CLASSIC DRUMMERS

Tubby & Minor Hall: Die Drum-Brüder

In dieser Folge möchte ich euch gleich zwei Drummer der ersten Generation vorstellen, nämlich die Brüder Fred „Tubby“ und Minor „Ram“ Hall, beide Urgesteine des prä-modernen Jazz. Beide sind nach einem Umzug ihrer Eltern von Sellars in Louisiana nach New Orleans gekommen und wurden so früh von der neuen Musik dieser Stadt verzaubert.

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„Tubby“ Hall begann seine Karriere 1914 beim Crescent Orchestra in New Orleans. 1916 folgten Engagements mit der Frank Dusen’s Eagle Band und 1917 mit dem Silver Leaf Orchestra. Wenn es ihm sein Terminkalender erlaubte, spielte er außerdem in vielen lokalen Bands. Im Alter von 22 Jahren zog es „Tubby“ Hall in die aufsteigende Metropole Chicago. Diese Stadt hatte eine schnell zunehmende wachsende Bevölkerung, in der sich vor allem viele Afro-Amerikaner niederließen. Riesige Schlachthöfe und die unzähligen Stahlwerke Chicagos lockten sie mit Arbeit. Für Musiker wartete dort folglich ein enorm großes potenzielles Publikum, welches hungrig nach Jazz war. „Tubby“ hatte hier ein Engagement mit Lawrence Duhe. Bedingt durch seinen Militärdienst in der U. S. Army musste er jedoch Chicago verlassen, kehrte aber nach seiner Entlassung aus dem Militär wieder in die Stadt zurück, wo er Arbeit in der Band des Violenisten Carroll Dickerson fand. 1927 entstand mit diesem Orchester eine Aufnahme.tubby_1

„Tubby“ spielte zu dieser Zeit außerdem mit einer Vielzahl von Bands aus New Orleans, welche in Chicago Gastspiele gaben, darunter die Combos von dem Kornettisten Joe „King“ Oliver, dem Klarinettisten Jimmie Noone, dem Pianisten Tiny Parham und dem Klarinettisten und Bruder des Drummers Warren „Baby“ Dodds Johnny Dodds. Einige Jahre lang wirkte „Tubby“ sogar in der Band von Jazzlegende Louis Armstrong mit und ist zusammen mit ihm auf Aufnahmen zu hören welche in den Jahren 1931 – 32 entstanden sind und ist zudem in einigen Filmen mit Armstrong aus den frühen 40ern zu sehen.

Weitere Platten mit „Tubby“ Hall am Schlagzeug sind auch mit dem Orchester von Jimmie Noone in den Jahren 1936 und 1940 eingespielt worden, außerdem ist er auf Aufnahmen mit Frankie „Half Pint“ Jackson und Billy Hicks zu hören. Kurioserweise hat „Tubby“ keine Platte unter eigenem Namen veröffentlicht, obwohl er eigene Gruppen geleitet hat. Vielleicht blieb ihm dafür einfach nicht genug Zeit, denn er starb bereits am 13. Mai 1946 in Chicago im Alter von 50 Jahren.tubby_2

„Tubby“ Halls Stil kann man am besten als nüchtern, aber dennoch stets enthusiastisch beschreiben. Sein Spiel klingt nach einer Kombination aus dem leichten und launischen Drumming von Warren „Baby“ Dodds und dem Drive und der Unbarmherzigkeit von Arthur „Zutty“ Singleton.

Mit seinem Sound und seinem Spiel beeinflusste er viele Drummer seiner und der nach ihm folgenden Generation. Warren „Baby“ Dodds gab so zum Beispiel in einem Interview an, seinen berühmten Press Roll bei den Drummern Henry Zeno, Henry Martin und „Tubby“ Hall abgeschaut zu haben, und niemand Geringeres als Gene Krupa nennt „Tubby“ Hall neben solchen Größen wie Chick Webb, „Zutty“ Singleton und „Baby“ Dodds als eines seiner wichtigsten Vorbilder.

Der jüngere Bruder, Minor „Ram“ Hall, studierte ursprünglich an der Universität von New Orleans und es sah bis zum Jahr 1914 eigentlich nicht wirklich danach aus, als würde er eine Karriere als professioneller Musiker machen. Doch wie so oft im Leben kam es anders, denn der große Bruder „Tubby“ benötigte eine Aushilfe für einen Job und dachte da natürlich sofort an seinen ebenfalls drummenden kleinen Bruder, welcher den Job dann auch zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten ausübte. Dies führte dann vom einem zum anderen, und zwei Jahre später saß Minor Hall auf dem Schlagzeugstuhl im Orchester von niemand Geringerem als Posaunisten Kid Ory. Nebenbei war Minor Hall auch als Freelancer in New Orleans unterwegs, bevor er 1918 seinem Bruder nach Chicago folgte.

Hier übernahm er den Job von „Tubby“ in der Band von Lawrence Duhe, da „Tubby“ aufgrund seines Militärdienstes diesen Job an den Nagel hängen musste. Nur wenig später wurde Minor aber selber zum Militär eingezogen und leistete dort seinen Dienst bis 1919 ab. 1921 schloss er sich wieder der Band von Lawrence Duhe an, welche aber mittlerweile von King Oliver geleitet wurde. Mit dieser in Chicago beheimateten Band unternahm er ein zweimonatiges Gastspiel in San Francisco und nach weiteren 5 Jahren bei King Oliver stieß er zum Orchester von Jimmy Noone, zog aber bald ins sonnige Kalifornien, um zwischen 1927 und 1932 mit den Mutt Carey Jeffersonians zu arbeiten.

Nach einer Zusammenarbeit mit tubby_3der Winslow Allen Band nahm Minor Hall sich eine Auszeit von der Musik. Diese Auszeit wurde aber von einem weiteren sechsmonatigen Dienst beim Militär während des Zweiten Weltkriegs gestört. 1945 wurde Minor von Kid Ory gefragt, ob er nicht im Zuge des wieder aufkommenden New Orleans Jazz als festes und dauerhaftes Mitglied in seiner Creole Jazz Band mitspielen möge. Dieses Angebot konnte Minor nicht abschlagen und es folgten elf fruchtbare Jahre, in denen er den Klang der Band stark mitprägte.

Während der Zeit mit Kid Ory (1946) entstand auch der Film „New Orleans“, in dem Minor Hall zusammen mit Ory und Louis Armstrong zu sehen ist. 1947 machte er sogar eine Aufnahme zusammen mit Louis Armstrong und 1951 Aufnahmen mit Kid Ory. Während einer Europatournee 1956 wurde Minor schwer krank und musste auf sogar noch in Europa die Band dauerhaft verlassen. Drei Jahre später starb Minor Hall am 23. Oktober 1959. Minor Halls Spiel besticht durch eine ansteckende Lebhaftigkeit, einer ausgereiften, dem Militärtrommeln entlehnten Technik, einem sehr persönlichem Ton und einer soliden Time.

Leider haben Minor Hall und sein Bruder „Tubby“ Hall nie das Renommee erhalten, das sie in der Geschichte des Jazzschlagzeugs eigentlich verdient gehabt hätten.

 

>>> Hier geht es zur 2. Folge über die Hall-Brüder

 

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