Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
Mötley Crüe Drummer Tommy Lee

Tommy Lee im Interview: Die Bassdrum muss wie ein Torpedo knallen

Wir trafen Tommy Lee zum Interview und sprachen mit dem Drummer über sein Solo-Projekt Methods of Mayhem, seine 4 Monate in Einzelhaft und sein Verhältnis zur Presse. Ach ja, und natürlich über sein Schlagzeug …

… ein Interview aus dem Jahr 2000:

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Tommy, Methods of Mayhem ist ein explosives Rap-Rock-Crossover, das in dieser Form wohl keiner von dir erwartet hätte. Ist dies eine bewusste Abkehr vom Mötley-Crüe-Sound?

Tommy Lee: Lass es mich so sagen: Ich stehe auf viele unterschiedliche Musikstile — und das schon seit Jahren. Nur konnte ich das bei Mötley Crüe nie wirklich ausleben. Ich war Teil einer Band mit einem extrem starken Image, das wirklich alles übertüncht hat. Doch wer dieses Solo-Album für etwas vollkommen Neues hält, der übersieht, dass ich schon 1994 einen Song für den „Barbed Wire“-Soundtrack aufgenommen habe. Der hieß „Welcome to the Planet Boom“.

Seitdem experimentiere ich mit Dance-Musik, Electronica, Metal, Techno, Industrial, Hip-Hop, Funk sowie Drum’n’Bass. Dass ich all das auf diesem Album verarbeite, ist insofern einfach nur ehrlich. Es reflektiert mich und meinen Geschmack, nicht den einer starren Band-Konstellation.

Soll das heißen, du hast von Hardrock und Metal einfach die Nase voll?

Tommy Lee: Na ja, es hat mir zumindest immer weniger gegeben. Ich habe mich ernsthaft bemüht, Mötley Crüe in eine neue, moderne Richtung zu treiben. Und das haben wir auch mit einem Album versucht. Doch nur, weil es nicht so erfolgreich war, wie seine Vorgänger, machte sich eine allgemeine Panik breit. Die logische Folge war, dass plötzlich alle zurück zum alten Stil wollten.

Ich konnte es nicht fassen und habe mir stundenlang den Mund fusselig geredet, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Ich habe ihnen gesagt, wenn sie in eine neue Richtung wollen, dann müssen sie dafür auch Opfer bringen und den eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen. Nur, weil es nicht auf Anhieb funktioniert, kannst du doch nicht sofort aufgeben.

Du musst weitermachen, bis die Leute es akzeptieren. Weil das bei Mötley Crüe aber nicht möglich war, habe ich halt die Konsequenzen gezogen und mich abgeseilt. Das war definitiv keine leichte Entscheidung, aber ich war eben ziemlich frustriert. Ich musste einfach etwas für meine Kreativität tun. Denn dieser Frust ist wie ein Krebsgeschwür, das sich auf alle Bereiche deines Lebens auswirkt. Vor allem aber aufs Private. Meine schlimmste Vision war es, irgendwann wie ZZ Top zu enden – eben auf ewig denselben Stiefel zu spielen.

Und wie haben die anderen reagiert? Waren die nicht ziemlich verärgert?

Tommy Lee: Und wie! Als ich Nikki zum ersten Mal von meinen Plänen erzählte, war er regelrecht geschockt. Er war wirklich verletzt. Aber dann meinte er nur, er würde verstehen, was ich vorhabe und ich solle doch tun, was ich für richtig halte. Er wolle mich nicht auf Teufel komm raus halten, sondern mich in meiner Selbstverwirklichung unterstützen. Was die anderen betrifft, habe ich allerdings das Gefühl, dass sie immer noch sauer sind. Zumindest höre ich immer wieder, wie sie irgendwelchen Bullshit erzählen, was ich verdammt traurig finde.

Hast du noch Kontakt?

Tommy Lee: Oh ja, Nikki und ich sind enge Freunde, und das wird sich auch nie ändern. Aber mit Vince komme ich nicht klar. Das ist ein Spinner.

Was war das für ein Gefühl, plötzlich auf eigenen Beinen zu stehen?

Tommy Lee: Eine großartige Erfahrung! Schließlich hatte ich ja auch genug, worüber ich hätte schreiben können. Es war diese total verrückte Zeit, in der mich meine Frau und Kinder verlassen hatten. Ich war völlig alleine und hatte nichts anderes, als meine Musik. Also habe ich mich darauf konzentriert und mich so richtig ausgetobt. Das hat sich dann auch aufs Privatleben ausgewirkt. Seit ich zufriedener mit mir selbst bin, komme ich auch wieder mit meiner Familie klar. Jetzt sind wir wieder zusammen und alles ist besser als je zuvor. Eben ein langsamer, intensiver Prozess des Neuaufbaus. Die Musik hat mir dabei ungemein geholfen – sie war das perfekte Medium zum Frustabbau.

Obwohl Songs wie „Get Naked“ nicht wirklich frustriert klingen, sondern sich eher mit bekannten „Tommy Lee Klischees“ befassen. Oder ist das eine Selbstparodie?

Tommy Lee: (lacht) Ja, ich mache mich bis zu einem gewissen Grad schon über mich lustig. Zumindest in den ersten paar Strophen, die von jenen Leuten handeln, die ein Video aus meiner Privatsammlung entwendet und es dann weltweit verkauft haben. Doch der Rest ist einfach nur ein Fun-Ding – man entledigt sich seiner Kleidung, vergisst seine Umgebung und hat Spaß. Notfalls auch mit sich selbst …

Und wie steht es mit „Hypocritical“? Ist das eine Kampfansage an die Yellow Press, die dich zuletzt sehr durch den Kakao gezogen hat?

Tommy Lee: Ich habe kein prinzipielles Problem mit den Medien, sondern nur mit Journalisten, die sich an meiner Person bereichern. Eben dadurch, dass sie einen Haufen Lügen verbreiten und das lediglich tun, um jede Menge Kohle zu verdienen. Sie blasen eine Ameise zu einem Elefanten auf.

Aber ist das nicht fester Bestandteil des Promi-Daseins?

Tommy Lee: Ja, schon, aber meiner Meinung nach, ist das stellenweise völlig übertrieben. Hey, ich bin schließlich Musiker und kein Filmstar. Ich nehme Platten auf und spiele Schlagzeug. Nur weil meine Frau Pamela Anderson heißt, macht mich das plötzlich zu etwas Besonderem? Na vielen Dank, darauf kann ich verzichten! Aber zumindest habe ich die Chance, meine Interview-Partner nach eigenem Gusto auszuwählen.

Ich unterhalte mich nicht mehr mit Leuten, von denen ich schon im Vorfeld weiß, was sie von mir denken und wie ihre Artikel ausfallen. Das kann ich mir auch klemmen. Ich bin in der Position, auch mal ein kräftiges „Fuck you!“ zu sagen.

Womit wir beim zentralen Stück des Albums wären – „Proposition Fuck You“.

Tommy Lee: Darin geht es um meine Erfahrungen mit der LAPD, der Polizei von Los Angeles. Ich reflektiere meine Erlebnisse des letztes Jahres und rechne mit all den Arschlöchern ab, die mich wie einen Haufen Scheiße behandelt haben. Ich sage nicht, dass alle Bullen Wichser sind, sondern dass es einige wenige gibt, die ihren Job definitiv verfehlt haben. Leider sind das genau die, mit denen ich zu tun hatte. (lacht) Aber ich bekomme eine Menge E-Mails von Fans, die selbst Polizisten sind.

Sie finden den Song toll und distanzieren sich von ihren Kollegen – was ich großartig finde. Weißt du, Songs wie dieser zeigen, wozu ich fähig bin und welche Freiheit ich mit Methods of Mayhem genieße: Ich kann jetzt endlich über mich und meine Probleme schreiben. Ich muss nicht länger versuchen, einem Image gerecht zu werden und stupide Sachen zu schreiben, die selbst ein verstrahlter Schwachkopf singen kann.

Jeder Mensch hat das Recht, sich zu verändern, mit seiner Vergangenheit abzuschließen und noch einmal von vorne anzufangen. Das klage ich mit diesem Album ein. Ich will endlich ich selbst sein und nicht länger ein überlebtes 80er-Jahre-Relikt. Ich war lange genug der Bad Boy der Nation.

Aber hast du dir dieses Image nicht selbst auferlegt?

Tommy Lee: Irgendwie schon. Ich habe auf jeden Fall nichts getan, um es zu verändern. Und das ist schon traurig genug. Aber ob ich jemals ein wirklich schlechter Mensch war? Ich habe einfach nur sehr viele, oftmals auch fatale Fehler gemacht. Aber das gehört nun einmal zum Leben – es ist Teil der Selbstfindung und der Persönlichkeitsbildung.

Und wie steht es mit all den Auflage-Verstößen, die schon seit Monaten durch die Presse geistern? Angeblich hattest du bis vor kurzem noch einen Fußsender und musstest jeden Morgen Urinproben bei der Polizei abgeben.

Tommy Lee: Ach Scheiße, davon ist doch nur die Hälfte wahr! Das ist genau das, was ich vorhin zum Thema Presse meinte: Die berichten immer nur von diesem wilden, verrückten Tommy Lee, der gegen seine Bewährungsauflagen verstößt und wieder in den Knast muss. Dabei hatte ich meinen letzten Gerichtstermin schon vor sechs Monaten und habe seit über einem Jahr jeden Alkohol- und Drogen-Test bestanden. Ich bin runter von dem Zeug.

Der Richter war stolz auf mich. Er sagte, ich habe alles erreicht, was er von mir erwartet hätte: Sozialarbeit, Selbsthilfegruppe, meine Familie zurückgewinnen und keine Drogen mehr. Aber denkst du, darüber hätte auch nur eine Zeitschrift berichtet? Ich konnte es nicht glauben – die haben das völlig unter den Tisch fallen lassen! Es geht immer nur um Negativ-Schlagzeilen! Sie warten nur darauf, dass ich mir einen Ausrutscher leiste.

Mal ehrlich: Hast du wirklich vier Monate in einer Einzelzelle verbracht?

Tommy Lee: Ja, das war die Hölle. Sie haben mich völlig isoliert – zu meiner eigenen Sicherheit. Keine Ahnung, was sonst mit mir passiert wäre, aber ich fand diese Einsamkeit schon schlimm genug. Alles, was sich in dem winzigen Raum befand, war ein Bett, ein Waschbecken und eine Toilette. Jede Nacht um zehn ging das Licht aus. Dann bekam ich Besuch von zwei Kakerlaken, die im Mülleimer nach Nahrung suchten. Die kamen wirklich jeden Abend – ich habe sie richtig lieb gewonnen. Es war meine einzige Form von Entertainment. Zusammen mit Bildern und Zeichnungen, die ich in dieser Zeit angefertigt habe.

Weißt du, ich habe schon immer gerne auf Papier und Wänden rumgeschmiert, aber zu der Zeit habe ich einfach großartige Sachen gemalt – zum Beispiel einen riesigen Baum. Das war so eine Art Selbsttherapie – du stellst dir einen Ort vor, an dem du gerne wärst und flüchtest dich dann in ein Abbild. Das ist wie Meditation.

Ich habe es Pamela geschickt, die es sich sofort hat rahmen lassen. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas Wunderbares malen könnte. Es war eben eine sehr kreative Zeit – vier Monate allein in einem Raum, du würdest nicht glauben, wie sich Körper und Geist in dieser Zeit verändern.

Themenwechsel: Auf deinem Album finden sich viele illustre Gäste. Zum Beispiel Mixmaster Mike von den Beastie Boys, der anfangs angeblich große Bedenken hatte, mir dir zu arbeiten.

Tommy Lee: Er wollte mich treffen, war sich aber nicht sicher, ob wir musikalisch zusammen passen. Er hatte einfach nur Angst, dass ich immer noch den alten Mötley Crüe-Stiefel spiele, und darauf hatte er keinen Bock. Aber als wir uns dann trafen, und ich ihm ein paar Songs vorspielte, war er vollkommen begeistert. Er wollte sofort mitmachen und am liebsten das ganze Album aufnehmen.

Dabei wollten wir ihn ursprünglich nur für einen Track haben, doch dann wurden wir Freunde. Er blieb ein paar Tage in meinem Haus und entschied sich dann, einmal pro Woche vorbeizuschauen, um an allen Songs beteiligt zu sein. Das war ein tolles Kompliment! Ich konnte es zunächst nicht fassen und war völlig aus dem Häuschen. Das war das Größte – er ist einer der besten DJ auf Erden.

Und wie kam es zu der Kollaboration mit George Clinton?

Tommy Lee: Nun, wir hatten dieses Stück namens „Get Naked“, das viel von George Clintons „Atomic Dog“ hat. Übrigens mein absoluter Lieblingssong. Deswegen wollten wir George natürlich unbedingt dabei haben, wussten aber zunächst nicht, wie wir das anstellen sollten. Bis ich irgendwann einen Termin bei der Firma hatte, die meine Sonnenbrillen herstellt und zufälliger Weise auch George Clinton sponsort.

Ich fragte den Pressesprecher, ob er mir einen Termin besorgen könnte. Und stell dir vor: Innerhalb eines halben Tages hatte ich George am Telefon. Er war total cool und lud mich zu seiner Show ein. Dort fragte er dann als erstes: „Wir werden etwas zusammen aufnehmen, oder?“ Ich habe sofort gespürt, dass wir zusammenpassen, dass es da eine tiefe spirituelle Verbundenheit gibt. Einige Wochen später habe ich ihn dann vom Flughafen abgeholt, und wir haben an ein paar Songs gearbeitet.

Er hat mir sogar eine Version von „Atomic Dog“ eingesungen, damit wir es später sampeln können. Genau das machen doch alle mit diesem Song – es ist das meistgeklauteste Hook der Musikgeschichte. Frag mal Snoop Doggy Dog oder Dr. Dré – ohne „Atomic Dog“ wüssten die doch gar nicht, was sie machen sollten. Aber wir haben das Original – und die Salbung des Meisters.

Also war Mötley Crüe zumindest ein gutes Karriere-Sprungbrett?

Tommy Lee: Oh ja, absolut. Du glaubst gar nicht, wer sich alles als Fan geoutet hat – sogar Busta Rhymes. Ich meine, hey, ein Rapper, der auf Heavy Metal steht? C´mon. Weißt du, es mag komisch klingen, aber jeder, der mich persönlich kennenlernt, die Musik hört und den Vibe versteht, der will auch mit mir arbeiten. Das ist dieser Instinkt, den jeder Musiker über eine gewisse Zeit entwickelt, eben das Gespür, ob sich etwas lohnt oder nicht. So war es auch bei The Crystal Method, die extra ihre Albumproduktion unterbrochen haben, um an zwei Tracks mitwirken zu können.

Du bist jetzt 20 Jahre im Musikgeschäft. Hat sich dein Drum-Stil in dieser Zeit gravierend verändert?

Tommy Lee: Das tut er ständig. Ich bin viel vielseitiger und offener geworden, habe mir selbst immer etwas Neues beigebracht. Angefangen von Heavy Metal über Break Beats, Hard House, was auch immer. Es sind so viele unterschiedliche Stile, und gerade das macht es erst interessant. Jeder dieser Sounds verlangt nach einer eigenen Technik.

Auf diesem Album spiele ich zum Beispiel nur zu den Loops, die mir Mixmaster Mike vorgegeben hat. Und das war eine ganz neue Erfahrung. Ich liebe Veränderungen, und ein Drummer, der sich nur auf eine Sache beschränkt, der weiß gar nicht, was er verpasst, welchen Spaß er sich da entgehen lässt.

Hast du überhaupt noch Zeit für Session-Jobs? Schließlich hast du in der Vergangenheit für so unterschiedliche Leute wie Steve Lukather, Rob Zombie und Steve Vai gearbeitet.

Tommy Lee: Nein, momentan bin ich wirklich völlig ausgelastet. Obwohl: Ich habe auf dem George Clinton-Album getrommelt. Das hätte ich fast vergessen. Ich bin mit ihm zu Snoop Dog nach Atlanta geflogen, und dort haben wir ein paar Sachen aufgenommen. Das war so eine Art kreativer Austausch – er machte bei „Get Naked“ mit, dafür nahm ich ihm ein paar Tracks für sein nächstes Album auf. Stell dir vor – eines davon ist sogar ein Duett zwischen George und mir. Der reine Wahnsinn.

Hast du so etwas wie ein Lieblings-Drumkit?

Tommy Lee: Gute Frage. Momentan stehe ich auf elektronische Drums. Ganz einfach, weil du wirklich jeden Sound programmieren und auf unterschiedliche Weise bearbeiten kannst. Da lassen sich Effekte hinzufügen oder du kannst das Ganze runterstimmen. Das sind Möglichkeiten zum Rumspielen und Experimentieren, die dir ein konventionelles Kit niemals bieten würde. Scheiße, es geht um die Abwechslung – und den Spaß. Dieser ganze Standard-Kram interessiert mich nicht. Ich will alles neu und aufregend haben.

Du giltst als Pionier in Sachen Triggering – ein Tribut an den Show-Anspruch von Mötley Crüe oder so etwas wie eine eigene Handschrift?

Tommy Lee: Bei Mötley Crüe war das einfach eine Notwendigkeit. Weißt du, das ist in etwa so, als ob du dein Auto frisieren lässt – nur dass wir hier von akustischen Drums reden. Klar, manche Leute verwenden diesen Effekt auch im Studio, aber ich habe das eigentlich immer nur bei Live-Konzerten eingesetzt. Schließlich gibt es ganz klare Grenzen, was das Zusammenspiel von Lautsprechern und Drum-Kits betrifft. Und wenn du einen wirklich großen Raum ausfüllen willst, dann musst du die Bassdrum einfach wie ein Torpedo knallen.

Doch diesen Effekt erzielt du bei akustischen Drums eben nur mit Hilfe des Triggerings. Ich füge zum Beispiel immer einen Sub-Bass hinzu, wodurch der Trigger wie ein kehliges Aufstoßen klingt (imitiert Sound). Im Grunde fügst du also eine Frequenz hinzu, die beim Schlagzeug eigentlich gar nicht existiert. Und dadurch erzielst du diesen großen, fetten Sound.

Wobei dein Kit über die Jahre doch immer kleiner geworden ist, oder?

Tommy Lee: Ja, klar. Ich meine, diese ganze Show-Komponente wird ja auch irgendwann lächerlich. Du investierst so viel Zeit und Geld darauf, immer größere, eindrucksvollere Kits zu entwickeln, dass die Musik völlig in den Hintergrund tritt. Und mal ehrlich: Wenn der Schlagzeuger mit seinem Kit durch die Halle fliegt oder aber per Hydraulik im 90 Grad Winkel spielt – denkst du, da geht es noch um eine gute Performance?

Wenn du eine gute Show lieferst und den ganzen Hightech-Schnickschnack auffährst, kannst du den größten Scheiß spielen, und es fällt kaum auf. Ganz einfach, weil sich die Leute von der Technik blenden lassen. Deswegen waren Mötley Crüe am Schluss ja auch so schwach: Als wir durch kleine Hallen tingelten und keine Spezialeffekte mehr hatten, fiel selbst den eingefleischten Fans auf, wie schlecht wir waren. Ohne Show lief bei der Crüe gar nichts.

Bei Methods of Mayhem teilst du dir den Drummer-Job seltsamer Weise mit einem guten alten Bekannten – Stephen Perkins von Jane´s Addiction. Wie kommt´s?

Tommy Lee: Weil ich mich dadurch auf andere Sachen konzentrieren kann – zum Beispiel auf den Gesang. Schließlich geht es hier in erster Linie um den Spaß, und das heißt für mich, nicht immer nur Drums zu spielen, sondern sich auch auf anderen Positionen zu versuchen. Aber da wir gerade von Stephen reden: Wir haben eigens für diese Band ein riesiges Doppel-Kit entwickelt, in dem wir beide Platz haben.

Das ist ein riesiger Kasten mit elektronischen und akustischen Drums. Überall hängen Kabel, Pads, Drums, Tympanis und Cymbals. Wir sitzen total dicht beieinander, haben manchmal sogar Hautkontakt und teilen uns die Hi-Hats und Trommeln, die zwischen uns verlaufen. Das ist einfach glaublich – ein echtes Novum. Es lässt sich schwer beschreiben. Du musst es dir einfach ansehen, wenn wir im Juni auf Tour sind.

Erinnerst du dich eigentlich noch an das Theater um die Anzeige mit dem Slogan „happy as a pig in shit“, mit dem Paiste vor einigen Jahren das Tommy Lee-Equipment bewarb?

Tommy Lee: (lacht) War das nicht herrlich? Es sollte ein Gag sein – endlich mal ein Schlagzeuger, der sich selbst nicht ernst nimmt, sondern dazu steht, auch mal die Sau rauszulassen. Aber das war für all diese seriösen Session-Cracks und Möchtegern-Pros natürlich eine Beleidigung – als wenn ich ihren Berufsstand in den Dreck gezogen hätte. Dabei würde es nicht schaden, wenn sie mal ein bisschen mehr Humor zeigen würden.

Ich meine, schau dir doch die meisten Endorsement-Anzeigen an: Da steht irgendein Volltrottel neben seinem Equipment, grinst dämlich in die Kamera und lässt irgendeine PR-Floskel los. Wie überzeugend! Also, ich würde mir doch eher das Kit von einem wilden Typen kaufen, der sich im Schlamm wälzt, als von irgendeinem studierten Langeweiler. Frag mal die Kids da draußen!

Genau fünf Jahre später gehen Tommy Lee & Co. auf Abschiedstour – Zeit für einen Rückblick nach vorne – jetzt im großen Interview der aktuellen STICKS 11/15!

 

Produkt: Sticks 09-10/2019
Sticks 09-10/2019
FREDERIC MICHEL – Modern Pop Drummer +++ YOUTUBE-STARS: Sina Drums; COOP3RDRUMM3R +++ Rockin‘ 1000 +++ Studium an der POPAKADEMIE +++ ZULTAN Heritage Cymbals +++ PEARL Masters Maple/Gum Drums +++ ROGERS Dyna-Sonic Wood Snaredrums

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