Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
Shine On!

Nick Mason: Der Rhythmusarchitekt von Pink Floyd

(Bild: Tom Schäfer)

Pink Floyd verkaufte geschätzt 300 Millionen Tonträger. Darunter auch „The Dark Side Of The Moon“, welches 724 Wochen in den US Top-200 Album-Charts vertreten war und als Jahrhundertwerk jener Band gilt, deren poetischer Sound Geschichte geschrieben hat. Musikalisch und auch vom visuellen Konzept her entwickelte Pink Floyd ein Gesamtkunstwerk, das im Kraftfeld der vier kreativen Geister David Gilmour, Roger Waters, Richard Wright und Nick Mason zu Weltruhm emporstieg.

Eigentümlicher Weise bezeichnet sich Drummer Nick Mason selbst als eher durchschnittlichen Schlagzeuger. Doch gerade mit der sublimen Intelligenz seiner kompositorisch einfühlsamen Grooves hat er den Sound der Band von Beginn an maßgeblich mit geprägt: Songs wie „Astronomy Domine“, „Interstellar Overdrive“, „Money“ und „Comfortably Numb“ oder Werke wie „Echoes“ und „Shine On You Crazy Diamond“ sind nur einige Beispiele, die den Charme seines intuitiven Drum-Styles darstellen. Der letzte offizielle Auftritt von Pink Floyd fand am 2. Juli 2005 im Rahmen des „Live 8“-Events im Hyde Park statt. Ein Ende der Band wurde zwar offiziell nie bekannt gegeben, dürfte allerdings seit dem Tod von Keyboarder Richard Wright traurige Wahrheit sein. Von Nick Mason hörte man gelegentlich, dass er Autorennen fährt und Ferraris sammelt. Auch wenn die Musiker von Pink Floyd als notorisch interviewscheu gelten, konnten wir Nick Mason an jenem historischen Ort in der Londoner Britannia Row treffen, an dem 1976 das Album „Animals“ im bandeigenen Studio entstand und später auch Teile der „The Wall“-Produktion entwickelt wurden.

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Nick, ist Schlagzeugspielen heute noch ein angesagtes Thema für dich?

Auf jeden Fall! So etwas hört man ja nicht einfach auf. Ich arbeite als Producer immer wieder mal in Londoner Studios, und es kommt vor, dass ich bei einigen Produktionen auch Drum-Tracks einspiele. Seitdem Pink Floyd nicht mehr aktiv ist, gerät man natürlich etwas aus dem Fokus, und die öffentliche Wahrnehmung verblasst allmählich. Viele denken, ich würde nur noch schnelle Autos fahren und als Rockstar in Ruhestellung teure Oldtimer sammeln. In Wirklichkeit aber habe ich immer schon als Producer gearbeitet – auch damals zu Floyd-Zeiten –, und diese Aufgabe sehe ich als kreatives Kraftfeld, in dem ich mich auch heute gerne bewege.

Du hast mit Pink Floyd, insbesondere in der „Dark Side Of The Moon“-, „Wish You Were Here“- und „Animals“-Phase einen unverkennbaren „Nick Mason Drumstyle“ entwickelt. Deine Grooves haben das Flair gemalter Bilder – alles passt perfekt in das musikalische Konzept.

Im Grunde habe ich mich selber immer als sehr durchschnittlichen Drummer gesehen. Ich hab null Technik und niemals wirklich Schlagzeug geübt. (lacht) Ich habe einfach immer gespielt. Dabei mag ein gewisser intuitiver Ansatz dazu geführt haben, dass meine Art zu trommeln Eigenarten entwickelt hat, die sich vom Spiel anderer Drummer unterscheiden.

Es ist oft nicht für jeden nachvollziehbar, worin die Kraft und Bedeutung des Schlagzeugspiels eigentlich liegt.

Das Schlagzeug ist auf seine Weise ein wirklich eigenartiges Instrument. Faszinierend finde ich die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten, die alleine durch Groove, Sound und rhythmische Spannung erzeugt werden. Der Klang entsteht ja auch durch die Art, wie man Trommeln mit Besen oder Stöcken oder Schlägeln anspielt und wie man sich körperlich in jeden einzelnen Schlag hineinbegibt. Es kommt mir so vor, als würde ich das Schlagzeugspiel erst jetzt in meinem hohen Alter verstehen.

Hat sich dein Spiel im Lauf der Zeit verändert?

Alles ändert sich im Leben, aber Grundsätzliches bleibt dann doch im Kern verankert. Wie gesagt, ich bin absolut kein Techniker, und mein Schlagzeugspiel folgt in erster Linie einer musikalischen Idee. Ein kompliziert ausgetrickster Drum-Groove war noch nie so mein Ding. Producer zu sein bringt mich in die vergnügliche Lage, nicht selber Drummer sein zu müssen. Ich empfinde es als großen Vorteil, einen Studiodrummer wie Karl Brazil zu bitten, etwas zu spielen, was ich selber niemals hinbekäme. Das ist großartig, da er Sachen umsetzen kann, bei denen ich völlig aufgeschmissen wäre.

Auf der anderen Seite bin ich wiederum in der Lage, mit meinem Style einen Drum-Track zu kreieren, der in seiner Art von niemand anderem gespielt werden könnte. Und diese Tatsache macht mich dann doch etwas stolz, weil es Dinge gibt, die wiederum nur ein Nick Mason drauf hat. Meine Herangehensweise ist eine völlig andere als die der erfahrenen Session-Drummer. Und manchmal ist eben die Schlichtheit oder eine bestimmte Klangatmosphäre das gewisse Extra – ohne mich jetzt besonders hervortun zu wollen. (grinst)

Auf den frühen Alben von Pink Floyd, noch zur Psychedelic-Ära, klingst du wesentlich wilder und roher – vielleicht mit ein bisschen Ginger Baker im Blut?

Ihn spielen zu sehen war für mich der totale Flash. Sein Auftritt mit Cream damals im Londoner Poly-Club war wie für mich eine Initialzündung. Diese Energie! Diese Begeisterung! Das hatte mich angesteckt, und genau das wollte ich dann auch machen – nämlich Teil einer musikalischen Geschichte sein und etwas Kreatives schaffen. Ohne Ginger Baker wäre ich nicht hier.

Ohne Pink Floyd aber auch nicht. Hätte es eine Karriere als Schlagzeuger ohne diesen „Pink Floyd“-Kontext womöglich nicht gegeben? Hat Nick Mason nur in dieser besonderen Band-Chemie funktioniert?

Als ich Rick und Roger damals Mitte der 60er traf, sah ich meine Karriere als Schlagzeuger eigentlich schon als beendet. Doch dann spürten wir, dass es eine gemeinsame Kraft in uns gab, die auf ein großes Abenteuer zusteuerte. Da war eine solche spezielle Chemie, und das ist auch der Grund, warum eine Band überhaupt existieren kann. Nur: Wenn man dran rumdreht, dann ändert sich alles. Zum Guten oder zum Schlechten. Wenn eine wichtige Figur das Spielfeld verlässt, kann alles zusammenbrechen. Es kann aber auch das Gegenteil passieren, und der Erfolg geht dann erst richtig los. Jede Band hat ihre Geschichte durch den Mix einer bestimmten Konstellation. Pink Floyd war vor allem eine Band, deren Sound im Zusammenspiel vier kreativer Geister ihren Ursprung fand.

Man sagt, dass die Band klangtechnisch der Zeit weit voraus war. Erkennst du im Nachhinein eure Pionierarbeit?

Wir machten viele Sound-Experimente – das ist richtig. Aber wir waren auch nur Teil einer Bewegung. Die Wissbegierde um technische Aspekte von Tonaufnahmen trieb uns genauso an wie ein Bestreben nach musikalischer Kunst. Wir konnten technische Hilfsmittel nutzen, die wir unkonventionell einsetzten, um daraus unerwartete Klänge zu entwickeln. Tatsächlich waren wir anfangs technisch gar nicht so toll ausgestattet und hinkten in dieser Sicht sogar der Zeit hinterher. Daher waren wir umso neugieriger auf alles, was andere Bands an Equipment besaßen und was in den Studios vorangetrieben wurde. Die Beatles zum Beispiel benutzten Flanger und Phaser – Dinge, von denen wir null Ahnung hatten. Die Möglichkeit, technische Mittel einzusetzen, lernten wir erst durch die Toningenieure kennen, die uns das alles zeigten – Alan Parsons und einige andere.

Klar experimentierten wir mit Sounds, tauchten bei Aufnahmen Cymbals ins Wasser, und ich deckte auch mal wie Ringo die Toms mit Handtüchern ab. Roger platzierte ein Mikrofon mal ganz dicht neben dem Cymbal, um jene Sounds einzufangen, die sonst beim Ausschwingen verloren gingen. Viele Entdeckungen beruhten auf spontanen Eingebungen. Klänge wurden ausgelotet und auf ihre Brauchbarkeit im Kontext einer Idee bewertet.

Es entstanden dabei auch reine Zufallsprodukte. So war es David Gilmour zu verdanken, dass er sein WahWah-Pedal versehentlich falsch an den Verstärker anschloss, um einen Gitarrensound zu kreieren, der schließlich bei „Echoes“ Verwendung fand. Solche Zufälle waren glückliche Umstände. Aber all das funktioniert nur, wenn man Muße und vor allem Zeit hatte. Daher verdanken wir vieles der Tatsache, dass wir unbegrenzte Studiozeit zur Verfügung hatten. Dieser Umstand war für damalige Verhältnisse wirklich etwas Ungewöhnliches. Die meisten Bands hatten festgesetzte Studiozeiten, in denen alles passieren musste. Oder sie arbeiteten mit Producern, die keinen Sinn für zeitraubende Experimentiererei hatten.

Unter diesen Zwängen mussten wir nach dem ersten Album „The Piper At The Gates Of Dawn“ nicht mehr leiden. Denn wir hatten unseren Plattenvertrag mit EMI dahingehend geändert, dass wir nur noch fünf statt der ursprünglichen acht Prozent an Lizenzen verlangten und im Gegenzug unbegrenzte Studiozeit bekamen. Und das machte für unsere Arbeitsweise den großen Unterschied aus. Tatsächlich aber profitierten wir mit diesem Privileg von den Beatles. Denn sie waren es, die durch den Erfolg ihrer Alben von der EMI unbegrenzte Studiozeit bekamen. Also dachten wir uns, wenn es bei den Beatles funktioniert hat, warum nicht dann auch bei Pink Floyd? Eigentlich haben wir oft von dem profitiert, was andere vor uns getan haben. But – if we were pioneers, that’s great!

Eure Bühneninszenierungen waren denen anderer Bands jedenfalls weit voraus in Sachen Licht und Sound. Da gab es z. B. diesen ominösen „Azimuth Coordinator“. Was war das denn für ein Gerät?

Den ließen wir uns von einem Techniker der Abbey Road Studios bauen. Eigentlich war das eine Vorform des heutigen Surround-Sounds. Das Gerät wurde von Rick gesteuert und hatte zwei lange Hebel, mit denen man Tonsignale im Panorama rechts/links und auch räumlich vorne/hinten steuern konnte. So war es möglich, z. B. die von einem Tonband eingespielten Schritte in einer akustischen Simulation am Publikum vorbeimarschieren zu lassen. Ich bedauere es sehr, dass wir in dieser Zeit so gut wie gar keine Filme oder Konzertmitschnitte gemacht haben. Es gibt zwar einige Live-Aufzeichnungen aus der „Dark Side Of The Moon“-Periode, aber es wäre fantastisch gewesen, die älteren Shows zu filmen. Aber wir taten es nicht. Schade!

Es gibt allerdings den Film „Pink Floyd Live At Pompeji“ aus der Phase um „Meddle“. Was war eigentlich der Grund dafür, ausgerechnet in Pompeji den Pink-Floyd-Film zu drehen?

Meine ehrliche Antwort ist: Ich hab keine Ahnung, warum. Adrian Maben hatte die Idee dazu. Er war der Regisseur und trat mit seinem Konzept an unser Management heran. Es hörte sich nach einer guten Idee an, und letztlich war es auch eine gute Idee. Denn RockmusikFilme waren zu der Zeit meist Mitschnitte von Live-Konzerten. „Live At Pompeji“ hingegen war ein inszeniertes Live-Konzert, in einer kargen und von Hitze geprägten Kulisse. Sehr speziell.

Nick-Mason-inside-out„The Dark Side Of The Moon“ gilt als wegbereitendes und erfolgreichstes Album von Pink Floyd. Welche Erinnerungen hast du daran?

Wir hatten das Gefühl, ein Album gemacht zu haben, das in sich stimmig und bedeutend anders, ja besser war als alles, was wir vorher herausgebracht hatten. „Dark Side“ hat starke Kompositionen und eine große Bildersprache, die Raum für Fantasie lässt. Dass es mit 50 Millionen verkauften Exemplaren unser erfolgreichstes Album werden würde, das konnte niemand ahnen.

War es euch je bewusst, dass Pink Floyd etwas Wegweisendes und Historisches schaffen würde?

Nein. Und ich finde es schwierig, darüber zu reden, dass man etwas Besonderes geleistet hat. Alles, was wir wollten, war, Musik zu kreieren, die uns selber begeisterte. Unsere Aufmerksamkeit galt nie dem Erfolg, sondern immer nur der Perspektive, welcher der nächste Schritt sei. Nachdem wir ein Album fertig hatten, beschäftigten wir uns mit der Gestaltung der Live-Show. Danach kam die Tour. Und mit ihr war ein Projekt vollendet, so dass wir uns neuen Herausforderungen und einem neuen Album stellten. Es gibt sooo viele Meinungen, Analysen und vermeintlich kluge Darstellungen, warum ausgerechnet „Dark Side“ so erfolgreich war. Inzwischen nervt mich das ein bisschen. Bei allem muss man bedenken, dass wir auf eine goldene Ära zurückblicken. Es war damals eine andere Zeit, wir waren so viel jünger. Musik bedeutete uns alles.

„Dark Side Of The Moon“ enthält jede Menge Signature-Sounds. Weltberühmt sind z. B. die klimpernden Geldstücke und die Registrierkasse beim Song „Money“ …

… tja … (lacht) … es gab da diese Aufnahme mit dem Geräusch einer Geldkasse. Ich hatte dann verschiedene Münzen an einem Faden aufgehängt, Roger ließ Pennies in einer Rührschüssel kreisen und wir zerrissen ein Stück Papier vor dem Mikrofon. Es waren sieben einzelne Klangschnipsel, die dann zu einer Tonschleife gemacht wurden und im Intro von „Money“ zu hören sind. Ich weiß noch genau, dass ich die Klänge aufnahm und auch das Band zusammenklebte. Aber sowohl Alan Parsons, der „Dark Side“ damals produzierte, als auch Roger Waters behaupten fest, dass sie das Tape angefertigt hätten. Wie dem auch sei – es ist über 40 Jahre her.

Wurden sieben Klangschnipsel etwa deshalb genommen, weil der Song auf einer 7/4-Bassfigur aufbaut?

Ganz genau. Rogers Bassfigur legte den Grundstein. Warum das aber ausgerechnet ein Siebener war, weiß ich bis heute nicht.

Nick-Mason
(Bild: Tom Schäfer)

War ein 7/4-Metrum für Pink Floyd wirklich ungewöhnlich?

Das stimmt, denn es gab vorher keine und nur sehr selten nachher ungerade Taktarten bei uns.

Wie hast du diese spezielle Leichtigkeit des Siebener-Drum-Grooves bei „Money“ entwickelt, dieses softe Swing Feel?

Ha! Gute Frage! Ich werde nämlich oft von anderen Drummern belehrt, weil sie meinen, ich hätte diese Figur falsch gespielt! (lacht) (Weitere Infos zu „Money“ gibt es im „Groove des Monats“-Workshop in dieser STICKS-Ausgabe; Anm. d. Red.)

Am Anfang des Albums in „Speak To Me“ hört man diesen berühmten Pulsschlag. Das waren doch keine menschlichen Herzschläge, oder?

Nein. Das wäre ja der kardiologische Albtraum gewesen! (lacht) Wir hatten eine Bassdrum gedämpft und mit weichen Filzschlägeln angespielt. Das ergab den Sound, der unserer Vorstellung entsprach. Und überhaupt war ich von den Drum-Sounds auf „Dark Side“ dank des Know-Hows von Alan Parsons überaus angetan. Er bewies Geschmack und wusste zudem genau, wie man Mikrofone platziert, um den Klangkosmos eines ganzen Schlagzeugs mit all seinen Schwingungen einzufangen. Derartige Fähigkeiten rückte man damals in die Nähe von schwarzer Magie! (lacht)

Von euch sind so manche eigenwillige Arbeitsweisen bekannt, um die damalige Studiotechnik zu überlisten. Die Abmischung von „Dark Side“ glich angeblich einer regelrechten Performance am Mischpult.

Stimmt, aber wir hatten auch immer sehr fähige Tonleute um uns. In diesem Fall Alan Parsons. Wir wollten einzelne Titel des Albums und sogar einzelne Teile eines Songs ineinander überblenden. Und das ging nur mit etlichen Tonbandgeräten, die von überall herangekarrt und am Mischpult verkabelt wurden. Heute funktionieren solche Überblendungen auf Knopfdruck im Digitalpult. Aber damals waren Bandschleifen von mehreren Metern Länge notwendig, die zeitversetzt und genau getimet anlaufen mussten. So waren im Control-Room überall Mikrofonstative aufgestellt, die als provisorische Spulen dienten und verhinderten, dass die Bänder außer Kontrolle gerieten. Das alles funktionierte nur in Team-Arbeit, und jeder hatte seine feste Aufgabe im Bedienen von Schiebereglern und dem Anfahren der Bandgeräte. Da alles gleichzeitig passieren musste, durfte niemandem ein Fehler unterlaufen.

Deine Rolle als Schlagzeuger von Pink Floyd war also nie auf die Rolle des Backbeaters und Timekeepers reduziert?

Das Schlagzeug haben wir auch nicht als rein technische Aktion betrachtet. Heute werden Drummer gerne in die Rolle der Zuständigkeit für Time gewiesen. Das ist widersinnig – sowohl von der musikalischen Warte als auch von der Natur des Menschen her. Im Grunde können die meisten Musiker keine Time halten. Schau dir mal Orchester an! Wenn die Streicher zum Dirigenten aufschauen, dann ist es vorbei mit dem Timing: If you look up, you fuck up! (lacht) Das hat einfach damit zu tun, dass man im Moment des Musikmachens mit anderen Musikern interagiert. Musik wird dann zu einem Gebilde, das aus sich selbst heraus lebt. Und die Lebendigkeit kann ja auch in der Bewegung liegen, im Auf und Ab des Tempos.

Es gibt eine Menge Songs von Pink Floyd, die dich als Meister der wenigen Beats auszeichnen.

Drummer verbringen sehr viel Zeit mit Üben und dem ganzen spieltechnischen Kram, um letztlich in der Band bloß einen straighten 4/4 zu spielen. Natürlich ist es toll, wenn man technische Finessen drauf hat, aber in den seltensten Fällen finden solche Extras in der Musik eine sinnvolle Anwendung. Die Erkenntnis, dass man mit zu vielen Drum-Fills auch etwas überreizen kann, wächst mit der Erfahrung und einer gewissen musikalischen Abgeklärtheit.

Aber was war deine Herangehensweise, um diese intelligenten, kompositorisch klugen Drum-Sounds und Grooves zu finden?

Eigentlich hab ich nichts gemacht. Das war völlig intuitiv! Und nicht nur für mich – für uns alle war es so. Wenn man die frühen Alben von Pink Floyd hört, dann klingt das nach sehr viel Improvisation und dem Suchen nach Dingen. Und ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns gegenseitig jemals Vorschreibungen gemacht hätten nach dem Prinzip: Spiel mal so und so, oder mach mal das. Niemand hat mir gesagt, was ich spielen soll. Und auch ich hab niemals jemanden in der Band bevormundet.

Wohingegen die Roto-Tom-Melodie im Intro des Songs „Time“ allerdings ganz klar auf einem kompositorischen Konzept beruht, oder?

Auch das mit den Roto-Toms war völlig spontan. Wir haben das absolut aus dem Moment kreiert – es ist wirklich wahr! Also: Wir kamen ins Studio 3 von Abbey Road, und da stand dieses Roto-Tom-Set im Aufnahmeraum, was von irgendeiner vorherigen Produktion stammte. Ehrlich gesagt hatte ich vorher noch nie Roto-Toms gesehen. Ich hab einfach damit rumgespielt, und wir entschieden diesen Sound zu verwenden. Ich kann mich nicht an Details des Aufnahmevorgangs erinnern, aber ich weiß, dass dieses „Time“-Intro vor der Entdeckung der Roto-Toms in dieser Form nicht geplant war.

Auch wenn Pauken zum Einsatz kamen, so war das nur dem Umstand zu verdanken, dass sie zufällig im Studio standen, weil sie von einer Orchesteraufnahme übrig geblieben waren. Ich selber hatte damals keine Pauken besessen. Wir haben uns oft Dinge geborgt und einfach benutzt, weil sie zufällig zur Verfügung standen. Die Abbey Road Studios besaßen auch Tempelglocken, eine Windmaschine und zahlreiche andere ausgefallene Instrumente, die dann vor allem auf den frühen Alben wie „The Piper At The Gates Of Dawn“ und „A Saucerful Of Secrets“ gelandet sind, von uns live aber nicht verwendet wurden, weil es weder unsere, noch für unsere damaligen Verhältnisse erschwingliche Instrumente waren.

In ganz frühen Zeiten hast du Premier-Drums gespielt. Später sah man dich mit einem Ludwig-Kit.

Premier hatte ich in den Sechzigern und spielte sie bis zum Album „Ummagumma“. Damals sah ich Ginger Baker live in London. Ich erinnere mich noch, wie der Tourmanager die Bassdrums am Bühnenboden festnagelte. Ginger Baker war bekannt für diese Eigenwilligkeit und hinterließ auf den Bühnen dieser Welt seine Spuren auch anhand von zerlöcherten Teppichen und zernagelten Bühnenböden. (lacht) Ginger Baker trommelte fantastisch, und der Auftritt hatte mich dermaßen beeindruckt, dass ich beschloss, mir ein Ludwig Double-Bassdrum-Kit anzuschaffen. Als wir dann nach Amerika kamen, kaufte ich mir dann das Set. Damals waren die Instrumente in den Staaten noch vergleichbar günstig. Später hatte ich dann einen Endorsement-Deal mit Ludwig.

Das Familienunternehmen steckte damals viel Power und Liebe in die Produktion der Schlagzeuge. In den späten 80er-Jahren begegnete ich dann John Good und DW Drums. Ich muss sagen, diese Drums sind absolut brillant. Die Art wie sie gemacht sind, Kessel und Hardware, da steckt viel Know-how drin – in jedem Detail! John Good investiert konsequent in Weiterentwicklung und überrascht mit vielen intelligenten Details, sei es Snareteppich-Abhebungen oder irgendwelche Fittings usw. Die Hölzer, die Kesselkonstruktionen und die Kesseleigentöne sind klanglich aufeinander abgestimmt. Das finde ich ungeheuer intelligent gemacht und für meine Arbeit echt erleichternd.

Also, meine Kits sind fucking huge. Ich hab sieben Toms bei allen Sets und möchte die Möglichkeit haben auszuwählen, welche meiner Toms ich zum Beispiel im Studio einsetze. Und wenn du eine Kollektion von Toms hast, die klanglich aufeinander abgestimmt sind, dann ist es kein Problem, die verschiedenen Kessel und Größen zu kombinieren. Ich besitze, hmm, ja, ich glaube, vier große DW-Kits – alle wunderbar gemacht und persönlich auf mich abgestimmt. Meine jüngste Errungenschaft ist das „Ferrari“-Kit.

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Nick Mason DW Collector’s Series Icon Snaredrum 14″ x 6,5″, 10 ply HVLT Shell, MAG Throw-off-System mit 3-PointPositioning, True-Hoops, True-Tone-Snareteppich, Remo Felle, Lasercut Finish, von Hand gearbeitete Edelholzfurniere, Echtheitszertifikat mit einer Beschreibung der spezifisch verwendeten Hölzer (Bild: Tom Schäfer)

Als Ferrari-Fan und Besitzer einiger dieser exklusiven roten Autos lag wohl der Gedanke nahe, auch das Drum-Kit in der richtigen Farbe zu lackieren. Ist das eigentlich das originale Ferrari-Rot?

Selbstverständlich! Ich habe bei Ferrari angefragt, ob dies möglich wäre. Und da wir ein freundschaftliches Verhältnis pflegen, war das kein Problem. Normalerweise machen die das nicht, denn die Komposition der Farbe ist ausschließlich für ihre Autos bestimmt. Das Problem war nur, dass sie fünf verschiedene Rots in feinen Abstufungen haben. Ein bestimmtes Rot wird für die Rennwagen benutzt, ein anderes für Straßenfahrzeuge. Insofern mussten wir einen Kompromiss finden, denn ein Schlagzeug ist ja weder „Formel 1“ noch ein „F50“. Also haben wir uns auf ein Ferrari-Standard-Rot geeinigt …

… und davon wurde mal eben eine Dose zu DW geschickt?

Richtig! Aber, wie gesagt, das war nur in diesem Sonderfall für das Ferrari-Kit möglich …

… und weil Nick Mason ein passionierter Rennfahrer, Oldtimer-Sammler und Besitzer exklusiver Ferraris ist? Ist das eigentlich ein reines Hobby?

Wohl eher mehr als das. Ich habe mich immer schon für Motorsport begeistert und schon zu Zeiten von Pink Floyd selber an diversen Rennen teilgenommen. Fünfmal bin ich als Fahrer beim 24-StundenRennen von Le Mans gestartet, bin auf dem Nürburgring gefahren und war beim „Carrera Panamericana“-Rennen dabei. 1985 gründete ich meine eigene Firma, und heute ist „Ten Tenths“ ein Dienstleistungsunternehmen rund um den Motorsport. Wir stellen exklusive Fahrzeuge zur Verfügung. Wenn James Bond ein besonderes Modell braucht, dann ist er bei „Ten Tenths“ an der richtigen Adresse. Als Oldtimer- und Rennwagen-Fan sind mir über die Jahre so manche tolle Schätzchen begegnet. Meine private Sammlung müsste inzwischen um die 40 ausgewählte Automobile umfassen – darunter ein McLaren F1 GTR, ein Ferrari 250 GTO, ein Bugatti T35 oder der Maserati 250F. Stolz bin ich auf den „Model T“- Ford, es ist das originale Filmauto von Laurel & Hardy.

Gibt es eine Verbindung zwischen Schlagzeug spielen und Rennwagen fahren?

Es gibt keine. Das sind völlig verschiedene Dinge. Eine Verbindung wäre bloß an den Haaren herbeigezogen. Doch beides ergänzt sich sehr gut. Wenn du in einem Auto sitzt und ein Rennen fährst, dann ist es dein ganz persönliches Ding. Du bist alleine und in dem Moment für alles verantwortlich. Am Schlagzeug ist es etwas anderes, denn du bist als Drummer nicht alleine, sondern hast eine Band um dich herum. Beide Dinge – Rennen fahren und Schlagzeug spielen sind Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Und deswegen gefällt mir das auch so gut, weil in der Abwechslung auch immer Neugierde und Frische liegt.

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Equipment Nick Mason spielt Paiste Cymbals und DW Drums (Bild: Tom Schäfer)

Aber Schlagzeug zu spielen scheint weniger gefährlich zu sein als Rennen zu fahren?

Das kann man so nicht sehen. Wir waren damals in der Londoner „Psychedelic“-Bewegung die einzige Band, die ihre eigene Lightshow hatte. Es wurde mit selbstgebastelten Lichteffekten und auch mit Pyros hantiert. Da sind so einige Dinge schiefgelaufen – Roadies standen in Flammen, und Rogers Bassbox explodierte mal. Zum Glück kam nie jemand zu Schaden. Sicherlich ist Rennfahren eine Risikosportart, aber Gefahren lauern überall. Vor allem im ganz alltäglichen Leben.

Das Haus in der Londoner Britannia Row wurde von Pink Floyd Mitte der Siebzigerjahre gekauft und zum Studio ausgebaut. Was passiert heute an diesem Ort?

Wir kauften diesen dreistöckigen Komplex, um die Räumlichkeiten zur Lagerung unseres ständig wachsenden Bühnen-Equipments zu nutzen und um unser eigenes Recording-Studio zu installieren. Wir bauten ein „Raum-in-Raum“-Konzept wegen der Abschirmung nach außen. Insofern gab es kein Tageslicht, und Roger behauptete einst, die nüchterne Atmosphäre gleiche einem Gefängnis. (lacht) Uns stand eine 24-Spur Maschine der Firma MCI zur Verfügung, die zu den besten ihrer Zeit zählte. Darauf nahmen wir „Animals“ auf, und auch Teile der „The Wall“-Produktion sind in der Britannia Row entstanden. Als die Band sich auseinanderlebte, verlor man das Interesse an Britannia Row. Ich habe allen ihre Anteile ausgezahlt, seitdem gehört Britannia Row mir. Unser damaliger Aufnahmeraum ist zu einem Video-Studio umgebaut. Dort werden auch die alten Filmdokumente von und über Pink Floyd archiviert. Und unten, wo ich meine Drums lagere, das ist der originale alte Control-Room. Eventuell werde ich Britannia Row auch wieder in ein Recording-Studio zurückverwandeln. Dann könnte ich hier meine Drums aufnehmen, anstatt die ganzen Kits in der Stadt umher zu transportieren.

Du hast das wundervolle Buch „Inside Out“ geschrieben. Warum? Um die Pink Floyd Geschichte persönlich mal abzuschließen?

Der wahre Grund ist, dass ich einfach gerne schreibe. Ursprünglich stand die Idee im Raum, ein gemeinsames Buch mit allen Mitgliedern von Pink Floyd zu schreiben – so als wirkliches Band-Projekt. Aber das wurde in den Ansätzen schon kompliziert und direkt verworfen. Denn jeder von uns hat seine eigene Sichtweise der Dinge. Das ließe sich niemals vereinbaren. Viele Menschen sind mit unserer Musik aufgewachsen, und es gibt nicht wenige, denen die Platten wirklich etwas bedeuten. Ich empfand es als aufrichtig, ihnen eine Geschichte zu erzählen, die das Bild von Pink Floyd zu vervollständigen versucht. Ich hab hier meine persönliche Sichtweise mit vielen Stories und so manchen wundersamen Erlebnissen einer Pink- Floyd-Chronologie aufgeschrieben.

Ist es eigentlich schwierig, ein ausgeglichenes Leben nach Pink Floyd zu führen?

Wenn ich ein Schwein fliegen lassen möchte, dann mach ich das! (lacht) Für andere mag dies befremdlich sein, doch ich lebe mein Leben so, wie ich es für richtig halte.


Auswahl-Discografie mit Pink Floyd:

The Piper At The Gates Of Dawn

A Saucerful Of Secrets

More (Original Soundtrack)

Ummagumma

Atom Heart Mother

Meddle

Obscured By Clouds (Original Soundtrack)

The Dark Side Of The Moon

Wish You Were Here

Animals

The Wall

Is There Anybody Out There? The Wall Live

A Momentary Lapse Of Reason

Delicate Sound Of Thunder

The Division Bell

Pulse

andere Projekte:

Nick Mason’s Fictitious Sports

Mason & Fenn: Profiles

Wer mehr über Nick Mason und Pink Floyd erfahren möchte, dem sei das Buch „Inside Out“ unbedingt ans Herz gelegt!


Website

www.tentenths.co.uk

Produkt: Sticks 09-10/2019
Sticks 09-10/2019
FREDERIC MICHEL – Modern Pop Drummer +++ YOUTUBE-STARS: Sina Drums; COOP3RDRUMM3R +++ Rockin‘ 1000 +++ Studium an der POPAKADEMIE +++ ZULTAN Heritage Cymbals +++ PEARL Masters Maple/Gum Drums +++ ROGERS Dyna-Sonic Wood Snaredrums

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