Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
CLASSIC DRUMMERS

Warren „Baby“ Dodds

Warren „Baby“ Dodds, der jüngere Bruder des Klarinettisten und Bandleaders Johnny Dodds, ist einer der einflussreichsten und innovativsten Schlagzeuger aller Zeiten. Unter anderem prägte er das Spiel solcher Größen wie Gene Krupa, George Wettling (beide Schüler von Dodds), Art Blakey und Max Roach. Sein freier, für damalige Verhältnisse neuer Stil formte und beeinflusste viele weitere Schlagzeuger seiner Zeit, merkwürdigerweise wird Warren „Baby“ Dodds oft als altmodisch und unzeitgemäß betrachtet. Hätte es ihn allerdings nicht gegeben, wären wir Schlagzeuger womöglich nicht auf dem musikalischen und auch spieltechnischen Level, auf dem wir uns heute bewegen.

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* 24. 12. 1898, New Orleans, Louisiana † 14. 02. 1959, Chicago

Zum Beispiel war Dodds der erste Drummer, der Fill-ins in sein Spiel integrierte und somit die verschiedenen Formteile eines Songs voneinander trennte. Ebenso war er einer der ersten Drummer, der improvisierte und seine Patterns durch Akzente und andere Klangfarben variierte. Sein gutes Gehör, seine perfekte Time, sein Bewusstsein über Sounds, seine erstklassige Kontrolle über das Drumset, seine brillante Balance und sein Gespür für die Musik, machten aus ihm den idealen EnsembleSpieler, aber auch einen begnadeten Solisten. Von besonderer Bedeutung sind seine Solostücke („Drum Improvisation No. 1“ und „No. 2“, „Maryland“, „Tom-Tom Workout“, „Rudiments With Drumstick“, „Nerve Beat“ und „Spooky Drum“), in denen er das Jazzschlagzeug auf ein neues, technischeres Level erhebt.

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Dodds variierte häufig den Beat, er spielte oft um die Time herum und setzte Akzente dort, wo sie am wenigsten vermutet wurden. Am ehesten kann man sein Spiel mit einem Stepptänzer vergleichen. Dodds benutzte vor allem in seinen Soli vornehmlich Woodblocks und Rims, den Steppschuhen sehr verwandte Sounds. Er hatte die Woodblocks und Kuhglocken so eng hängen, dass er seine Sticks über sie gleiten lassen konnte, eben wie ein Stepptänzer.

Dodds erhielt als Kind eine Ausbildung an der Kleinen Trommel und hatte daher Kenntnisse von den Rudiments des Militärtrommelns. Jedoch unterschied er sich von den meisten anderen gewöhnlichen Trommlern, denn er hatte die Rhythmen Afrikas im Blut. Seine Vorfahren waren Sklaven, die aus Afrika nach Nordamerika verschleppt wurden.

Warren „Baby“ Dodds startete seine musikalische Laufbahn ca. 1910 in den Paradebands von New Orleans, dort vor allem mit Frankie Dusen’s Eagle Band und mit der Band von Bunk Johnson. Er spielte kurzzeitig auch mit seinem Bruder in Kid Ory’s Band, dort allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Seine Mitmusiker verließen gelegentlich sogar die Bühne, da Dodds Spiel zu jener Zeit nur mittelmäßig war. Diese Vorfälle veranlassten ihn, mehr für seine spielerischen Fähigkeiten zu tun.

Mit 14 erhielt er seinen ersten richtigen Schlagzeugunterricht bei Dave Perkins, anschließend hatte er noch Unterricht bei Walter Brundy und Louis Cottrell.

Seine eigentliche Karriere begann um 1913 bei Oscar „Papa“ Celestin. Er spielte gelegentlich in Jack Careys Crescent Band, bei Willie Hightower und im „Fewclothes“ Cabaret in New Orleans zusammen mit Roy Palmer´s Band. 1918 bis 1920 arbeitete er auf dem Mississippi-Dampfer SS Sydney bei Fate Marable, dort zeitweise zusammen mit Louis Armstrong, Pops Foster und Johnny St. Cyr. 1921 ging Dodds mit King Oliver nach San Francisco, 1922 dann nach Chicago. Dodds spielte damals kein vollständiges Drumkit, was ihn in seiner spielerischen Freiheit einschränkte. Meistens musste er sich darauf beschränken nur einen Woodblock und ein Choke Cymbal zu spielen. Die Leute, die die Band hörten waren jedoch fasziniert von dem vollem Klang der Band, welcher zu großen Teilen auch Warren „Baby“ Dodds Rhythmen zuzuschreiben war.

Nach der Trennung der King Oliver’s Creole Jazz Band, mit denen er im Übrigen 1923 auch seine ersten Plattenaufnahmen machte, arbeitete Dodds mit Honore Dutrey im „Dreamland“ in Chicago und mit weiteren Bands aus der Stadt. 1924 spielte er für ein Jahr bei Lil Hardin.

Von 1927 bis 1940 fand Warren „Baby“ Dodds unter anderem Arbeit bei Waschbrettbands, aber vor allem in der Band seines Bruders, den Black Bottom Stompers. Zusammen mit dieser Band kann man ihn auf der Aufnahme „Come On And Stomp, Stomp, Stomp“ vom Oktober 1927 hören. Dodds verwendete auf dieser Aufnahme ein komplettes Schlagzeug. Diese Session ist überhaupt eine der ersten Aufnahmen auf der eine Bassdrum mit dem Fuß gespielt wird. Dodds spielte die Bassdrum hier in Two Beat Time.

Zu dieser Zeit sind auch Aufnahmen mit Louis Armstrongs Hot Seven und Jelly Roll Morton’s Red Hot Peppers entstanden. Bei Morton musste Dodds mit Besen spielen und machte dadurch eine der ersten Platten, bei denen Besen statt Sticks verwendet wurden. Seine Besentechnik war im Prinzip die gleiche Technik wie mit Sticks, mit der Ausnahme, dass der Besen mit der linken Hand über die Snaredrum gezogen und nicht geschlagen wurde. Die rechte Hand spielte wie gewöhnlich den Viertelpuls durch.

Während der Jahre der Weltwirtschaftkrise wurde es für die Dodds Brüder schwer, ihr Leben allein durch die Musik zu finanzieren, so dass sie ein Taxiunternehmen in Chicago gründeten und sich mit kleineren Bands über Wasser hielten.

Durch das wiederkehrende Interesse am frühen New Orleans Jazz um 1940 spielte Dodds ein Album für Decca ein. Nach dem Tod seines Bruders im Jahr 1940 stieg er bei Jimmy Noone ein.

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1941 machte Warren „Baby“ Dodds Aufnahmen für Victor Records mit dem aus New Orleans stammenden Sopransaxophonisten Sidney Bechet. Unterstützt wurden die beiden dabei von einem All-Star Line-up, welches aus Earl Hines (p), Rex Stewart (c) und Welman Braud (b) bestand. Auf diesen Aufnahmen konnte sich Dodds frei entfalten. Unter anderem kann man auf dieser Platte ein Solo von ihm, gespielt auf Woodblocks, Cowbell und Spannreifen hören.

Von 1944 bis 1946 spielte Warren „Baby“ Dodds bei Bunk Johnson in New Orleans, mit dem er 1944 ebenfalls Aufnahmen machte. Diese Sessions repräsentieren ihn mit am Besten. Ganz im Stile der 20er Jahre verzichtete er auf die typischen Schlaginstrumente der Swing-Ära wie Ride-Cymbal oder Hi-Hat. Er besann sich auf die traditionellen Instrumente wie Woodblocks und die Trommelränder bzw. Spannreifen, obwohl er auf anderen Aufnahmen mit anderen Bands durchaus auch ein Ride-Cymbal einsetzte.

1944 machte er Aufnahmen zusammen mit Richard M Jones Jazzmen. Im gleichen Jahr entstand auch ein Schlagzeug-Video, produziert von Bill Russell. Dodds demonstriert und erläutert in diesem Film sein Spiel und spielt einige Soli und Songs. So wird u. a. sein berühmter Presswirbel in Zeitlupe gezeigt, und es ist ein Floor-Tom-Solo zu sehen, bei dem Dodds mit seinem Fuß die Trommel abdämpft.

1945 stieg er bei dem Bluespianisten Art Hodes ein und spielte mit ihm für das Blue Note-Label das Album „Careless Love“ ein. 1947 stieß er zu Rudi Bleshs Rundfunk-Band, wo er in der Sendung „This Is Jazz“ regelmäßig zu hören war. 1948 ging er mit Mezz Mezzrow auf Europatournee und blieb einige Zeit in Frankreich.

In die USA zurückgekehrt schloss er sich 1952, nach mehreren Schlaganfällen, Lee Collins an, bei dem er bis zu seinem Tod im Jahre 1959 spielte.

In der nächsten Folge dieser Serie werden wir uns mit den für Warren „Baby“ Dodds charakteristischen Stilmerkmalen sowie seinen besonderen Spieltechniken beschäftigen. Dazu wird es dann auch einige ausgewählte Notationen geben.

 

Produkt: Sticks 09-10/2019
Sticks 09-10/2019
FREDERIC MICHEL – Modern Pop Drummer +++ YOUTUBE-STARS: Sina Drums; COOP3RDRUMM3R +++ Rockin‘ 1000 +++ Studium an der POPAKADEMIE +++ ZULTAN Heritage Cymbals +++ PEARL Masters Maple/Gum Drums +++ ROGERS Dyna-Sonic Wood Snaredrums

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