kunst ist es, in den Songs die Spannung zu halten, sowohl bei den Abgroove-Titeln aber auch bei Balladen. Und diese sind ja durchweg nicht nach vorne gespielt. Aber Spannung kann man auch mit Laid-Back-Spiel erreichen – siehe Steve Gadd!

Ist es ein Stilmittel im HipHop-Drumming, dass manche Zeitabstände zwischen den Beats – z. B. zwischen Bassdrum „3a“ und Snaredrum „4“ – sehr eng gestaltet werden?

Jost Nickel: Für mich ist das eine Frage von Phrasierung. Nicht von Stil. Es unterliegt dem persönlichen Geschmack. Dieses sehr zackige Spiel funktioniert gut im HipHop – in anderen Genres kann das völlig daneben sein. Grooves müssen für mich dringlich und tight sein – unabhängig vom Genre. Bei Jan Delay hatte ich nie das Gefühl, mich in die Musik reindenken oder irgendwie verstellen zu müssen. Das Ding trifft mein Feel einfach perfekt. Ich bin da zu Hause.

Inwieweit hast du bei den Studioaufnahmen an den Drumsounds gefeilt?

Jost Nickel: Ich hatte meine besten zehn Snaredrums mit – sozusagen die Lieblinge – und im Studio waren drei komplette Drumsets aufgebaut. Ein ganz altes Vintage-Set und zwei neuere Sonor-Sets. Für jeden Song und für jeden speziellen Sound, den wir suchten, wurde aus den drei Schlagzeugen jeweils ein Recording-Set konzipiert, also die Bassdrum vom einen Kit, Toms vom anderen Kit usw. Je nach Soundvision konnte das Kit dann im Studioraum in unterschiedlichen Positionen platziert werden. So gab es die Möglichkeit, vor einem Vorhang zu spielen, vor einer Spiegel- oder vor einer Holz-Wand. Die meiste Zeit wurde wirklich für Drumsounds aufgebracht, viel weniger Zeit fürs Spielen. Einen Song einzuspielen hat vielleicht eine Stunde gedauert, aber für den Soundcheck gingen inklusive Umbau, Setup-Konstruktion, umstimmen usw. rund vier Stunden pro Song drauf.

Ihr habt also die Raumakustik genutzt?

Jost Nickel: Absolut! Wir haben sogar im Vorfeld der Aufnahmen in verschiedenen Studios zunächst Probeaufnahmen gemacht. Denn die Idee war es, den Schlagzeugsound von vornherein so zu optimieren, dass er später nahezu unverändert erhalten bleiben konnte, ohne all zu viel an EQs rumzuschrauben. Es wurde auch nichts getriggert oder sonst wie künstlich fett gemacht. Das waren auch klare Ansagen seitens unseres Mischers Kaspar Wiens alias Tropf, dessen Hauptanliegen es war, den Sound quasi mixfertig aufs Band zu bringen. Entsprechend konnte ich das Set dann für jeden Titel vorbereiten, modifizieren und stimmen, um halt das Optimum an Klang rauszuholen. Die originalen Drum-Spuren waren letztlich alle so gut, dass sie beim Mix nur noch in das richtige Verhältnis gesetzt werden mussten. Und auf dem Album hört man den Sound, wie er ursprünglich auch im Aufnahmeraum war.

Hast du spezifische Drumsounds auch durch bewusst eingesetzte Spielweisen bzw. Spieltechniken beeinflussen können?

Jost Nickel: Hab ich, aber man muss differenzieren, welche Instrumente es am Schlagzeug betrifft. Toms haben wir für einige Klangeffekte auch mal extrem mit Handtüchern abgedämpft. Und wenn man aus diesen Toms dann noch einen Klang rausholen will, dann muss man sie auch wirklich mit Nachdruck anspielen. Unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten ergeben sich auch durch die Art der Hi-HatSpielweise. Eigentlich sind Hi-Hats diesbezüglich meine wichtigsten Instrumente. Denn es klingt ja sehr unterschiedlich, ob ich nun mit der Stockspitze oben auf dem Cymbal spiele und dort die Akzente setze, oder mit der Stockschulter auf der Kante, ob ich die Hi-Hat öffne oder schließe.

Solche feinen Differenzierungen sind mir wichtiger als offensichtlich gespielte 1/32-Figuren. Ich mag die große Bandbreite an Hi-Hat-Sounds, die alleine durch die eigene Spielweise entstehen. Und diese kleinen Nuancen hab ich bei den Studioaufnahmen doch recht intensiv eingesetzt, um insbesondere der Dynamik eines Grooves Leben einzuhauchen. Bassdrum und Snaredrum z. B. bleiben in ihrer Form gleich, jedoch wird die Hi-Hat mal leiser, mal intensiver oder mit einem bestimmten Approach gespielt, so dass man den Groove atmen lässt, ohne das Pattern zu ändern. Das Ganze funktioniert unterschwellig und klingt nicht aufgesetzt. Zudem spiel ich auf der CD Hi-Hats die sehr konkret klingen – nicht washy – und dadurch lässt sich das Signal gut transportieren. Wenn man auf der Platte genau hinhört, dann fällt es einem auf, dass innerhalb eines Songs der Hi-Hat-Sound variiert.

Mit Subtilem zu arbeiten ist eine große Kunst.

Jost Nickel: Ich finde den Gedanken sehr interessant, sich einmal in die Rolle seiner Mitmusiker hineinzuversetzen und darüber nachzudenken, was man selber von den anderen Musikern erwartet. Im Endeffekt kommt dabei heraus, dass man sich wohlfühlen möchte. Und wenn man sich klarmacht, was man von anderen Musikern erwartet, dann weiß man auch, was andere vom Schlagzeuger wollen. Der Wunsch, sich auf der Bühne wohl zu fühlen, ist ja eigentlich das Wichtigste. Und wenn z. B. ein Akzent von der Band kommen soll und ich aber vorher eine komplizierte Figur spiele, dann kann es sein, dass dies verunsichert und die Band nicht weiß, wo genau der Akzent nun wirklich sein soll. Mit so was provoziert man Unwohlsein, insofern ist eine klare Sprache oft die beste. Und mit dieser Erkenntnis lassen sich manche Versuchungen, virtuos ausbrechen zu wollen, auch leichten Herzens über Bord werfen.

Kann es sein, dass deine Snaredrum bei Jan Delay recht hoch gestimmt ist und die Bassdrum möglichst tief, um diese starke Polarität zu erzielen?

Jost Nickel: Für live auf jeden Fall. Ich hab auch gerne tiefere Snaredrum-Sounds, aber im Kontext der Musik von Jan Delay ist es besser, eine konkrete Snaredrum einzusetzen, relativ hoch gestimmt und trocken zugleich. Tief getunte und womöglich noch abgedämpfte Snaredrums sind im Live-Betrieb einfach nicht am Start – das kommt draußen nicht an. Bei Disko No.1 soll die Snaredrum richtig knallen.

Wie kommt eigentlich dieses unglaublich exakte Zusammenspiel der Band zustande? Es klingt, als würdest du alle antriggern – als hätte jeder einen Stecker im Kopf.

Jost Nickel: Lustig, diese Beschreibung! Ja, manchmal sind die Akzente so, als wäre das alles von mir getriggert. Aber in der Tat liegt diese Tightness daran, dass wir durch permanentes Arbeiten am Live-Programm auch unglaublich gut eingespielt sind. Arbeiten heißt, dass wir uns sehr oft anhören, was wir gespielt haben und uns selbstkritisch damit auseinandersetzen. Immer wieder wird an Details gefeilt. Die Band versucht einfach ihr Bestes zu geben.

Wobei du das Rückgrat der Band bildest. Das Groove-Gesetz?

Jost Nickel: Ich zähl die Songs ein, ich bestimme das Tempo, bestimme die Dynamik, und ich sehe es auch als meine Aufgabe an, alle zusammen zu halten. Sobald da irgendwas schwimmt, hol ich durch besonders offensichtliches Spiel alle wieder ins Boot zurück. Auf den Schlagzeuger muss man sich immer zu Tausend Prozent verlassen können. Und ich stehe auf eine klare und unmissverständliche Sprache.

Ist daher dein Konzept bei Jan Delay ein wenig in Richtung Minimalismus orientiert – keine Extras, sondern verlässliche Grooves, um eben genau diese Klarheit zu erzielen?

Jost Nickel: Ganz richtig. Und immer wenn ich drüber nachdenke, doch mal ein besonderes Fill zu spielen, um vielleicht bei eventuell anwesenden Drummern im Publikum Eindruck zu schinden, dann versuch ich diesen Gedanken so schnell wie möglich wieder los zu werden, weil er einen immer aufs Glatteis führt! Insofern ist es für mich die größte Herausforderung und hohe Kunst, das Schlagzeugspielen so zu gestalten, dass es auf körperlicher Ebene anspricht. Virtuose Momente finde ich beim Spielen und Zuhören super, aber Virtuosität darf nicht zum Selbstzweck werden, dann wird es ganz schal.

Das ewige Ziel eines jeden Drummers ist der Groove. Ist das ein Mysterium, das man taktisch fassen kann, oder bleibt es eine stets unbekannte Größe?

Jost Nickel: Man sollte nicht zu viel darüber nachdenken, ob’s gut groovt. Denn sobald man sich diese Frage stellt, ist der Groove eigentlich noch nicht da. Groove denkt man nicht – man fühlt ihn! Und wenn man plötzlich das Gefühl hat, als würde man in die Musik reingezogen werden, dann ist dies ein guter Indikator dafür, dass es groovt.

Die Zeiten des virtuosen Drummings, des sich Austobens, die hast du also hinter dir gelassen. Ist das eine Frage von musikalischer Reife?

Jost Nickel: Na ja. „Nicht austoben“ klingt für mich so, als müsste ich mich disziplinieren. Aber das ist nicht so, denn ich spiel genau das, was ich gut finde. Ich hab nie das Gefühl, mich zurückhalten zu müssen, auch wenn ich bei Jan theoretisch die Freiheit hätte, richtig auszubrechen. Aber das bringt es nicht und würde der Musik überhaupt nicht zuträglich sein. Es gibt für mich beim Schlagzeugspiel Dinge, die haben Stil, und es gibt solche, die wenig Geschmack zeigen und keinen Stil haben. Da gibt es rhythmische Erscheinungen, die kannst du mir nackt auf’n Bauch binden, die mag ich nicht! Weder bei mir, noch bei anderen.

Meinst du z. B. solche stereotypen Achtel-Fills?

Jost Nickel: Hm, auch diese scheinbar einfachen Fills kann man voller Emotion und Hochspannung spielen, unmissverständlich und perfekt! Was ich meine ist eher, wenn z. B. Schlagzeuger in ihren Drumsoli andauernd die Clave im linken Fuß spielen. Damit kannst du mich jagen! Das find ich so was von nicht geil, weil es inzwischen zu einem bloßen WorkshopSchlagzeuger-Klischee verkommen ist. Natürlich nicht bei Leuten wie z. B. El Negro Hernandez, die aus dem authentischen Background kommen.

Jeder hat seine Freiheiten, ein Drumsolo zu gestalten. Auch du hast ja bei manchen Workshops diesen Spot, auch mal solistisches rauszulassen. Wie ist diesbezüglich deine Herangehensweise?

Jost Nickel: Mir gefallen Soli dann, wenn sie mich fesseln, und das hat mit vielen Dingen zu tun, aber insbesondere damit, dass alles Gespielte, also auch die Fills, grooven müssen. Meine früheren Umwege waren noch von dem Wunsch geprägt, besonders schnell spielen zu wollen. Aber es ist nicht das busy drumming, das mich interessiert, sondern die eindeutige und verständliche Sprache. Eigentlich ist es auch egal, ob viele oder wenige Noten. Hauptsache es ist spannend!

Hat sich rückblickend dein Stil verändert? Angefangen hat’s bei dir ja im SchlagerBereich – zugegeben lange her – aber da hast du dir ein Fundament geschaffen, oder?

Jost Nickel: Das Schlagerding ist ja zufällig gewesen. Ich hatte nie den Plan, mich in diesem Genre zu etablieren. Aber durch diese Szene hatte ich als junger Schlagzeuger die Chance, meine ersten professionellen Gigs zu spielen und vor allem Geld zu verdienen. Ich hab das eine Zeit gerne gemacht, solange ich dabei viel lernen konnte. Auch damals schon kam ich zur Erkenntnis, dass die Qualität durchaus in einfachen Grooves liegen kann. Abgesehen davon war das im Schlagerkontext auch nicht anderes angesagt.

Und ich hab gespürt, wie schwer es ist, einen „four on the floor“-Groove so zu spielen, dass einerseits zwischen Snaredrum und Bassdrum keine Flams entstehen und das Ganze aber auch noch swingt. Aufgehört hab ich mit diesem Schlager-Business, als ich mir ein Konzert von Howard Carpendale aus Publikumssicht angehört hab. Ich war völlig entsetzt, wie wenig man von der Band hörte. Draußen übertönte die laute Stimme einfach alles und kilometerweise dahinter kam erst mal nichts, bis am Ende die Band in einem völligen Brei unterging. Mir wurde klar, dass man von der Ebene des Schlagermusikers nirgendwo anders hinkommen konnte – eine Sackgasse.

Und eigentlich hatte ich ja viel investiert und meine Rolle als Sideman auch ernst genommen. Aber mit diesem schockierenden Erlebnis war klar: keinen Schlager mehr! Natürlich möchte ich keinen dissen, der Schlager macht – wir alle müssen irgendwie überleben. Nur, ich musste weg davon und hab alle Angebote abgesagt.

Welches Ziel hattest du dann?

Jost Nickel: Mein Wunsch war es, Musik zu machen, die ich selber abfeiere. Konzerte zu spielen, zu denen ich auch selber gerne gehen würde. Und ich wollte immer genießen, was ich tue, es einfach toll finden auf der Bühne zu sein und zu spielen. Das hört sich natürlich sehr einfach an, aber in Wirklichkeit bin ich selber auch mein härtester Kritiker.

Selbstanalyse unterm Mikroskop?

Jost Nickel: So was kommt vor, aber es steht nicht in meinem Fokus. Ich beurteile eher emotional als analytisch. Durchaus glaube ich gute Ohren zu haben, was sowohl positive als auch negative Auswirkungen hat. Da muss ich manchmal das richtige Verhältnis finden zwischen emotional zulassen und analytisch beurteilen. Mein Analyse-Ohr kann ich auch gut mal abschalten.

Gab es denn auch schwierige Momente in deiner Laufbahn?

Jost Nickel: So was gibt es immer, und manchmal muss man daran arbeiten, Dinge wie Nervosität in den Griff zu kriegen. Anfangs bei Jan Delay fand ich die zahlreichen Live-TV-Auftritte gewöhnungsbedürftig. Da zielt ja permanent eine Kamera auf dich und du fühlst dich regelrecht unter Beobachtung. Da hab ich gelernt, mich voll der Musik zuzuwenden und nicht daran zu denken: Oh – Kamera – Aufregung!

Ich denk dann eher, wie geil es doch ist, vor so vielen Leuten spielen zu können und sogar im Fernsehen zu sein. Die Energie der Musik am Brennen zu halten, das ist meine Herangehensweise, Situationen in denen man unter Druck steht, zu bewältigen. Klar, von uns wird viel erwartet, aber letztendlich ist es nur Musik, und es stehen doch schließlich keine Menschenleben auf dem Spiel.

Du hast mittlerweile ein brandneues SonorKit. Was hat es damit auf sich?

Jost Nickel: Nun, das Set kommt aus der SQ2-Serie und hat diese dünnen „Vintage Maple“-Kessel mit Verstärkungsringen. Das Finish in weiß-schwarz ist dem Bühnendesign der aktuellen Tourproduktion angepasst. Das Schlagzeug ist in diesem Design auch nur ein einziges Mal für mich angefertigt worden.

Wer hat das Design denn entworfen?

Jost Nickel: Ich habe mich zu Hause hingesetzt und verschiedene Design-Ideen auf Papier gemalt und an eine Trommel gehalten. Die beste Version hab ich dann ausgemessen – also Linienstärke und Abstände vom oberen Kesselrand usw. – und diese Angaben dann Sonor weitergegeben. Nach dieser Zettelvorgabe wurde dann eine Folie angefertigt. Und seit Mai 2009 ist das Set nun im Einsatz.

Im Oktober geht’s ja auf Tour mit dem neuen Songmaterial. Wie sehen die Proben und Vorbereitungen dazu aus?

Jost Nickel: Wir haben im August bereits mit der Rhythmusgruppe angefangen das neue Material zu proben. Auch teils schon mit den Bläsern. Weil wir die Songs mitkonzipiert und im Studio eingespielt haben, war es nicht schwer, das alles zum Leben zu erwecken. Anfang September sind dann weitere Probetage angesetzt, und spätestens dann wird die komplette Band das Programm von A bis Z drauf haben. Erst zu diesem Zeitpunkt kommen Jan und die Background-Sängerinnen hinzu, und in diesem Stadium wird wohl noch an Details gefeilt werden müssen, Song-Längen, Dynamik usw. Auch was die Song-Tempi angeht, ist da nichts heilig. Der Song ist König, und es wird alles so arrangiert, dass die Songs auf der Bühne nicht nur gut klingen, sondern dass die Tracks für den Live-Kontext mit dem nötigen dynamischen Spannungsaufbau auch richtig abgehen. Die finalen Proben mit Bühne, Licht und In-Ear-Monitoring finden dann kurz vor Tourstart in Hamburg in der Kampnagel Fabrik statt.

Im Studio hattest du zehn Snaredrums am Start. Wie wirst du das live machen?

Jost Nickel: Mit Sicherheit gibt’s keine zehn Snaredrums auf der Bühne! (lacht) Wahrscheinlich werde ich zwei Snaredrums in mein Set integrieren, um bestimmte Klangeffekte spielen zu können.

Vermutlich wirst du das Set für live anders stimmen als im Studio, oder?

Jost Nickel: Sogar erheblich! Im Studio hatte ich die Toms zeitweise extrem gedämpft und teils auch „Pinstripe“- Felle eingesetzt. Aber live spiel ich „Ambassador coated“-Felle als Schlag- und Resonanzfelle. Die Toms sind übrigens leicht höher gestimmt, als ich sie selber gerne hören würde. Aber dadurch klingen sie über die PA draußen richtig gut. Übrigens ein Tipp von Drumtech Rossi Rossberg! So sind die Toms irgendwo zwischen Jazz- und Rock-Tuning orientiert und haben ein kontrolliertes Sustain. Es dürfen keine Obertöne nerven, denn unser LiveMixer kommt extrem vom HipHop, und er steht überhaupt nicht drauf, wenn es ein ringy Drumsound ist. Ich stimme schon jeweils recht lange am Set, bis ich halt zufrieden bin.

Der Name Jost Nickel verbindet sich mittlerweile in der Öffentlichkeit mit Jan Delay. Es ist quasi wie eine Signatur, so wie Götz George als Schimanski. Ist das eher positiv zu bewerten oder gibt es auch Nachteile dadurch?

Jost Nickel: Das ganze Jan-Delay-Thema beansprucht eine Menge Zeit. Es waren nicht nur lange Phasen der Song-Entwicklung, auch sind wir bei Fotosessions dabei, bei Videodrehs, und da geht viel Zeit ins Land. Die Assoziation mit solch einem Künstler ist eigentlich gut. Aber es gibt natürlich Nachteile, weil sich manche Sachen einfach ausschließen. Man kann nicht bei Peter Fox und bei Jan Delay gleichzeitig spielen. Beide erwarten zu Recht, dass man für sie Zeit hat. Insofern sind meine anderen Projekte nebenher eher kleinerer Natur, wie zum Beispiel Konzerte mit Nils Gessinger, LA Fusion, einfach nur der Spaß.

Der Dress Code bei Jan Delay ist ja ziemlich extrem – also Smoking mit Fliege usw. – das sieht zwar cool aus, aber verträgt sich diese steife Kluft mit dem Trommeln?

Jost Nickel: Das geht! Denn unsere Anzüge sind maßgeschneidert und man kann sie so gestalten, dass sie keine Bewegungen einengen. Ich finde das Outfit voll geil. Zur neuen Tour haben wir dann bunte Anzüge. Musik ist ja auch Entertainment. Und die Band heißt ja auch Disko No.1 – Discokugel, Glitter, da muss alles stimmig sein.

Hast du ein erfülltes Schlagzeugerleben?

Jost Nickel: Ich hatte eine Zeit lang drüber nachgedacht, nach Amerika zu gehen oder nach England. Amerika, weil die meisten Schlagzeuger, die ich damals gut fand, Amerikaner waren und England, weil die meiste Musik, die ich gut finde, aus England kommt. Aber ich hab’s nicht gemacht, weil ich lieber in Deutschland lebe. Hier fehlt mir nichts.

Ich bin sehr zufrieden, weil ich das mache, was ich immer wollte. Als ich damals das Schlagerding geknickt hab, hatte ich die Vision, mit einem der Hamburger Hip-Hopper zu arbeiten. Dass es nun so gekommen ist – einfach super. Vielleicht hat’s deswegen geklappt, weil ich das auch unbedingt wollte. Nichts ist selbstverständlich, und es ist auch nicht alles zu erklären. Denn in der Tat ist es nicht so, dass sich deutsche Schlagzeuger zum HundertMeter-Lauf treffen und der Beste hat den Job.

Gutes Spielen ist die absolute Voraussetzung, aber es ist nicht das Einzige, um erfolgreich zu sein. Ein bisschen Glück gehört natürlich dazu – und auch die Begeisterung, die Leidenschaft, das Feuer! Und das brennt wie eh und je!

Produkt: Sticks 07-08/2019
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