Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
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CLASSIC DRUMMERS

Kenny Clarke: Die frühe Phase

Kenny Clarke war einer der einflussreichsten und revolutionärsten Schlagzeuger und einer der wichtigsten Wegbereiter für die musikalische Ära des Bebop. Als erster Drummer überhaupt verlagerte er den tempoangebenden Puls von der Bassdrum und der Hi-Hat auf das Ride-Cymbal, auf dem er dann das typische Swing-Pattern spielte. Oftmals klang es so locker und klar, als ob er lediglich Viertelnoten statt des „ding ding a ding“ spielen würde.

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* 09. 01. 1914, Pittsburgh, Pennsylvania † 26. 01. 1985, Montreuil-sous-Bois, Frankreich (Bild: Timo Ickenroth)

Auch wenn das Ganze sehr reduziert war, so war doch Kenny Clarkes Art, die Band mit dem Ride-Cymbal anzutreiben, ohne hektisch zu wirken oder gar schneller zu werden, eine seiner großen Qualitäten. Mit der aus ihren Zwängen befreiten Bassdrum spielte Kenny Clarke, wie auch schon Jo Jones, stimulierende Gegenakzente, was unter dem Begriff „bombing“ bekannt geworden ist, und setzte die nun unabhängiger agierende Snaredrum für synkopierte Begleitfiguren ein. Mit diesen Stilmitteln schuf er Raum und kreative Ansätze für seine Mitmusiker, löste das Schlagzeug weitgehend von seiner Rolle des Metronoms und trat mit den anderen Instrumenten in einen Dialog. Es wurde ein gleichberechtigter Partner.

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Eine Innovation, die für den modernen Jazz und für alle Schlagzeuger bis heute richtungsweisend wurde. Um Kenny Clarkes Stil genau zu erfassen, ist es wichtig zu wissen, dass er die Bassdrum im Normalfall weiterhin herkömmlich „in four“ mitspielte, sofern er damit keine Akzente machte. Seine Soli fanden hauptsächlich auf der Snaredrum statt, oft hatte er bei Aufnahmen nicht einmal Toms dabei. Auch dies eine Charakteristik seines Spiels und eher der Tradition des frühen Jazz verpflichtet.

KENNY CLARKE: DIE FRÜHE PHASE

Kenny Clarke kam aus einer sehr musikalischen Familie. Seine Mutter Martha Grace Scott war Pianistin und gab ihrem Sohn schon früh die ersten Klavierstunden. Leider starb sie, als Kenny erst sechseinhalb Jahre alt war, und sein Vater Charles Spearman ließ ihn und seinen älteren Bruder Chuck kurze Zeit darauf allein, weswegen die beiden in einem Heim untergebracht wurden. Von der Mutter mit Musik infiziert, lernte Kenny Clarke auf eigenen Wunsch schon während seiner Highschool-Zeit weiterhin Klavier, aber auch Posaune, Schlagzeug und Vibrafon, und er beschäftigte sich mit Musiktheorie und Komposition. Bereits als Teenager spielte er in Pittsburgh in den Bands von Leroy Bradley und George Hornsby, dessen Orchester von Jazztrompeter Roy Eldridge übernommen wurde. Kenny Clarke begann damals schon damit, seine rhythmischen Konzepte zu entwerfen. Roy Eldridge ermutigte seinen jungen Drummer, an den Ideen für eine neue Art des Time-keeping zu arbeiten.

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(Bild: Timo Ickenroth)

Kenny notierte sich Übungen, um seine Koordination von Bassdrum und Snaredrum zum Ride-Cymbal-Rhythmus zu verbessern. Eine dieser Kombinationen, bestehend aus Rimshot auf der Snaredrum und einem direkt darauf folgenden Akzent in der Bassdrum, hat er seinen Spitznamen „Klook“ zu verdanken, einer Abkürzung von „Klook-mop“, eine lautmalerische Imitation eben jener Übung. Jahre später wurde „Klook-mop“ mit Kenny Clarke am Schlagzeug im Song „Oop Bop Sh’Bam“, aufgenommen von Dizzy Gillespie in Dizzys Scat-Solo, mit den Worten „oop bop sh’bam a klook a mop“ verewigt.

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(Bild: Timo Ickenroth)

„Klook“ tourte eine Zeit lang mit Leroy Bradley durch West Virginia und spielte häufig im „Cotton Club“ in Cincinnati. Hier hatte er die Möglichkeit, die damals angesagten Bands von Ellington, Lunceford und Calloway aus nächster Nähe zu beobachten. Im „Cotton Club“ wurde er selbstverständlich auch von anderen Künstlern gesehen und kam nach seinen Gigs oft mit ihnen ins Gespräch. Dadurch konnte er wichtige Kontakte knüpfen und auch den einen oder anderen Job an Land ziehen, wie den bei der Jeter Pillar Band, einer der wichtigsten Swingbands der 30er-Jahre im mittleren Westen. In dieser Band spielten unter anderem schon Sid Catlett oder Jo Jones. Mit Jeter und Pillar tourte er sehr ausgiebig, doch schon nach kurzer Zeit war er von dem typischen Swing-Repertoire der Band gelangweilt. Ben Webster, welcher gerade Station in Cincinnati machte und Kenny Clarke eines Abends spielen sah, ermutigte ihn, nach New York zu gehen.

Zusammen mit Pianist Call Cobb und seinem jüngerem Halbbruder, dem Bassisten Frank, wagte Kenny Clarke den Absprung und zog 1937 in die pulsierende Megastadt New York. Die drei hatten das Glück, als Trio in Harlem auftreten zu können. Call Cobb bekam dann aber die Möglichkeit, als Assistent von Art Tatum zu arbeiten, was das Ende des Trios bedeutete. Die Brüder aber hielten zusammen und konnten mit Tenorsaxofonist Loonie Smith und wechselnden Gästen wie zum Beispiel Gitarrist Freddie Green in einem Club namens „Black Cat“ in Greenwich Village spielen. Kenny spielte hier nicht nur Schlagzeug, sondern ab und an auch Vibrafon. Die Combo wurde allmählich zu einem Geheimtipp der lokalen Jazzszene, und viele berühmte Musiker schauten gerne vorbei. „Klook“ bekam eines Tages das Angebot, in die Big Band von Edgar Hayes als festes Mitglied an Drums und Vibes einzusteigen. Diese Gelegenheit ließ er sich natürlich nicht nehmen und trennte sich schweren Herzens von Smith und seinem kleinen Bruder.

Mit Edgar Hayes machte Kenny Clarke dann am 9. März 1937 seine ersten Aufnahmen und fand schnell Gefallen an Recording-Sessions, so dass er selbst während seiner Zeit bei Hayes noch fünf Platten unter eigenem Namen aufnahm. Kenny Clarke hatte eine sehr fruchtbare und inspirierende Zeit bei Hayes. Sein neues rhythmisches Konzept nahm immer mehr Form an und entwickelte sich ständig weiter. Saxofonist Bud Johnson erinnerte sich an ein Band-Battle zwischen der Band von Earl Hines und der von Edgar Hayes, bei der Kenny Clarke bereits unübliche Akzente mit der Bassdrum spielte.

Nebenbei wurde wohl das Orchester von Hines von Hayes’ Band von der Bühne gefegt. 1938 kam Kenny mit Hayes das erste Mal nach Europa. Zurück in den USA wurde die ganze Band von Trompeter Dizzy Gillespie für ein Engagement im „Apollo Theater“ in New York angeheuert. Besonders das innovative Spiel von Kenny Clarke fiel Dizzy positiv auf, der dafür sorgte, dass dieser von Pianist Teddy Hill in dessen Band aufgenommen wurde. Von Hill bekam Kenny Clarke alle Freiheiten. Kenny beschäftigte sich intensiv mit den Arrangements und den Bläsersätzen, um genau zu schauen, wo er Akzente und sein „bombing“ einwerfen kann.

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(Bild: Timo Ickenroth)

Und Kenny Clarke wurde zudem immer mutiger. Eines Abends entschied er sich, bei einer Nummer erstmals nicht die Hi-Hat als pulsgebendes Instrument zu wählen, sondern dafür das Ride-Cymbal zu nehmen. Eine Entscheidung mit Folgen für den Rest der Jazz-Geschichte. Clarke konnte damit viel freier mit seiner linken Hand agieren und schaffte zudem einen offeneren Sound, der mehr Platz für die gesamte Band ließ. Der neue Style hatte hier seine Geburtsstunde.

In der nächsten Workshop-Folge gibt es einige Transkriptionen aus dieser frühen Phase des charakteristischen und innovativen Schlagzeugspiels von Kenny „Klook“ Clarke.

Weitere Folgen sind:

Kenny Clarke: Beyond Swing

Kenny Clarke in Europa

 

Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
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