Produkt: Sticks 09-10/2019
Sticks 09-10/2019
FREDERIC MICHEL – Modern Pop Drummer +++ YOUTUBE-STARS: Sina Drums; COOP3RDRUMM3R +++ Rockin‘ 1000 +++ Studium an der POPAKADEMIE +++ ZULTAN Heritage Cymbals +++ PEARL Masters Maple/Gum Drums +++ ROGERS Dyna-Sonic Wood Snaredrums
Drummer der eisernen Jungfrau...

Nicko McBrain – einer der Heavy Metal-Gladiatoren im Interview

Als Schlagzeuger der Heavy Metal-Gladiatoren Iron Maiden steht Nicko McBrain für eine ganze Reihe fabelhafter Produktionen. Der gebürtige Londoner kam 1983 zur britischen Metal-Legende, nachdem der bis dahin etatmäßige Drummer Clive Burr die Band wegen anhaltender Drogenprobleme verlassen musste.

(Bild: John McMurtrie)

Die Vita von Nicko McBrain (bürgerlicher Name: Michael Henry McBrain) ist lang und ereignisreich. Aufgewachsen im England der Beatles-Ära spielte der versierte Drummer für eine ganze Reihe namhafter Künstler, darunter Pat Travers („Makin` Magic“, 1976), Roger Chapman`s Streetwalkers und die französische Gruppe Trust. Geboren am 5. Juni 1952 ist McBrain zwar der an Lebensjahren älteste Maiden-Musiker, versprüht aber unglaubliche Vitalität und Lebensfreude, die ihn deutlich jünger wirken lassen. Mit ihm als Drummer produzierte die Band zahlreiche Metal-Klassiker, darunter „The Number Of The Beast“, „Powerslave“, „Seventh Son Of A Seventh Son“ und natürlich auch das brandaktuelle Album „Dance Of Death“.

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Sein Spiel ist nicht übermäßig virtuos, dabei aber unverkennbar und mit einer ganz eigenen Note ausgestattet. Wie formulierte es sein Freund und Bandkollege Steve Harris, Chef der Formation und Autor fast aller wichtigen Band-Hymnen: „Das Faszinierende an Nicko ist, dass er sein Schlagzeug so spielt wie normalerweise nur ein Gitarrist seine Gitarre. Es ist voller Breaks, Läufe, rhythmischer Feinheiten und überraschender Fills.“ Da auch Harris selbst seinen Bass auf ganz ähnlich unorthodoxe Weise bedient (auch er zupft sein Instrument einem E-Gitarristen gleich) gehören McBrain und Harris ohne Frage zu den ungewöhnlichsten Rhythmusgespannen der Welt. Wir trafen den freundlichen und überaus humorvollen Schlagzeuger im Rahmen eines Iron Maiden-Konzertes in der Hannoveraner Eilenriedehalle und erfuhren eine Menge über sein Leben, besondere Vorlieben und seine kleinen Kniffs.

Nicko, wie und wann fanden deine ersten Gehversuche als junger Drummer statt?

Ich begann im Alter von elf, also vor ziemlich genau vierzig Jahren. Meine Einflüsse waren Charlie Watts und Ringo Starr. Der Grund, weshalb ich anfing Musik zu machen, war allerdings ein Typ namens Joe Morello, der damals Drums bei Dave Brubeck spielte und mit „Take Five“ einen Hit hatte. Das war 1963. Ich stand anschließend auf die Musik der Beatles und der Rolling Stones. Ich wollte schon immer ein Rock-Drummer sein und war später fasziniert von The Who und ihrem verrückten Keith Moon. Und es ging weiter: Led Zeppelin mit John Bonham! Charlie, Ringo, Keith und John – ich glaube, diese vier Schlagzeuger sind meine wichtigsten Einflüsse.

Hast du damals Unterricht gehabt?

Nein, ich habe mir alles selbst beigebracht. Ich kannte einen Typen namens Alan Jackson, der mir bei einigen Sachen half. Er spielte in der Band von Mike Westbrook mit Namen Solid Gold Cadillac. Er zeigte mir einige Jazz-Licks. In London kannte ich außerdem jemanden, der in einem kleinen Musikgeschäft arbeitete. Sein Name war Richard Hudson. Er landete schließlich bei The Strawbs, mit denen er quasi Profi wurde. Er lud mich oft in sein Haus ein und ließ mich auf seinem Kit spielen, wenn er im Shop war. Er gab mir zwar keinen regulären Unterricht, aber zeigte mir einige Kniffs. Er besaß ein Premier Resonater Kit, eine tolle Schießbude, die für mich als kleinen Jungen einfach gigantisch klang.

Von wem bekamst du dein erstes eigenes Schlagzeug?

Mein erstes Kit war ein Geschenk meiner Eltern, ein Kit mit der Typenbezeichnung „John Greg Broadcaster“. Es bestand aus drei Teilen, also Bassdrum, Snaredrum und Tom plus einem einzigen Cymbal, das mit einer Halterung auf der Bassdrum befestigt war. Ich behielt das Kit etwa vier Jahre und kaufte mir dann ein Sonor Set. Ein vierteiliges Set mit einer 22″ Bassdrum, einem 16″ Floor-Tom, einem 12″ Tom und einer 14″ x 5″ Snaredrum. Es war dunkelblau und ich erstand es in einem Second Hand Shop in Anfield (Stadtteil in London, Anm. d. Verf.). Jahre später kaufte ich mir in der Danmark Street in London dann ein Hayman Kit. Es hatte mich vorher nicht sonderlich interessiert, aber als ich es zum ersten Mal in Natura sah, war ich total begeistert. Es war silbern. Es gab damals diese Kits sowieso nur in drei Farben: blau, silbern und gold. Es ist ein fünfteiliges Set und ich besitze es noch heute. Ich bewahre es in einem Lager auf.

Was für eine Art Schlagzeuger warst du als junger Bursche?

Meine allererste Band war The 18th Fairfield Walk, eine Coverband, die aus einem Sänger, einem Akustik-Gitarristen und mir bestand. Toni Baxter war der Gitarrist und Mike Davidson der Sänger. Keine Ahnung, wo die Jungs heute geblieben sind. Wir spielten „Under My Thumb“ und eine Menge anderer Coversongs. Meine lehrreichste Zeit war dann mit einer Bluesband. Dazwischen war ich in einer fünfköpfigen Soul- und Funk-Band und wechselte von dort zur Wells Street Blues Band. Hier lernte ich eine Menge über R& B und Blues.

Du sollst ein recht guter Funk-Drummer gewesen sein …

.. ja, das stimmt. Meine Vorlieben galten damals Soul, Pop und vor allem dem Funk. Ich war allerdings immer ein wenig zu laut für diese Art Musik. Das war überhaupt nur der Grund, warum ich später ins HeavyGenre wechselte. Dort nämlich konnte man laut trommeln, die Leute forderten es geradezu, dass man als Drummer richtig heftig auf sein Kit eindrischt. Ich profitierte davon, dass ich unterschiedliche Stile gespielt hatte. Als 21-jähriger wurde ich dann Profi. Ich war mit zwei Songwritern zusammen und wir ergatterten einen Deal mit der CBS, aber nichts funktionierte so richtig. Unser Pianist war Alkoholiker und er hat den Vertrag letztendlich versaut. Aber für irgendetwas ist immer alles gut.

Ich wurde Studiomusiker und schloss mich zwei Typen an, die auch in The Blossom Toes spielten. Wir waren eine eingespielte Rhythmusgruppe und machten den arrivierten Studiomusikern ordentlich Konkurrenz. Ich konnte davon einige Jahre leben und hatte noch diverse Projekte nebenbei.

Du warst bereits einunddreißig, als du zu Iron Maiden kamst.

Stimmt, schon ein alter Knacker! (lacht) Aber ich konnte ihnen mit meiner Erfahrung helfen. Ich hatte mit Pat Travers gespielt und mit den Streetwalkers, der Band von Roger Chapman. Das alles hatte mir Spaß gemacht, doch mit dem Wechsel zu Iron Maiden wurde ich auf einen Schlag wichtiger Bestandteil eines Gesamtkonzeptes. Ich denke, jeder Schlagzeuger könnte das spielen, was ich mache, aber eben nicht auf diese unvergleichliche Weise. Ich habe eine eigene Identität, spiele etwas anders als alle Anderen.

Diese Tatsache trifft auch auf Steve Harris zu, den wohl ungewöhnlichsten Bassisten der Metal-Szene.

In der Tat. Er ist ebenfalls ein ganz eigener Typ und er sagt immer zu mir: „Das Unverwechselbare an dir ist nicht das, was du spielst, sondern das, was du auslässt, die Pausen, die du machst.“ Das Geheimnis bei Iron Maiden basiert auf dem Prinzip des Gesamtteams. Das Grundgerüst sind Schlagzeug, Bass und Rhythmusgitarre. Darüber thront der Gesang, dessen Phrasierungen natürlich auch mein Spiel beeinflussen. Spielt man einen Part vor dem Beat? Zieht man das Tempo an? Ändert man den Groove? Das alles wirkt sich auch auf mein Spiel aus.

Bei anderen Bands habe ich manchmal das Gefühl, jeder zieht sein eigenes Ding durch. Bei Iron Maiden ist es eine Team-Angelegenheit. Ich bin der Torwart und Steve Harris treibt den Ball nach vorne. Die Art, in der er seinen Bass zusammen mit den Drums strukturiert, macht letztlich den Song aus. Ein gutes Beispiel ist „When Eagles Dare“. Ich könnte die Parts mit einem ganz anderen Groove spielen, mit einer stärkeren Betonung auf Snaredrum und Bassdrum. Aber dann würde es wie Disco klingen und nicht funktionieren. Weil Steves Basspart den Song ausmacht und er gleichzeitig Rhythmus und Melodie vorgibt, folge ich ihm mit meinem Kit. Ich sehe es als wirkliches Geschenk an, Abend für Abend mit diesem phantastischen Jungen auf der gleichen Bühne zu stehen.

Bedeutet dies, dass Powerchords und Solo-Melodien für dich keine Orientierung darstellen?

Doch auch, aber sie sind sozusagen die Sahne auf dem Kuchen. Sologitarre und Gesang kreuzen den Rhythmus und machen die Musik lebendig.

Wenn dein Stil sich auch am Gesang orientiert, hast du dann zu Zeiten von Blaze Bayley einen anderen Stil getrommelt?

Nein, denn die Phrasierungen in Blazes Gesang waren denen von Bruce ganz ähnlich. Natürlich singt er tiefer und mit einem anderen Ton. Aber das ist für mein Spiel nicht so entscheidend. Der Ausdruck, die Intonation und die Phrasierungen sind es, die mich folgen lassen. Und dann gibt es eben in allen Songs die Eckpfeiler, die man jeden Abend gleich spielt, egal welcher Sänger sie singt. Man nimmt einen Song im Studio auf und merkt dann anschließend, welches die markanten Stellen sind. Und die spielt man dann eben immer exakt gleich.

Hast du dich über all die Jahre noch technisch verbessert?

Sicherlich, aber ich schaue nicht zurück. Ich glaube, das wäre der falsche Ansatz. Ich schaue nach vorne, mich interessiert nur die Zukunft. Wenn ich ein und dieselbe Sache immer und immer wieder machen würde, wäre ja keine Entwicklung zu erkennen. Nimm einmal Songs wie „Hallowed Be Thy Name“ oder „The Trooper“, die wir vor fast zwanzig Jahren geschrieben haben. Natürlich spiele ich sie vom Grundansatz her noch immer ähnlich, aber niemals gleich. Damals habe ich mein Bestes gegeben und das tue ich auch heute noch. Allein dadurch entstehen schon kleine Veränderungen am Arrangement.

Das Grundgefühl ist also noch das Gleiche?

Ja, ohne Frage, aber die Akzente z. B. sind andere. Ich habe mich genauso weiterentwickelt wie die gesamte Band. „Dance Of Death“ ist ein sehr progressives Album und reflektiert die Ära, in der wir aufgewachsen sind. Wir sind reifer geworden, aber eben noch die gleichen Charaktere wie vor 25 Jahren. Manche Leute vergleichen einige neue Songs wie „Paschendale“ mit „Alexander The Great“. Wir tun das nicht. Für uns sind es neue Ansätze. Wir merken selbst, ob etwas funktioniert oder nicht, ob wir uns nur wiederholen oder uns weiterentwickeln. Die Fans dürfen Songs unterschiedlicher Phasen miteinander vergleichen. Wenn sie sagen, Songs auf „Dance Of Death“ klingen wie eine Weiterentwicklung von „Blood Brothers“ oder ähnlichem, dann ist es okay, auch wenn ich selbst das nicht so sehe. Mich interessiert immer nur der aktuelle Moment und die Tatsache, dass jedes Album das Beste ist, das wir zum entsprechenden Zeitpunkt machen konnten.

Das bedeutet, die Grundarrangements aller Songs sind live so wie die der Originale?

Eigentlich schon. Lediglich bei „Lord Of The Flies“ haben wir das Ende verändert, um den Song dramatischer zu machen und Bruce dazu singen zu lassen. Ich erwische mich allerdings manchmal dabei, dass ich kleine Breaks oder Fills anders spiele und mich dann darüber ärgere, dass ich diese Parts nicht schon früher so gespielt habe. Meine Meinung ist: Wenn man ein bestimmtes Arrangement gefunden hat, muss man es beibehalten. Das machen meines Erachtens viele Drummer falsch. Sie fangen plötzlich an, irgendein Billy Cobham-Fill einzufügen und verändern damit die Charakteristik des Songs. Das Einzige, was sich bei uns jeden Abend ändert, sind die Enden der Songs. Wenn wir den Song „Iron Maiden“ spielen, zelebriert Bruce das Ende so richtig dramatisch. Er singt, ich schlage die Cymbals an, er wiederholt eine Zeile und ich spiele einige Flams auf der Snaredrum, er pusht das Publikum hoch und ich lass die Bassdrum donnern. Oder bei „Lord Of The Flies“, da gehe ich am Ende über das gesamte Drumset, von links oben nach rechts unten, von rechts unten nach links oben. Ich versuche jedes Cymbal zu treffen, haue aufs China, knalle in die Snaredrum, spiele Triolen auf der Bassdrum, nichts wird am Ende des Songs ausgelassen, und dann kommen die beiden Flams auf der Snaredrum als Zeichen für die Anderen, dass der Song vorbei ist.

Kann es sein, dass dieser doppelte Flam grundsätzlich das Endzeichen eines jeden Iron Maiden Songs ist?

Ja, das hast du gut beobachtet. Es ist immer das Zeichen, egal was vorher passiert ist. Ich könnte ein 20minütiges Schlagzeugsolo einstreuen, die Anderen warten immer auf den doppelten Flam auf der Snaredrum als Zeichen fürs Ende.

nico-mcbrain-interview
(Bild: Matthias Mineur)

Spielst du im Studio mit Clicktrack?

Nein, niemals. Ich habe ein Metronom, mit dem ich bei den Vorbereitungen zur Studioproduktion das Tempo festhalte. Jeder Song benötigt ein bestimmtes Tempo, damit er wirkt. Spielst du ihn zu langsam, hängt er durch, spielst du ihn zu schnell, ist der Groove futsch. Deshalb probieren wir es beim Proben aus und legen ein bestimmtes Tempo fest. Wir nennen dieses Optimum dann „The X-Factor“. Das habe ich auf „Dance Of Death“ bei allen Songs gemacht, mit Ausnahme von „Wildest Dream“.

Da ihr den Song schon vorher auf Tournee getestet hattet?

Genau, und außerdem ist es der Opener des Albums. Manchmal kommt es nicht so ganz genau aufs Tempo an. Ich bin keine Maschine, die immer im gleichen Tempo spielt. „Wildest Dreams“ gehört zu jenen Songs, die durchaus mal etwas schneller gespielt werden dürfen. Aber bei „Paschendale“ beispielsweise muss ich mich genau am Intro orientieren, das sich vier Mal wiederholt. Es sind insgesamt fünf Durchgänge bevor ich mit der Hi-Hat einzähle. Da muss ich mich ganz genau am Tempo des Intros orientieren. Dann kommt da dieser Mittelteil, der wieder sehr atmosphärisch ist, und ich schaue auf mein Metronom, um das Tempo zu kontrollieren. Alle neuen Songs sind per Metronome festgelegt, vom Anfang bis zum Ende. Bei „Journeyman“ ist das Tempo sehr entscheidend, weil der Rhythmus nur auf Bassdrum und Hi-Hat basiert. Wenn es also zu langsam ist, dann swingt es nicht. Wenn man zu schnell spielt, dann verliert der Song den Groove.

Erstaunlich ist aber, dass bei euch während der Gitarrensoli fast immer das Tempo anzieht.

Ja, das stimmt. Wir gehören zur Garde der old school, bei der ein Solo immer etwas an Tempo zulegt. Ich kann dir nicht sagen, warum das so ist, es passiert intuitiv. Normalerweise sind wir beim Intro, in der Strophe und der Brridge noch immer ziemlich genau im Tempo. Dann kommt der Refrain und wir ziehen schon ein bisschen an, um beim Solo dann richtig loszulegen. Die Soloparts sind fast immer schneller als der Rest des Songs. „Hallowed Be Thy Name“ ist da das beste Beispiel. Drei Soli mit phantastischer Energie, das schreit förmlich danach, rasant gespielt zu werden!

Es gab auch schon mal Kritik an dir, weil du bei Songs – wie die Engländer sagen – zum overplaying neigst. Hat dich das geärgert?

Overplaying ist ja eher, wenn man die Fills zu voll stopft. Und das habe ich ja nie gemacht. Hör dir nur einmal „Fear Of The Dark“ auf der Bühne an. Ich spiele jeden Abend die gleichen Fills, Nacht für Nacht. Das Gleiche gilt für „Number Of the Beast“. Es handelt sich um Fills und Breaks, die so charakteristisch für einen Song sind, dass man sie nicht ändern darf. Wenn ich diese ändern würde, könnte man mich des overplaying bezichtigen. Das aber mache ich nicht. Die einzigen overplayings, wenn überhaupt, sind am Ende der Songs.

Auf welche Songs des neuen Albums „Dance Of Death“ bist du besonders stolz?

Oh, schwer zu sagen. Ich finde sie allesamt großartig. Die beiden Opener sind toll, dann kommt mein Song „New Frontier“, eine sehr straighte Rock-Nummer. Die geht nur „one-two-three-four, I´ll meet you at the end“! Nichts ist kompliziert, ein sehr simples Arrangement. Dagegen stehen Songs wie „Dance Of Death“, „No More Lies“ oder „Paschendale“, bei denen es unglaubliche Veränderungen innerhalb des Arrangements gibt. Geradezu orchestrale, epische Passagen, die man in einem richtigen Symphonieorchester nur mit einem Dirigenten zustande bringen würde. Das Tempo würde sich da wohl ausschließlich nach dem jeweiligen Gefühl des Dirigenten richten.

„New Frontier“ ist deine allererste Komposition für Iron Maiden.

Ja, das stimmt. Ich bin sehr glücklich darüber, aber ich bin auf die anderen Songs genauso stolz. „New Frontier“ kann mit den übrigen Songs des Albums mithalten, und das allein macht mich sehr glücklich. Ich bin ebenso stolz auf „Journeyman“, die Akustik-Nummer. Die Hi-Hat läuft komplett über Sechzehntel, ich spiele das übrigens live genauso. Ich bin allgemein sehr zufrieden mit „Dance Of Death“, da ich bei den beiden vorherigen Scheiben „Virtual XI“ und „Brave New World“ das Schlagzeug zu laut fand.

Ein Drummer findet sein eigenes Schlagzeug zu laut? Erstaunlich!

Ja, weil es auf Kosten des Gitarrensounds ging. Ich habe das Kevin Shirley (Produzent von „Brave New World“ und „Dance Of Death“) gesagt, und er hat darauf reagiert. Wir hatten die Drums mit Pro Tools gesamplet und dachten, dadurch bessere Möglichkeiten zu haben, die Drums im Gesamtsound unterzubringen, ohne dass sie zu schlapp oder zu mächtig klingen. Diesmal hat Kevin bei jedem Song zunächst die Drums gemischt, mit nur wenig Kompression des Sounds. Manchmal ließ er die Snaredrum lauter klingen, ein anderes Mal zog er die Overhead-Mikrophone weiter auf, immer wie es der jeweilige Song benötigte. Wenn du dir das gesamte Album anhörst, wirst du die unterschiedlichen Drum-Mixe merken. Ich bin wahnsinnig stolz darauf und wünschte, wir würden noch mehr Songs davon live spielen, wie etwa „Montsegur“ oder speziell „Face In The Sand“ …

… nebenbei bemerkt die erste und bislang einzige Nummer, in der du ein Double-Bassdrum-Pedal einsetzt.

Das stimmt. Der Double-Bassdrum-Part basiert auf Sechzehnteln. Der Part geht über mehrere Strophen und Refrains bis zum Solopart, bei dem dann der Double-Bassdrum-Part unterbrochen ist. Normalerweise würde ich dieses Double-Bassdrum-Tempo mit dem Single-Pedal nur maximal über zwei Strophen und eineinhalb Refrains durchhalten bis mein Bein abfällt. Das wurde im Studio zum Problem, denn eigentlich hätte ich den Song nur zur Hälfte durchspielen können. Man schlug mir vor, ein bisschen zu mogeln, um die Sache aufzunehmen. Aber das wollte ich eigentlich nicht. Ich sagte ihnen: „Ich werde nicht mogeln, entweder ich kann es oder ich kann es nicht.“

Du sollst im Studio einige heftige Diskussionen mit Kevin Shirley gehabt haben?

Mit „Diskussionen“ ist der Disput noch gelinde ausgedrückt. Wir versuchten den Song aufzunehmen, doch Kevin unterbrach: „He, ihr spielt neben dem Timing!“ Ich sagte: „Nein, du irrst, die Band ist okay, ich bin nicht im Timing.“ Er sagte: „Na, dann los, gib dir mal Mühe!“ Ich sagte: „He Kevin, ruhig Blut. Ich habe noch nie mit einem DoubleBassdrum-Pedal gespielt. Gib mir etwas Zeit.“ Das Problem war zudem, dass ich eigentlich mit dem linken Fuß anfangen musste, bei den Übergängen aber ständig in einen Gegenrhythmus geriet. Das lag natürlich auch daran, weil ich nicht ausreichend geübt in solchen Parts bin. Ich hätte eigentlich besser mit dem rechten Fuß anfangen sollen, das aber wiederum konnte ich nicht, ohne völlig das Gefühl für den Song zu verlieren. Also fing ich wie gewohnt mit dem linken Fuß an und mogelte ein klein wenig bei den Fills und Breaks. Ich gebe es zu: Ja, wir haben ein klein wenig gemogelt.

Und wie?

Das sage ich nicht! Das kann jeder selbst versuchen herauszufinden! (lacht) Übrigens ist „Face In The Sand“ das klassische Beispiel für einen Iron Maiden-Song, bei dem sich das Tempo verändert. Dieser Song orientiert sich komplett an den Gesangsphrasen. Der Song beginnt mit dem Intro, dann setzt der Snaredrum-Beat ein, dann kommt ein Ride-Cymbal dazu, und wir sind immer noch im gleichen Tempo. Dann kommt die Strophe und das Tempo zieht an. Nur ein klein wenig, aber so, dass es dem Gesang gut tut. Das Tolle daran ist, dass es wunderbar funktioniert. Als wir die Aufnahmen zum ersten Mal hörten, meinten die Anderen: „Das ist irgendwie nicht genau im Tempo, nicht ‚The X-Factor’.“ Ich fragte: „Was meint ihr? Der Groove ist doch perfekt, es ist genau das Tempo, die Veränderung, die der Song braucht.“ Sie sagten: „Ja, aber hör dir das Intro an und jetzt den Refrain, das sind doch unterschiedliche Tempi.“ Ich dazu: „Mag ja sein, aber das ist doch ganz natürlich, weil der Song diese Schwankungen braucht.“ Als dann alles aufgenommen war, die Gitarren, der Bass, der Gesang, da konnten es alle hören, dass es genau richtig war, die Drums so zu spielen.

Bei „Face In the Sand“ spielte ich also ein DW-Double-Bassdrum-Pedal, das ich noch nie zuvor eingesetzt hatte. Das war schon eine wirklich außergewöhnliche Erfahrung für mich!

Produkt: Sticks 09-10/2019
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FREDERIC MICHEL – Modern Pop Drummer +++ YOUTUBE-STARS: Sina Drums; COOP3RDRUMM3R +++ Rockin‘ 1000 +++ Studium an der POPAKADEMIE +++ ZULTAN Heritage Cymbals +++ PEARL Masters Maple/Gum Drums +++ ROGERS Dyna-Sonic Wood Snaredrums

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