Produkt: Sticks 05-06/2019
Sticks 05-06/2019
Interviews: BEN GORDON – Breakdowns & Double-Kicks des Parkway Drivers +++ MIGUEL LAMAS – Acoustic Electronic Jazz Fusion +++ Test: MAPEX BLACK PANTHER Design Lab Versatus Drums
CLASSIC DRUMMERS

William Henry „Chick“ Webb: Die Swing-Ikone

Langsam lassen wir nun bei den „Classic Drummers“ die Zeiten des New Orleans Jazz und Chicago Jazz hinter uns und bewegen uns mehr und mehr in Richtung des Swing, in die großen Zeiten der Big Bands zwischen den Jahren 1930 bis 1945. Diese Zeit hat unglaubliche Musiker, Bandleader und deren Bands hervorgebracht, wie zum Beispiel die von Fletcher Henderson, Count Basie, Benny Goodman oder Duke Ellington. Doch einer wird heutzutage gerne vergessen, obwohl er damals mit seiner Big Band die Nummer Eins im berühmten „Savoy Ballroom“ in Harlem in New York war und alle anderen Bands in heißen Wettkämpfen in seinen Schatten stellte: Chick Webb, der König des Savoy!

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* 10. 02. 1905, Baltimore, Maryland † 16. 06. 1939, Baltimore, Maryland

Chick Webb war eine der begnadetsten und schillerndsten Figuren im frühen Stadium der Swing-Musik, besessen von diesem einem Instrument, dem Schlagzeug. Von Geburt an gehandicapt durch eine angeborene Tuberkulose, einem daraus resultierenden Buckel, einer eingeschränkten Bewegung seiner Beine und einer Körpergröße von nur lediglich 1,30m erschien er äußerlich sehr unscheinbar, beinahe ein Zwerg hinter seiner 28″ großen Bassdrum, mit einem unverhältnismäßig großem Gesicht und breiten Schultern. Doch was in diesem kleinen Mann mit dem großen Herzen steckte war gigantisch und genial und sorgte für Aufsehen und viel Anerkennung und Respekt, auch von seinen direkten Konkurrenten, wie zum Beispiel von Duke Ellington oder Gene Krupa.

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Chick Webb wurde einer der besten Drummer seiner Zeit und ein äußerst erfolgreicher Big Band Leader mit einem Gespür für außergewöhnliche Talente. Seinem Spitznamen „Chick“, das Kindchen, sollte er jedenfalls nicht gerecht werden. Chick Webbs einmaliger, bemerkenswerter und auffallender Stil beeinflusste zahlreiche namhafte Schlagzeuger, unter anderem sogar seinen durchaus sehr populären Zeitgenossen Gene Krupa und ebnete vielen Drummern nach ihm den Weg, wie zum Beispiel den von Louis Bellson, Dave Tough, Jo Jones, Sid Catlett, Art Blakey und Buddy Rich, welcher Chick Webb verehrte. Buddy Rich nannte ihn einst „the daddy of them all“, denn Chick Webb war nicht nur ein hervorragender Ensemblespieler, sondern auch ein außerordentlich ideenreicher Solist. Sein Stil ist gekennzeichnet durch einen unbändigen Drive und einen kraftvollen, flüssigen Swing. Seine Wirbel waren stets präzise und oft genug geradezu explosiv (Art Blakey fand hier sein Vorbild), seine Soli waren virtuos, intelligent, komplex und voller Energie. Sein Gespür für Dynamik, seine spektakuläre Technik und seine perfekte Kontrolle über Bassdrum und Cymbals, auch in wilden und wirklich heftigen Tempi, suchten und suchen immer noch Ihresgleichen.

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Obwohl er keine Noten lesen konnte, hatte Chick Webb alle Arrangements seiner Band im Kopf, und er dirigierte sein Orchester problemlos von einer erhöhten zentralen Plattform aus, auf welcher sein großes buntes Gretsch Gladstone Kit mit PremierKonsole (einem Drum-Rack) platziert war. Dank speziell für ihn angefertigten Pedalen und Cymbal-Stativen war es kein Problem für ihn, seine zahlreichen Instrumente wie zum Beispiel Woodblocks, Cowbells, Tempel-Blocks und Cymbals trotz seiner geringen Körpergröße zu erreichen. Im Gegensatz zu vielen Drummern seiner Zeit nutzte er aber interessanterweise die damals gängigen Woodblocks und Cowbells lediglich für Effekte und nicht zur Begleitung, und er brach mit den üblichen Strukturen der frühen Jazz-Drummer, indem er vermehrt sowohl binäre und auch ternäre Patterns in seine Solopassagen integrierte. Auch die so genannten „bombs“, also synkopierte Bassdrum-Akzente, welche später vor allem von den Bebop-Drummern verwendet wurden, haben ihren Ursprung bei Chick Webb. Ihm verdanken wir somit einen großen Schritt vom Dixieland-Style zum moderneren Swing.

William Henry „Chick“ Webb wurde 1905 in Baltimore geboren. Er wuchs in einer armen Familie auf, aufgezogen von seiner Mutter und seinem Großvater. Als von Ärzten empfohlene Therapie gegen seine Tuberkulose, welche er seinen deformierten Rücken, seine eingeschränkte Bewegung der Beine und seine kleine Statur „zu verdanken“ hatte, sowie auch einfach aus purer Freude an Rhythmen lernte Chick Webb bereits in frühen Jahren Schlagzeug zu spielen. Anfangs trommelte das „Kindchen“ auf allem was er finden konnte, wie Töpfen, Pfannen und weiterer Haushaltsutensilien. Doch irgendwann genügten ihm die Töpfe nicht mehr und er begann Zeitungen auszutragen um sich seinen größten Wunsch erfüllen zu können: ein eigenes Schlagzeug! Also sparte er all sein hart verdientes Geld, um sich endlich ein Drumset kaufen zu können, zwar ein gebrauchtes, aber seins. Diese Investition sollte sich auch schnell auszahlen. Chick Webb spielte sein neues altes Drumset auf den Straßen und Bürgersteigen seiner Heimatstadt, und sein Talent blieb infolgedessen nicht lange im Verborgenen. Es folgten dann rasch die ersten Engagements auf den damals zahlreichen Vergnügungsbooten in der Chesa-Peake-Bucht und der Sheepshead Bay. Man höre und staune: Bei seinem ersten professionellen Gig war Chick Webb gerade mal elf Jahre alt!chick-webb-2

Chick Webb wurde dann fester Drummer im Jazzola Orchestra und dessen Band-Mitglied und Webbs lebenslanger älterer Freund, der Banjonist und Gitarrist John Truehart, nahm 1925 Chick Webb mit nach New York. Das Ganze war nicht ohne Risiko, denn John Truehart war schon einmal in New York gescheitert und wirklich gute Kontakte hatten sie dort alle beide nicht. Aber die Anziehungskraft dieser Stadt und der Ruf ihres Nachtlebens waren größer als die Vernunft der beiden Freunde. Vor allem Chick Webb gelang es dann, dank seines unglaublichen Talents, ohne lange Eingewöhnungszeit in der großen und lebendigen Stadt mit Musikern wie Edgar Dowell für 60 Dollar die Woche zu spielen und unzählige Sessions mit Stars wie Johnny Hodges, Benny Carter, Tony Hardwick und Duke Ellington in der legendären sonntäglichen Jamsession im „Small’s Paradise“ zu bestreiten.

Eine Wende kam dann Ende 1926, denn Chick Webb gründete mehr ungewollt als gewollt sein eigenes Quintett, die Harlem Stompers, und er bekam in Folge dessen ein fünfmonatiges Gastspiel im „Black Bottom Club“. Der Kontakt zum Club kam durch Duke Ellington zustande, der Chick Webbs Talent bewunderte. Chick war jedoch wenig von der ihm zugeteilten Position des Bandleaders begeistert, denn er wollte sich viel lieber aufs Schlagzeug konzentrieren als eine Gruppe zu leiten. Doch hätte er abgelehnt, hätte er auch das sich lohnende Engagement im Club nicht bekommen und so fügte er sich seinem Schicksal.

Nach dem Engagement im „Black Bottom Club“ leitete Chick Webb eine achtköpfige Besetzung im „Paddock Club“, ebenfalls vermittelt durch Duke Ellington, bevor die Harlem Stompers des Öfteren Auftritte im riesigen „Savoy Club“ bekamen, in welchem bis zu 4000 Tänzer gleichzeitig ihr Tanzbein schwingen konnten. Hier fanden damals sehr populäre Band-Wettkämpfe („Battle Of The Bands“) statt, bei denen verschiedene Orchester bzw. Big Bands gegeneinander antraten. Chick Webbs Orchester triumphierte über alle anderen – und diese anderen waren nicht irgendwelche, sondern die Bands von zum Beispiel Fletcher Henderson oder King Oliver.

Im Laufe der Jahre wuchs die Größe der Band von Chick Webb auf elf Mitglieder an, und diese Band spielte nicht nur im „Savoy“, sondern auch im „Roseland“, im „Cotton Club“ und vielen anderen Locations in NYC und in der Gegend von New York. Anfang der 1930er Jahre tourte das Orchester auch mit der Hot Chocolates Revue. Zwischen 1931 und 1935 hatten die Harlem Stompers ihr erstes langfristiges Engagement im „Savoy“. Zwischendurch spielte die Band auch mit Louis Armstrong, im Casino de Paris in New York oder tourte mit den Hot Chocolates. Der einzigartige Sound seines Orchesters und Chick Webbs sympathische Selbstdarstellung sowie seine Entertainer-Qualitäten brachten der Band viele treue Fans, und der Name der Gruppe wurde schließlich in Chick Webb Orchestra umbenannt. Das Line-up der Band zeichnete sich durch Stars wie Benny Carter, John Kirby, Louis Jordan, Don Redman und Edgar Sampson aus, dessen kultivierte und geschmackvolle Arrangements und die von Benny Carter dem Orchester unter anderem seinen eigenständigen Charakter gaben.

In diesen Hochzeiten der Band hatte nicht einmal das Benny Goodman Orchestra mit dem unglaublichen Gene Krupa an den Drums auch nur den Hauch einer Chance, in einer „Battle Of The Bands“ den König des Savoy und sein Orchester zu schlagen. 1935 kündigte sich allerdings eine Neuerung an. Der Sänger der Band hieß bis dahin Charlie Linton, ein begnadeter Balladensänger, doch Chick Webb spürte den Druck des Savoy-Managers Buchanan, Charlie Linton aus der Band zu katapultieren. Eine jüngere, hippere, moderne, swingende Sängerin sollte her um weiterhin auf dem hart umkämpften Markt kommerziell erfolgreich bleiben zu können. Auf der Suche nach einer neuen Sängerin kam es dann zu einigen Auditions. Das Rennen sollte schließlich ein 17jähriges Waisenkind aus Virginia machen: Ella Fitzgerald, die spätere „First Lady of Swing“, entdeckt von Chick Webb während eines Talentwettbewerbs in Harlem. Das Verhältnis zwischen Ella und Chick Webb wurde schnell so vertraut, dass Chick Webb sie kurz nach ihrem Einstieg in sein Orchester sogar offiziell adoptierte. Ella wurde mit dem Chick Webb Orchestra zu einem Star und sang viele Songs der Band (weit über 60), wie zum Beispiel 1938 den Riesen-Hit „A-Tisket, A-Tasket“, welcher sich 17 Wochen in den Charts halten konnte. Die Band war während der gesamten Zeit ihres Bestehens unglaublich erfolgreich.chick-webb-1

Leider wurde der gesundheitliche Zustand von Webb ab 1938 immer schlechter. Er bekam Schwierigkeiten, seine Konzerte bis zum Schluss durchzuhalten, verausgabte sich total, kollabierte ab und an auf der Bühne, und nicht selten endete ein Konzert für ihn in einem Krankenhaus. Trotz seiner Krankheit tourte und spielte er immer weiter, denn er wollte seine Musiker in den harten Zeiten der Depression weiterhin beschäftigt sehen, leider auf Kosten seiner Gesundheit. 1939 kam dann das definitive und dramatische aus für ihn. Chick Webb musste sich nach einem Job auf einem Dampfer bei Washington D.C. unverzüglich in ein Krankenhaus begeben und verstarb dort nach einer absolut notwendigen Operation, mit seiner Mutter und seinen engsten Freunden an seiner Seite. Seine letzten Worte sollen geheißen haben: „I’m sorry I got to go!“, wenige Sekunden danach erlag er an seinen Leiden. Nach seinem Tod führte Ella Fitzgerald sein Orchester weiter, gab aber nach zwei Jahren auf und begab sich dann auf die berühmten Solopfade. Die Band löste sich im Anschluss daran auf.

Leider waren die Aufnahmemöglichkeiten zu den Lebzeiten von Chick Webb nur sehr beschränkt und von geringer Qualität. Außerdem hatte man nur äußerst begrenzte Aufnahmezeit zur Verfügung, nämlich gerade einmal dreieinhalb Minuten – zwei Gründe, weshalb das Spiel von Chick Webb heutzutage nicht besonders gut dokumentiert ist. Die Aufnahmetechnik wurde leider erst nach seinem Tod entsprechend weiterentwickelt. Wahrscheinlich sind deshalb unter anderem die Bands von Duke Ellington, Count Basie und Benny Goodman in unseren Tagen populärer als die von Chick Webb, auch wenn sie alle bei einer „Battle Of The Bands“ im legendären „Savoy Club“ gegen Chick Webbs Orchester keine Chance hatten.

 

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