Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
Mike Terrana im Interview

Mike Terrana: Unverwechselbar und echt

(Bild: Tom Schäfer)

Mike Terrana ist einer der auffälligsten Drummer unserer Zeit. Als Schlagzeuger hat er eine regelrechte Figur geprägt, die das Charisma des biestigen Metallers und Stick-Trick-Players plakativ voranträgt. Er ist eine unverwechselbare Erscheinung – optisch und musikalisch zugleich.

Als Hardrock- und Metal-Drummer hat sich Mike Terrana in Europa ein festes Territorium erobert, dabei aber nie die Brücke zu artfremden Styles gescheut. Sein Projekt „Sinfonica“ verbindet z. B. Klassik mit Metal-Drums. Aktuell spielt er mit der finnischen Sopranistin Tarja Turunen – eine fruchtbare Zusammenarbeit, aus der das Symphonic-Metal Projekt „The Beauty And The Beat“ hervorging. Neben seiner Klasse als wütender Performer gilt Terrana auch als Poet für außergewöhnliche Drumkits von spektakulärer Ästhetik. Wir trafen Mike Terrana inmitten einer Liquid Chrome Drumcraft „Schneelandschaft“ unter weißen Paiste Cymbals.

Anzeige

Hi Mike, das sieht ja wirklich klasse aus!

Das ist ein Drumcraft DC7 Maple Kit mit Satin Chrome Hardware. Ein fantastischer Look – auch in Verbindung mit den White Cymbals von Paiste. Im Grunde ist es die Mini-Ausführung … (lacht) … meines normalen, großen Tourkits. Ich setze das Set auch in Italien ein, wenn ich dort mit meiner Band Terrana unterwegs bin. Die Clubs dort sind in der Regel klein, und da kannst du nicht mit dem RiesenKit anrücken. Auch für diese „Colours In The Road“-Tour mit Tarja Turunen hat es die perfekte Größe.

Der gesamte Aufbau deines Kits unterliegt einer bizarr anmutenden Dynamik. Welches Konzept steckt dahinter?

We drummers sit on top of the explosion! Ich finde es cool, wenn die – se Attitüde in die Optik einfließt. Gleichzeitig steckt ein ergonomisches Konzept dahinter, das ich seit vielen Jahren ausgearbeitet habe. Das Set ist auf meine Spielart, meine Armbewegungen und die gesamte Physis ausgerichtet. Die Floor-Toms zum Beispiel stehen nicht auf Beinen, sondern sind gehängt. Daneben hängt noch das 18er GongTom, eine echte Powerdrum mit integriertem Mikrofonsystem von Shure. Mit diesen Drums kannst du wirklich Luft bewegen! Tarjas Musik beinhaltet viele orchestrale Elemente, die von harten und bombastischen Drum-Parts getragen werden. Insofern sind diese extremen Akzent-Trommeln perfekt.

Im Zentrum steht eine Snaredrum, die nicht nach einem Serienmodell aussieht, oder?

Ja genau, es ist der Prototyp meiner neuen Mike Terrana Signature Snare. Der Kessel ist aus Aluminium mit recht dünner Wandstärke – also kein Wagenheberteil, sondern eher leichtgewichtig. Und das Besondere sind die Luftschlitze im Kessel. Denn die meisten Metall-Snaredrums produzieren klingelnde Obertöne, aber durch die Airslots werden diese hohen Frequenzen eliminiert. Dadurch klingt die Snare trocken und fett. Ein interessanter Begleiteffekt ergibt sich zudem dadurch, dass bei jedem Schlag ein kurzer Luftstrom aus den Airslots austritt. Das kühlt meine Beine! (lacht) Die Snare wird bei dieser Tarja-Tour gerade dem Dauertest unterzogen. Wahrscheinlich wird es verschiedene Oberflächen-Finishes geben – das optionieren wir gerade noch. Und auch soll die Snare vom Preis erschwinglich sein.

Links außen steht eine Piccolo Snare. Wann und wie wird sie eingesetzt?

Die Piccolo ist dafür da, um bestimmte Signature-Sounds von Tarjas Produktionen zu übernehmen. Drum’n’Bass-gefärbte und MachineType-Grooves lassen sich mit dieser High-Pitch-Snare gut simulieren. Außerdem gibt es im Programm ein paar besondere Snaredrum-Parts, die ich im Stehen spiele – zum Beispiel eine Art „Bolero“-Thema. Und dazu gibt’s dann auch ein bisschen Stick Twirling – was fürs Auge halt.

Für einen Powerplayer wie dich spielt das Thema BassdrumPedal eine zentrale Rolle. Der eine schwört auf Ferrari, der andere heizt mit McLaren …

… ha … (lacht) … und ich spiele die Trick Pro 1-V Double-Pedals mit Titan-Beatern. Ich meine, es gibt verdammt gute Pedale auf dem Markt, aber das 1-V ist für mich der Hammer. Du kannst jede Menge Einstellungen vornehmen und die Mechanik bezüglich Bewegung und Gewichtung absolut präzise justieren. Am Anfang hab ich tagelang am Pedal rumgeschraubt und bin erstmal an der mechanischen Sinngebung gescheitert, bis ich völlig verzweifelt Mike Dorfman anrief, den Techniker und Erfinder des Pedals. Er fragte mich sofort, ob ich die Bedienungsanleitung gelesen hätte – hatte ich natürlich nicht: I am a drummer! (lacht)

Nachdem ich dann den Beipackzettel studiert hatte, wusste ich, dass man als Ausgangspunkt erst mal eine Art mechanischen Nullabgleich vornehmen muss. Erst dann sind Justierungen individualisierbar. Einige Bauteile wie Drehmechanik und Antriebswellen kommen tatsächlich aus der Rennwagen-Technologie. Kein Wunder, dass der Direktantrieb blitzschnell ist! (lacht) Die Trittplatten sind aus Alu, und ich benutze die kürzeren Versionen, nicht die Longboards, weil ich ja nicht blaste, sondern vorwiegend Heel-up spiele. Das 1-V ist ein ehrliches Pedal. Es sagt dir mit jedem Beat, wie gut deine Kontrolle und Tagesverfassung ist.

Über dir thront eine Schneelandschaft weißer Cymbals. Ein echter Eyecatcher.

Ja, ich wollte diese besondere Ästhetik haben. Man muss Cymbals eine Zeit lang spielen, um deren Seele zu entdecken. Vom Design und vom Sound her passen sie perfekt zu Tarjas Tour-Produktion „Colours In The Road“. Die Cymbals sollen Klassik mit Rock-Attitude verbinden. Ich spiele hier Cymbals der „Signature“-Serie von Paiste – Full Crash Cymbals und ein Full Bell Ride –, dazu ein interessantes Stack aus 14″ RUDE Hat on top und einem 16er RUDE China als Bottom. Dann gibt es noch zwei 18″ 2002 Wild Chinas – sehr kraftvoll und mit körperlichen Attacks. Die sind wie Messer und schneiden alles! Ein paar China Splashes mit Bell Cup Chimes sind für perkussive Akzente gedacht.

Hat die Lackierung der Cymbals Einfluss auf den Sound? Ich könnte mir vorstellen, dass die Präsenzen etwas abgekappt werden.

Nein, das ist definitiv nicht so. Zwar schluckt die Farbe etwas an Lautstärke, aber der Unterschied ist wirklich kaum auszumachen. Ich habe die gleichen Becken auch ohne Lackierung und kenne den Vergleich. Aber ich höre schon die Puristen aufschreien, ich hätte Farbe auf die teuren Cymbals gepinselt und die wertvollen Becken zerstört! (lacht) Alles Quatsch! Die Cymbals sind immer noch laut genug. Die hörst du auch draußen noch in 1 Kilometer Entfernung!

Das liegt aber doch auch an der Mike-Terrana-Spielweise?

Klar spiele ich gerne kraftvoll, aber es sieht wahrscheinlich lauter aus, als es ist. Eigentlich fände ich leisere Becken viel schöner. Ich habe auch nie verstanden, warum Cymbals immer so laut sein müssen. Das schlägt dir ja das Hirn raus. Gerade im Kontext von „The Beauty And The The Beat“ mit Orchester oder auch hier mit Tarjas Band muss ich diszipliniert arbeiten und Rücksicht nehmen. Ein voller Snareschlag hat bei mir 120 dB, und das kann ich hier keinem zumuten. Die Band wäre augenblicklich auf der Flucht! (lacht)

Eine Produktion mit Tarja verlangt von dir also kraftvolles Spiel mit großem Einfühlungsvermögen?

Ja. Es geht darum, simpler und weniger busy zu spielen, um der Musik Raum zu lassen – powerful, groovy, aggressiv, luftig, dynamisch, und vor allem aber mit wenig Noten. Wahrscheinlich ist „Colours In The Dark“ das musikalischste Album, was ich je auf – genommen habe. Bei den Recordings wurde die Bedeutung des Groove-Drummings mal wieder so richtig in den Fokus gerückt. JR Robinson, Steve Gadd und Bernard Purdie – diese Typen sind echte Groove-Schmiede. Ihre Sensibilität hat mich beeinflusst, und diese Inspirationen fließen ganz intuitiv in mein Spiel ein –auch im Power Rock!

Trotzdem bleibst du als Mike Terrana eine markante Figur. Du hast dir das Image des wütenden Extreme-Drumming-Performers jahrelang aufgebaut.

Ich wollte nie ein Drummer sein, der im Hintergrund seinen Dienst ableistet.

Entertainment hat für dich also einen großen Stellenwert?

Vielleicht finden es Leute lächerlich, wenn ich meine Stick Twirlings auspacke. Aber mit meinem Auftreten bin ich ein Anziehungspunkt. Ich bringe selbst Nicht-Schlagzeuger dazu, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu richten. Ich möchte unterhalten! Weißt du, es kommt nicht drauf an, wie gut du spielst, sondern wie gut du aussiehst, wenn du spielst. (lacht)

In gewisser Weise ein brillantes Statement …

… auf jeden Fall! Damals gab es mal diese Schlacht zwischen Ludwig und Slingerland. Beide wetteiferten in den 1930er-Jahren mit dem Bau von Banjos. Dann kämpfte jeder um die Vormachtstellung im Schlagzeugbau. Aber Slingerland hatte einen taktisch guten Schachzug gemacht, indem sie einen berühmten Drummer anheuerten, der ihre Slingerland Drums spielte: Gene Krupa. Und der war ein Showman, ein charismatischer Typ! Na ja, dass mit dem Show-Off-Playing ist die eine Sache. Ich mag es, meinen Körper herauszufordern, mich anzustrengen und zu schwitzen. Und ich liebe es, diese Power in die Musik hineinzubringen. Ich bin 54 Jahre alt und mach das jetzt seit über 30 Jahren und werde doch tatsächlich dafür bezahlt, mit Holzstückchen auf Dinge einzuschlagen. (lacht)

Mir macht es riesigen Spaß, hinterm Schlagzeug zu sitzen. Die Leute spüren das. Und das ist die Kunst des Entertainments. Natürlich bin ich gerne der crazy guy, spiele hart mit Power, aber ich sehe dabei gerne in die amüsierten Gesichter. Die Leute bezahlen Eintritt und erleben eine Show, die sie aus dem Alltag entschweben lässt. Und meine Aufgabe ist es, diese Leute mitzunehmen in eine Fantasy World. Es gibt eine Menge Drummer, die technische Königsklassen abliefern, aber wer versteht diesen Kram denn wirklich? Showman zu sein ist nicht alles. Es geht immer noch darum, am Schlagzeug eine fundierte Aussage zu machen. Für die Musik zu spielen, das ist es doch!

Wer hat dich eigentlich inspiriert?

Ich bin aufgewachsen mit diesen extrovertierten Kalibern wie Carmine Appice, Terry Bozzio und Neil Peart. Da war immer was los an den Drums. Inspiration kommt aber nicht nur aus den eigenen Reihen. Ich gehe zum Beispiel gerne mal ins Museum und betrachte Gemälde. Dann spüre ich, dass die Künste doch alle miteinander verbunden sind. Ein Besuch im Museum kann mich durchaus inspirieren und manchmal spüre ich, dass ich danach besser Schlagzeug spiele. Schon als neunjähriger Junge war ich von dem Zauber einer echten Live-Band fasziniert. Ich saß vor einem gold sparkle Drumkit und atmete die Luft, die aus der Bassdrum strömte. Diese Erinnerung wird für immer bleiben, und seitdem füllt Musik mein Leben.

Du hast die richtigen Weichen gestellt, um als Musiker deinen Weg zu finden?

Schlagzeugspielen heißt nicht, Regeln zu folgen – im Gegenteil! Um Aufmerksamkeit als Künstler zu erregen, muss man die Regeln brechen! Es ist die Herausforderung, etwas zu kreieren, das sich vom Mainstream abhebt. Sieh dir Dave Grohl an. Er war ein Tier an den Drums, voller Power und Intuition, und plötzlich ist er Sänger und Gitarrist. Er hat den Mut aufgebracht, neue Wege zu probieren. Das ist es, und darum geht’s, und nicht darum, Regeln zu folgen und über eine korrekte Stockhaltung nachzudenken.

Intuition ist dabei ein wichtiger Katalysator?

Lass raus, was in dir steckt! Keith Moon war ein Pionier. Glaub aber nicht, dass er über ein schulmäßig korrektes Trommeln nachgedacht hat. Gerade deshalb ist er so ein Charaktertyp gewesen. Man muss seine eigene Stärke entdecken, ohne der Besessenheit zu verfallen. Ich setz mich ja auch nicht ständig ans Practice Pad und unterziehe mich einer Selbstprüfung. Ich übe nicht mehr – bin sowieso besser, wenn ich nicht übe. Kreativität und Spaß kann man nicht üben.

Es kommt mir vor, als stecke in dir ein unerschöpfliches Energiepotenzial.

Das hat sicherlich auch mit meiner positiven Grundeinstellung zu tun. Ohne Spaß geht das heute alles nicht mehr – und den Niedergang des Musikbusiness kann man wirklich nur mit Humor ertragen. Ich bin wirklich glücklich, weil ich Aufgaben habe, viele Shows spiele und mein Geld damit verdiene. Es gibt andere Drummer, die viel besser sind als ich, aber zu Hause versauern, weil sie keine Gigs haben. Ich kenne sogar Bands, die dafür bezahlen müssen, dass sie auftreten können – das ist doch verrückt! Aber man darf nie aufgeben, an seine Träume zu glauben. Im Alter möchte ich mich gerne an all das erinnern, was ich erlebt habe, und nicht darüber nachdenken müssen, was ich nicht gemacht habe! Ich habe mein Leben so gewählt und es in die Hand genommen – wir haben nur dieses eine! Mach was draus, schau nach vorne, und heul nicht den alten Zeiten hinterher. Und wenn es bald keine Plattenfirmen mehr gibt, dann scheiß was drauf. Nimm die Dinge selber in die Hand. Es gibt immer Möglichkeiten, siehe Steve Jobs: Er veränderte die Welt mit dieser einen kleinen Kiste.

 Das „Sinfonica“-Projekt war auch so eine Sache, die du selber in die Hand genommen, kreiert und entwickelt hast?

Die Idee war es, mal 300 Jahre in der Zeit zurück zu gehen, als das Schlagzeug als solches noch nicht existierte. Der Gedanke faszinierte mich, was Mozart wohl gemacht hätte, wenn es damals RockDrummer gegeben hätte. Wenn man die Klassik mal analysiert, dann findet man in dieser Musik dieselben Elemente, die heute auch die Rock-Musik und Metal ausmachen. Dvoˇrák hat tatsächlich Led- Zeppelin-Einflüsse! (lacht) Ich mag es total, diese fetten Drums zur klassischen Musik zu spielen. Und ich kann nur sagen: Klassik rockt!

Das Projekt „The Beauty And The Beat“ zeigt einen ähnlichen Hintergrund.

„Sinfonica“ war unwissentlich Initiator für „Beauty And The Beat“. Das ist ein gemeinsames Projekt mit der finnischen Sängerin Tarja Turunen plus 120-köpfigem Orchester. Tarja hat eine klassisch trainierte Stimme, und meine Rockdrums dazu verbinden sich zu einem fulminanten Kosmos aus Dynamik und polaren Klangwelten. Dieses Projekt ist für mich sehr bedeutungsvoll, schließlich bin ein autodidaktischer Rock-Drummer und darf nun auf der Bühne mit studierten Orchestermusikern spielen. „Beauty And The Beat“ ist wahrscheinlich das coolste Projekt, was ich je als Drummer gemacht habe. Es gibt eine aktuelle DVD, die wir in einem Theater in der Tschechischen Republik aufnahmen – ohne Korrekturen, ohne Overdubs, alles echt!

Um echte und handgemachte Musik geht es auch mit deiner neuen Band Terrana.

Ganz richtig, Terrana ist eine Power Rock’n’Roll-Band mit Bassist Alberto Bollati und Fabri Kiarelli an der Gitarre. Wir drei wuchsen in den 60er- und 70er-Jahren auf, mit Bands wie Bad Company, Ted Nugent, Rush, Triumph, Cheap Trick und Whitesnake und mixten das alles zusammen. Erstaunlicherweise finden unseren Sound auch jüngere Leute gut. (lacht) Nun, wir spielen harte Rockmusik mit dem old-school flavour der 70er-Jahre und mischen ein bisschen Punkrock-Mentalität hinzu. Als Trio haben wir den Vorteil, dass wir wirklich überall spielen können, in großen Venues genauso wie in kleinen Clubs. Es gibt ein neues „Terrana“-Album, das wir im Studio bandmäßig live eingespielt haben. Kein Pro Tools, keine Click-Tracks, kein doppelter Boden – alles echt! Und ich habe die Lyrics geschrieben. „Terrana“ ist keine Ego-Trip-Nummer, auch wenn ich die Band nach meinem Namen benannt habe. Aber immerhin reiß ich mir hier in Europa seit 17 Jahren den Arsch auf, und die Leute kennen halt meinen Namen. Mit dieser Band fühl ich mich total frei.

Rock’n’Roll ist kein Job. Es ist einfach Fun. Diesen Spirit of Rock’n’Roll muss man erhalten.

Das Feel des Rock’n’Roll ist komplett anders als das, was moder – ne Pop-Produktionen heute anbieten.

In den Bands der 70er-Jahre hört man dieses Organische, was den Sound und das Feel ausgemacht hat. Jeder in der Band ist auf den Groove des anderen eingestiegen. Und das war diese besondere Chemie. Man musste gleichzeitig zuhören und performen. Diese Qualität ist heute größtenteils verloren gegangen, denn Performances sind weniger musikalisch denn eher produziert und technisch. Quantisieren ist eine gefährliche Sache, denn sie killt das Feel. Nur wenn etwas perfekt ist heißt es nicht, dass es auch gut ist. Es ist nicht schwierig, Click-Produktionen zu machen, aber das hat nichts mit Musik zu tun. Ich stimme Frank Zappa zu, der mal sagte: „Talking about music is like dancing to architecture.“ Wenn man Musik nicht spielt, dann weiß man auch nicht, wie sie sich anfühlt.

Gibt es Tricks beim Drum-Tuning?

Gibt es, denn Sound ist ja immer eine persönliche Sache. Meine Toms stimme ich zum Beispiel so, dass sich ein resonant harmonischer Ton ergibt. Am Ende löse ich eine Stimmschraube, und der Effekt ist in einem harmonischen Downpitch hörbar: Der Ton gleitet nach jedem Hit schön nach unten ab. Ehrlich gesagt hab ich mir diesen Trick ein bisschen bei Ian Paice abgeguckt. Viele Dinge im Schlag zeugerleben basieren auf Erfahrungen on the road. Das lernt man nicht aus Büchern.

Auch Studioarbeit und Platten aufnehmen lernt man nicht in der Theorie. Das erste Mal im Studio – bei vielen Drummern eine Erfahrung, die man am liebsten im Giftschrank verschwinden lässt. Wie war es bei dir?

Da muss man sich die Hörner abstoßen, so wie ich es auch musste. Auf die Meinung erfahrener Tonleute zu hören ist nicht leicht, weil man als Musiker von seiner Qualität ja überzeugt ist. Auf der Bühne hat man dich gefeiert, und im Studio ist plötzlich alles anders. Damals war ich geschockt, als mir der Tontechniker sagte, meine Drums könne er im Studio nicht gebrauchen – sie würden für diese Aufnahme nicht funktionieren. Ich war erbost, fühlte mich im Stolz verletzt, und als ich dann das Studio-Drumkit sah, was man für die Aufnahme vorgesehen hatte, war ich kurz davor durchzudrehen. Bei der Session hatte ich ein grünes Rack-Tom, ein rotes Pearl Floor-Tom, eine Tama Snare, eine Gretsch Kickdrum – du kannst dir vorstellen, wie blöd ich mir vorkam. Doch als ich dann in die Aufnahme reinhörte, war ich total platt von einem großartigen Drum-Sound. Mein eigenes Drumset war perfekt für den Live-Sound, aber einfach nicht gemacht für Recordings. Das musste ich lernen.

Was war die beste Entscheidung in deinem Musikerleben?

Das war 1997, als ich in Los Angeles alles aufgab und nach Europa ging. Ich kam gerade von einer Tour mit Tony MacAlpine zurück. Wir spielten Instrumentalmusik, und das Honorar reichte vorne und hinten nicht, um meine Rechnungen zu bezahlen. Ich überlegte einen Moment, meine Haare abzuschneiden, dem Musikbusiness Adé zu sagen und einem „anständigen Beruf“ nachzugehen. In LA gab es einfach keine Jobs für einen Live-Drummer. Doch ich wollte das wunderbare Gefühl des Musikmachens nicht aufgeben, entschied mich für eine radikale Veränderung und kaufte ein Flugticket nach Holland. Als Gepäck hatte ich eine Tasche voller Cymbals dabei und 10.000 Dollar. Meine Heimat zu verlassen und den Schritt in eine andere Kultur mit anderer Sprache zu wagen, hat mein Leben verändert. Und zwar absolut zum Positiven. In Europa spielte ich mit Gamma Ray, Rage, Axel Rudi Pell, Masterplan, Savage Circus u.v.a. und habe mir in der Metal-Szene einen Namen gemacht. Wenn du einen Traum hast und einen Willen, dann kannst du etwas bewegen. Man braucht diesen ganzen materiellen Kram nicht. Das Bedürfnis danach ist bloß eine Lüge des Fernsehens. Keep it simple and keep it real! Ich ging nie wieder in die USA zurück.

 

Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Sehr beeindruckend der Herr Terrana. Keep it simple and keep it real. Gerade heute ein super Leitsatz. Auf das Du noch lange durch Europa rocktst und mit uns beim Konzert mächtig Fun hast.

    Auf diesen Kommentar antworten

Schreibe einen Kommentar zu Flori Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren