Marc Guiliana im Interview

Marc Guiliana: “Macht Musik mit dem Instrument und seid nicht einfach nur Schlagzeuger”

mg

Mark Guiliana ist einer der derzeit angesagten Drummer der modernen Drummer-Szene. Bemerkenswert ist, dass nicht nur Schlagzeuger-Magazine über ihn berichten. Die „New York Times“ schreibt über Mark Guiliana: „Ein Schlagzeuger, um den sich bereits ein Kult gebildet hat!“, und die ehrwürdige „Times“ aus London konstatiert treffend: „Was passiert, wenn Sie Elvin Jones und Art Blakey mit einer Roland TR-808 Drum-Maschine addieren, das Ergebnis durch J Dilla teilen und mit Squarepusher multiplizieren? Antwort: Mark Guiliana!“

Anzeige

Der in New York City lebende Schlagzeuger, Komponist und Bandleader hat schon vieles hinter sich. Er spielte unter anderem bereits als Sideman mit Avishai Cohen, David Bowie, Brad Mehldau, Meshell Ndegeocello, tourte über alle Kontinente und ist auf über mehr als 30 Alben zu hören. Darüber hinaus gründete er vor nicht allzu langer Zeit noch sein eigenes Plattenlabel „Beat Music Productions“ und leitet auch seine eigenen Bands. Und Mark Guiliana hat noch sehr viel vor.

Mark, um dich ein wenig besser kennen zu lernen, was sollte man über dich wissen?

Marc Guiliana: Ich habe in den beiden letzten Jahren drei Alben mit meiner eigenen Musik herausgebracht und habe sie auch in eigener Regie auf meinem eigenen Label „Beat Music Productions“ veröffentlicht. Es sind allerdings drei stilistisch völlig unterschiedliche Platten. Eine davon heißt „Beat Music – The Los Angeles Improvisations“. Diese habe ich, zusammen mit Bassist Tim Lefebvre, Keyboarder Jeff Babko und Troy Zeigler, welcher für die Elektronik zuständig war, in Los Angeles aufgenommen. Auf diesem Album ist alles komplett improvisiert. Wir spielten eine Handvoll Shows, bei denen wir bei absolut nichts starteten und einfach schauten, wohin der Weg uns führen wird. Wir hatten allerdings vereinbart, in welchem klanglichen Umfeld wir uns bewegen wollten. Es ging also nicht darum, alles spielen zu dürfen. Man durfte das große Ganze nicht aus dem Fokus nehmen.

mgd

Wir wollten einander zuhören, aufeinander reagieren und nicht im Chaos enden. Es ging also wirklich um Disziplin, Achtgeben und musikalische Entscheidungen gemeinsam spontan auf der Bühne zu finden. Das Ziel war es unter anderem, die improvisierte Musik so klingen zu lassen, als ob es sich um geschriebenes Material handeln würde. Das zweite Album in meiner eigenen Verantwortung trägt den Titel „My Life Starts Now“. Dieses habe ich in New York aufgenommen, und es sind komplett andere Musiker daran beteiligt, denn es sollte schließlich eine komplett andere Band sein. Im Vordergrund stehen hier Kompositionen von mir. Hier war es also eher die traditionelle Methode, ein Album aufzunehmen. Ich habe das Repertoire geschrieben, wir haben geprobt, und im Studio haben wir uns dann die besten Takes herausgesucht.

Ähnlich sieht es bei dem dritten Album namens „Family First“ aus. Mit Ausnahme eines Songs stammen alle aus meiner Feder. Das Repertoire geht aber in eine völlig andere Richtung als auf „My Life Starts Now“. Bei „Family First“ wollte ich mich in der Tradition eines klassischen akustischen Jazzquartetts bewegen. Die zwei Alben davor waren eher von elektronischer Musik geprägt, aber meine frühen Einflüsse als Drummer liegen im akustischen Jazz. Ich sehe es als eine Art Tribut an meine Vorbilder und ersten bewussten musikalischen Eindrücke an. Mit Shai Maestro am Klavier, Jason Rigby am Saxofon und Chris Morrissey am Bass bin ich sehr glücklich, und auch die Kritiken in der Presse sind durchweg nur positiv. Ich bin sehr stolz darauf, diese drei Produktionen präsentieren zu können, auch wenn sie so unterschiedlich sind. Es sind Teile von mir, sie repräsentieren mich.

Ich liebe es zu improvisieren, es ist womöglich meine liebste Art, Musik zu machen: im Moment zu sein, zu hören was passiert, den anderen Musiker zu vertrauen und gemeinsam nach der perfekten Entscheidung zu suchen. Genauso mag ich es aber auch, Songs zu spielen, und mit meinem Spiel eine Band zu unterstützen. Auch hierbei geht es mit darum, die perfekte musikalische Entscheidung für den Moment zu treffen. Ich spiele natürlich auch mit vielen anderen Künstlern. Anfang letzten Jahres ist auch ein Album mit Brad Mehldau und mir unter dem Titel „Mehliana Taming The Dragon“ veröffentlicht worden. Mehliana ist ein Duo, bei dem Brad Keyboards spielt und seine linke Hand den Part des Bassisten übernimmt. Unser Duo war über die letzten Jahre eines meiner wichtigsten Projekte. Ich fühlte mich zu der Zeit mehr in der Welt der elektronischen Musik aufgehoben als im reinen Jazz. Wir haben dann auch mit Improvisationen angefangen, die Klangpalette wurde allerdings auch hier vorher definiert. Wir wussten also, welche Sounds wir bedienen wollten. Mit der Zeit haben sich dann Songs herauskristallisiert, die Improvisation ist aber bis heute einer unserer musikalischen Schwerpunkte. Außerdem bin häufig auf Tour.

Du bist als Drummer bekannt, welcher Jazz und elektronische Musik vermischt. Wie siehst du dich selber? Wo sind deine Ursprünge?

Marc Guiliana: Gute Frage. Wenn ich so zurückblicke, dann hatte ich drei Haupteinflüsse. Als ich als 15-Jähriger mit dem Schlagzeugspielen anfing, war ich inspiriert von Rockmusik. Das war der Grund, warum ich mit dem Instrument begonnen habe. Es waren so Typen wie Dave Grohl und Chad Smith, die mich begeisterten und mich überhaupt zum Schlagzeug brachten. Ich liebe bis heute die Energie, die in Rockmusik liegt, und bis heute ist das auch ein großer Teil meines eigenen Spiels. Irgendwann habe ich dann Jazz für mich entdeckt und habe mich dann auch an einer Universität für Jazz eingeschrieben. Ich bin dann in dieser Musik regelrecht versunken. Ich habe Unmengen an Transkriptionen angefertigt und unglaublich intensiv und viel Jazz geübt. Viele der alten Helden haben mich schwer beeindruckt und sind bis heute große Einflüsse, allen voran Tony Williams, Elvin Jones, Roy Haynes, Art Blakey, Max Roach, Jack DeJohnette – die Liste könnte ich endlos fortführen.

Aber neben den Jazz-Drummern bin ich auch schwer von Jojo Mayer, Zach Danziger, Vinnie Colaiuta und Steve Gadd beeinflusst worden. Danach kam die elektronische Musik in mein Leben. Das hat dann genauso wie der Jazz vorher meine Denkweise über Musik völlig auf den Kopf gestellt. Da diese Musik meistens programmiert ist, ist sie sehr bewusst orchestriert, und das zu spielen erfordert eine sehr hohe Disziplin. Heute nehme ich alles an Musik in mich auf, was ich bekommen kann. Ich sehe mich als Dauerstudenten. Ich bin immer auf der Suche nach Inspiration. Dabei versuche ich, eine ehrliche Kombination aus allen meinen Einflüssen zu sein: die Energie der Rockmusik, die Improvisation des Jazz und die Disziplin der elektronischen Musik. Anders gesagt: Ich liebe es zu improvisieren, aber nur mit einer gehörigen Portion Disziplin dabei. Die Freiheit des Improvisierens aus dem Jazz gemeinsam mit der Disziplin der elektronischen Musik, das ist genau mein Ding.

Wie entwickelst du deine Patterns, insbesondere wenn du elektronische Musik machst?

Marc Guiliana: Auch hier versuche ich, viel Improvisation mit einfließen zu lassen. Das ist schließlich der Vorteil, den wir Menschen gegenüber der programmierten Musik haben. Wir können in jedem Moment neue Entscheidungen treffen und Dinge spontan verändern. Für mich ist es daher sehr wichtig, auch innerhalb des elektronischen Kontexts zu improvisieren. Das macht es letztendlich lebendig.

Wechselst du dein Drum-Setup, um es den verschiedenen Anforderungen deiner unterschiedlichen Bands anzupassen?

Marc Guiliana: Nein, heutzutage spiele ich immer das gleiche Setup. Ich fordere mich selbst heraus, meine Spielweise an die Anforderungen der Musik anzupassen und nicht das Instrument an die Musik. Es gibt allerdings eine Ausnahme: Ich habe ein neues Projekt, für welches ich auch die Musik selber schreibe. Es ist eine rein akustische Band, Drums, Kontrabass, Klavier, Tenorsaxofon, ein Tribut an meine Jazzwurzeln. In diesem Kontext habe ich mich dazu entschlossen einen sehr typischen Jazzsound zu wählen. Also spiele ich ein typisches Bebop-Set mit 18″ Bassdrum und 12″ Tom und 14″ FloorTom. Meine Drums klingen dort also komplett anders als in meinen anderen Bands, aber genau das fordert mich eben auch heraus, anders zu spielen und mein Drumming den Gegebenheiten anzupassen. Ich mag grundsätzlich lieber kurze Klänge als lange.

Normalerweise dämpfe ich die Trommeln etwas ab. Die Bassdrum muss tief klingen. Dazu habe ich eh nur noch ein Floor-Tom und eine Snaredrum. Das Floor-Tom ist dann ebenso wie die Bassdrum sehr tief gestimmt. Die Snaredrum hat eine eher traditionelle, relativ hohe Stimmung. Mein Set kann man bei den Trommeln also in hohe und tiefe Sounds aufteilen. Bei den Cymbals habe ich dann lange und kurze Töne. Ich verwende Hi-Hats und ein paar Stack-Cymbals um damit einen Kontrast zu den Hi-Hats zu schaffen. Dazu habe ich dann noch ein großes Ride und ein Crash mit Nieten, diese beiden geben mir dann die langen Klänge.

 Woran sollte man deiner Meinung nach als Drummer arbeiten? Was sollte man üben?

Marc Guiliana: Time und Groove sind wirklich wichtig, eben – so sehr dynamisch zu spielen, vor allem sehr, sehr leise. Und das Allerwichtigste war, dass ich mich immer sehr intensiv mit der Musik beschäftigt habe, die ich spielen wollte. Ich habe mich nie wirklich inspiriert gefühlt, typische Drummer-Sachen zu üben, ich woll – te immer musikalische Dinge üben. Es war stets eine Herausforderung herauszufinden, wie man das dann in einen musikalischen Kontext bringen kann. Und ich bin dabei immer wieder zu den Grundlagen zurückgekommen, nämlich Time, Sound, Dynamik, die wesent – liche Koordination, solche Dinge eben.

Du ziehst deine Einflüsse auch aus der elektronischen Musik. Benutzt du denn auch Elektronik in deinem Setup?

Marc Guiliana: Ich verwende zwar Elektronik, aber nur als Zusatz. Bei Brad Mehldau gibt es einen Song, bei welchem ich über ein Roland SPD-SX ein Sample abrufe. Ansonsten habe ich Raum – effekte darauf oder andere als Drum-Samples, um der Musik neuen Input zu verleihen. Selten trigger ich über die Pads tatsächlich Drumsounds. Ich plane auch nicht, mehr Elektronik einzusetzen, zumindest nicht im Moment.

Hast du einen speziellen Rat für kommende Schlagzeugergenerationen?

Marc Guiliana: Ja, habt einfach Spaß und arbeitet an euch und am Instrument! Ich selber kam zur Musik, weil sie mir einfach große Freude bereitete. Unser Instrument erfordert eine Menge an Arbeit und Zeit. Der Grund, warum ich so viel Zeit in das Instrument investiert habe ist, weil ich Spaß daran hatte und habe. Egal was ihr tut, habt Freude daran! Und falls ihr Musik macht, genießt diese Momente. Und speziell für uns Drummer: Macht Musik mit dem Instrument und seid nicht einfach nur Schlagzeuger!

Mark, ich denke, das ist ein perfektes Schlusswort von dir. Herzlichen Dank und alles Gute für die Zukunft.

Keine Kommentare zu “Marc Guiliana: “Macht Musik mit dem Instrument und seid nicht einfach nur Schlagzeuger””
Hinterlasse einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: