Produkt: Sticks 11-12/2019
Sticks 11-12/2019
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CLASSIC DRUMMERS

Louie Bellson: Die Biographie des Swing-Drummers

Dieser Artikel ist dem fantastischen Schlagzeuger, Bandleader, Komponisten, Arrangeur, Dozenten, Autor und zeitweiligem Vice President der Remo Drum Company gewidmet: Louie Bellson, der leider im Alter von 84 am 14. Februar 2009 in Los Angeles verstorben ist.

(Bild: Remo )

Neben Gene Krupa und Buddy Rich gehörte Louie Bellson zu den „great three showman drummers“ des Jazz – und nicht gerade Wenige behaupten, er sei von allen drei der facettenreichste, talentierteste und musikalischste gewesen. Auf über 200 Alben als Sideman oder in eigener Verantwortung bleibt uns sein tolles Drumming nun nach seinem Tod erhalten.

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Der Schlagzeugvirtuose Louie Bellson ist uns besonders als Bigband-Schlagzeuger bekannt. Duke Ellington, Tommy Dorsey, Woody Herman, Count Basie und Benny Goodman holten ihn in ihre Bands. Doch auch in kleinen Besetzungen konnte das flexible und einfühlsame Multitalent vollauf überzeugen, wie er es unter anderem in seiner Zusammenarbeit mit Art Tatum, Dizzy Gillespie, Stan Getz, Louie Armstrong, Sonny Stitt, Oscar Peterson und vielen weiteren Größen des Jazz unter Beweis stellte. Sängerinnen und Sänger wie Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, Frank Sinatra, Sammy Davis Jr. und sogar James Brown (auf dem 1969 erschienenen Album „Soul On Top“) schätzten sein perfektes Timing, seinen Swing und seinen immensen Drive. Nicht umsonst wurde Louie Bellson viermal für einen Grammy nominiert.

(Bild: Remo)

Louie Bellson hatte eine unglaublich ausgefeilte Technik, ein packendes schöpferisches Temperament, einen sehr explosiven und dynamischen Solostil und hatte jahrzehntelange den Ruf, der schnellste Drummer der Welt zu sein. Seine Soli konnten locker 15 Minuten dauern ohne dass auch nur im Geringsten Langeweile aufgekommen wäre. Louie Bellson wollte aber eigentlich nie als reiner Solokünstler im Vordergrund stehen. Ihn interessierte viel mehr die Musik, er wollte ganz für die Komposition und den Moment da sein, die Band antreiben und die Antriebsmaschine für seine Mitmusiker sein. Für uns Schlagzeuger hat Louie Bellson noch eine ganz besondere Bedeutung: Er ist der Erfinder und Pionier des Spiels mit zwei Bassdrums und entwickelte ein Verfahren, bei welchem die Bassdrum mit einem innen liegenden Mikrofon aufgenommen wird, dass durch ein 10″ Zoll durchmessendes Loch in die Trommel gelangt. Das müsste vielen von uns sehr bekannt vorkommen. Ein Grund mehr, uns mit dem Leben und Wirken Louie Bellsons zu beschäftigen.

Louie Bellson wurde am 6. Juli 1924 in Rock Fall im U.S.-Bundesstaat Illinois geboren. Damals war sein bürgerlicher Name noch Luigi Paulino Alfredo Francesco Antonio Balassoni. Berühmt aber wurde er unter seinem Künstlernamen Louie Bellson, wobei Louie nichts anderes ist als die amerikanische Form von Luigi. Seinem Vater gehörte in Moline, einer Kleinstadt rund 275 km westlich von Chicago gelegen, ein Musikladen. Hier wuchs der kleine Louie auf und nutzte die Gelegenheit, alle Instrumente im Laden seines Vaters auszuprobieren. Luigis Glück war, dass sein Vater die Instrumente auch alle halbwegs gut zu spielen wusste und so seinem Sohn die ersten Schritte auf jedem Instrument beibringen konnte.

Doch Louie blieb sehr schnell am Schlagzeug kleben. Sehr schnell heißt hier: schon mit drei Jahren! Seine ersten richtigen Lehrer waren Bert Winans und Roy Knapp in Chicago, bei dem auch schon Gene Krupa Unterricht genommen hatte. Sein Vater pochte aber darauf, dass er auch das Klavierspiel erlernt, sich in Harmonielehre und Musiktheorie schult und zeigte damit große Weitsicht. Louie Bellson hörte sein Leben lang die gut gemeinten Worte seines Vaters: „Eine Tages wirst du ein Bandleader sein, also musst du dich auch darauf vorbereiten ein guter Musiker zu werden. So wirst du mehr von der Band respektiert werden. Sie wissen, dass du en guter Musiker bist, wenn du eine falsche Note in einem Akkord erkennen kannst.“ Sein Vater forderte und förderte ihn aber nicht nur in dieser Richtung. Er brachte seinem Sohn auch alle Arien italienischer Opern bei und impfte ihn darauf, dass es nur gute und schlechte Musik gebe. Louies Liebe galt allerdings dem Jazz, auch wenn die väterlichen Einflüsse aus der klassischen Musik in seinem Spiel mal mehr, mal weniger zu hören waren.

Louies erster öffentlicher Auftritt war dann zusammen mit dem Boogie-Woogie-Pianisten Speckled Red, allerdings nicht als Drummer, sondern als Stepptänzer – eine weitere Leidenschaft von Louie, mit Parallelen zu seinen großen Vorbildern Jo Jones und Ray Bauduc. 1941 wurde es für Louie Bellson dann richtig spannend. Die Slingerland Drum Company rief unter der Schirmherrschaft von Gene Krupa einen national viel beachteten Drum Contest ins Leben. Alle Nachwuchs-Drummer der USA wurden aufgerufen, sich daran zu beteiligen. Der 16-jährige Louie bewarb sich neben 40.000 anderen, spielte und ging als Gewinner nach Hause. Nicht nur Gene Krupa attestierte ihm nach seinem Sieg den Start einer großen Karriere – eine Laufbahn, die über 60 Jahre lang andauern sollte.

Louie Bellson stieg als 17-jähriger in die Band von Ted Fio Rito in Los Angeles ein, und nur zwei Jahre später saß er schon im Orchester von Benny Goodman auf dem Drummer-Sitz und ersetzte damit den damaligen Superstar Gene Krupa – die Fußstapfen, in die er da trat, konnten also kaum größer sein. Benny Goodman konnte dem jungen Nachwuchstalent viele wertvolle Tipps und Ratschläge für seine Zukunft als Drummer geben und formte so den jungen Drummer. So erinnerte sich Louie Bellson später an die Worte Goodmans: „Spiel immer für die Band. Wenn es Zeit ist für ein Solo, dann hast du deine Gelegenheit zu glänzen, aber bis es soweit ist bist du nur ein Begleitmusiker. Und das Wichtigste ist, die Band zum Swingen zu bringen. Solos sind zweitrangig. Wenn du toll solieren kannst, aber die Band nicht zum Swingen bekommst, dann kannst du alles vergessen!“

Nur wenige Monate später musste Louie Bellson die Band von Benny Goodman verlassen und für ganze drei Jahre zur US Army, konnte danach aber bei Goodman wieder einsteigen, und stieß dann später zur Band von Tommy Dorsey, wo er auf den Trompeter Charlie Shavers traf. Die beiden wurden dicke Freunde, verließen zusammen Dorsey und gründeten 1950 ihr eigenes Sextett. Zu dieser Zeit studierte Louie Bellson zudem noch Komposition in Kalifornien. Seine Analysen der klassisch modernen Komponisten Ravel, Bartok und Strawinsky waren für ihn eine große Inspiration und Quellen für seine späteren eigenen Kompositionen.

Nach einem kurzen Intermezzo bei Harry James im Jahr 1951 trat Louie Bellson noch im gleichen Jahr dem Orchester von Jazz-Superstar Duke Ellington bei. Eine Zusammenarbeit, die in der Jazzszene für Furore sorgte, denn bislang war Sonny Greer der Drummer bei Duke Ellington, und zwar seit Beginn von Ellingtons Karriere im Jahr 1924. Wir sprechen hier also über einen Zeitrahmen von sage und schreibe 27 Jahren. Ein Ellington-Orchester ohne Sonny Greer war Fans einfach nicht vorstellbar. Und außerdem: Louie Bellson war ein Weißer. Ein Weißer in einem komplett schwarzen Orchester. Damals herrschten noch viele Vorurteile, und Umdenken war seinerzeit wie heute anstrengend und unbequem. Louie Bellson wurde sogar zeitweise als Haitianer ausgegeben, um problemlos im Süden der USA mit der Band touren zu können. Doch an Louie Bellson kam keiner vorbei. Und Duke Ellington ließ nicht zu, dass er sich im seinen Orchester versteckte und rückte ihn immer wieder in den Vordergrund. Man konnte ihn nicht ignorieren und er ließ sich auch nicht einschüchtern. Er wollte dem Schatten seines Vorgängers so schnell wie möglich entfliehen.

Dieser hatte sich eine für damalige und heutige Verhältnisse riesige Schlagzeugburg zusammengestellt: Bassdrum, Snaredrum, Toms, mehrere Cymbals, Gongs, Pauken, Cowbells und vieles mehr. Doch eines hatte selbst er nicht: zwei Bassdrums! Louie Bellson stellte sich bereits 1938, also mit 15 Jahren(!), sein erstes Drumkit mit zwei Bassdrums zusammen und lernte wohl auch als erster mit zwei Bassdrums zu spielen. Er stand 1946 mit der Band von Ted Fio Rito als erster Schlagzeuger der Geschichte mit einem Double-Bassdrum-Kit auf einer Bühne. Die große Beachtung seiner Neuerung sollte aber erst bei Duke Ellington kommen, obwohl Tommy Dorsey schon 1947 so von dieser Erfindung begeistert war, dass er Louie Bellson extra auf eine drehbare Plattform stellte, damit das Publikum die Beinarbeit seines Drummer genau beobachten konnte.

(Bild: Hudson Music)

Um seine Innovation weiter voranzubringen und vor einem großen Publikum zu präsentieren und die enorme Kraft von zwei Bassdrums zu demonstrieren, komponierte und arrangierte er schließlich für die Duke Ellington Band „Skin Deep“, sein eigenes Solo-Drum-Feature, eine gut durchdachte und spannend konstruierte Komposition mit einem druckvollen Höhepunkt. „Skin Deep“ wurde neben „Sing Sing Sing“ von Gene Krupa zum erfolgreichsten Schlagzeugsolo aller Zeiten und ein Hit, nicht nur in den USA sondern auch in Europa. Schlagwörter wie „Anarchie“, „Unbekümmertheit“ und „Lebenslust“ wurden von der Jugend mit diesem Solo in Verbindung gebracht, Jahre bevor der Rock’n’Roll mit genau diesen Attributen seinen Durchbruch haben sollte.

Nach diesem musikalischen Höhepunkt in seinem Leben konnte er bereits ein Jahr später seinen privaten Höhepunkt feiern: Die Hochzeit mit der sechs Jahre älteren Pearl Bailey, einer berühmten schwarzen Sängerin und Schauspielerin, die er in London über Duke Ellingtons Band kennen lernte. Nur zwei Wochen später standen sie schon vor dem Traualtar. Aber anders als man erwarten konnte heirateten die Beiden nicht in ihrer Heimat New York, nicht einmal in den USA, sondern in der Stadt, in der sie sich das erste Mal trafen. Eine Ehe zwischen einer Schwarzen und einem Weißen war damals in den USA noch ein absolutes Tabu. Sie wollten in London dem Rassismus entfliehen, der ihnen im ihren Land entgegenwehte. Louie war für Pearl dann mehr als nur ihr liebender Ehemann. Er war bis zu ihrem Tod ihr Musical Director, schrieb Arrangements für sie und leitete ihre BegleitBands. Ein sehr zeitintensiver Job, für den er sogar Duke Ellingtons Band verließ.

Quasi nebenbei kümmerte er sich auch noch weiter um seine eigene Karriere. Unter anderem spielte er die eine oder andere Tour für die überaus erfolgreiche „Jazz At The Philharmonic“-Konzertreihe (JATP) von Norman Granz, die weltweit auf Tournee ging. „Es waren die besten Konzerte meines Lebens, bei denen ich meine besten Beziehungen zu den Musikern entwickelte“, sagte Louie Bellson über seine Zeit bei JATP. Zu diesen Musikern gehörten unter anderem Oscar Peterson, Dizzy Gillespie, Lester Young, Roy Eldridge, Ella Fitzgerald, Art Tatum, Benny Carter und viele mehr – also dem „Who’s who“ der damaligen Jazz-Szene. Sein Können, seine Professionalität und sein liebenswürdiges, freundliches Wesen sorgten sowieso stets dafür, dass er immer ein gefragter Schlagzeuger und Musiker war. Duke Ellington holte ihn beispielsweise 1956 wieder in seine Band um das Werk „A Drum Is A Woman“ aufzunehmen. 1962 war er dann mit auf Count Basies letzter Europatournee. 1965 wieder bei Ellington, um das erste sakrale Werk des Dukes einzuspielen.

Ab den späten 60ern leitete Louie Bellson dann hauptsächlich seine eigene Big Band und wurde sehr schnell zu einem der angesagtesten Big Band Leader weltweit. Das lag mitunter auch daran, dass er die Stücke seines Orchesters oft selbst komponierte, darunter auch mehrere Suiten. Er nahm sich allerdings, wie die Jahre zuvor auch schon, immer wieder Auszeiten um sich den Bands von anderen Musikergrößen anzuschließen. Eine große Verpflichtung wurde ihm dann zuteil, als Schlagzeugkollege Buddy Rich ihn bat, ihn aus gesundheitlichen Gründen auf einer Tour in seiner Band zu vertreten. Louie Bellson nahm dieses Angebot mit stolz gewellter Brust an. Louie sagte einst über seinen guten und langjährigen Freund Buddy Rich: „I don’t know of anybody that I’ve heard so far that could surpass him as far as technique is concerned … he made you play over your head!“ Es war für Louie Bellson also eine große Ehre und Anerkennung aushilfsweise in Buddy Richs Band das Schlagzeug zu übernehmen.

In den 70er-Jahren trat er dann des Öfteren im Weißen Haus in Washington, z. B. für die Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford auf. Die Bellsons pflegten auf Grund des sozialen und politischen Engagements von Pearl enge Beziehungen zu den Präsidenten. Nur Entertainer, Schauspieler und Komiker Bob Hope konnte auf mehr Auftritte im Weißen Haus zurückblicken als das Ehepaar Bellson. Louie wurde dann im Laufe der Zeit etwas ruhiger, ging weniger auf Tour, begann viel zu Unterrichten, förderte den Nachwuchs, schrieb über ein Dutzend Lehrbücher, veröffentlichte Lehrvideos und DVDs und widmete sich mehr und mehr seiner großen Leidenschaft, dem Komponieren. An die 1.000 Kompositionen tragen seinen Namen. Neben vielen Jazz-Stücken schrieb er unter anderem auch das Ballett „The Marriage Vows“, von der Romantik inspirierte Suiten, klassische Werke, Rock- und Fusion-Songs, das Broadway-Musical „Portofino“ (das leider floppte und nach nur drei Aufführungen schon wieder eingestellt wurde) und die ein oder andere sakrale Musik. Für Louie gab es aber auch noch ein Leben jenseits der Musik. Der vielseitige Louie Bellson schrieb nicht nur Lehrbücher, sondern auch Gedichte und Lyrik. Dies geschah allerdings unter deutlich weniger Beachtung der Öffentlichkeit.

(Bild: Remo)

Für sein musikalisches Leben wurde Louie Bellson mit unzähligen Preisen ausgezeichnet, wie zum Beispiel 1998 neben Kollegen wie Roy Haynes, Elvin Jones und Max Roach mit dem „American Drummers Achievement Award“ von Zildjian und 2007 mit dem „Living Jazz Legends Award“. Louie Bellson erhielt vier Doktortitel, wurde als lebende Legende in die „ASCAP Jazz Hall Of Fame“ aufgenommen und von vielen Organisationen geehrt, wie beispielsweise 1994 von der nationalen Stiftung der USA für Kunst.

Einen privaten Rückschlag erlitt Louie Bellson im August 1990. Seine Frau Pearl verstarb im Alter von 72 Jahren. Neues Glück fand Louie drei Jahre später mit seiner zweiten Frau Francine, einer angesehenen Physikerin und Ingenieurin am MIT in Massachusetts, eine der weltweit führenden Universitäten im Bereich der technologischen Forschung und Lehre. Neben ihrer wissenschaftlichen Karriere übernahm sie auch noch den geschäftlichen Bereich ihres Mannes und managte ihn bis zu seinem Hüftbruch im November 2008.

Louie Bellson verstarb nur vier Monate später, am 14. Februar 2009 im Alter von 84 Jahren im Cedars-Sinai-Krankenhaus in Los Angeles an den Folgen seines Parkinson-Leidens und des Hüftbruchs. Er wurde in seiner Heimat in Moline in Illinois in der Nähe seines Vaters beigesetzt. Die Welt verlor damit nicht nur einen herzlichen Ehemann, fürsorglichen Vater von zwei Töchtern, gütigen Großvater von zwei Enkeln, grandiosen Drummer und famosen Musiker, sondern auch und vor allem einen großartigen und liebenswürdigen Menschen. Viele Kollegen schätzten Louie Bellson nicht nur wegen seines Könnens und seiner Musikalität, sie schätzten vor allem und besonders seine Menschlichkeit, Freundlichkeit und Herzlichkeit.

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Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
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