Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
STEWART COPELAND - Orchester-Rausch! +++ LUIS RIBEIRO (The World of Hans Zimmer) +++ YAMAHA Live Custom Hybrid Oak Drums +++ LP PRO Tambourines +++ K ZILDJIAN Cluster Crash Cymbals

Spandau Ballet Drummer John Keeble im Interview

jk

Spandau Ballet gehören mit 30 Millionen verkaufter Platten zu den Superstars der „New Romantic“-Bewegung der 80er-Jahre. Nach 18 Jahren Streit um Geld und Rechte touren die Herren seit 2009 wieder in Originalbesetzung um den Globus und füllen dabei zum Erstaunen Vieler immer noch große Hallen – und rocken, was das Zeug hält!

Anzeige

John Keeble, der Mann am Drumset, erzählt von seinem Alltag in einer Band, die als eine der wenigen wiedervereinigten Acts einen zweiten Frühling erlebt.

Lass uns über deine musikalischen Wurzeln sprechen. Wie und wann bist du zum Drumset gekommen?

John Keeble: Bevor ich mit 15 mein erstes richtiges Drumset bekam, habe ich, wie die meisten anderen wahrscheinlich auch, auf Haushaltsgegenständen getrommelt und meine Eltern genervt. Mein erstes Konzert, das ich besuchte, waren Slade. Die Vorgruppe war Geordie mit dem heutigen AC/DC-Sänger Brian Johnson. Das war der Anfang, da war ich infiziert und habe mir danach viele weitere Konzerte angesehen: Alice Cooper, Bad Company. Du siehst, meine Wurzeln liegen im Rock. Simon Kirke von Bad Company und Paul Thompson von Roxy Music hatten als Drummer damals den größten Einfluss auf mich. Natürlich auch Moon oder Bonham. Eigentlich all diese Drummer mit der Fähigkeit, metronomisch zu grooven.

Hattest du Unterricht?

John Keeble: Nicht wirklich. Ich hatte später dann mal ein paar Unterrichtsstunden, um ein paar technische Dinge zu verbessern. Hauptsächlich aber habe ich nur zu Schallplatten getrommelt. Mit 16 wechselte ich auf eine Schule nördlich von London. Dort gab es einen Musikraum, wo ich mein Set aufbauen konnte. Dort lernte ich Steve Norman kennen, der bei Spandau Saxofon, Gitarre und Percussion spielt. Steve, unser Gitarrist Gary und Tony (Hadley, Sänger von Spandau Ballet; Anm. d. Red.) waren eine Klasse unter mir. Gary sagte: „Lass uns Tony Hadley fragen, ob er bei uns singen möchte.“ Ich sagte nein! Ich als Arbeiterkind wollte so einen feinen Spießer nicht in meiner Band haben. (lacht) Wir haben uns auf dem Schulhof oft mit diesen Typen geprügelt. Letztendlich konnte er aber wirklich gut singen, und so kam er dann doch 1976 in unsere Band.

Deine Vorlieben für Rock und Tonys Gesangsstil: Gab es da keine Spannungen?

John Keeble: Total! Aber das wurde eigentlich zu einer der großen Stärken von Spandau Ballet. Du hast manchmal Styles, nehmen wir mal Death Metal, da gibt es nur einen sehr schmalen stilistischen Pfad, von dem man kaum abweichen kann. Innerhalb von Spandau Ballet gibt es aber von Natur aus verschiedenste Einflüsse: Tony brachte eine Art Sinatra-Stil mit ein, Bigband mit technisch anspruchsvollem Gesang. Und ein bisschen Rock’n’Roll hat er auch. Gary bevorzugt Soul, zum Beispiel Al Green. Wir decken viele Genres ab. Von „Four on the floor“-Electronica wie beim Song „To Cut A Long Story Short“ mit starken Kraut-Rock-Einflüssen wie Can, über funky Songs wie „Chant No. 1“ bis hin zu Stadion-Hymnen wie „Through The Barri – cades“. Wenn wir heute eine Show zusammenstellen, dann ist es toll, so viele Stilrichtungen abdecken zu können. Das macht uns interessant. Das ist ungewöhnlich.

Und offensichtlich funktioniert das auch heute noch. Auch nach über 30 Jahren.

John Keeble: Es ist wirklich unglaublich. Unsere Musik hat die Zeit überdauert. Auch unsere schweren Zeiten, als wir untereinander kein Wort miteinander gesprochen haben. Unsere Musik scheint so etwas wie ein Teil der Geschichte derjenigen geworden zu sein, die heute noch unsere Konzerte besuchen. Ich sehe unsere Songs wie öffentliches Eigentum. Erschaffen von einer „Welt-Fabrik“. Wir sind immer noch in den Gedanken und Herzen vieler Menschen. Glücklicherweise haben wir nach all den Streitereien 2009 wieder zueinander gefunden. Diese Wiedervereinigung war vielleicht das härteste Stück Arbeit, dass wir je bewältigt haben.

Wir wurden wieder Freunde in dem Moment, als wir wieder zusammen Musik machten. Das war wie Magie, wenn du bedenkst, dass wir 18 Jahre lang getrennte Wege gingen. Und mit jeder Tour bekommen wir mehr Konstanz. Es macht Spaß. Wir sind irgendwie wieder „zu Hause“, wenn wir live spielen. Als Menschen haben wir uns kaum verändert: Ich weiß zum Beispiel immer genau, wo wir gerade sind und was für einen Netzadapter wir gerade brauchen, Tony kommt immer ein bisschen zu spät, Gary lässt immer sein Zeug in der Garderobe liegen, Steve ist meistens albern. Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Und Rock’n’Roll ist ein Team-Sport.

Ihr kommt also wieder gut miteinander zurecht?

John Keeble: Besser als je zuvor. Wir sind durch all die Hochs und Tiefs gegangen, von unfassbarem Erfolg bis zu albtraumartig schlechten Gefühlen. Natürlich überrascht es uns selbst, nach all den Jahren wieder hier zu stehen und zu sehen, dass uns die Leute noch sehen wollen. Wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Und ich glaube, wir waren nie besser als heute.

Zur Vorbereitung auf das Interview habe ich vor ein paar Tagen im Internet ein Live-Konzert von euch verfolgt. Ich gestehe, ich war mir gar nicht darüber im Klaren, was für eine tolle Live-Band ihr seid.

John Keeble: Das haben wir in den letzten Jahren oft gehört! Wir selbst haben das eigentlich immer so gesehen. Aber die Öffentlichkeit hat uns damals zu einem großen Teil eher an Frisuren und Mode gemessen und damit einen wichtigen Punkt einfach übersehen. Bei „Top of the Pops“, der wichtigsten britischen Musiksendung im Fernsehen, hat man ja nur zum Playback gespielt. Und heute kommen die Leute und sagen: „Oh, ihr könnt ja richtig spielen?“ (lacht)

Interessierst du dich für Equipment?

John Keeble: Oh ja! Ich bin derjenige, der immer die Musiker-Magazine liest und über alle Neuheiten Bescheid weiß. Dennoch bin ich schon seit 1980 bei Paiste und seit 1984 bei Premier – ein treuer Endorser. Ein Endorsement ist wie eine Straße, die ja bekanntlich in zwei Richtung führt. Es ist meistens einfach, ein Endorsement zu bekommen, wenn du auf dem höchsten Punkt der Erfolgswelle schwimmst. Wenn du aber nicht mehr jede Woche in „Top of the Pops“ vertreten bist und immer noch unterstützt wirst, erst dann weißt du, ob du ein gutes Endorsement hast. Ich hatte immer Unterstützung, von Premier und von Paiste.

Hast du neben Spandau Ballet noch weitere musikalische Projekte?

John Keeble: Ich habe ein kleines Rock-Trio namens „I Play Rock“. Wir spielen genau das, was der Bandname aussagt: Rock. Das ist meine Rock’ n’Roll-Spielwiese. Wir spielen in Clubs, in denen wir spielen können, was wir wollen. Das ist musikalische Freiheit. Ich freue mich schon darauf, mit den Jungs zu spielen, wenn ich wieder zu Hause bin.

Du spielst als Drummer einer Pop-Band ein sehr großes Set.

John Keeble: Soweit ich weiß, war ich beim legendären „Live Aid“-Konzert 1985 sogar der einzige Drummer, der zwei Bassdrums spielte. Ich mag große Setups und mochte das schon immer. Nach unserer ersten Reunion-Tour 2009/2010 schrieb der Daily Telegraph über mich: „John Keeble scheint nur die Zeit überbrücken zu wollen, bis er den Anruf von Metallica bekommt.“ Ein paar Wochen später stand in der Times: „John Keeble sitzt hinter einem riesigen Berg von Trommeln und wirkt dabei wie das Ergebnis jugendlicher HeavyMetal-Fantasien.“ Bang on, yeah! (lacht) Vielleicht wäre ich besser Drummer bei Slayer oder AC/DC geworden. Aber irgendetwas ist wohl schiefgelaufen, so dass ich heute immer noch bei Spandau Ballet spiele. (lacht)

Du hast auch elektronisches Equipment in deinem Setup integriert.

John Keeble: Ich benutze Trigger für Snare, Rimclick und Bassdrum an einem Roland TM-2. Ich ergänze nur die akustischen Sounds mit dem einen oder anderen Sample. Wenn du dir diese Samples isoliert anhörst, so wirst du feststellen, dass es keine vollen Drum-Sounds sind. Sie füllen nur die Natur-Sounds mit gewissen Frequenzen auf, die ihnen in bestimmtem Kontext fehlen. Wir verwenden nur so viel davon wie nötig, um den eigentlichen akustischen Sound zu unterstützen und dem Sound eine bessere Konsistenz zu geben. Wir haben das TM-2 vor etwa einem halben Jahr bekommen. Es funktioniert wirklich gut. Wir verwenden sogar ausschließlich interne Sounds, die wir nur für unsere Bedürfnisse editiert haben. Aber es ist eben nur sehr dezent dazu gemischt. Du wirst es im Konzert nicht bewusst hören. Es hört sich vor allem nicht wie ein künstlicher getriggerter Sound an. Ansonsten habe ich noch ein Metronom. Wenn du von einem Song zum nächsten von 107 zu 140 bpm springst, dann ist es von Vorteil, eine optische Referenz zu haben, bevor man einzählt. Wir haben in der Setliste auch vier oder fünf Titel, bei dem Sequenzen mitlaufen, so dass ich hier durchgehend zum Click spiele. Alles andere spiele ich aber ohne Click. Sonst würde der Click eher mit mir spielen als umgekehrt! (lacht)

Du giltst als E-Drum-Pionier, weil du früher vor allem mit einem Simmons-E-Drumset im Fernsehen zu sehen warst – übrigens sogar mal als Doppel-Bassdrum-Simmons-Set.

John Keeble: Ich bekam damals das Set mit der Seriennummer #3. Unser Produzent, Richard James Burgess, war auch Drummer und kannte Dave Simmons sehr gut. Richard brachte mich dann zu Dave nach Hause. Dave sah aus wie ein verrückter Professor und reichte mir irgendein Stück Holz, aus dem Kabel irgendwohin führten und sagte: „Schlag da mal drauf!“ Das war eins der ersten SimmonsPads! Dave behielt das erste Set für sich, #2 bekam Mike Oldfield und ich das dritte.

Diese sechseckigen E-Drums waren wie eine schöne neue Welt. Eine sehr aufregende Zeit. Zu dieser Zeit bauten sie die Pads noch aus massivem Holz. Daher kommt übrigens auch meine zweite Bassdrum: Wenn du eine akustische Bassdrum spielst, sinkt der Beater ein wenig im Fell ein und die Energie wird zum großen Teil an das Fell abgegeben. Massives Holz gibt kein bisschen nach, die Energie bleibt im Pedal. Mir sind reihenweise Beater gebrochen oder auch ganze Pedale kaputtgegangen. Mit einer zweiten Bassdrum als Reserve habe ich mich einfach besser gefühlt! (lacht) Und natürlich brauchte ich zwei Bassdrums: Eine für „Spandau“, eine für „Ballet“. Das passt schlecht auf nur eine Bassdrum, wenn es noch lesbar sein soll, oder? (lacht)

Wie entwickelt ihr eure Arrangements? Habt ihr einen Musical Director?

John Keeble: Hatten wir nie. Wir haben alle Songs als Band ausge – arbeitet. Ich spiele irgend – etwas, jemand anderes sagt: „Oh, das war toll!“…, dann machen wir damit was. Oder auch nicht, dann lassen wir das. Für unsere Tourneen haben wir die Songs immer auf diese Art erarbeitet. Okay, manchmal gibt es kleine Ergänzungen und Änderungen, das ergibt sich ganz natürlich. Andererseits hat sich bei einem Song wie „Lifeline“ das Arrangement seit 1986 kein Stück verändert. Einige neue Songs, die wir erst letztes Jahr aufgenommen haben, haben sich seit den Aufnahmen wiederum stark weiterentwickelt. Wir müssen auch erst einmal herausfinden, was auf der Bühne tatsächlich funktioniert. Aber wir haben keinen Chef. Alles ergibt sich organisch.

Hast du bei den Live-Shows auch einen gewissen Improvisationsspielraum?

John Keeble: Auf dieser Tour mehr als je zuvor. Wir spielen schon so lange zusammen, da kennt man sich, und es entwickeln sich diese Spielräu – me. Das erkennst du schon daran, wenn du das, was wir heute spielen, mit dem vergleichst, was wir vor 30 Jahren gespielt haben. Andersherum: Ich möchte nach 30 Jahren nicht unbedingt jedes Fill und jedes Detail neu auswendig lernen. Heute, nach so langer Zeit, habe ich den Wunsch, vieles einfach besser und interessanter zu spielen als damals, als ich 20 Jahre alt und naiv war. Ich entdecke und erfinde mich also zum Teil wieder neu.

Welche technische Entwicklung hältst du persönlich für die wichtigste der letzten 30 Jahre?

John Keeble: Digital Recording! Wir nahmen damals auf 2-Zoll-24-Spur-Band auf. Das kann man nur sehr schlecht schneiden. Du musstest, wenn mög – lich, den ganzen Track in einem Durchgang fehlerfrei durchspielen. Heute spielst du ein schönes Intro, eine fantastische Strophe, die Bridge ist dann völlig daneben, aber der Rest ist wieder perfekt. Dann spielst du die schwache Stelle einfach noch einmal, editierst das in Pro Tools, und niemandem fällt das auf. Diese Angstfreiheit schafft Raum für Kreativität. Ich würde jetzt allerdings nicht zu weit gehen, wenn es darum geht, Tracks zu reparieren. Wenn du zu viel daran rumpolierst, dann saugst du unter Umständen die Lebendigkeit aus der Aufnahme. Es geht ja um Performance.

Man will Kontinuität, einen Fluss. Das ist wichtig! Wie sieht eigentlich dein Familienleben aus, wenn du so lange auf Tour bist? Ich lebe mit meiner Frau und meiner 25 Jahre alten Tochter in London. Meine Frau und ich sind seit 1981 zusammen. Wir kennen uns also recht gut. Ich bin jetzt schon seit einigen Wochen unterwegs. Manchmal haben wir einen freien Tag, dann fliege ich nach Hause. Meine Frau kommt demnächst mal mit nach New York, wahrscheinlich auch nach Australien. Interessanterweise kommt sie nie, wenn wir zum Beispiel quasi „um die Ecke“ in Sheffield spielen! (lacht)

Machst du dir bereits darüber Gedanken, was nach der Tour kommen wird?

John Keeble: Ich fahre erst einmal in die Karibik und lege mich für mindestens einen Monat an den Strand! (lacht) Ich werde sicher mit I Play Rock etwas machen. Und nächstes Jahr werden wir sicher auch mit Spandau wieder viele Shows spielen. Ich will nicht zu weit nach vorne schauen. Auf Tour frage mich nie, was in zwei Wochen sein wird. Ich lasse die Dinge einfach geschehen und genieße den Augenblick.

Vielen Dank für das nette Gespräch!

Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
STEWART COPELAND - Orchester-Rausch! +++ LUIS RIBEIRO (The World of Hans Zimmer) +++ YAMAHA Live Custom Hybrid Oak Drums +++ LP PRO Tambourines +++ K ZILDJIAN Cluster Crash Cymbals

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren