Produkt: Sticks 07-08/2019
Sticks 07-08/2019
STEWART COPELAND - Orchester-Rausch! +++ LUIS RIBEIRO (The World of Hans Zimmer) +++ YAMAHA Live Custom Hybrid Oak Drums +++ LP PRO Tambourines +++ K ZILDJIAN Cluster Crash Cymbals
Lights up the orchestra: Der Rhythmatist im Orchester-Rausch

Stewart Copeland im Interview

Stewart Copeland
Stewart Copeland/Deutsches Filmorchester Babelsberg
Düsseldorf, Stahlwerk, 23. 03. 2019
(Bild: Tom Schäfer)

Er ist Rockstar. Natürlich. Auch wenn der Hype um The Police bald vier Jahrzehnte zurückliegt, gilt Stewart Copeland mit seinem energetischen reggae-punky Rockpower Style als einer der einfallreichsten Schlagzeuger überhaupt. Seine geradezu ikonischen Grooves haben sich ins Bewusstsein ganzer Drummer-Generationen gebrannt.

Doch im Schatten seines millionenschweren Rock-Trios Police stand immer das „andere Ich“ des Stewart Copeland. Seinem Wirken als Komponist von klassischen Werken und Filmmusiken widmete er sich seit den frühen 1980er-Jahren. Über 60 Soundtracks stammen aus seiner Feder, darunter „9 1/2 Wochen“, „Highlander II“, „Wall Street“, „Rumble Fish“ oder die Musik zur TV-Serie „Desperate Housewives“. Außerdem komponierte er auch für Opern, Ballette – und Videospiele.

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Der umtriebige „Rhythmatist“ hatte immer schon ein Faible für Dinge der besonderen Art. So inszenierte er jüngst mit dem prominenten Babelsberger Filmorchester eine orchestrale Werkschau, um die Retrospektive seines kompositorischen Schaffens auf einer exklusiven „Stewart Copeland Lights up the Orchestra“-Tour auf die Bühne zu bringen. Am Schlagzeug: ein defensiv spielender Copeland. Und weil er immerhin ein vielbeschäftigter Rock-Star ist, sind die raren Audienzen bei ihm zeitlich strikt limitiert. So auch bei unserer Begegnung im Rahmen dieser Orchestra-Tour 2019 in Düsseldorf. Die Interview-Zeit war auf 30 Minuten anberaumt, als eine hochgewachsene Gestalt mit Hut den Raum betrat und in die Sitzgarnitur neben mir glitt, während der Tourmanager um Unverzüglichkeit bat, da aus organisatorischen Gründen die Audienz auf 15 Minuten verkürzt sei. Hier also ein „Instant Talk“, um dem orchestralen Babelsberger Projekt des Policeman gebührend Raum zu geben.

Interview

Stewart, dein Künstlerprofil zeigt ein überraschend kontrastreiches Spektrum. Man kennt dich hauptsächlich als Drummer von The Police. Darüber hinaus bist du Filmmusikkomponist, Autor, Schauspieler und vieles mehr. Was ist die wirkliche DNA des Stewart Copeland?

Stewart Copeland: In erster Linie bin ich Komponist. Ich schreibe Soundtracks, komponiere Werke für Orchester und arrangiere Musik für klassische und zeitgenössische Aufführungen. Das Schlagzeugspielen ist nur ein Teil des Gesamtbilds. Bestimmte Drum-Grooves oder rhythmische Muster entwickeln sich häufig aus einer kompositorischen Idee heraus. Schlagzeugspielen beansprucht einen anderen Teil des Gehirns als es beim Komponieren eines Orchesterstücks der Fall ist. Komponieren und Schlagzeugspielen sind für mich zwei unabhängige Aktivitäten.

Diese finden jetzt bei den Konzerten mit dem Babelsberger Filmorchester zusammen. Du hast die Stücke komponiert, arrangiert und spielst selber das Schlagzeug.

Stewart Copeland: Für mich ist es nicht nur ein Vergnügen diese Kompositionen für Orchester zu arrangieren, sondern auch als Schlagzeuger live und mitten drin dabei zu sein. Denn all diese Stücke sind ja schließlich Teil meines Lebens.

Was bedeutet für dich Schlagzeugspielen heute?

Stewart Copeland: Drumming is a physical exercise! Schlagzeugspiel ist kinetische Energie und Aktion!

Stewart Copeland(Bild: Kai R. Joachim & Tom Schäfer)

Im Vergleich zu Police, wo die Songs von dir mit voller Power und hundert Prozent Energie getrommelt wurden, hast du hier deinen Drum-Style etwas umgestellt, oder zumindest den Orchester-Umständen angepasst.

Stewart Copeland: Mehr noch! Ich habe mich letztlich auf eine komplett neue Spieltechnik eingelassen, um auch mit leisem Spiel gut zu klingen. Früher hatte ich eine Dynamic-Range von seven to twelve. Jetzt spiele ich von zero to four, was sich live inmitten des Orchesters und im Saal aber immer noch recht dominant anhört. Viele Musiker verstehen nicht die unterschiedlichen Qualitäten von Lautstärke. Das Orchester insgesamt ist ungeheuer kraftvoll. Und die Lautstärke ist sehr groß. Aber zwischen Volume und Power gibt es einen Unterschied. Ein Fender-Twin-Reverb- Amp kann ein 60köpfiges Orchester wegblasen. Oder wenn ich die Snare mit Rimshots durchziehe, dann hätte das Orchester null Chance – weder die Brass Section und schon gar nicht die Oboe. Es hat für mich Jahre gedauert, eine entsprechend leise Schlagtechnik zu entwickeln.

Stewart Copeland am Schlagzeug(Bild: Kai R. Joachim & Tom Schäfer)

Die Vorteile liegen allerdings auf der Hand. Erstens: Das Schlagzeug klingt extrem melodisch, wenn du nur leicht über die Toms gehst. Sie haben bessere Resonanz und entwickeln einen schönen Ton – ein gutes Beispiel ist Joe Morellos Performance in „Take Five“ vom Dave Brubeck Quartet. Zweitens: Ich kann alle Techniken einsetzen, die ich schon früh als Kind gelernt habe. Mein Vater, der mich an die Musik heranführte, war sehr bedacht darauf, dass ich mir unbedingt eine orthodoxe Technik aneigne. Ich war gewissenhaft und hab mir die Grundlagen alle draufgeschafft. Doch im Rock’n’Roll sind solche Dinge eher nicht relevant. Denn da hörst du weder Feinheiten, noch geht es um eine korrekte Spieltechnik. Man drischt Single- Stroke-Rolls bis zum Muskelzerren – it’s all just crunga banga! (lacht) Aber mit leisem Spiel wird das Vokabular sehr viel größer – all die feinen Drags, Ruffs und Doubles sind wirklich hörbar und eröffnen eine komplett andere Welt. Und Drittens: Keiner bekommt Kopfschmerzen. Selbst ich nicht! (lacht)

Schlagzeuger sind von Natur aus die lauten Typen. Da scheint die Konstellation Rock-Drummer und sensibel musizierendes Orchester wie eine kritische Verbindung. Worin besteht die große Herausforderung?

Stewart Copeland: Es ist wirklich die Kunst des Leise-Spielens. Um mir diese Fähigkeit anzueignen, habe ich zu Hause sehr viel geübt. Ohne Kopfhörer! Die Musik des Orchesters ließ ich über zwei kleine Lautsprecher laufen und dazu spielte ich in einer gemäßigten Lautstärke auf meinem Akustik-Set. Ich musste mich regelrecht dazu zwingen so leise zu sein, dass ich auch wirklich jede Facette des Orchesters höre. Für mich war das ein immenses Training, so zu spielen, dass das Schlagzeug ein bestimmtes Lautstärke-Level nicht überschreitet, aber dennoch homogen klingt und sich mit der Orchestermusik verbindet.

Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Zwischen alleine proben zu Hause und echten Live-Konzerten mit dem Orchester liegen doch sicherlich Welten?

Stewart Copeland: Wenn ich nach allen Vorbereitungen auf das Orchester treffe und die Konzertproben beginnen, dann ist mein Job im Prinzip schon beendet. Denn jetzt darf ich spielen und genießen. Die ganze kompositorische Heimarbeit ist erledigt und auch meine eigenen Vorbereitungen am Schlagzeug sind gemacht.

Bricht dann nicht doch irgendwann der Rock-Drummer durch?

Stewart Copeland: Das alles ist Instinkt. Aber ja – vielleicht gibt es manchmal tatsächlich einen Konflikt zwischen beiden Welten: der des Schlagzeugers und der des Komponisten. Da hatte ich mir eine wunderschöne Oboenmelodie überlegt – und jetzt geht der fucking drummer on stage und knüppelt die sensiblen Orchestermelodien zugrunde! (lacht) Im Grunde habe ich bei den Konzerten alle Freiheiten. Ich habe das schließlich alles selber konzipiert und das Orchester spielt exakt das, was auf dem Papier steht – unverändert, jeden Abend! Orchestermusiker sind andere Musiker als Rock-Musiker. Rock-Musiker proben sechs Wochen lang für eine Tour und konzipieren mehr oder weniger diszipliniert oder undiszipliniert gemeinsam das Live-Set. Man inspiriert sich gegenseitig, man übernimmt die Ideen anderer oder man ignoriert sie … (schmunzelt) … aber Orchestermusiker spielen exakt das, was ich ihnen auf die Seiten geschrieben habe – ohne Abweichung! Das gehört zu deren Ethos. Es gibt keine Improvisation. Das berühmte Babelsberger Filmorchester funktioniert durch Disziplin. Deren Ego heißt, sich perfekt an die Vorgaben zu halten und die geordneten Zustände der Noten einzuhalten. Sie gehorchen regelrecht dem Notenblatt und spielen auch alle Artikulationen, die ich ihnen in den Noten vorgegeben habe. Jeder hier ist total stolz darauf Teil des funktionierenden Orchesters zu sein. Es ist ein anderes Verständnis von Kunst. Wenn du einem Rock-Gitarristen ein Notenblatt gibst, hört er auf zu spielen! (lacht) Während das Orchester die Vorgaben exakt reproduziert, kann ich als Drummer variieren und meinen Instinkten folgen … I can fly across the sky … I can jump off the cliff … schließlich kenne ich jeden Winkel der Musik und kann improvisatorische Dinge machen. Da bin ich auch gerne mal risikobereit, und ja, manchmal passieren mir auch Fehler. Aber das interessiert keinen, weil es niemand bemerkt außer mir, während das Orchester gnadenlos die Partituren durchzieht.

Fehler sind ja nicht gleich Fehler, sondern Zeichen, dass alles menschlich und handgemacht ist, oder?

Stewart Copeland: Vollkommen richtig! Dazu fällt mir eine kleine Story ein. Neil Peart von Rush rief mich einmal völlig aufgeregt an. Er hatte ein Drumsolo in der „Letterman Show“ (US-amerikanische Late Night TV-Show, Anm. d. Red.) gespielt. Für ihn eine große Nummer. Was aber passiert war: er verlor einen Drumstick. Gleich zu Anfang. Das war für ihn ein Schock und eine Peinlichkeit zugleich und er war emotional deswegen so aufgebracht, dass er mich umgehend anrief, um seiner Verzweiflung Luft zu machen. Ich versuchte ihn zu beruhigen – was nicht leicht war, weil er nicht aufhörte in den Hörer zu brüllen. Ich sagte nur: „Neil … Neil, hör mir bitte zu! Das ist scheißegal! Mir passiert das am Abend zehnmal und öfter! Das ist Teil der Performance!“ (lacht)

Du hast auch einige Police-Songs für Orchester arrangiert. Die Frage ist nur, wie man klassisch geschulte Musiker zum Rocken bringt?

Stewart Copeland: Die rocken nicht! Das mach ich! (lacht) Es ist in der Tat nicht einfach, Songs mit Reggae-Feel dem Orchester beizubringen und die Streicher akzentuierte Offbeats spielen zu lassen. Meine Musik ist nicht kompliziert, aber tricky. Ich bin kein Strawinsky, der dynamische Werke mit komplizierten Taktwechseln geschrieben hat … (gestikuliert mit Armen und Beinen in der Luft wie ein wilder Dirigent ) … one-two-three … one-two … onetwo- three-four … one-two … one-two … one … (lacht) Ich arbeite auch nicht mit schnellen Arpeggios, die schwer zu spielen sind. Dafür aber mit rhythmischen Phrasierungen, zum Beispiel drei gegen zwei. Es ist schwer, dem Orchester das Feel dieser gegenläufigen Rhythmik begreiflich zu machen. Wenn sie einmal den Sinn und Zweck verstanden haben, dann ist das bei ihnen fest verankert und wird nicht vergessen. Aber auf dem Weg dahin braucht es Geduld.

Es war noch nie leicht, einem Geiger das Grooven beizubringen?

Stewart Copeland: Ich erwarte gar nicht, dass er groovt. Viel wichtiger ist, dass er selber davon überzeugt ist zu grooven.

Stewart Copeland(Bild: Kai R. Joachim & Tom Schäfer)

Du musstest also lernen, mit den Eigenwilligkeiten eines Orchesters umzugehen. Gab es wichtige Erkenntnisse?

Stewart Copeland: Ja, und es dauerte lange bis ich dahinter kam. Und zwar betrifft das die rhythmische Auffassung der Perkussionisten. Die Orchester-Perkussionisten, seien es Pauker, Snaredrum- Spieler oder Triangelspieler, die spielen keine Rhythmen, keine Grooves … they don’t do rhythm, they do punctuation! Da kannst du die ergreifendsten orchestralen Themen entwerfen und eine orchestrale Dramatik entfachen, die zu einem Höhepunkt auffährt und plötzlich siehst du die Riege der Perkussionisten, wie sie alle völlig konditioniert mit den Augen an den Noten hängen und nur auf den Moment warten, diesen einen Akzent zu spielen. Das Erstaunliche ist, dass sie immer den richtigen Punkt erwischen. Und die Abschläge mit der Brass-Section kommen immer wie aus einem Guss. Es ist ein anderes, aber auch irgendwie besonderes musikalisches Potenzial, das in einem Orchester steckt. Aber einen Orchester-Perkussionisten eine durchlaufende Sechser-Glocke spielen zu lassen, ohne dass er in die Noten sieht, das funktioniert nicht. Sie verinnerlichen nicht das Pattern und setzen sich auch nicht auf das Groove-Feel, sondern spielen jede einzelne Cowbell-Note so wie sie in der Partitur steht. Wir spielen auch einen Auszug aus einem Concerto for Percussion. Ich habe da aus Gag eine Triangel-Kadenz eingebaut … hey, it’s showbusiness … für drei Triangelspieler … dideli-ding-di-ding-dideli-ding-di-ding … sechzehn Takte reines Show-Biz. Und die haben bei den Proben immer in die Noten geguckt. Da bin ich zu ihnen hin und versuchte ihnen klarzumachen, dass die Noten nicht wichtig seien. Sie sollen lieber frei spielen, sich gegenseitig inspirieren und dem Triangel-Groove eine Chance geben. Ich sagte auch: „Egal was ihr dann spielt – macht es einfach und verlasst euch auf eure Intuition!“ Aber da sah ich nur in erstaunt schweigende Gesichter. (lacht)

Kommen wir mal zurück zum Rock-Drummer und Künstler Stewart Copeland. Du bist nie den geradlinigen Weg gegangen, was man beispielhaft am Schlagzeug in Songs wie „Roxanne“ hört. Dieser Drum-Groove ist weitab jeglicher „Two and Four“-Sicherheitsarchitektur!

Stewart Copeland: Im Leben gibt es nie den geraden Weg von Anfang bis Ende. Ich bin schon recht straight, aber diese Zielgerichtetheit findet nur von Projekt zu Projekt statt. Betrachtet man die Dinge in ihrer Gesamtheit, so wird sich nie die gerade Linie zeigen, sondern vielmehr ein Zickzack-Kurs. Und was „Roxanne“ angeht, nun, das lag hauptsächlich an der Chemie der Band. Ich hab stets versucht etwas Innovatives einzubringen. Und ich muss sagen, dass Andy Summers in dieser Konstellation eine sehr starke Persönlichkeit entwickelte. Er hat mich immer herausgefordert Dinge neu zu denken. Unser Songwriter Sting hingegen war eher mainstream. Er hatte sehr schnell erkannt, welche Ingredienzen ein guter Popsong braucht. Seine Ideen bauten auf simplen Song-Strukturen auf. Im Prinzip waren es stupide Pop-Arrangements. Aber er war zufrieden damit und letztlich hat er ja auch wunderbare Melodien und Lyrics erfunden. Das reichte ihm. Aber Andy war immer der Gegenspieler, er hinterfragte alles und hat Stings Kompositionen umgekrempelt. Auch ich wollte das alles mit mehr Anspruch machen. Das hat zu Konflikten geführt. Doch genau daraus erwuchs auch wieder die besondere Chemie.

Stewart Copelands Schalgeug(Bild: Kai R. Joachim & Tom Schäfer)

Die Songs von Police klingen spontan und frech herausgespielt. In Wirklichkeit stecken doch sicher überlegte und ausarrangierte Konzepte dahinter?

Stewart Copeland: Für das erste Album braucht man meist ein ganzes Leben! Und dann hat man zwei Monate für das zweite Album! (lacht) Unser Debüt „Outlandos D’Amour“ haben wir lange eingeprobt und bei „Regatta De Blanc“ hatten wir nicht genug Material zusammen, als wir ins Studio gingen. Wir spielten aus dem Stand heraus. Auch die Drums auf „Zenyattà Mondatta“, „Ghost In The Maschine“ und „Synchronicity“ sind sehr spontan entstanden. Denn jedes Mal hörte ich die Songs zum ersten Mal zwanzig Minuten bevor das rote Licht anging. Sting hatte so eine Eigenart drauf, seine Songs vorher nicht preiszugeben. Er hielt sie regelrecht geheim. (lacht) Und dann kam er vor jeder Aufnahme: „Here is our next song!“ Ich hörte ihn mir an, während Andy und er noch über die Harmonien stritten. Es war nicht viel Zeit mir Groove-Parts zu überlegen, denn nur wenige Minuten später haben wir schon aufgenommen. In der Regel waren es zwei oder drei Takes, wobei wir übrigens meistens Take Zwei verwendeten.

Spontane Schöpfungen haben ja oft diese Magie, die man nicht reproduzieren kann.

Stewart Copeland: Wenn sich künstlerische Ideen entwickeln, sollte man nicht zu viel drüber nachdenken, sondern sie einfach machen! Das war eigentlich immer schon meine Einstellung: nämlich die Intuition zu nutzen, um die erste Idee einzufangen, die meistens besser ist als das, was man stunden- und tagelang hinterfragt und letztlich kaputt arrangiert. Sting und Andy haben ihre Spuren wiederholt und ausgebessert, doch die Drum-Grooves waren meistens einfach aus der Hüfte geschossen … instant inspiration! Woher die auch immer kam in diesen Momenten. Bei den Aufnahmen gab es für mich nur die eine Chance, die Drums aus dem kreativen Moment heraus und in einem Guss aufs Band zu spielen. Hingegen Sting und Andy hinterher immer die Chance wahrgenommen haben, ihre Spuren auszubessern. Da saßen sie manchmal am Pool und probierten was aus. Und ich durfte meine Kommentare beisteuern. (grinst) Wenn wir dann auf Tour gingen und die Songs live spielen wollten, musste ich erst mal analysieren, was ich bei den Aufnahmen gespielt hatte. Ich musste die Grooves rekonstruieren und „mich selber lernen“! (lacht) Ich gebe gerne zu, dass ich wirklich stolz bin auf meine Drum-Parts auf den Police-Alben. Hin und wieder klicke ich mich auf Youtube in die Rubrik „Stewart Copelands most important Drumfills“ rein. Da sind tatsächlich Nerds unterwegs, die meine Grooves analysiert haben! (lacht) Ich kann denen nur sagen: „Guys, I was high!“ … (lacht) … was ich übrigens nicht war! Aber als ich meinen Take drin hatte, da war ich „high“! Es wurde damals nichts akribisch ausgearbeitet, sondern das aufgenommen, was an diesem Tag und in diesem Moment an Kreativität aus unseren Köpfen herausbrach.

Stewart Copeland Cymbal(Bild: Kai R. Joachim & Tom Schäfer)

Wenn du mal vierzig Jahre zurückblichst in deine Karriere und diese Zeit mit heute vergleichst, was ist der Unterschied zwischen dem Stewart Copeland von damals und dem von heute?

Stewart Copeland: Mein natürliches Talent hat sich nicht geändert, aber meine Technik ist besser geworden. Das betrifft sowohl das Schlagzeugspiel als auch meine Vorgehensweise bei Kompositionen. Ich denke, dass man schon als Baby mit voll entwickelten Talenten zur Welt kommt. Was man im Leben dann lernt, ist reine Technik. Deine Finger haben von Beginn an das Potenzial sich zu bewegen, aber du musst sie trainieren, damit sie sich geschickt bewegen. Auch das Orchestrieren von Posaunen, Flöten, Streichern etc. in den richtigen Stimmlagen ist reine Technik, die ich mir in den Jahren als Filmmusik-Composer durch Erfahrung, experimentieren und learning by doing angeeignet habe.

Wie schreibst du die Musik? Mit Rechnerprogrammen oder fixierst du Ideen direkt mit Bleistift auf Papier?

Stewart Copeland: Ich kann mir nicht vorstellen, wie man nur aus reiner Vorstellungskraft Musik auf Papier bringt. Musik aufzuschreiben, ohne sie je gehört zu haben, da wüsste ich nicht immer, ob das Konzept die nötige Tragfähigkeit hat. Für mich ist es wesentlich intuitiver Musik zu kreieren, die ich direkt hören kann. Das Ergebnis kommt direkt aus dem Lautsprecher und ich kann entsprechend der Eindrücke Veränderungen vornehmen und arrangieren. Ich meine, der Computer komponiert keine Musik, aber er macht die Sache wesentlich einfacher. Hierzu arbeite ich mit verschiedenen digitalen Performing-Apps. Und mit der Sibelius- App kann ich die Musik schließlich auf Papier bringen. Diese App ermöglicht mir die visuelle Präsentation mit allen Stimmen, Artikulationen und Dynamiken. Die Anfertigung von Kompositionen auf digitaler Plattform und die Darstellung der Musik auf Notenpapier sind für mich zwei komplett verschiedene Prozesse.

Stewart Copelands Schlagzeug(Bild: Kai R. Joachim & Tom Schäfer)

Du bist der einzige auf der Bühne ohne Notenblatt. Hast du die Kompositionen wirklich komplett im Kopf?

Stewart Copeland: Ich kenne die Musik natürlich … allerdings manchmal auch nicht! (lacht) Wenn ich einen Moment mal nicht aufpasse und unsicher bin, in welcher Sektion wir gerade sind, dann weiß ich aber dennoch, was ich zu spielen habe und welcher Part als nächster kommt. Das sind eintrainierte Bewegungsabläufe, die durch die Muscle Memory abgerufen werden. Als wir mit Police die Reunion-Tour machten, hatte ich „Roxanne“ über zwanzig Jahre nicht gespielt. Doch vom ersten Moment an war ich wieder im Film drin. Es klappte auf Anhieb, weil sich Klänge, Bewegungen und Abläufe regelrecht eingebrannt hatten. Andere Rock-Bands proben monatelang, um alles auf die Reihe zu kriegen. Wir haben uns getroffen, die Instrumente ausgepackt und einfach losgerockt!

In diesem Moment bat der Tourmanager um Verständnis, das Interview nun zu beenden. Das Babelsberger Filmorchester erwartete den „Rhythmatist“ zum Soundcheck. Für die Realisation des Interviews danken wir Thorsten Sohn von MFP Concerts.

Equipment

„Light Up The Orchestra“-Konzerte

Drums: Tama Starclassic Maple Piano Black Finish

  • 22″ x 18″ Bassdrum
  • 10″ x 8″ Tom
  • 12″ x 8″ Tom
  • 16″ x 16″ Floor-Tom
  • 18″ x 16″ Floor-Tom

Snaredrum: Tama Signature Palette

  • 14″ x 5″ Stewart Copeland Signature

Cymbals: Paiste

  • 12″ Signature The Rhythmatist Combo Crisp Hi-Hat
  • 17″ Signature Fast Crash
  • 6″ Percussive Sound Disk No. 1
  • 10″ PST-X Swiss Splash
  • 12″ PST-X Swiss Flanger Crash
  • 16″ Signature Fast Crash
  • 18″ Signature Fast Crash
  • 22″ Signature Full Ride
  • 18″ Signature Full Crash
  • 20″ F602 Classic Sounds Medium Flatride
  • 16″ F602 Modern Essentials Crash

Hardware: Tama

  • RoadPro Cymbal and Snare Stands
  • Speed Cobra Hi-Hat HH915D
  • Speed Cobra Double Bassdrum Pedal HP910LWN

Sticks: Vater

  • The Stewart Copeland Standard

Felle: Remo

  • Bassdrum: Powerstroke P3 Clear Black Dot
  • Toms: Ambassador Clear (top & bottom)
  • Snaredrum: Ambassador Coated/Ambassador Snare

Percussion: LP 8″ Mini Timbale, Hi-Hat Tambourine Ching Ring

Stewart Copelands Scglagzeug(Bild: Kai R. Joachim & Tom Schäfer)

(aus STICKS 07-08/2019)

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Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums

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