Interview mit ...

Lucas Heiby: Auf World-Tour mit Alice Merton

Er ist einer der Schlagzeuger, die alles dran gesetzt haben, um ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Viele Drummer – auch wenn sie noch so gut sind – bleiben leider oftmals unterm Radar. Lucas Heiby aber hat den Sprung nach vorne geschafft! Dank eines starken Willens und einem musikalischem Weitblick für die Dinge.

Lucas Heiby am Drumset
(Bild: Tom Schäfer)

Dass sein Name in der Szene nun vermehrt zu einem Begriff geworden ist, hat sicherlich auch mit jenem Song zu tun, der 2017 regelrecht durch die Decke knallte. „No Roots“ von Alice Merton erreichte Platin in Deutschland, Gold in Frankreich und Chart-Top-Positionen in vielen Ländern. Und auch in den USA hat es der Song 2018 an die Spitze der Billboard-Charts geschafft! Lucas Heiby war von Anfang an dabei, als im Proberaum die ersten Ideen mit der Band arrangiert wurden. Der Sprung in die Profi-Liga kam relativ schnell. Aktuell ist er ausschließlich Schlagzeuger der Band um Alice Merton. 24 Stunden am Tag. Vollbeschäftigt. Wir trafen Lucas während der Frühjahrstour 2018 zu einem Gespräch über die Geschicke des Pop-Drummings bei Alice Merton, über sein Tourkit und seinen musikalischen Werdegang, der viel mit den USA zu tun hat.

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Lucas, Alice Merton ist quasi „über Nacht“ zu einem angesagten Pop-Act aufgestiegen. Und du hast die Sache hautnah miterlebt?

Lucas Heiby: Beeindruckend fand ich es, als auf einmal alle zu Hause in Frankreich den Song kannten. Angefangen hat das alles an der Popakademie in Mannheim im Rahmen von Bandprojekten. Seitdem arbeiten wir aktiv zusammen. Die Musik hat sich in den Jahren deutlich verändert. Früher ging es mehr in Richtung Akustik-Pop. Über die Jahre ist der Sound dann rockiger und elektronischer geworden. In allen Phasen, die wir durchlaufen haben, hat mir unsere Musik immer gut gefallen. Jetzt hat die Band ihren kräftigen Sound gefunden.

Lucas Heibys Drumset
(Bild: Tom Schäfer)

Ihr habt demnach an den Songs so richtig bandmäßig gemeinsam gearbeitet?

Lucas Heiby: Während des Studiums hat uns Alice ihre Ideen an der Gitarre oder am Klavier vorgespielt. Im Proberaum haben wir gemeinsam an den Arrangements gefeilt. Heute ist es so, dass wir die produzierten Versionen bekommen und diese dann live umsetzen. Die Tourproben sind allerdings nicht dazu da, die Songs 1:1 nachzuspielen. Es geht darum, die Songs für die Bühne attraktiv zu machen. Primär ist es allerdings unsere Aufgabe, die Produktion live so realistisch wie möglich wiederzugeben.

Hört sich so an, als wäre da ein Schnitt passiert. Früher habt ihr das Ding als Band gemeinsam gemacht, und jetzt wird euch ein Produzent vorgesetzt?

Lucas Heiby: Das gemeinsame Studium an der Popakademie in Mannheim ist die eine Sache. Da hatte man viel Zeit miteinander verbracht und Ideen entwickelt, was ja auch konzeptioneller Teil des Studiums war. Aber jeder hat auch eigene Projekte, macht irgendwann seinen Abschluss und versucht, sich einen Platz in der Szene zu verschaffen. Alice ist zum Beispiel nach Berlin gezogen und hat dort an ihren Songs weitergearbeitet. Das empfand ich nicht als Cut, weil sich jeder ja neu sortieren und seinen Standpunkt finden muss. Vielmehr sehe ich das jetzt als Challenge für mich. Ich bin nun dafür verantwortlich, mit meinem Schlagzeug die Pop-Songs auf der Bühne zum Klingen zu bringen. Das sind spielerische und soundmäßige Herausforderungen. So was finde ich genauso spannend wie im Proberaum zu sitzen und gemeinsam Songs zu schreiben. Je mehr Leute mitreden, desto länger braucht das Ganze. Aber wenn zwei Leute aktiv am Songwriting arbeiten und die Band den Rücken freihält, dann ist das eine gute Lösung.

Alice Merton ist ein sehr „aufgeräumter“ Pop-Act. Welcher künstlerische Ansatz steckt für dich als Schlagzeuger konzeptionell dahinter?

Lucas Heiby: Hier ist viel Energie wichtig. Das Schlagzeug nimmt bei Alice einen deutlichen Raum ein. Was ich hier spiele, ist klar konzipiert, aber nicht unbedingt anspruchsvoll im Sinne extrem ausgecheckter Drumparts. Der Groove muss sitzen! Timing, Beat, Feeling! Das Trickreiche sehe ich darin, die Grooves jeden Abend 100 Prozent tight zu bekommen. Denn ich spiele etwa 80 Prozent der Songs four on the floor – Bassdrum, Snare und Hi-hat müssen richtig gut zusammenlaufen! Das ist für mich die Herausforderung. Je mehr Schläge zusammenkommen, desto tighter muss das ganze sein.

Und dann kommt noch der Click hinzu?

Lucas Heiby: Richtig, den man aber langsam „ausblendet“. Trotzdem ist er da, und man kann sich nicht viele Abweichungen vom Kurs erlauben. Die Musik braucht nicht allzu viele Fills. Ab und zu gibt’s natürlich einen Spot, der genau den Platz dafür freigibt, aber grundsätzlich geht’s darum, für den Groove zu sorgen. Dabei darf man diesen Pop-Gedanken nicht verlieren. Den Fans ist es egal, welchen krassen Fill ich da raushaue. Mir ist es wichtig, dass die Parts gut herausgespielt sind, und da gilt es zu überlegen, ob ein Fill wirklich nötig ist oder nicht. Und wenn ja, welche Art Fill denn passen könnte. Solche grundsätzlichen Überlegungen führen bei unserem Sound immer wieder zum Ansatz, das Schlagzeug eher einfach zu halten – aber groovig und tight! Und wenn die Leute vorne dancen, dann ist alles gut!

Bei den Geschicken des Schlagzeugspiels kannst du auf einen soliden Background zurückgreifen. Du hast z. B. diverse Studiengänge in New York und Chicago absolviert. Sind Pop-Music- Styles nur ein kleiner Bereich von dem, was du übers Schlagzeugspielen weißt?

Lucas Heiby: Ich war am Drummers Collective in New York und habe an der Popakademie in Mannheim mit einem Bachelor of Arts abgeschlossen. Mein Papa Jean-Michel Heiby ist auch Berufsschlagzeuger – in Frankreich – und er ist der French Representative vom Drummers Collective. Ich war öfters mit ihm in New York und habe dort immer wieder mal Kurse belegt, wenn interessante Drummer vor Ort waren. So hab ich mir u. a. mal Chris Coleman und Dennis Chambers gegönnt.

Und was war in Chicago?

Lucas Heiby: Dort war ich während meines Studiums an der Popakademie für ein Auslandssemester, weil mich die Gospel-Szene sehr interessiert.

Lucas Heibys Drumset
(Bild: Tom Schäfer)

Was ist dran an dieser Szene?

Lucas Heiby: Ich finde, die Jungs haben extrem viel Groove drauf und dazu noch extrem viel Technik. Viele von ihnen arbeiten ja mit den größten Popacts zusammen, und man sieht, dass die sich auch gut zurückhalten können, mal eine Stunde nur Pop spielen und dann auch alles Mögliche raushauen, wenn der Spot da ist. Das finde ich geil. Die meisten kommen ohne Musikunterricht aus, weil sie Musik von klein auf jeden Sonntag in der Kirche mitnehmen. Die machen so viel Musik, dass sie mit 18 oder auch jünger schon als gute Musiker dastehen. Die können alle wahnsinnig gut spielen, ohne unbedingt studiert zu haben. Diese ganze Technik und das Bewusstsein für Musik haben sie sich nicht in einer Institution draufgeschafft, sondern sie haben das ganze Ding auf natürliche Weise einfach mitgenommen und ausprobiert.

Kommt man in die Gospel-Szene als Außenstehender so einfach rein?

Lucas Heiby: Das ist alles sehr offenherzig. Man wird mitgenommen in die Kirche und kann auch mitspielen, wenn man möchte. Mich hat es gefreut, dass die Drummer sehr zugänglich sind, wenn man sie nach ihren Tricks fragt. Die meisten wissen gar nicht, was sie da wirklich spielen und brauchen einige Minuten, um dir ein Fill langsam vorzuspielen und es zu erklären, weil sie das einfach immer nur gespielt, aber nie analysiert haben.

Was hast du entdecken können? Was ist für dich der Kern bzw. die Magie des Gospel-Drummings?

Lucas Heiby: Weil es so wenig Erklärungsansätze gab, habe ich die Sachen gefilmt und konnte dann bestimmte Sequenzen für mich selber runterbrechen, um analytisch mal einzutauchen. Viele feiern Steve Gadd abgöttisch. Für andere ist Vinnie Colaiuta der Ursprung von allem. Ich selber habe eine Menge Tricks entdeckt, die man sich zwar auch auf YouTube abgucken kann, aber vor Ort zu sein, mit den Leuten gemeinsam zu spielen und mit ihnen im Proberaum zu sitzen, ist noch mal was anderes. Der Kern des Gospel- Drumming liegt für mich darin, eine gewisse Leichtigkeit einzubringen, das „Learning by doing“-Prinzip anzuwenden. Und sich nicht davor zu schämen, auch mal vermeintlich einfache Dinge noch mal neu zu bewerten und zu versuchen, sie in einem anderen Kontext interessanter zu machen. Die Grundlage von dem, was in der Szene so gespielt wird, ist relativ einfach, aber die Kombinationen und die Schnelligkeit machen es aus. Die spielen einen oft in Grund und Boden … (lacht) … aber immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Eine wohl wichtige Botschaft des Gospel-Drummings ist, dass man bei aller Arbeit niemals den Spaß an der Sache vergessen darf.

Welche waren oder sind denn deine persönlichen wichtigen Schlagzeuger? Also Drummer, die du bewusst wahrgenommen hast und die dich fasziniert haben?

Lucas Heiby: Als Erstes will ich meinen Vater Jean-Michel Heiby nennen. Er steht am Ursprung von dem, was ich heute bin. Bis zur Popakademie hatte ich keinen anderen Lehrer außer ihn. Da, wo ich jetzt stehe … das wäre alles nicht möglich gewesen ohne diesen Background. Ich war mit ihm auf Gigs, konnte ihm über die Schulter schauen und viel über das Schlagzeug und seinen Sound lernen. Auch die ganzen Styles und dieses Vielseitige als Schlagzeuger habe ich von ihm mitgenommen. Selbst wenn ich jetzt ausschließlich Pop spiele, so sind mir andere Genres wie Jazz oder Latin durchaus bewusst. Das ist alles in meinem Kopf, und ich weiß, dass ich das spielen kann. Dann ist es Steve Gadd, den ich unbeschreiblich gut finde – seine coole Attitüde, sein Groove, der einen in den Boden meißelt und dabei immer diese unbeschreibliche Anschaulichkeit hat. Das ist knallhartes Band-Drumming! Ansonsten habe ich mich auch mit Larnell Lewis, Tony Royster Jr, Aaron Spears, Stanley Randolph, Calvin Rodgers und Chris Coleman befasst und einiges von ihnen runtergebrochen und rausgeschrieben. Außerdem halte ich Curt Bisquera und Steve Jordan für knallhart groovige, musikdienliche Drummer.

Lucas Heibys Drumset
(Bild: Tom Schäfer)

Auch Manu Katché hat mich sehr beeindruckt – vor allem auf der Sting Live-DVD „All This Time“ – ein Meilenstein des Groove! Neben all diesen Drummern habe ich auch viel Zeit auf YouTube verbracht, um mir die ganzen Amateurvideos aus den Gospelkirchen anzuschauen, in denen uns unbekannte Schlagzeuger die geilsten Sachen trommeln. Ich habe Jazz gespielt, um zu verstehen, woher wir spielerisch kommen. Dann bin ich eine Zeit lang bei Musicals für meinen Daddy eingesprungen und musste mir in kürzester Zeit Programme draufschaffen … vom Blatt lesen, Bigband- Interpretation, Kicks anleiten … das war eine Schule fürs Leben. So was geht nur mit Selbstvertrauen, viel Arbeit und der Gewissheit, dass man es immer schaffen wird. Anfangs war es ziemlich hart, ins kalte Wasser geschmissen zu werden. Ich musste mir selber helfen zu schwimmen, um ans Ziel zu kommen. Diese Erfahrung hat mir tierisch geholfen.

Wenn man dich am Schlagzeug spielen sieht, fällt auf, dass du mit einer relativ kleinen Motorik agierst anstatt mit ausholenden Armbewegungen. Eine kontrolliert beherrschte Technik. Wo kommt das her?

Lucas Heiby: Ja, es ist die schlichte Bewegung, gepaart mit Effizienz. Ich habe mal ein Video von Aaron Spears gesehen, in dem er ein Fill aus dem Song „Caught Up“ von Usher erklärt. Dabei fand ich es total faszinierend, wie er trotz seiner kleinen Bewegungen seine gesamte spielerische Wucht einsetzt. Und es war alles da, kräftig und extrem bodenständig. Das fand ich sehr beeindruckend. Ich versuche, mein Spiel so effizient wie möglich zu halten.

Lucas Heiby am Drumset
(Bild: Tom Schäfer)

Entsprechend ist der Aufbau deines Schlagzeugs kompakt gehalten mit eng gesetzten Toms und recht tief hängenden Becken?

Lucas Heiby: Der Aufbau entspricht meiner Spielhaltung für ein bestes schlagzeugerisches Ergebnis. Ich mag es nicht, große Armbewegungen machen zu müssen, um Becken anzuspielen.

Was stellst du dir für dein weiteres Schlagzeugerleben vor? Wie lange soll’s mit Alice Merton gehen? Wirst du auch mal woandershin reisen?

Lucas Heiby: Die Zeiten, in denen man einfach losziehen und die zufälligen Dinge mitnehmen konnte, gibt es nicht mehr. Die Konkurrenz ist groß, und es gibt so viele gute Schlagzeuger. Da ist im Kopf nicht mehr diese Riesenfreiheit. Aber für mich geht es ja jetzt gerade mal richtig los. Wir sind mit Alice international erfolgreich unterwegs, und mein Name ist nicht mehr ganz so unterm Radar.

Alice Merton ist also dein hundertprozentiges Projekt, und du machst ausschließlich das?

Lucas Heiby: Ja! Bis Herbst 2017 hatte ich noch Unterricht gegeben und auch Jobs als Dienstleister gespielt. Das habe ich jetzt komplett auf Eis gelegt, weil wir mit der Band sehr viel unterwegs sind. In Europa und zurzeit in Nordamerika. Und das bisschen Zeit zwischendurch brauche ich, um einen klaren Kopf zu behalten. Wo die Reise hingehen wird … keine Ahnung. Ich bin für alles offen, so lange es Spaß macht!

Als Schlagzeuger in der heutigen Zeit mit so vielen Supertypen muss man ein klares Profil entwickeln, eine Art Künstlerpersönlichkeit mit dem gewissen Extra, was einen von anderen unterscheidet? Wo siehst du das bei dir?

Lucas Heiby: Zuverlässigkeit ist für mich zu einem Lebensmotto geworden. Mir ist es wichtig, dass die Band auf mich zählen und mir komplett vertrauen kann. Ich bin pünktlich da, hab meinen Kram drauf – einzählen und der Gig kann losgehen!

Aber jeder hat ja seinen eigenen Sound, seine eigene Charakteristik, mit der man als Künstler erkennbar ist, oder?

Lucas Heiby: Das finde ich bei solchen Produktionen wie hier bei Alice Merton oder generell bei Pop-Produktionen schwierig. Denn soundmäßig gibt es bestimmte Vorstellungen seitens der Produktion, und die Sounds sind regelrecht designt, was man halt auch live reproduzieren muss. Bei Alice Merton ist dieser fette Drumsound gefragt. Wir haben lange daran gearbeitet, Felle und Mikrofone ausprobiert. Meine Spielweise hat sich dementsprechend auch verändert und ist härter geworden. Der eigene Sound ist sicherlich ein hochinteressanter und wichtiger Aspekt – gerade für einen Schlagzeuger. Diesen Punkt zu erreichen und den live gewünschten Sound umsetzen zu können, ist auch ein klar gestecktes Ziel.


Kurz nach dem Soundcheck trafen wir uns mit Drummer Lucas Heiby direkt auf dem Drumriser, um über das Sound- Konzept seines Kits zu plaudern und über die Aspekte der elektronischen Komponenten seines Alice Merton Tourkits.

Stammt dieses Mapex Black Panther White Widow Set aus der Special Edition, die Mapex damals in Zusammenarbeit mit Anika Nilles rausgebracht hatte?

Lucas Heiby: Ja, und es ist ein speziell auf den Sound unserer Band getuntes Kit. Dieses Mapex Set klingt von sich aus bereits sehr gut, und die Aquarian- Felle geben das gewisse Extra. Etwas außergewöhnlich ist das Schlagfell auf der Bassdrum, das ist ein Regulator Gloss White, das normalerweise als Resonanzfell gedacht ist. (lacht) Während der Tourproben haben wir uns ausgiebig mit dem Drumsound befasst und jedes Aquarian-Fell ausprobiert, Aufnahmen gemacht und dann die Sounds über PA angehört. Mit diesem „Regulator“ als Schlagfell wurde das beste Ergebnis erzielt. Da es relativ dünn ist, gibt es der Bassdrum noch ein bisschen mehr tonalen Spielraum.

Lucas Heiby vor dem Drumset
(Bild: Tom Schäfer)

Auf den Toms hast du die „Response 2 Black Coated“-Felle. Welche Klangeigenschaften verfolgst du mit dieser Bestückung?

Lucas Heiby: Die Felle geben den Toms einen trockenen und zugleich kräftigen Sound. Sie lassen sich sehr leicht tunen und halten ihre Stimmung auffällig lange. Ich schraube an den Toms eigentlich sehr wenig, was erstaunt, weil das Set ja nachts im kühlen Tourbus und dann tagsüber im warmen Club ist. Nur beim Floor-Tom muss ich manchmal ein bisschen nachhelfen, weil das Tuning sehr loose ist.

Ein wenig extravagant erscheint das recht große Ride-Cymbal.

Lucas Heiby: Das ist ein 24er Sabian King Ride. Bei unseren Pop-Live-Zuständen brauch ich nicht so viel Ping vom Ride. Nur ein bisschen und etwas Raum dazu. Und dieses Ride crasht auch sofort, wenn ich es nur antippe. Zudem macht es ein schönes Rauschen. Wir sind wenige Musiker auf der Bühne, müssen aber viel Sound erzeugen. Da kommt das dunkel klingende Ride sehr cool, weil es von Natur aus dieses Rauschen produziert. Und das zweite Ride-Cymbal, ein 22″ Legacy Heavy, brauch ich explizit für Balladen. Da ist mir der Ping-Sound wichtig und weniger das Rauschen.

Warum sind manche deiner Becken negativ angewinkelt – also im Winkel von dir weg gerichtet? Es gibt so einige Drummer, die das in letzter Zeit kultiviert haben. Ist das eine Modeerscheinung, oder stecken tatsächlich musikalische Gründe dahinter?

Lucas Heiby: Ich hab’s zum ersten Mal bei Anika gesehen und mich dann auch gefragt, was das soll … ist ja falsch rum … (lacht) … doch als ich es selber mal ausprobierte, kam das vom Spielgefühl extrem gut. Besonders wenn man mehrfach hintereinander crasht, hat das Becken mehr Zeit zurückzukommen, bevor man wieder draufschlägt. Beim gerade hängenden Becken funktioniert das eben nicht so gut. Aber mit dem weggewinkelten Becken kann man das Crashen besser in die Bewegung einbauen. Und es sieht halt auch gut aus! (lacht)

Nach welchen Kriterien hast du grundsätzlich deine Becken zusammengestellt?

Lucas Heiby: Meine Vorliebe geht in die dunklere Klangrichtung. Insofern habe ich die Auswahl an Sounds erst mal nach meinem Geschmack getroffen. Natürlich muss das alles auch im Live-Kontext stimmig sein, was soundmäßig aber super ins Konzept gepasst hat. Hier funktionieren dunkle und trockene Cymbals mit konkret definierten Klängen. Wir nehmen die Show häufig auf, und da hört man, dass jedes einzelne Becken gut durchkommt. Zudem sind sie nicht allzu laut, aber trotzdem laut genug, dass sie eine gute Klangfülle besitzen und dabei nicht zu stark aufschwingen im Mix. Auch die 15er Hi-Hat ist grundsätzlich dunkel vom Klangbild, setzt sich aber trotzdem sehr gut durch.

Snaredrums und Backbeat-Sounds spielen im Pop-Kontext eine zentrale Rolle. Deine Main-Snare klingt extrem trocken, aber auch sehr kraftvoll.

Lucas Heiby: An den Snare-Sounds haben wir tatsächlich lange experimentiert – also verschiedene Tunings, Dämpfungen, Felle usw. Die Velvetone Main-Snare ist sehr trocken getunt. Live kommt sie aus der PA wie eine fette Pop-Snare. Es war uns wichtig, dass ihr kräftig dunkler Sound im Band-Mix einen festen Platz hat. Sie wird am FOH nur ein bisschen EQt und gegatet. Bei unserer Musik sind Obertöne nicht besonders hilfreich.

Wegen der Korrespondenz zur Stimme?

Lucas Heiby: Alice hat eine sehr klare Stimme, die ihre Dominanz haben soll. Auch die Gitarre klingt sehr präsent. Und da wollten wir einen Drumsound, der sich mit tieferen Sounds abhebt und nicht mit grellen Cymbals und high pitched Snares in die oberen Frequenzbereiche reinschlägt.

Entsprechend ist deine 2nd Snare dann auch mal richtig tief im Keller?

Lucas Heiby: Ja … (lacht) … eine Cherry Bomb mit dem „Triple Threat“-Fell drauf. Hinzu kommen noch diverse Accessoires wie die „Big Fat“ Snaredrum- Effekte. Das sind richtig gute Teile, die man bloß aufs Fell legen muss, um Effekte zu erzielen. Gerade das sogenannte „Original Donut“ kommt extrem gut und produziert einen noch trockeneren und kräftigeren Sound. Hinzu kommt noch ein Hallraum, und über PA hört dann man eine tiefe, fette Riesen-Snare. Die Cherry Bomb wird bei zwei Songs eingesetzt – bei einer funky „Four on the floor“- Pop-Nummer mit offbeat Hi-Hat und bei einem etwas dramatischeren Song in 6/8.

Erklär doch mal die elektronischen Bestandteile deines Sets. Die technischen Aspekte scheinen nicht unerheblich zu sein?

Lucas Heiby: Kern des Ganzen ist mein Macbook und Ableton – hier läuft eigentlich alles zusammen. Als Live-Zuspieler kommen der Bass und je nach Song zusätzliche Percussion-Spuren mit Shakern und Tambourines, extra Gitarren, ein Synthie-Bass oder auch mal ein paar Toms, die im Hintergrund tiefe Frequenzen spenden. Das sind alles Zuspieler, für die man live zu viele Musiker bräuchte. Obschon wir in der Band alle auch Backing-Vocals singen, kommen teils noch weitere Vocals über Ableton, die in Alice’ höherer Stimmlage angeordnet sind. Denn so hoch kommen wir Jungs mit unseren Stimmen dann doch nicht. (lacht) Weiterhin läuft über Ableton der Clicktrack, und ganz zum Schluss steuer ich mit einem DMX-Interface noch vier LED-Projektoren, einen Curtain-Drop und zwei Nebelmaschinen an. Hier werden quasi die Lichtsignale in MIDI-Signale umgewandelt. Das alles ist so eingestellt, dass sich die Lights in ganz bestimmten Song-Passagen einschalten. Wir haben keinen festen Lichttechniker dabei und müssen es so organisieren, dass wichtige Lichtelemente, die wir unbedingt brauchen, auch von uns selber gefahren werden. Der jeweilige Haustechniker bekommt zwar eine Einweisung, aber bestimmte Effekte und Cues könnte kein Externer steuern. Dann gibt es noch das SDPSX, mit dem ich ein paar Samples spiele, die direkt im Gerät gespeichert sind. Soundmäßig läuft alles über ein Motu 828XInterface in eine DI rein, und ich schicke sieben Kanäle an FOH und an den In-Ear-Mischer raus. Das Akai dient mir als MIDI-Controller, um zwischen den verschiedenen Scenes auf Ableton zu switchen.

Lucas Heiby am Drumset
(Bild: Tom Schäfer)

In diese technische Verknüpfung muss man sich auch reinfuchsen …

Lucas Heiby: … es ist einfacher, die Dinge zu programmieren, als am Ende zu verstehen, wo man Fehlerquellen ausfindig macht, wenn das System mal aussetzt. Es gibt halt viele Schnittstellen, den Laptop, Ableton, Interface, DI-Box, und es braucht Zeit, bis alles steht und läuft. Trotzdem – der Schwerpunkt meines Spiels ist akustisches Drumset!

Du hast eben erwähnt, dass auch der Bass als Zuspieler kommt. Ihr spielt also live ohne echten Bassisten?

Lucas Heiby: Das hat sich so ergeben. Wir hatten anfangs einen Bassisten, der leider ausgestiegen ist. Und das war in einer Phase, in der wir wenig Zeit hatten, Auditions zu betreiben, um jemanden zu finden, der auch menschlich in unsere Band passt. Also haben wir recordete Bass- Spuren von Ableton spielen lassen und merkten, dass der produzierte Bass im Pop-Kontext live richtig gut klingt. Tja, wir touren jetzt fast zwei Jahre dank „No Roots“ – und das alles ohne Bassist! // [5459]

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