Interview aus dem STICKS-Archiv

Taylor Hawkins: Roger Taylors Fills sind pompös und kraftvoll

Taylor Hawkins ist der Herzschlag der Foo Fighters. Und ziemlich beschäftigt: Über mehr als drei, vier Wochen wurden zahllose Audienztermine einberaumt und wieder abgesagt. Der Mann ist begehrt. Alle wollen mit Taylor Hawkins reden, über sein neues Soloalbum „Red Light Fire”. Wir sprachen 2010 mit Taylor Hawkins über sein Queen-Idol, seine Gretsch-Drums und sein Lampenfieber.

Taylor, was verbindest du mit den Siebzigerjahren?

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Taylor Hawkins: Es war eine musikalisch tolle und spannende Zeit, in der eine Menge meiner Lieblings-Bands unterwegs waren: Queen, The Police, Rush. Die Zeit hatte irgendwie einen ziemlich coolen Vibe.

Es gab im Vorfeld deines neuen Albums dieses Zitat von dir: „I don’t care if the record ends up sounding like me having sex with my record collection!“ Welche Scheiben stimulieren deine Lendengegend?

Taylor Hawkins: Das ist bei mir sehr unterschiedlich, das können frühe Prog-Rock-Scheiben von Genesis und Yes sein, New Wave Music wie Blondie, The Police oder die ganzen britischen Beat-Bands. Aber auch das ganze Pop-Zeug aus dem Radio hab ich geliebt, also ABBA und die Bee Gees, einfach alles, was in den Top 40 war. Ich mag einfach alles an den Siebzigern, das Gefühl, die Sounds, die Art der Aufnahmen, die gesamte Ära.

Du hast als Gäste Brian May und Roger Taylor auf dem Album. Queen waren das erste Konzert, das du gesehen hast und Roger Taylors Spiel gab die Initialzündung, dass du Schlagzeuger werden wolltest, oder?

Taylor Hawkins: Ja, absolut. Er und Stewart Copeland waren meine ersten Helden. Sie sind zwar komplett gegensätzliche Typen mit gegensätzlichen Stilen, aber ich mag beide. Bei Roger gefiel mir nicht nur sein Schlagzeugspiel, sondern die Tatsache, dass er auch ein begnadeter Sänger und toller Songwriter ist.

Er hat wirklich einen ganz prägnanten sehr melodischen Still, der sehr farbenfroh ist. Seine Fills sind pompös und kraftvoll, er hat die Musik seiner Band dadurch groß und majestätisch wirken lassen. Außerdem hatte er lauter Extras an seinem Set, etwa Roto Toms, oder diesen Gong, um die Musik zu kolorieren.

Nicht viele wissen, dass du 1998 auf Brian Mays Soloalbum „Another World“ gespielt hast. Wie war das?

Taylor Hawkins: Ich war verdammt nervös. Ich besuchte Brian in seinem Landhaus, in dem er auch ein Studio hat. Er ließ mich die Tracks hören und ich spielte ein paar Takes für ihn ein. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, war ungemein spannend und ich kann kaum glauben, dass ich dort war und mit Brian May aufnahm! Das war wirklich eine große Sache für mich.

Jetzt spielt Brian auf „Don’t Have To Speak“ auf deinem Album. Ist das nicht großartig?

Taylor Hawkins: Ich ließ ihm völlig freie Hand. Er hätte auch Fußball spielen können, wenn er gewollt hätte. (lacht) Diesmal war es andersherum: Ich schickte ihm ein paar Songs, er hörte sich die an und spielte mir dann ein paar verschiedene Takes ein. Das Fantastische daran: Egal was er macht – es klingt immer nach Brian May.

Elliot Easton von den Cars ist auch dabei. Was magst du an seinem Spiel?

Taylor Hawkins: Ich hatte da diese Song-Idee und kam irgendwie nicht weiter. Elliott war zu der Zeit gerade da und half mir diese Nummer zu arrangieren. Er blieb dann den gesamten Schreibprozess über und hat dann auch dieses Gitarrensolo

gespielt. Ich bin ein großer Fan seiner Soli, die mochte ich schon bei The Cars. Er hat eine ganz eigene Handschrift. Seine Soli sind wie ein Song innerhalb des Songs. Das gefällt mir.

Wie sieht dein Songwriting aus, wie schreibst du?

Taylor Hawkins: Da gibt es verschiedene Wege. Ich schreibe das meiste auf der Gitarre, auch einige Nummern am Klavier. Die versuche ich dann irgendwie zu transkribieren. Und dann gibt es noch Songs, die ich einfach in meinem Kopf habe und versuche, den Jungs zu erklären. Nimm „Your Shows“: Dieser Song ist ein Beispiel dafür, dass ich den Song komplett fertig im Kopf hatte, bevor auch nur eine Note gespielt wurde. Oder „Way Down“: Das ist ein Song, der auf einem Groove basiert.

Es gibt für mich eine Menge unterschiedlicher Ansätze. Ich hoffe, das schafft auch gewisse Unterschiede in den Songs.

Weil du es gerade ansprichst: Ein guter Groove ist oft Basis für einen Song, oder?

Taylor Hawkins: Aus meiner Sicht ist ein guter Groove ebenso wichtig wie eine Melodie eines Songs. Texte zu schreiben finde ich allerdings ziemlich hart. Ich texte nicht gerne, das gebe ich zu. Außerdem bedeutet dies das Ende des kreativen Prozesses. Der Song ist damit zu Ende, ist in Stein gemeißelt, fertig – schade.

An manchen Songs würde ich am liebsten ewig schrauben. Aber zurück zu deiner Frage: Klar, bei einem guten Groove fühle ich mich am wohlsten. Und bei guten Melodien auch. Beides sind aus meiner Sicht die wichtigsten Elemente meiner Songs. Deine Coattail Riders begleiten dich dabei.

Nach welchen Kriterien hast du deine Band zusammen gestellt?

Taylor Hawkins: Das wichtigste Kriterium in meiner Band lautet Freundschaft. Zuerst steht für mich die Frage im Raum: mag ich denjenigen? Fühle ich mich wohl, wenn ich mit ihm abhänge? Das ist mir wichtiger als alles andere. Der zweite Aspekt ist dann Musikalität. Das ist mir wichtiger als Virtuosität. Vor meinem geistigen Auge sehe ich tiefer gehende Musik als nur Basic-Rock, mehr als nur gängige Formeln, Rhythmen und Instrumentierungen.

Ich spiele am liebsten mit Leuten, die auch Jazz draufhaben, Reggae, Disco, alles Mögliche. Leute die ein weites musikalisches Verständnis haben, sich auch in anderen Stilen und ungewöhnlichen Taktmaßen auskennen. Das sind die Kriterien, nach denen ich die Leute auswähle, mit denen ich gerne arbeite. Nehmen wir mal exemplarisch „Hell To Pay“ – ein entspannter Groove umspielt von einem netten Bass-Thema.

Wie arbeitest du mit Chris Chaney an Grooves im Vergleich zu Nate Mandell bei den Foo Fighters?

Taylor Hawkins: Chris und Nate sind zwei völlig unterschiedliche Menschen und Musiker. Sie sind wie gegensätzliche Magnetpole. Fangen wir mit Chris an: Chris sticks to me like glue! (lacht) Wir verstehen uns blind. Er ist nicht umsonst einer der gefragtesten Session-Musiker in Los Angeles. Er spielt morgens einen Film-Soundtrack ein, mittags einen Céline-Dion-Song und donnert nachmittags auf einem Rob-Zombie-Album herum – bevor er dann abends bei mir im Studio steht. Was könnte ich mir mehr wünschen? Der Typ kann einfach alles. Er ist ein Bass-Monster.

Zitat von Taylor Hawkins

Nate dagegen ist ein sehr geradliniger, stylischer Player, ein typischer Rock-Bassist mit einem stoischen Timing. Wir sind uns in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Auch wir verstehen uns blind, was wundervoll ist. Ich finde auch, dass Nate ein paar der wundervollsten, melodischsten Bass-Parts geschrieben hat, die ich ja gehört habe.

Beide Musiker besitzen Charakter, beide sind großartige Freunde und ich freue mich immer wenn ich mit ihnen spielen darf. Da ich mit Nate ja die ganze Zeit spiele, ist es toll mit Chris hier etwas Abwechslung zu haben und überraschende Sachen zu erleben. Aber ich liebe sie beide!

Soweit ich weiß, hat der Funke zwischen dir und Chaney aber nicht gerade sofort gezündet, als ihr euch beim Morrissette-Job kennen gelernt habt.

Taylor Hawkins: Ja und nein. Ich war damals noch sehr jung. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mit offenen Ohren und offenem Geist an Musik heran gegangen bin. Er war mir da Lichtjahre voraus. Ich habe durch Chris auch gelernt, das Thema Groove viel ernster zu nehmen, als ich das damals tat. Und um ehrlich zu sein schätze ich ihn heute viel mehr, als ich das damals konnte. Ich war jung!

Deine Maxime damals lautete auch „play as fast and as busy as you can, all the time.“ Und heute?

Taylor Hawkins: Definitiv nicht so! (lacht) Ich wusste es nicht besser und wollte immerzu vollbeschäftigt sein. Ich war ein aufgeregter, kleiner Junge, der zeigen wollte was er kann und alles rauslassen musste. Ich trage diese Tendenz noch immer in mir. Das beeinflusst aber nicht mehr die Art wie ich spiele oder was für Musik ich mag. Ich denke, mein Stil ist noch immer extrovertiert und aggressiv – aber im Dienst des Songs. Ich musste eine Menge lernen.

Und ich hab’s beim Arbeiten gelernt, seit ich ein – nennen wir es ruhig so – ein Profi geworden bin. Ich treffe noch immer eine Menge Musiker, die so drauf sind wie ich früher. Ich nehme das erfreut zur Kenntnis, weil es mir zeigt, dass ich in den vergangenen 15 Jahren doch eine Menge gelernt habe. Ich will heute meine Band gut klingen lassen und nicht nur mich selbst.

Du sagst, es müsse auch Spaß machen einem Schlagzeuger zuzuschauen.

Taylor Hawkins: Das soll ich gesagt haben?

Du wirst jedenfalls in einem amerikanischen Interview auf eurer Website (www.foofighters.com) so zitiert.

Taylor Hawkins: Okay, ich weiß, was du meinst. Das bedeutet aber nicht, dass du deine Sticks jonglieren oder doofe Grimassen ziehen solltest. Um ehrlich zu sein, wenn ich Schlagzeug spiele, versuche ich gar keine Show hinzulegen. Alles was ich mache, wie ich mich bewege, geschieht bei mir unterbewusst. Ich weiß, ich sehe manchmal aus wie ein Idiot am Drumset. Aber so spiele ich halt.

Was ich meine ist: Es gibt Schlagzeuger, die haben ein exzellentes Timing und spielen grandios, und es macht Spaß ihnen zuzuschauen. Aber ihre Bands kennt keiner. Andererseits kenne ich eine Menge Schlagzeuger, die spielen in bekannten Bands, haben aber einfach keiner Präsenz, keine Ausstrahlung. Da zündet bei mir der Funke einfach nicht, wenn ich die sehe. Das meine ich damit.

Dein Debütalbum entstand unter Homerecording-Bedingungen, dieses im Foo-Fighters-Studio. Was bedeutete das für die Aufnahmen?

Taylor Hawkins: Wenn ich an die erste Platte denke, dann ist das ein himmelweiter Unterschied. Die erste Platte war sozusagen nur Schwarz und Weiß. Die neue Platte ist Orange, Hellblau, Grün und Rot. Farbenfroh wie ein Regenbogen. Das meine ich nicht nur stilistisch, das hat natürlich auch mit den Möglichkeiten im Studio zu tun. Beim Debüt haben wir mein Set mit vier Mikros aufgenommen und alles an einem Pro Tools Rig zusammen gebastelt.

Diesmal hatte ich ein riesiges Studio zur Verfügung in dem einfach alles ist, was du dir wünschst. Hätte ich alles verwendet, was mir da zur Verfügung stand, würde ich noch Jahre an diesem Album arbeiten.

Was für einen Sound wolltest du erreichen? Was bedeutet der Vintage-Vibe des Albums hinsichtlich des Equipments?

Taylor Hawkins: Wenn ich „Red Light Fever“ höre, finde ich meinen Sound jetzt nicht außerordentlich Vintage. Ich finde ihn sogar fast modern, jedenfalls wenn du ihn mit Aufnahmen von Led Zeppelin, Queen oder Boston vergleichst. Ich wollte einen Sound, der qualitativ gut und ehrlich ist – keinen Fake! Ich hätte den Sound wesentlich mehr in Richtung Vintage schrauben können, wenn ich gewollt hätte. Habe ich aber nicht. Dass ich mich für Gretsch Drums entschieden habe, hat nichts damit zu tun.

Ich habe in meiner Karriere viele Sets gespielt, habe lange Zeit Tama Drums eingesetzt und wollte es jetzt einfach mal mit Gretsch versuchen. Die Jungs machen einen guten Job, machen hervorragende Schlagzeuge. Aber das tun im Grunde alle Hersteller. Wenn du deren Top-Serien vergleichst, da gibt es aus meiner Sicht kaum Unterschiede. Die sind alle gut.

Was genau hast du eingesetzt?

Taylor Hawkins: Ich habe einfach mein weißes Tour-Set gespielt, das ist aus der USA Custom Serie. Ich hatte noch ein zwei andere Sets im Studio, zum Probieren. Aber im Grunde war es mein normales Tour-Set, also ein 10″ und ein 13″ Tom, ein 16″ und ein 18″ Floor-Tom und eine 24″ Bassdrum.

Was Snaredrums betrifft hatte ich derart viele unterschiedliche Modelle dabei, von alten Ludwigs bis hin zu neuen Gretsch Snaredrums, da ist es unmöglich mich genau daran zu erinnern. Fast zu jedem Song hatten wir eine andere Snaredrum eingesetzt.

Wie würdest du dich stilistisch charakterisieren?

Taylor Hawkins: Das ist ´ne gemeine Frage! Ich glaube die möchte ich nicht beantworten. Ich weiß, wo ich herkomme. Ich mag Schlagzeuger die kraftvoll und dynamisch spielen, aber auch elegant. Ich mag Neil Peart und Stewart Copeland. Und Roger Taylor, klar. Aber wenn ich jetzt irgendwas über mich selbst sagen würde, fühlte ich mich wie ein Idiot. Schreib du lieber was.

Formulieren wir es mal so: Wie viel Technik steckt in deinem Spiel und wie viel physische Kraft?

Taylor Hawkins: Gar nicht mal so viel Technik, denke ich. All das, was ich technisch drauf habe, habe ich mir von Platten abgehört und irgendwie zusammengeklaut. Ich kann vermutlich gar nicht korrekt spielen, schon gar nicht wie ein ausgebildeter Schlagzeuger. Ich hatte nie Unterricht. Ich sitze vermutlich verkehrt, halte die Sticks nicht richtig und mache alles verkehrt, was man verkehrt machen kann. Wenn ich mit Freddie Gruber (legendärere amerikanischer Schlagzeuglehrer, Anm. d. Red.) zusammen säße, würde er mir vermutlich raten, noch mal komplett von vorne anzufangen! (lacht)

Aber das wäre mir echt egal. Schlagzeug spielen ist für mich ja eben keine Frage der Technik, sondern viel mehr. Es kommt aus dem Bauch, aus dem Herzen. Und der Rest ist für mich nun mal körperliche Kraft. Immer, wenn ich mich ans Set setze, ist das wie ein Kampf, als ob ich in den Ring steige.

Was übst du, wenn du die Zeit findest?

Taylor Hawkins: (lange Pause) Ich übe gar nicht, um ehrlich zu sein. Wirklich nie! Ab und zu spiele ich etwas nach, wenn ich etwas wirklich spannend finde. Zum Beispiel wollte ich „YYZ“ von Rush lernen. Also legte ich mir die CD auf und lernte das Ding komplett auswendig.

Okay, manchmal spiele ich zum Drum-Computer und probiere ein paar Grooves. Das Beste ist für mich aber nach wie vor, mit anderen Musikern zu spielen. Zum Glück habe ich eine Menge Gelegenheiten. Es gibt da neben den Foo Fighters zum Beispiel diese Cover-Band Chevy Metal bei der ich singe, dann noch diese Police-Cover-Band Fallout.

Das sind meine Wege zu üben. Ich sitze aber nicht da und übe Paradiddles. Obwohl ich es sollte. (lacht)

Letzte Frage: „Red Light Fever“ – ist das deinem fürchterlichen Lampenfieber geschuldet?

Taylor Hawkins: Ja, genau. Und der tiefere Sinn dahinter ist, dass ich ein wirklich unsicherer Typ bin. Ich strotze nicht vor Selbstvertrauen, wie das oftmals scheint. Ich versuche allerdings, immer mein Bestes zu geben, mich ständig zu hinterfragen und die beste Show hinzulegen, die ich abliefern kann.

Ich wirke oft ein bisschen herablassend nach einer Show, weil ich total stolz bin, wenn ich die gut hingelegt habe. Aber wenn ich mir später allein die Aufnahme abhöre, denke ich immer, ich hätte das besser hinkriegen müssen. Es ist wohl mein Fluch, bei meiner Liebe zur Musik, dass ich immer besser sein will. Und ich bin nicht wirklich glücklich, bevor ich das erreicht habe.

Vielen Dank für das Gespräch, Taylor.

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