Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
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CLASSIC DRUMMERS

Lionel Hampton: Der Jazz-Drummer

Lionel Hampton war bestimmt eine der schillerndsten Persönlichkeiten und einer der außergewöhnlichsten Musiker, welcher sich jemals im Bereich des Jazz bewegt hat. Er war nicht nur ein begnadeter Schlagzeuger und hervorragender Vibraphonist, sondern auch genialer Improvisator, Komponist, Arrangeur, Talentförderer, angesehener Bandleader, Entertainer und nicht zuletzt ein großzügiger und warmherziger Mensch.

 

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* 20. 04. 1908, Louisville, Kentucky oder Birmingham, Alabama † 31. 08. 2002, New York, New York

Lionel Hampton konnte auf eine fast sieben Jahrzehnte dauernde Karriere zurückblicken, in welcher er wahren Weltruhm erlangte. Es gab eigentlich keinen berühmten Namen im Jazz, mit welchem Lionel Hampton im Laufe der Jahrzehnte nicht zusammen gespielt hat. Lionel Hampton faszinierte sein Publikum vor allem durch seine Virtuosität, seine energievolle, freudige und spontane Spielweise, seine witzigen Showeinlagen und womöglich allem voran durch seinen unglaublichen Spaß und seine tiefe Leidenschaft.

Für Furore sorgten aber nicht nur seine Musikalität und seine berauschenden Soli an Drums oder Vibes, sondern auch immer wieder seine Einlagen am Klavier, welches er genauso handhabte wie ein Vibraphon, nämlich, anstatt mit zwei Mallets, mit zwei Fingern gespielt! Paradestück seiner „ZweiFinger-Technik“ war „Hamp’s Boogie Woogie“, ein Song, welchen er seine ganze Karriere über spielte und der beim Publikum stets gut ankam. Eine Spezialität von Lionel Hampton waren auch seine Kunststücke mit den Drumsticks: er jonglierte sie, warf sie hoch oder schleuderte sie sogar ins Publikum. Lionel Hampton war auf der Bühne einfach ein wahres Energiebündel und brachte seine Zuhörer und Zuschauer mit Stepptanzeinlagen und Purzelbäumen immer wieder ins Staunen. Man darf dabei nicht vergessen: Er spielte in jedem Song entweder Drums oder Vibes oder beides und leitete nebenher noch sein Orchester.

Ein Konzert des Lionel Hampton Orchesters war stets ein Erlebnis und eine riesige Party, und seine Fans rissen sich um Konzerkarten. Besucherzahlen bis zu 22000, wie in Berlin im „Sportpalast“ oder 19000 wie in Barcelona waren keine Ausnahmen. Lionel Hampton hatte aber auch noch viel mehr zu bieten als seine Musikalität und seine Entertainerqualitäten. Er engagierte sich stark sozial mit seiner gegründeten „Lionel & Gladys Hampton Foundation“ und der „Lionel Hampton Development Corporation“ und politisch auf Seiten der Republikaner. Auf ihn gehen zum Beispiel auch mehrere Wohnsiedlungsprojekte in Harlem und Newark (New Jersey) zurück, sowie die Unterstützung von Bildungseinrichtungen und Musikschulen. Außerdem gründete er zwei Plattenfirmen („Glad Hamp“ und „Who’s Who“) und seinen eigenen Verlag.

Lionel Hampton wurde am 20. April 1908 entweder in Louisville im U.S Bundesstaat Kentucky oder in Birmingham, Alabama geboren – der genaue Geburtsort konnte bis heute nicht geklärt werden. Sein Vater Charles war selber Sänger und Pianist, musste aber als Soldat in den Ersten Weltkrieg ziehen und wurde dort zuerst als vermisst, später dann als Tod gemeldet. Lionels Mutter Gertrude suchte nach dem offiziellen Tod ihres Mannes zunächst Halt bei ihrer Familie in Birmingham, Alabama und zog 1916 dann nach Chicago zu ihrem Bruder Richard Morgan um, nicht zuletzt auch wegen der besseren Jobsituation in der großen Stadt. Um Morgan rangen sich so einige unrühmliche Gerüchte. So soll er beispielsweise in das organisierte Verbrechen involviert gewesen sein und für den berühmtesten Mafiosi aller Zeiten, Al Capone, gearbeitet haben. Ebenso soll er der Liebhaber von Sangeslegende Bettie Smith gewesen sein, deren Auto er bei ihrem tödlichen Auffahrunfall sogar gefahren haben soll.

Lionel nahm sich seinen Onkel glücklicherweise nicht zum Vorbild, die Musik und sein Glaube an Gott waren für ihn sein Lebenselixier. Für Lionel Hampton war das Schlagzeug damals mehr als nur ein Instrument, er sah darin den besten Weg für sich, nahe bei Gott zu sein.

Römisch-katholisch erzogen und bis zu seinem Lebensende streng gläubig, hatte er seinen ersten Kontakt zu einem Schlagzeug ca. um 1920 herum an der Holy Rosary Academy in der Nähe von Chicago. Eine strikte und energische dominikanische Ordensschwester erteilte ihm dort seinen ersten Schlagzeugunterricht. Wenn Lionel etwas tat, was nicht nach ihrem Geschmack war oder nicht ihren Vorstellungen entsprach, nahm sie ihm die Sticks aus der Hand und schlug mit selbigen auf Lionels Handgelenke.lionel-hampton-1

Lionel Hamptons professionelle musikalische Karriere als Drummer startete in der „Chicago Defender Newsboy’s Band“ in Chicago. Zunächst durfte er nur helfen, die Bassdrum zu transportieren, doch schnell wurde er als Snaredrum-Spieler in die Band eingeführt. Um 1927 oder 1928 zog Lionel nach Kalifornien. Hier sah er für sich die besten Möglichkeiten, mit Musikmachen seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die „Dixieland Blue Blowers“ war dort die erste Band, für die er auf dem Schlagzeugersitz Platz nahm. Seine erste Plattenaufnahme machte er 1929 mit „The Quality Serenaders“ und landete schließlich bei der „Les Hite Band“. Die Band wurde bald so populär, dass sie die Haus-Band im New Cotton Club in L.A. wurde.

Während dieser Zeit begann Lionels Liebe zum Vibraphon zu wachsen und er begann, neben dem Schlagzeug, sich auch mit diesem Instrument intensiv zu beschäftigen. Der Auslöser für seine Liebe zu den Vibes war wahrscheinlich sein erstes Drummer-Idol Jimmy Bertrand, welcher auch immer wieder gelegentlich zum Vibraphon wechselte. Seine zukünftige Frau Gladys war aber auch nicht ganz unschuldig daran, ermutigte und motivierte sie ihn doch immer wieder, das Vibraphon zu erlernen. Vielleicht sah sie schon damals das ungeheure Talent ihres Liebsten und das Potenzial, welches in diesem Instrument steckt.

Eines Tages war dann Louis Armstrong zu Gast im Club in L.A. Die „Les Hite Band“ und der junge Vibraphonist imponierten ihm so sehr, dass er sie für ein paar Aufnahmen engagierte und unbedingt wollte, dass Lionel zwei Songs mit dem Vibraphon darauf spielt. Der Song „Memories Of You“ auf dieser Platte von 1930 wurde ein Verkaufsschlager und seitdem ging es mit Lionel auf der Karriereleiter steil nach oben. Lionel Hampton ging mit Louis Armstrong nach New York und trat dort mit ihm zusammen im Cotton Club in Harlem auf. Durch seine spektakuläre und virtuose Spielweise machte Lionel das Vibraphon im Jazz und als Improvisationsinstrument immer populärer.

1934 gründete er seine eigene Band, schloss sich aber 1936 dann dem Benny Goodman Orchester an. Es entstand daraus als Nebenprojekt das legendäre Benny Goodman Quartett mit Goodman, Hampton am Vibraphon, Pianist Teddy Wilson und Drummer Gene Krupa. Wie auch schon in seinem Orchester mischte Goodman in seinem Quartett weiße und schwarze Musiker – für die damalige Zeit eine absolute Ausnahme und einzigartig, ein Tabubruch und richtungsweisend für kommende Besetzungen und Generationen. Lionel Hampton, im Orchester teilweise auch ersatzweise an den Drums oder als Sänger zu hören, war für Goodman hauptsächlich in New York im Pennsylvania Hotel tätig und machte während dieser Zeit auch einige Aufnahmen in anderen Besetzungen, bereits unter dem Namen „Lionel Hampton Orchestra“.

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Am 11. November 1936 heiratete Lionel in New York seine langjährige Freundin Gladys. Seine Frau übernahm schließlich die geschäftlichen Aufgaben von ihrem Mann und sparte innerhalb von vier Jahren soviel Geld an, dass Lionel sich 1940 von Benny Goodman im Guten trennen und seine eigene Band formieren konnte. Er bewies dabei und auch in den kommenden Jahrzehnten ein sehr gutes Gespür für große Talente. Seiner Band gehörten im Laufe der Jahre unter anderem die Saxophonisten Dexter Gordon, Johnny Griffin und Benny Golson an, Bassist Charles Mingus, Gitarrist Wes Montgomery, Trompeter Clifford Brown, Kenny Dorham, Fats Navarro, Clark Terry, Art Farmer und Quincy Jones und die großartigen Sängerinnen Dinah Washington und Aretha Franklin. Gladys Hampton managte die Band und war schnell als brillante Geschäftsfrau anerkannt, ein Glücksfall für ihren Mann. Lionel Hampton konnte sich voll und ganz seiner Leidenschaft widmen.

Schnell etablierte sich das Lionel Hampton Orchester rund um den Globus und wurde bekannt für seine energetische, offene und unterhaltsame, vom Rhythm & Blues und vom Be Bop beeinflusste Art. Songs wie „Sunny Side Of The Street“, „Central Avenue Breakdown“, „Flying Home“ und „Hamp’s Boogie-Woogie“ wurden Weltbestseller und machten Lionel Hampton und seine Mitmusiker zu Weltstars.

Auf Wunsch von Präsident Eisenhower, welcher erkannte, dass Jazz eine internationale Sprache spricht, tourten Hampton und sein Orchester im Auftrag der USA als friedvolle Botschafter durch die ganze Welt, um durch ihre Musik Brücken zwischen den Völkern zu schlagen. Zwischendurch arbeitete Hampton aber auch immer wieder mit kleineren Besetzungen. Darin fanden sich dann Musiker wie Pianist Oscar Peterson, Art Tatum, Buddy Rich oder Buddy DeFranco wieder.

Während den 60er Jahre begann der Erfolg von Lionel Hampton ein wenig nachzulassen. Obwohl die Zeiten sich änderten und Neuerungen angebracht gewesen wären, hielt er an seinem Erfolgsrezept der letzten Jahrzehnte fest, wohl ein Resultat seiner konservativen Einstellung.lionel-hampton-2

Lionel Hampton blieb dennoch solange aktiv auf der Bühne, wie es seine Gesundheit zuließ. 1991 erlitt er aber während eines Konzerts in Paris einen Schlaganfall. Diese Begebenheit und seine ihn schon seit Jahren plagende chronische Arthritis zwangen ihn dazu, deutlich kürzer zu treten, was ihn jedoch nicht von gelegentlichen Auftritten abhielt.

Ab Mitte der 80er Jahre erhielt Lionel Hampton viele Auszeichnungen, bekam Ehrendoktortitel verliehen, einen Stern auf dem „Walk of Fame“ in Hollywood und wurde vielerorts für sein Lebenswerk und sein Engagement geehrt. 1985 wurde beispielsweise an der Universität in Idaho, an welcher er sehr aktiv war und auch diverse Programme für den Nachwuchs leitete, ein ganzes Jazz-Festival nach ihm betitelt, 1987 wurde gar die ganze Musikfachschule der Universität in „Lionel Hampton College of Music“ umgetauft und wurde somit die erste Universitätsmusikfachschule, die nach einem Jazz-Musiker benannt ist.

2001 wurde Lionel Hampton die größte Auszeichnung und Ehrung für Künstler der USA zuteil: Aus den Händen von Präsident Bill Clinton erhielt er die National Medal of Arts. Außerdem wurde ein altes Vibraphon von Lionel Hampton dem „National Museum Of American History“ übergeben. Damit war er noch zu seinen Lebzeiten ein echter Teil amerikanischer Geschichte.lionel-hampton-3

Im gleichen Jahr hatte Lionel Hampton aber auch einen schweren persönlichen Schicksalsschlag zu verkraften. Bei einem Hausbrand wurde sein gesamtes Hab und Gut vernichtet, Wenn er auch sein Leben dabei unversehrt, aber nur knapp retten konnte, so waren alle Aufzeichnungen und Instrumente dem Feuer zum Opfer gefallen. Ein wahrlich schwarzer Moment für den Nachlass und die Erinnerung an Lionel Hamptons Lebenswerk und seine Leistungen.

Am Samstag, dem 31. August 2002 verstarb Lionel Hampton im dankbaren Alter von 94 Jahren im Mount Sinai Medical Center in New York an einem Herzstillstand. Sein Leichnam wurde neben seiner bereits 1971 verstorbenen Frau Gladys auf dem Woodlawn Friedhof in der Bronx beigesetzt. Die Beerdigung Lionel Hamptons war ein Großereignis im Stile einer New-Orleans-Beerdigung mitten in Manhattan. Mehr als 2000 Trauergäste begleiteten die von einer Band angeführte Parade quer durch die Stadt. Das „Who is Who“ der Jazz-Szene und viele Prominente nahmen an diesem Tag Abschied von einem ganz Großen der Musikgeschichte.

 

Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
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