Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
Bei mir waren Körper, Herz und Bauch immer eine Einheit

Trio-Schlagzeuger Peter Behrens ist tot

(Bild: Tom Schäfer)

Peter Behrens war einer der bekanntesten Schlagzeuger Deutschlands. Nicht weil er als Groovemaster oder explosiver Super-Independence-Drummer für Furore sorgte, sondern weil er eine Figur schuf, die weltweit Aufsehen erregte: Apfelverzehrenderweise stand Peter Behrens hinter seinem minimalistischen Drumkit. 2007 trafen wir Peter Behrens zum Interview. 

 

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Der Mann mit roten Hosenträgern und steiler Haartolle spielte einhändig und knallte seine „simple beats“ frech zu den schrillen Casio VL-1 Sounds. Mit dieser unverwechselbaren Signatur eroberte sich der komödiantische Trommler Kultstatus. Zusammen mit Stephan Remmler und Gert „Kralle“ Krawinkel beschritt man als Trio eine provokante Gratwanderung zwischen Selbstironie, Spott und Genialität. Mit reduzierten Arrangements einer „neuen deutschen Fröhlichkeit“ stellte man die ganze Popwelt in Frage.

Groteskerweise wurden Trio dann zu Popstars, deren Number One Hit sich geschätzt 13.000.000 (dreizehnmillionen) Mal weltweit verkaufte. Sensationell für eine deutsche Band, und scheinbar wurde die Hookline „da, da, da – ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht – aha, aha, aha“ auch in Brasilien, in den USA, in Japan und Indonesien verstanden. Für die berühmten „Galgenvögel aus Großenkneten“ hagelte es rund um den Globus Gold und Platin! Doch 1986 kam das Aus. Während Remmler noch einige Jahre an seiner Solokarriere schraubte, Gitarrist Gert „Kralle“ Krawinkel sich irgendwo in den Süden abgesetzt hatte, hörte man von Peter Behrens eher nebulöse Geschichten. Es wurde verdammt still um den Kulttrommler …

Peter Behrens: … plötzlich war der ganze Hype vorbei! Und da musst du erstmal mit klarkommen. Natürlich hab ich versucht, als Solomusiker weiterzumachen Es gab einige Singles und meine erfolgreichste war „Dep De Dö Dep“. Ansonsten sind die Dinge – auch wirtschaftlich gesehen – nicht gut gelaufen. Ich spielte noch kleine Filmrollen, war mit einer Bluesband in Irland und in den USA unterwegs. Später kam ein Engagement beim Musical „Sternenhimmel“. Aber ich bin als Schlagzeuger nach wie vor aktiv und spiele zurzeit mit einer Punkband. Da bleib ich wach. Das ist meine Überlebensstrategie.

 

Warum hat Trio aufgehört? War der Zunder irgendwann weg?

Peter Behrens: Es gibt kaum ein Trio weltweit, das länger als sechs Jahre überstanden hat. Drei Leute heißt immer: einer gegen zwei! Und das ist das Nervenaufreibende. Mal bist du das Arschloch, am nächsten Tag ist es der Gitarrist. Und so ging das immer im Kreis. Schlagzeuger haben ja durchaus eine gewisse Gabe, Vermittler zu sein. Ich musste ständig zwischen Remmler und Kralle vermitteln. Plötzlich war ich dann das Arschloch. Dann war Kralle auf meiner Seite und Remmler wurde zum Arschloch. Sieben Jahre haben wir Trio gemacht und im berühmten Siebten war’s dann aus.

Wie viele Platten habt ihr eigentlich verkauft?

Peter Behrens: Keine Ahnung. Das kann man nicht nachhalten, wo weltweit welche Alben veröffentlicht wurden. Japan, Indonesien, da blickt keiner durch. Ich weiß nur dass „Da Da Da“ eine Art Welthit war und wir davon etwa 13 Millionen Scheiben verkauft haben. In Kanada gab’s zweimal Platin, in Brasilien auch.

Davon lässt sich bestimmt ein solides Leben bestreiten.

Peter Behrens: Nee … ich krieg keine GEMA. Lizenzen und GVL blieben mir, aber das ist natürlich nicht mit der Menge an Gemakohle vergleichbar. Deswegen sitzt der eine Herr Kollege jetzt schön auf Lanzarote im Bungalow am Pool und der andere schaukelt im Liegestuhl … in Spanien … Finka mit Pferden und so. Und Peter Behrens wohnt in Wilhelmshaven über der kleinen Kneipe oben unterm Dach. Aber da sag ich mir, wer weiß was aus mir geworden wäre, hätte ich die ganze Gemakohle auch bekommen. Vielleicht wär’ ich dann auch so ein fauler Sack wie der Krawinkel. Irgendwer da oben hat mir gesagt … ärger dich nicht … freu dich doch, dass du immer noch Musik machen kannst. Ich möchte der älteste deutsche Punkschlagzeuger werden! Mit der Gemakohle hätte ich mich wahrscheinlich totgesoffen. Schlagzeuger sind ja immer leicht drogenanfällig.

Meinst du?

Peter Behrens: Schlagzeuger, die Herz und Blut haben … ja!

Läuft man Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren, wenn dieser Hype plötzlich vorbei ist?

Peter Behrens: Och … erstmal war ich Alkoholiker … ist ja logisch … dann mehrere Jahre kokainabhängig … logisch. Das kostet viel Geld, aber damals liefen ja noch Lizenzen. Diese ganze Drogenfraktion hab ich jahrelang durchgezogen. Da war dieser Frust wegen der GEMA, so ein leichter Stich in der Seele. Aber dann hab ich mich da selber aus diesem Tief rausgeholt. Selbsterkenntnis sozusagen. Der Alkoholentzug war sehr schwierig, und die Koka-Abteilung ebenso. Das hat einige Jahre gedauert.

Warum wird jemand eigentlich Schlagzeuger? Was glaubst du, war der Auslöser für dich?

Peter Behrens: Geboren bin ich in Amerika, in San Antonio, Texas. Mein Vater war ein GI in Friesland und die Bevölkerung da, die hatte damals gehungert wie doof. Dann kamen die Amis mit ihren Care-Paketen. Und womöglich hat mein Vater meiner Mutter auch so ein Care-Paket gegeben. So lernten sie sich wohl kennen. Sehr spät erst erfuhr ich, dass mein Vater ein Latino war, eine mexikanisch/weiße Mischung. Und dieses latinoartige, diese rhythmische Auflösung der Starrheit, das ist ein genetischer Motor.

Als ich drei Jahre alt war, ist mein Vater tödlich verunglückt. Und meine Mutter ist mit mir ab nach Germany. Und dann hat meine Mutter mich irgendwie abgegeben, weil sie mit der Belastung Peter Behrens nicht klar kam. Ich bin dann adoptiert worden und in der Nähe von Wilhelmshaven aufgewachsen. Diese ganze Kindheitsgeschichte ist vielleicht die Ursache meines rhythmischen Bauch/Herz-Gefühls. Es steckt was latinomäßiges in mir. Das spür ich.

Oftmals ist ein Blick in die Biografien von Künstlern hochinteressant und man erfährt, warum ein Mensch überhaupt dazu kommt, Künstler zu werden. Da steckt oft was in der Kindheit was dazu führt, oder?

Peter Behrens: Ja, ja … dahinter stecken die klassischen Exhibitionismen, weil man eben drei Jahre nicht so richtig an der Mutterbrust gehangen hat. Das merkt man sich im Unterbewusstsein. Die exhibitionistische Ader eines Sängers ist wesentlich hochgradiger angesetzt als die des Schlagzeugers. Sänger machen den Mantel groß auf. Schlagzeuger sind verschlossener. Sie machen nur ganz kurz auf. Und so ging’s mir manchmal, dass mir nach einer Phase des dahinten auf der Bühne Kauerns exhibitionistische Gedanken kamen. Und da ich in der Birne so ein bisschen farbig bin, hat mich Zirkus immer sehr interessiert. Alles was bunt ist, was sich bewegt und was komisch ist. Mit Trio hab ich meine exhibitionistischen Gedanken verwirklichen können. Aus dem Verlust der Liebe als Kleinkind und um die Verlustigkeit zu kompensieren, betreibt man diesen Exhibitionismus … um wieder geliebt werden zu wollen.

Frühkindliche Erfahrungen sind eine Weichenstellung für die späteren Lebensinhalte. Soziokulturelle Untersuchungen bei Musikern, warum sie diesen Beruf ergreifen und warum sie welches Instrument schließlich spielen, finde ich hochinteressant. Wie sieht deren Entwicklungsgeschehen aus, wie deren Motivation, wie deren damaligen Familienverhältnisse usw. Ich hab mich mal mit diesen Analysen ernsthaft befasst und festgestellt, dass die besten Gitarristen jene sind, die eine ältere Schwester haben. Kralle zum Beispiel hat eine ältere Schwester, der Schenker auch. Es muss eine gewisse Sozialstruktur der Familie vorhanden sein, um Rückschlüsse zu finden. Und bei den Keyboardern ist es so, dass die meisten Keyboarder Einzelkinder sind. Bassisten haben immer jüngere Geschwister. Der ruhende Pol. Der Beschützer. Aber was mit den Schlagzeugern ist, da bin ich noch nicht hintergestiegen.

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(Bild: Archiv)

Neben Stephan Remmler und Kralle Krawinkel warst du bei Trio gleichzeitig auch Frontmann und eine wichtige Figur des Trio-Konzepts. Du hast dich ja regelrecht inszeniert. Apfelverzehrend Schlagzeug zu spielen, das hatte noch niemand gebracht, oder?

Peter Behrens: Richtig, damals nicht und heute auch nicht. Ich komm aus der „70er Jahre Sauerkraut Rock’n’Roll Zeit“ und immer saßen die Schlagzeuger im Hintergrund und waren nie zu sehen, während die Stars vorne die Show klar machten. Da dachte ich, wir drehen den Spieß jetzt um. Ich stellte das ganze Schlagzeugsystem erstmal in Frage. Man soll die Dinge nicht zu ernst nehmen. Zuerst mal hab ich Toms und Becken abgeschafft. Eine intuitive Revolution. Aus den komödiantischen Erfahrungswerten durch meine Zeit in Mailand auf der Zirkusschule hab ich in Verbindung mit Trio dann diese komödiantische Rolle entwickelt. Und das hat funktioniert.

Du hast dadurch auch eine Art schlagzeugspielenden Minimalismus geboren.

Peter Behrens: Das war auch eine kleine Stichelei gegen all die Schlagzeuger, die immer noch da hinten im Dunklen sitzen, sich den Arsch abtrommeln und als benutzte Maschinen nicht mal eine Gehaltszulage kriegen.

Wie fanden das Remmler und Kralle?

Peter Behrens: Die waren etwas überrascht. Wir hatten ja in Großenkneten schon zwei Jahre trainiert. Anfangs noch mit Bass und Keyboards. Aber das Konzept zu dritt nur mit Gitarre, Schlagzeug und Stimme, das war viel klarer von der Aussagestärke her. Viel straighter. So haben wir uns entschieden das Ding zu dritt zu machen.

Entstand Trio aus einer komödiantischen Idee, weil die Songs ja auch richtig lustig waren?

Peter Behrens: Nein, überhaupt nicht! Und die Stücke waren vorher auch gar nicht lustig. Die Lustigkeit kam erst durch mich. Vorher hieß die Band noch Wind, und da wurden weltweit Trommler gesucht. Es haben da unzählige in Großenkneten vorgespielt. Ich weiß nicht woran es gelegen hat, dass ich dann plötzlich dabei war. Ich hab auch nicht vorgetrommelt. Ich war immer da und hab einfach mitgemacht. Und Remmler ist ja auch ’ne schlaue Nummer. Der hat die neue Art von Musik gespürt … und auch meine andere Art Schlagzeug zu spielen. Und Kralle, der Gitarren-Guru, musste sich auch anpassen. Es war ein langer Weg, monatelang haben wir das ausprobiert.

Du hast am Drumset immer gestanden, was vom Spielerischen her nicht einfach ist, oder?

Peter Behrens: Die Umstellung war schnell da. Wenn Herz und Blut mitspielen, dann muss man sich um die Extremitäten keine Gedanken machen. Schlagzeuger, die da Schwierigkeiten haben, die sind in der Birne eingefahren und müssen ihren Körper erstmal sortieren. Bei mir waren Körper, Herz und Bauch immer eine Einheit.

Habt ihr erwartet, dass Trio so dermaßen erfolgreich wird?

Peter Behrens: Jain. Wir haben hart an den Songs gearbeitet, aber wie das Publikum reagieren würde, das wusste niemand. Alles ging nicht von jetzt auf gleich. An „Da Da Da“ haben wir ein halbes Jahr gefeilt. Und weil ich der einzige in der Gruppe war mit Publikumserfahrung, durch meine Zeit mit der Psychedelec Band Silberbart, durch meine Roots als Swing-Drummer und Tanzmusiker, aber auch durch meine Zeit beim Zirkus, konnte ich Ideen zu Arrangements beisteuern. Anfangs war „Da Da Da“ noch viel zu lang, und ich stellte mir das Publikum vor, wie es einschläft. Und so haben wir nach und nach die Songs auf den Punkt gebracht.

Und dann irgendwann mal in Berlin 1982 im Kantkino, das war mit 600 Leuten ausverkauft, da fingen wir an mit dem Stück, die Casio-Maschine zuerst zusammen mit dem Schlagzeug-Groove, Kralle fällt mit der Gitarre ein und Remmler mit dem Text, da stehen plötzlich 600 Leute auf den Stühlen und tanzen! In dem Moment wusste ich, dass unser Song gut war. Da standen mir zum ersten Mal die Nackenhaare hoch! Es war ein langer Weg bis dahin. Wichtig für uns war auch die „Klaus Voormann Connection“. Klaus war früher mal Bassist bei Manfred Mann, er war Intimus der Beatles und später Bassist der Plastic Ono Band. Zwischendurch hatte er mit George Harrison die „Bangla Desh“-Benefiz-Geschichte mitgemacht. Ein wirklich ausgecheckt erfahrener Musiker und Produzent.

Dann wurde der Kollege Lennon 81 erschossen, Klaus Voormann ging zurück nach Deutschland und war mit Astrid Kirchherr zusammen. Das ist die Frau, die damals die Pilzköpfe der Beatles gestylt hatte. Und Voormann hörte von jener komischen Band aus Norddeutschland, deren Schlagzeuger im Stehen spielt. Wir hatten die Szene schon ein bisschen aufgemischt und das interessierte Voormann. Wir trafen uns im alten Bahnhof in Kiel, quatschten ein bisschen, und auch Dank meiner komödiantischen Art wurden wir schnell warm. Voormann wurde unser Produzent.

War die Zeit mit Trio so was wie ein ultimatives Highlight?

Peter Behrens: Hmm, nicht unbedingt. Es gab auch die Schattenseiten. Zum Beispiel produzierten wir in Berlin das „What’s The Password“-Album und ich war im Knast. Wegen mehrfachen Fahrens ohne Führerschein und ’nen Bullen verhauen. Das war gerade die Phase 1984/85 als wir auch den Film „Drei gegen Drei“ gedreht haben. Aber da musste ich im November 84 mal eben schwedische Gardinen gucken. Eine gute Lehrstunde fürs Leben. Dennoch – einer musste ja trommeln. Und das war dann Curt Cress. Als ich die Aufnahmen hörte, war ich völlig entsetzt. Der Curti … oh je, der hatte überhaupt nicht verstanden was Trio überhaupt war! Wenn man anfängt, eine Band durch Studiomusiker zu ersetzen, dann ist das immer das Aus.

Das ging an der Trio-Idee vorbei?

Peter Behrens: Am Herzblut! Diese ganzen Session-Schlagzeuger trommeln zwar besser als ich, können komplizierte Sachen spielen, verdrehte Septolen und so, aber sie sind keine Persönlichkeiten. Sie trommeln mit Gehirn und nicht mit Seele.

Was waren denn deine Highlights?

Peter Behrens: „Nackenhaare hoch“ war angesagt, als wir 1982 in der Arena von Verona spielten, vor 30.000 ausgeflippten Italienern. Und da denkste auch – hey, was ist denn hier los! Die Italiener standen total auf Trio. Genauso auch auf Falco, der mit dem „Kommissar“ einen Riesenhit in Italien landete. Wir sind mindestens drei Monate durchs Land getourt, von Catania bis hoch nach Turin. Das war eine wunderschöne Zeit. Dann waren wir in Amerika. Wir hatten dort zwei goldene Scheiben, aber es war unmöglich zu kalkulieren, welche Leute und wie viele zu uns ins Konzert kommen würden. Wir haben in LA gespielt und auch als erste deutsche Band in New York im weltberühmten „Ritz“. Yoko Ono war im Publikum, und alle sind abgefahren wie blöd. Wir haben in Montreal gespielt und waren in Ottawa in genau dem Laden, in dem die Stones ihr Live-Album aufgenommen haben. Da hing noch ein Riesenplakat von Jagger und Richards.

Remmler und Krawinkel stellten sich davor und posierten … ein Bild für die Götter! In England sind wir bei der Musiksendung „Top of the Pops“ aufgetreten. Das war genau zur Zeit einer Fußball-Weltmeisterschaft. Und Deutschland hatte einen Tag vorher den Engländern ein paar Tore reingehauen. Da hab ich in der Sendung ein deutsches Trikot angehabt, Fußballschuhe, Kniestrumpfe und mit einer Hand getrommelt. In der anderen hatte ich einen Fußball. Da hagelte es herbe Kritiken in England! Aber so was hat mir Spaß gemacht. Auch um den Engländern mal einen auszuwischen, weil sonst immer deren Bands in Deutschland Hits hatten. Aber jetzt kamen wir mit Trio und haben den Spieß mal umgedreht.

Glaubst du, dass Trio so was wie ein deutsches Kulturgut geworden ist?

Peter Behrens: Sagen wir mal so, wir haben ein Denkmal gesetzt. Und 2004 hatten wir von unserer Plattenfirma eine halbe Million Euro Vorschuss in Aussicht, um Trio wieder zu aktivieren. Das wäre fein gewesen. Stell dir vor, so viel Geld! Das wäre meine Rente gewesen. Aber was passierte? Remmler und Krawinkel … was auch immer die zwei da wieder getrieben haben … tja, und dann hat das nicht funktioniert. Es hat nicht sollen sein. Da denk ich mir dann auch wieder, wer weiß, wozu es gut war. Und um meine Nerven zu beruhigen hab ich mir dann auch gesagt, man soll ein altes Denkmal nicht anpissen. Ich glaube, wir hätten unser eigenes Denkmal ruiniert.

Warst du als Schlagzeuger in der Szene respektiert, oder hat man dich eher als kuriose Figur wahrgenommen?

Peter Behrens: Ich bin nicht der beste Schlagzeuger Deutschlands, aber ich bin der, den jeder kennt, der Erfolg gehabt hat. An und für sich bin ich ja kein Schlagzeuger … ich bin Komiker, der ’ne Trommel hat. Ich kenne viele Trommler, die sich mehr mit ihrem Equipment befassen als mit Musik! Bei denen fehlt die Gabe, sich zu öffnen, das Talent nach vorne zu bringen. Die sind alle an den Verkrustungen der alten verstaubten Schlagzeugerrolle hängen geblieben. Und wenn’s so weitergeht, dann verkümmert die Trommelkultur dahinten im Dunkeln der Bühne. Natürlich – es ist schwer Charly Chaplin zu kopieren, und weil ich wohl der erste war, der die klassische Rolle des Schlagzeugers verlassen hat, existiert mir gegenüber wohl ein gewisser Respekt.

Gab’s eigentlich ein Original-Trio-Schlagzeug?

Peter Behrens: Ich war nie ein Drummer, der auf Markennamen Wert gelegt hat oder irgendwie in Endorsements verstrickt war. Mir war das wurstscheißegal von welcher Firma die Trommeln waren. Damals bei Trio hatte ich eine Snaredrum von Sonor, aber das war eher Zufall. Schön gespannt kam da richtig was raus! Und die Bassdrum war eine Schützenfesttrommel aus Friesland. Ein Riesenteil. Für mich war immer der Klang wichtig, egal ob ein billiges oder ein teures Instrument. Diese ganze Fachsimpelei über technischen Kram und Equipment hat mich nie interessiert. Ich hab die Trommeln immer so gestimmt, dass der Klang in den Kontext der Musik passte. Letztendlich fahren die Leute ja auf den Sound und den Rhythmus ab. Darum geht’s doch!

Existiert das Trio-Schlagzeug heute noch?

Peter Behrens: Die Bassdrum ist damals auf einem Flug von Brüssel nach München verloren gegangen. Die Snaredrum hab ich mal verkauft …

… aber hoffentlich für viel Geld?

Peter Behrens: Nö. Damit hab ich meinen Deckel bezahlt. Was soll’s … hab sie später aber wieder aus’m Pfandleihhaus ausgelöst. Du hattest damals so einen Knopf im Ohr. War dies eine Art In-Ear-Monitor der ersten Stunde? Ich war wohl einer der ersten Schlagzeuger, die live mit Click gearbeitet haben. Das war notwendig wegen der Maschine – diesem Casio VL-1-Gerät. Ein Boden-Monitor allein funktionierte nicht, denn auch wenn die Verzögerung nur Bruchteile von Sekunden ausmacht, so kann man nicht synchron spielen.

Heute bist du mit einer Punkband unterwegs. Wieso das?

Peter Behrens: Eigentlich bin ich eher ein Swing-Drummer als ein Punk-Schlagzeuger, weil ich in dieser Ära groß geworden bin. Aber wenn du Punk machen willst, musst du in der Birne auch Swing haben. Diese Doublette hat mich immer angetrieben. Ein Punk-Schlagzeuger mit der Sensitivität eines Swing-Drummers. Aber ich glaube nicht, dass ich unbedingt ein Publikum brauche, was auf mich als Drummer abfährt. Trotzdem ist es für mich eine Genugtuung, wenn Fans von früher kommen und mich als Drummer sehen wollen. Das gibt mir die Bestätigung, dass ich nicht irgend so ein Holzkackschlagzeuger bin. Noch wichtiger aber ist mir, dass ich mich realisieren kann, mich als Künstler ausleben kann. Und ich hab ja nun ein paar Jungs, mit denen ich Musik mache.

Spielst du heute immer noch im Stehen?

Peter Behrens: Ja. Das ist die optische Geschichte, mein Markenzeichen. Punk hat immer etwas lautes, schrilles, auflehnendes …

… Punk ist für mich eine sportliche Herausforderung.

Peter Behrens: Ich war mal Sportlehrer und versteh was davon! Punkschlagzeug zu spielen heißt für mich, dreimal um den Platz zu rennen. Swing ist die Erholung von dieser Anstrengung. Und wenn ich die Schnauze voll hab vom Swing, dann geh ich wieder raus auf den Platz. Bei mir geht’s immer hin und her. Das ist eine wunderschöne Symbiose zwischen Blut und Vergeistigung.

Dein Blick in die Zukunft?

Ich hab noch was vor! Aber man soll sich nichts herbeiwünschen. Das geht eh in die Hose. Einfach nur warten … warten … irgendwann wird mir da oben jemand das Signal geben. Denn ich hab immer noch dieses Herzblut in mir. Und es wird das kommen, dass ich der älteste Punk-Schlagzeuger Deutschlands werde. Gibt’s dafür eigentlich einen Award? Ich will keine Auszeichnung fürs Lebenswerk, aber der älteste Punk-Drummer, das würde mich schon interessieren. Da möchte ich gerne antreten!

Das Interview stammt aus STICKS 12/2007

 

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