Groove Burner

Simon Gattringer im Interview

Simon Gattringer

Ein neuer Stern mischt die deutsche Popszene auf! Jahre hat er damit verbracht, seinem Profil Konturen zu verleihen. Und Advanced-Tricks spieltechnischer Raffinessen wurden Nerd-mäßig gefressen. Von A bis Z. Auch in der virtuosen Fusion-Welt hat sich Simon Gattringer ausgetobt, um letztlich festzustellen, dass er im Grunde seines Herzens Pop-Drummer ist.

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Seine Liebe zum Backbeat und das klare Verständnis einer aufgeräumten Groove-Ästhetik haben ihn dorthin geführt, wo er jetzt ist: Tour-Drummer der Johannes Oerding Band und damit Sideman eines aufstrebenden deutschen Topacts. Der Österreicher Simon Gattringer hat durchaus das Zeug, einer der „First Call“-Drummer der jungen Schlagzeugerkultur zu werden. Wir trafen ihn während der „Alles Brennt“-Tour im Frühjahr 2015.

Simon, wie wird man Drummer bei Johannes Oerding? Eine ausgedehnte Tour mit rund 100 Terminen und Festival-Gigs – hast du die Glücksfee getroffen?

Simon Gattringer: (lacht) Dass ich bei Johannes Oerding gelandet bin, das verdanke ich Jost Nickel, der mich anfangs als Sub in die Band brachte. Und in weiterer Folge dann Johannes selbst, da er sich für mich entschieden hatte, als er einen neuen Drummer suchte. Jetzt bin ich fest dabei, und für mich als Freelancer ist das natürlich der Wahnsinn, nun so ein Hauptprojekt zu haben!

Wir reden hier von einem deutschen Pop-Act, und Johannes Oerding scheint auf dem besten Weg in die oberste Pop-Liga zu sein. Hat dich Popmusik immer schon interessiert?

Simon Gattringer: Ich bin von Grund auf ein sehr Backbeat-orientierter Drummer. Zwar komme ich aus diesem Tony-Williams-Fusion-Zeug, hab da ganz viel gecheckt, mich später mit Funk-Beats beschäftigt und mich dann auch mit dem ganzen Gospel- Drumming-Wahnsinn aus – einandergesetzt. Auch hab ich Jazz studiert, aber ich bin weder ein Jazztyp noch ein wirklicher Fusion-Spezialist. Ich stehe total auf Groove- Musik, auf Backbeats. Ich brauch das und will diesen „Zwei und Vier“-Puls spüren.

Weil darin eine besondere Kraft steckt?

Simon Gattringer: Es geht um Groove-Schwerpunkte! In der Popmusik ist es der Backbeat mit „Zwei“ und „Vier“. Andere Kulturen haben andere Akzente in ihren Rhythmen. In Nordafrika zum Beispiel, in Marokko und auch in Algerien gibt es traditionelle Gnawa-Rhythmen, bei denen die Bassdrum auf der zweiten Triole von der „Zwei“ und vor der „Vier“ gespielt wird. Aus der Sicht eines Europäers scheint der Schwerpunkt dabei verschoben. Grundsätzlich finde ich alle Grooves ansprechend, bei denen diese rhythmische Konstante spürbar ist.

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Für mich ist das die Erdung des Grooves. Und damit hat man Referenzpunkte, die Groove-Dynamik und Feel ermöglichen. In offener Musik – also im jazzigen Bereich – sind diese Definitionen weniger eindeutig, was für mich als Schlagzeuger dann auch nicht so spannend ist. Ich brauch dieses „Pocket Feel“, das Prickeln zwischen Bass und Schlagzeug. Und das spürt man vor allem in einer Musik, die über Groove-Schwerpunkte verfügt. Auch wenn ich mir gerne Ausflüge leiste in die verspielteren Welten des Hip Hop oder der Electro-Beats, so bin ich am Ende des Tages ganz klar ein Pop- Trommler.

Du hast von Anfang an alles auf eine Karte gesetzt, mit der klaren Zielsetzung, Profi-Drummer zu werden?

 Simon Gattringer: Es war immer die Traumvorstellung, mit dem Schlagzeug meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich kann mich noch sehr gut an meine ersten Auftritte erinnern, als ich dann plötzlich Geld bekam – Geld für das Schlagzeugspielen: Diese Kombination fand ich einzigartig. Ich hatte nie den Wunsch, in einem normalen Job aufs Wochen – ende hinzuarbeiten.

Simon Gattringer live

Gehört da auch ein bisschen Naivität dazu? Nicht jeder Künstler kann von seinen Erfolgen auch leben, und die Gefahren im Haifischbecken des Musikbusiness sind ja nun bekannt.

Simon Gattringer: Man muss sich natürlich des Risikos bewusst sein, zudem ich ja der totale Freelancer bin. Ich unterrichte auch nicht, jedenfalls nicht regelmäßig. Als freischaffender Drummer steht man in der eigenen Verantwortung und muss das Ding selbst schaukeln. Als ich diese Entscheidung traf, hab ich total Gas gegeben. Nach dem Studium bin ich über London und New York durch den „Popkurs“ nach Hamburg gekommen. Wäre ich nicht aus Österreich weg, dann wäre das mit Johannes Oerding nie passiert. Wichtig ist der eigene Wille. Und wenn der da ist, dann kriegt man das auch hin. Momentan läuft’s für mich ja super. Das gibt mir ein bisschen Rückendeckung für meine anderen Projekte, die nicht dieses wirtschaftliche Standbein haben. Ich kann also beruhigt auch meinen eigenen Kram machen, zum Beispiel mit meinem Percussion & Drums Duo Dreschheads arbeiten.

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Um sich als Drummer einen Namen in der Szene zu machen, braucht man das gewisse Etwas – das starke Profil einer eigenen Spielart. Dann wird man interessant und von Artists gebucht. Inwieweit hast du dir diese Thematik bewusst gemacht?

Simon Gattringer: Sicherlich muss man für sich selber eine Aussage treffen können, was eine bestimmte Spielart angeht. Wäre ich jetzt der totale Fusion- oder Straight-Ahead-Jazz-Typ, dann hätte ich diesen Popmusik-Gig bestimmt nicht bekommen. Als Trommler sollte man auch für einen bestimmten Sound stehen. Außerdem glaube ich, dass man ein gewisses Gimmick in seinem Groove haben muss. Ich meine damit diese Unverkennbarkeit, die ein bestimmtes Groove-Feel ausmacht. Drummer wie Jost Nickel, Wolfgang Haffner, Ralf Gustke z. B. haben genau dieses spezielle Gimmick. Es hat damit zu tun, wo jemand den Backbeat setzt, wie laut die Ghost-Notes sind oder wie man den Abstand zwischen Bassdrum- und Snare-Beats gestaltet. Hierdurch entwickelt sich ein bestimmtes Flair und dadurch wird jemand erkennbar, ohne dass man dieses Phänomen genau beschreiben könnte.

Simons Top Alben

Es braucht eine gute Portion an Fantasie, um Grooves im Pop- Kontext interessant zu gestalten. Was sind deine Rezepte?

Simon Gattringer: Kreativität darf man nicht mit der Anzahl von Noten verwechseln. Wesentlich in einer Pop-Band ist die Frage der Dynamik, die sich eng an die Art und Weise knüpft, wo und wie man eine Note platziert. Ein Groove lebt und stirbt hier mit dem richtigen Sound. Das ist etwas, das geil und ungeil unterscheidet. Hinzu kommen die feinen Phrasierungen, und das ist eben das spannende Ding in der Pop- Welt. Die Kreativität ist ganz besonders auf der Feel-Ebene gefordert. Es geht um sehr feine Abstimmungen einzelner Beats – ein hochspannendes Feld, mit dem ich mich zuvor noch nie so intensiv beschäftigt hatte.

Insofern ist diese ausgecheckte Pop-Drumming-Welt also Neuland für dich?

Simon Gattringer: Ja und nein, denn ich bin ja auch einigermaßen im Studio tätig, und da beschäftigt man sich halt auch mit diesen subtilen Dingen. Allerdings hat man beim Groove-Design viel mehr Zeit. Man kann etwas checken, sich mit dem Produzenten abstimmen und kommt dann step by step zum Ergebnis. Es ist eine total andere Baustelle. Denn in der Live-Situation müssen die Dinge auf der Bühne greifen. Und zwar sofort und am besten sattelfest! Das lässt sich nicht auf den nächsten Gig vertagen.

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Insofern ist diese intensive Auseinandersetzung mit Details, zumindest auf den Live-Kontext bezogen, in gewisser Weise Neuland. Wir machen jeden Abend einen Live-Mitschnitt, und jeder Gig wird analysiert. Beim nächsten Soundcheck proben wir dann die Details und checken selbst die kleinsten Kleinigkeiten aus. Selbst wenn die Grooves eher einfacher sind, so liegt die Herausforderung im analytischen Detail. Es ist eine ganz andere Art der Konzentration.

Du machst nicht den Eindruck, als würde dich dieser Gig unterfordern?

Simon Gattringer: Auf keinen Fall! Man muss gerade hier sehr stark für die Musik spielen und mit der Band atmen. Das ist total super, zumal es sich von Abend zu Abend immer mehr entwickelt. Das ist schon ein tolles Gefühl, Teil eines wachsenden Prozesses zu sein.

Simon Live 2

Bei aller Spiel-Power haben deine Drum-Grooves diese dynamische Eleganz. Sind das die kleinen Geheimnisse, die das Spiel eines Schlagzeugers so spannend machen?

Simon Gattringer: Ich denke mal, dass das Hi-Hat-Spiel in einer eher statischen Pop-Musik ein extrem wichtiger Faktor ist, um Groove-Dynamik zu definieren. Während Kick/ Snare-Beats eher konstant ausgerichtet sind, besitzt die Hi-Hat einen erheblichen Dynamik-Faktor. Und Dynamik erreiche ich in großem Maße über die Art und Weise des Hi-Hat-Spiels, über Phrasierungen und Akzente. Zudem sind hier die Hats im Livemix sehr präsent, so dass auch ganz feine Stick-Sachen gut funktionieren. Das gibt dem Groove einen total edlen Touch. Die Dynamik des Hi-Hat-Spiels macht die Größe aus. Natürlich braucht man eine gute Pop- Hi-Hat, die das mitmacht, die sowohl Prügelbeats aushält als auch ganz feine Dinge überträgt und somit die dynamische Bandbreite besitzt.

Welche Hi-Hats setzt du denn ein, die das können?

Simon Gattringer: Es sind die 14″ Byzance Traditional Medium Hats. Sie sind relativ trocken, haben einen feinen Attack bei feinen Stickings und werden nicht zu laut, wenn ich reindresche. Auch halboffen gespielt machen sie eine gute Mischung, ohne zerstörerisch zu werden.

Favoriten

Gab es eigentlich eine Ansage vom Chef, als du den Drummer- Posten übernommen hast? Ein No-Go?

Simon Gattringer: … ähh … (lacht) … Johannes steht auf erdige Trommler à la Steve Jordan, so in diese Richtung. Und viele Noten mag er generell nicht. Am Anfang wurde ich auch mal zurückgepfiffen mit der Ansage, ich solle doch an der einen oder anderen Stelle mal weniger spielen. Nur manchmal explodiert bei mir dann doch ein Fill heraus, was von der Dramaturgie etwas zu viel des Guten ist. (lacht) Wir haben aber ein sehr gutes Verhältnis, auch das gesamte Band-Gefüge ist sehr freundschaftlich.

Johannes hat in seiner Musik echt den Durchblick. Er schreibt die Songs ja auch selber und ist auch im Produktionsprozess dabei. Er weiß also, was er tut. Insofern sind seine Kritiken handfest und für mich als Sideman auch wertvoll, weil ich konkrete Aussagen konkret umsetzen kann. Was wir machen, ist Popmusik, abgedrehte Schlagzeugtechnik braucht hier keiner. Auf die Drums bezogen geht es hier vor allem um Sounds, Timing und Phrasierungen.

In gewissem Maße also auch um Groove-Ästhetik …

Simon Gattringer: …und um die Tricks, simple Grooves auf den Punkt zu spielen, aber immer im richtigen Feel! Du kannst eine Nummer komplett zerstören, wenn du eigentlich alles richtig machst, aber in den Nuancen nicht das Feel rüberbringst. Man muss in der Lage sein, schnelle Pop-Nummern frisch zu machen und langsame Tempi schwer zu nageln. Die Nuancen machen es aus, ob das Ding groovt oder nicht!

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Zum Beispiel die Snare-Beats ein kleines Stück mehr nach hinten oder vorne im Verhältnis zum Click zu spielen?

Simon Gattringer: Es ist nicht unbedingt meine Passion, vereinzelte Noten im Groove zu verschieben. Denn wenn man die Snare ein Stückchen weiter hinten spielt, dann rückt meiner Meinung nach das ganze Groove-Konstrukt nach hinten, weil es sich homogen dorthin dehnt. Und das muss mit der Band in einem Guss funktionieren. Sonst schlägt bei mir die innere Uhr verrückt. (lacht)

 

Wie du schon sagtest, ist Sound auch ein Faktor, der im Pop- Kontext entscheidend ist.

Simon Gattringer: Ganz wichtig! Johannes Oerding steht auf Vintage-artige Trommel- Sounds, sehr trockene, rockende Dinger. Am liebsten immer ein Handtuch über der Snare. So vintage-vintage! (lacht) Mein Set ist entsprechend gestimmt und präpariert, mit recht trockenen Toms, einer fast toten 2nd Snare plus einer Medium Pop Snare. Alles passend zu dieser Musik. Die Drums auf dem Album sind dahingehend ja auch produziert. Somit befasst sich ein guter Teil des Soundchecks mit meinem Drumsound. Es gehört zum Job, dass man sich mit Drum-Tuning auskennt, denn es gibt immer mal wieder Wünsche seitens des Künstlers oder der Tontechnik. Man muss sein Handwerkszeug kennen und wissen, wie man ein Kit auf die Raumakustik stimmt.

Unser FOH-Mann benutzt keine Gates für die Drums. Das Kit soll nicht nur im In-Ear-Monitor gut klingen, sondern natürlich auch draußen! Und da muss man wissen, wie Tuning funktioniert und an welchen Schrauben man wie zu drehen hat. Diese Sache wird bei Trommlern oft vernachlässigt. Tuning ist fast immer so ein schwarzer Fleck! (lacht) Aber ich interessiere mich sehr für dieses Thema, und es war mir vor langer Zeit schon ein echtes Anliegen, das mal physikalisch zu analysieren. Also hab ich mich mit der Physik der Trommel auseinandergesetzt.

Gab es dabei spannende Erkenntnisse und auch Überraschungen?

Simon Gattringer: Drum-Tuning muss man in Abhängigkeit zur Raumakustik bewerten. Das bringt es nämlich auf den Punkt. Meine Quintessenz aus den Untersuchungen war, dass eine Trommel noch so gut sein kann, aber wenn der Raum scheiße klingt, dann kann man mit dem besten Tuning nur bedingt was ausrichten. Ich hatte mich mit verschiedenen Raumsituationen beschäftigt und deren Beschaffenheit in den Dialog zum Drumsound gesetzt. Dabei ging es auch um den Sweet Spot im Studio …

… also wo und wie das Drumset und die Mikrofone aufgebaut werden …

Simon Gattringer: … dadurch kann man einiges bewirken – gerade auch bei Bassdrums, um Frequenzen auf die Umgebung auszurichten. In den meisten Fällen wird das Set ja einfach so im Proberaum gestimmt und dann ist man im Studio oder auf einer Bühne, und das Schlagzeug klingt komplett anders. Es ist eben der Raum, der einen großen Einfluss auf den Drumsound nimmt.

Live

Wie gehst du auf Tour mit diesem Sound-Phänomen um? Ihr spielt ja vorwiegend in größeren Clubs und weniger in Hallen.

Simon Gattringer: Snares sind meistens unanfälliger, aber Toms und Bassdrum muss ich fast jeden Tag neu tunen. In Tausender-Clubs lässt sich der Drumsound noch wunderbar kontrollieren, aber je größer die Halle wird, desto schwieriger ist die Sache. Gerade im In-Ear-Monitor wird es schwierig, wenn man in Hallen die Reflexionen der gegenüberliegenden Wand hört. Beim Soundcheck ist das meistens der Oberwahnsinn. Abends mit Publikum ist es dann nicht mehr so schlimm. Aber da müssen alle durch … (grinst)

Drumsound verknüpft sich auch damit, mit welchem Touch man das Instrument spielt. Hat sich dein Approach durch die Johannes- Oerding-Tour geändert?

Simon Gattringer: Ich spiele sicherlich anders in diesem Projekt, weil ich eben weniger Noten spiele als sonst. Dadurch klinge ich aber nicht anders. Es fühlt sich trotzdem anders an. Aber es ist keineswegs so, dass ich mich hier verbiege. Wie ich spiele, das entspricht meinem Naturell. Ich knall hier ziemlich rein. Vor allem die Snares muss man erdig und knackig spielen. Da wird schon ziemlich reingeholzt.

https://www.youtube.com/watch?v=Mfo3euooyxgs drumset

Wie ist es dir eigentlich ergangen, als du nach Hamburg kamst? So schnell kommt man als Neuling ja nicht in eine Szene rein, oder?

Simon Gattringer: Das stimmt. Im ersten halben Jahr war das auch nicht einfach. Ich hatte nichts zu tun, und meine Ersparnisse wurden immer weniger. Aber ich habe nicht auf irgendetwas gewartet, sondern die Dinge selber in die Hand genommen. Man muss versuchen, Türen zu öffnen. Irgendwie spürt man, dass da oben im Norden ein anderer Wind weht als in Österreich. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl von einer Szene, es gab da eine Community, und es passierte etwas. Ich spiele dann mit Ingolf Burkhardt, dem Leadtrompeter der NDR Bigband, oder z. B. mit Salt, dem Carribean-Jazz-Projekt des Orgel-Virtuosen Lutz Krajenski. Und auch eigene Projekte entstanden, wie z. B. BSeite – HipHop-orientierte Musik mit Elektro-Touch.

Unser Pianist arbeitet im Boogie Park Studio eng mit dem Produzenten Andreas Herbig zusammen. Über diesen Weg bin ich in die Studioszene reingerutscht, und plötzlich entstanden auch Aufträge im Studio. Zurzeit arbeite ich ab undzu für Andreas Herbig, hab letztens für Joy Denalane was eingespielt und auch das kommende Max-Mutzke-Album eingetrommelt. Das ist ja schon eine gute Referenz. Mit BSeite sind wir jetzt ein bisschen die Studio-Backing-Band geworden. Das ist natürlich klasse, weil wir dadurch Jobs bekommen und als Band auch teils die Songs mitent – wickeln können. Zudem bin ich durch Jost Nickel auch gut gefeatured worden, und er hat mich als Sub auch bei Jan Delay reingebracht.

Mal eben den Platz von Jost Nickel einzunehmen, das zeugt schon von starkem Selbstbewusstsein.

Simon Gattringer: Zweimal konnte ich Jost bisher vertreten, einmal bei einem Konzert auf der Reeperbahn in Hamburg, und das zweite Mal war es ein Fernseh-Gig fürs ZDF.

Setaufbau

Fernsehen war dann Playback?

Simon Gattringer: Es war Halb-Playback und ich spielte zur originalen Studioversion, die Jost eingetrommelt hatte. Das war nicht nur „buff-zack“, sondern es gab einige tricky Jost-Nickel-Fills, und die hatte ich 1:1 transkribiert. Ich wollte es richtig authentisch aussehen lassen und hab jedes Detail auch haargenau mitgespielt. Im Fernsehstudio hatte Jan live gesungen sowie die drei Backing-Mädels auch, und die Bläser haben live noch über das Playback gespielt, wodurch ein gewisser Livetouch entstand. Auf jeden Fall war es eine große Nummer. Und für mich auch ein Ritterschlag!

Glaubst du, dass sich die Erfahrungen der letzten Jahre auf deinen Sound bzw. deinen Drum Approach abgefärbt haben?

Simon Gattringer: Erfahrungen im Studio, aber auch jetzt die Tour mit Johannes Oerding bewirken ganz automatisch einen Wandel. Das hat nichts mit Quantensprüngen zu tun. Aber ich denke schon, dass sich mein Sound entwickelt hat und dass ich in der musikalischen Aussage konkreter geworden bin. Willkürlich war das bei mir sowieso nie, aber Details erhalten mehr Schärfe. Gewisse Dinge kann man nicht üben, denn sie beruhen auf Entwicklungsprozessen, die auf der Bühne und im Studio stattfinden. Früher habe ich mich eher über die technische Spielstärke definiert und darin auch ein persön – liches Ego gesehen.

Diesen künstlerischen Anspruch kann ich heute weitgehend abschalten und mich auch mal voll in den Dienst einer Sache stellen. Es geht ja nicht um Selbstdarstellung – schon mal gar nicht als Sideman in einer Band. Heute beurteile ich mein Spiel aus der Gesamt – perspektive oder aus Produzentensicht. Dann weiß ich, dass es passt. Und busy Grooves spielen oder mal wieder richtig alles zuballern, das kann ich in meinen „privaten“ Band-Projekten.

Freelancer zu sein heißt eben auch, sein Ego zurückschrauben und sich in den Dienst einer Sache stellen?

Simon Gattringer: Vor allem muss man kritikfähig sein und sich auch mal von seinem eigenen Standpunkt wegbewegen lassen. Dies betrifft auch das Thema Drumsound. Was nutzt es, ein open Jazz-Tuning zu verteidigen, wenn dieser Drumsound beim Pop-Gig völlig fehl am Platz ist. Neben der Schlagzeugspielerei gehört zum Freiberuflichen auch die menschliche Facette. Du musst in diesem Job ein umgänglicher Typ sein. Man steht zwei Stunden auf der Bühne, aber du bist 22 Stunden am Tag gemeinsam mit dem Tour-Team unterwegs. Der technisch versierteste Spieler und tighteste Groove-Typ zu sein, das reicht nicht.

Du musst zu deiner Studienzeit sehr viel Energie ins Üben investiert haben.

Simon Gattringer: Ja! Ich liebe Schlagzeugüben! Zu meiner Studienzeit hab ich getrommelt, bis der Arzt kommt.

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Und natürlich waren die Übekonzepte durchgestylt?

Simon Gattringer: (grinst) Einer meiner ersten Lehrer war Christian Lettner, der Passport- Drummer. Ihm habe ich viel zu verdanken, gerade was Disziplin betrifft. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie er mich in der ersten Stunde zerlegt hat. Eigentlich war ich überzeugt davon, dass ich mein Zeug schon gut drauf hätte. Aber Christian hat mich regelrecht zurückgeholt. Es war hart am Anfang, aber auch ein zündender Funke. Ich habe viele seiner Funk-Konzepte geübt, und immer wieder jede Menge Spieltechnik mit Tempopyramiden, Timing etc. Eine längere Zeit hab ich mich intensiv auch mit Swing-Patterns befasst und mir die ganzen World-Music-Sachen von Indien über Afrika bis Brasilien reingezogen. Damals verzweifelte ich an dieser Samba-Bassdrum, und ich hatte auch keine Ahnung, wozu das alles gut sein sollte. Diese unterschiedlichen Auslegungen des Bassdrum- Flows rauszukriegen, das war echt Arbeit.

Im Nachhinein bin ich total froh drüber, denn es ist ja nicht so, dass man aus einem Katalog einfach einen Groove auswählt, sondern Dinge wie diese Samba- Bassdrum sich im Unterbewusstsein verankern. Der eigene Horizont vergrößert sich und das färbt letztlich das Feel, die Ausdrucksweise und prägt den Touch eines Spielers. Alles fließt zusammen, und je mehr Ahnung man hat, desto eindeutiger werden musikalische Schattierungen. Dann hab ich mich auch intensiv mit In-Between-Beats beschäftigt und Details ausgelotet, wie man eine Achtelnote breiter spielen oder weniger breit bzw. mehr oder weniger punktiert spielen kann. Die Phase damals, in der ich mir viel Technik reingehauen habe, war nicht umsonst, denn dadurch habe ich ein Niveau erreicht, das so schnell nicht mehr zurückfällt.

Simon Gattringer 2

Ein Sportler trainiert auf verschiedenen Ebenen. Beim Schlagzeuger ist es wohl ähnlich. Welche Ebene ist bei dir gerade aktuell?

Simon Gattringer: Es ist die Timing-Ebene. Ich übe viel zum Click und reduziere die Click-Information immer mehr, so dass ich über vier- oder achttaktige Loops gezwungen bin, ein Tempo richtig zu fressen. Und wenn man dann drin ist, mach ich das Ganze einen Beat langsamer. Und dann spürt man deutlich, was das für einen Unterschied ausmacht. Auf so was hab ich totalen Bock und finde das alles total spannend. Ich mach auch viele Nerd-Sachen als Ausgleich zur Backbeat-Pop- Trommelei.

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Du hast bisher einen straighten und zielstrebigen Weg hingelegt. Wohin wird die Reise gehen?

Simon Gattringer: Auf jeden Fall werde ich mein Projekt Dreschheads mit meinen Freund und Percussionisten Max Grösswang vorantreiben. Denn es geht in diesem Leben auch um künstlerische Verwirklichung. Diese Dinge dürfen in der großen Popwelt nicht in Vergessenheit geraten. Es ist wichtig, ein Ventil zu haben, um sich als Künstler auch zur Gänze ausdrücken zu können. Dreschheads ist ein Projekt, bei dem ich ohne Einschränkung das rauslassen kann, auf was ich Bock habe.

Ich bin gerade total happy so, wie es ist, aber das Schlimmste wäre Stillstand, und wenn alles immer gleich bliebe, da gingen bei mir die Alarmglocken an. Das eigene Herz darf nicht sterben. Deswegen bin ich meinen Traumweg gegangen. Und jetzt kann ich sagen, dass es geklappt hat. Ich finde meinen Beruf grundsätzlich als etwas ganz Besonderes. Für mich ist es eins der schönsten Gefühle, am Drumset zu sitzen und Musik zu machen!

Gattringers Equipment

 

Aus Sticks 06:2015

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Endlich einer der das vor und hinter dem click spielen realistisch sieht ! Und sich auch noch traut das ( wenn auch durch die Blume ) zu sagen!

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